Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Prominenten Appell für Abrüstung
JE MILITANTER DIE NATION,
DESTO NATIONALER DIE KRITIK!
Folgende Anzeige ist der "Frankfurter Rundschau" vom 19.5.87 ent-
nommen:
"Appell an die Bundesregierung:
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Den Abrüstungsprozeß unterstützen!
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Die Regierungen der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten haben
ihre prinzipielle Bereitschaft erklärt, außer für die Mittel-
streckenraketen größerer Reichweite (SS 20, Pershing II, Cruise
Missiles) auch für die Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite
(500 bis 1.000 km), eine Null-Lösung zu vereinbaren. Damit würde
die Bundsrepublik von der Bedrohung durch die 600 bis 700 atoma-
ren Sprengköpfe befreit werden, mit denen insbesondere die in der
DDR und in der CSSR aufgestellten Mittelstreckenraketen kürzerer
Reichweite ausgerüstet sind.
Wir fordern die Bundesregierung eindringlich auf, diese vom US-
Außenminister ausdrücklich befürwortete Lösung anzunehmen.
Das Argument, daß diese erweiterte Null-Lösung den Westen schwä-
chen könnte, haben Außenminister Shultz und inzwischen auch Prä-
sident Reagan selbst als absurd bezeichnet. Die weiterhin in
Großbritannien stationierten amerikanischen F111-Atombomber und
die dem Nato-Oberbefehlshaber für Europa unterstellten Raketen-U-
Boote widerlegen das irreführende Gerede von einer 'gefährlichen
Entnuklearisierung' Europas.
Im übrigen besteht die Absichtserklärung Gorbatschows, das Un-
gleichgewicht der konventionellen Streitkräfte und Rüstungen in
Europa durch Reduzierung (statt durch Nachrüstung) zu beseitigen.
Wer diesen Vorschlag ignoriert, anstatt seine Ernsthaftigkeit zu
testen, belastet sich selbst mit dem Verdacht, sich einen zusätz-
lichen Vorwand für eine neue nukleare Nachrüstung erhalten zu
wollen. Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland trägt in
diesem Augenblick die Hauptverantwortung dafür, ob Mitteleuropa
seine Gefährdung als nukleares Pulverfaß durch eine doppelte
Null-Lösung, wie sie beide (!) Supermächte befürworten, entschei-
dend verringern kann. Denn nicht Frankreich oder Großbritannien,
sondern allein die Bundesrepublik würde zusätzliche neue Atomra-
keten der Reichweite 500 bis 1.000 km stationieren, sollte sie
sich mit einer Intervention gegen die erweiterte Null-Lösung
durchsetzen.
Damit wäre eine einmalige Chance vertan. Nicht nur würde versäumt
werden, unsere Bevölkerung und die des anderen deutschen Staates
wesentlich von atomarer Bedrohung zu entlasten. Sondern ausge-
rechnet die Bundesrepublik würde die historische Schuld auf sich
laden, einen verheißungsvollen atomaren Abrüstungsprozeß in einem
Augenblick zu bremsen, da erstmalig beide Supermächte dazu ge-
neigt sind. Das darf nicht geschehen!"
Es folgen ca. 100 Unterzeichner mit "Promis" von Mechtersheimer
bis Traube, Richter bis Alt, Jungk bis Greinacher, Dürr bis Jens,
Schönherr bis Narr.
Mitbekommen haben sie es schon, die mehr oder minder prominenten
Unterzeichner dieses "Appells": Daß die Bundesregierung keines-
wegs begeistert ist über den sowjetischen Vorschlag einer
"doppelten Null-Lösung". Daß Kohl, Strauß und Co die Existenz je-
ner 600-700 Atomsprengköpfe weniger fürchten als die Aussicht ei-
ner drohenden (!) "Entnuklearisierung (West-)Europas", weil eine
solche der zur Raketenrepublik aufgestiegenen Nation die ge-
schätzte (Mit-)Verfügung über eigene nukleare Kriegsoptionen ge-
gen die UdSSR entziehen und damit das strategische Gewicht inner-
halb der NATO-Kriegsallianz reduzieren würde, nimmt diesen Pro-
fessoren und Kulturschaffenden aber mit nichten die Lust zu einer
in aller Öffentlichkeit verbreiteten solidarischen Ermahnung an
besagte Bonner Adresse. Nein, es fällt kein böses Wort. Stattdes-
sen ziehen sie es vor, den Verantwortlichen ihren gutgemeinten
Rat zu geben, um den sie gar nicht gefragt worden sind. Zu gun-
sten der doppelten Null propagieren sie freimütig die doppelte
Lüge, wonach erstens die auf Siegfähigkeit über die störende
Weltmacht Nr. 2 rüstenden USA "prinzipiell" "zur Abrüstung be-
reit" seien und zweitens der auf eigene Rechnung gegen den Sy-
stemfeind, der 'unser Land' und 'unser Europa' immer noch teilt,
aufgerüstete Frontstaat BRD diese angebliche "einmalige Chance"
aus eigenem Interesse ergreifen müßte.
Dazu bedienen sie sich abermals der von der Friedensbewegung kul-
tivierten Ideologie, derzufolge die Kriegsgefahr nie und nimmer
aus den A b s i c h t e n der Herrschenden, sondern aus den von
ihnen aufgehäuften Kriegs m i t t e l n hervorgeht. Was sie
nicht daran hindert, vaterländisch zu differenzieren. Als bedroh-
lich fallen ihnen zuallererst jene Waffen ein, die russische Fir-
menschilder tragen, also auf unsere geliebte Heimat zielen. So
tun sie das Ihre zur Pflege des gültigen Feindbilds!
Sie finden überhaupt nichts dabei, sich bei ihrem Bittgesuch an
die über Krieg und Frieden befehlenden Herrschaften in Bonn aus-
gerechnet auf die Führer der USA zu berufen.
Weil sie nämlich die eindeutige Feststellung der Oberaufrüster
Reagan und Shultz, die Kriegsfähigkeit der westlichen Militärma-
schinerie werde durch einen Verzicht auf europäische Mittel-
streckenraketen keineswegs geschwächt, selbst für ausgesprochen
beruhigend halten. Zum Glück stehen ja noch massenhaft
Nuklearbomben in europäischer Bereitschaft! Das ist das
schlagende Argument der Friedensfreunde Mechtershemer, Richter
und Co gegen die Sorge der bundesdeutschen Machthaber, welche
unbedingt von ihrem Boden Atomraketen gegen den Osten ausgehen
lassen wollen.
Das in diesen Wochen von Bonn präsentierte "Gleichgewichts"-Ideal
der europäischen NATO-Abteilung, es mit der russischen Weltmacht
aus eigener Stärke aufnehmen zu können, geht für die Verfasser
der Abrüstungspetition vollkommen in Ordnung. Der Verdacht auf
imperialistische Weltmachtsambitionen Marke Deutsch-Europa kommt
ihnen nicht, weil sie als gebildete Untertanen der eigenen Obrig-
keit nie und nimmer kriegsträchtige Anliegen, dafür um so mehr
ehrenwertes Streben nach "Frieden" und legitimer "Verteidigung"
zutrauen, also noch jede Rechtfertigung nationaler Gewaltakkumu-
lation partout für bare Münze nehmen.
Deshalb fühlen sie sich bemüßigt, die Bundesregierung höflich an
Gorbatschows "Absichtserklärung" zur Reduzierung seiner konven-
tionellen Streitmacht zu erinnern - als ob sie die diesbezügli-
chen Offerten aus Moskau womöglich überhört hätte - und Kohl und
Genscher aufzufordern, doch erst einmal zu testen, ob der Kreml
wirklich bereit ist, die Vorwände der BRD zur Ablehnung der 00-
Lösung zu entkräften. Noch wo sich bei ihnen selbst der Verdacht
aufdrängt, daß die Bundesrepublik einfach scharf ist auf nukleare
Rüstung, bitten sie deren Regierung inständig, "sich" doch nicht
"selbst" mit dem bösen Verdacht zu "belasten", sie könne einfach
auf atomare Kriegsmittel schar sein. Wo der deutsche Militarismus
ehrlich wird, da sorgen sie sich um die Glaubwürdigkeit seiner
(alten) Lügen. Und leiden stellvertretend für die wirklichen Re-
präsentanten der Nation unter der Möglichkeit der Beschädigung
des Bildes von einer vorbildlich-friedliebenden Republik, an das
sie bis zum bitteren Ende glauben wollen.
Die mit ihren angesehenen Namen für des Staates und den eigenen
Ruf unterzeichnenden Damen und Herren Intellektuellen scheuen
sich zuguterletzt nicht, den speziell bundesdeutschen Kriegsgrund
gegen den Osten, nämlich die politische Zuständigkeitserklärung
für unsere Brüder und Schwestern drüben, als Berufungsinstanz für
ihren Abrüstungsappell ins Feld zu führen. Sollten die Bonner
Machthaber die Pershings und Cruise Missiles zwecks "Entlastung"
ihrer und der DDR-Untertanen disloziert haben?
Das Schlimmste, was diese Appellanten in ihrer nationalen Seele
bewegt, ist bei alledem die Vorstellung, daß die "historische
Schuld" an einem weiteren globalen Waffengang, wenn er denn schon
'ausbrechen' sollte, "ausgerechnet" an der deutschen Bundesrepu-
blik hängen bleiben könnte. Wo "wir" doch schon zweimal...
Ob wenigstens diese Sorge das Gewissen der heutigen Führer deut-
scher Nation erreicht, ist zu bezweifeln. Denn der vom Patriotis-
mus getrübte Verstand der geistigen Elite hat auch dabei eine
Kleinigkeit übersehen: daß die moralische Schmach immer nur den
V e r l i e r e r trifft! Auch in K r i e g s fragen folgt die
moralische Weihe schließlich dem Erfolg. Auf d e n aber setzen
Kohl und seine Mitherrscher - wie es sich für eine imperialisti-
sche Staatsgewalt gehört.
Immerhin haben die prominenten Mahner - i h r e m Gewissen ge-
dient. Und das auch noch öffentlich.
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