Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       Marxistische Hochschulzeitung, April 1982
       
       Die Friedensbewegung zum Reagan-Besuch:
       

EINE DEMONSTRATION VON ABGRENZUNGSERFOLGEN

Auf Betreiben der Bundesregierung tagt das westliche Kriegsbünd- nis am 10.6. in Bonn. Der NATO-Gipfel berät darüber, welche mili- tärischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Maßnahmen gegen den zum Störenfried der weltweiten westlichen Freiheit erklärten Osten auf die Tagesordnung gehören. Kompromißlos macht sich der Westen an allen Fronten gefechtsklar zur "Endlösung" gegen die Weltstörenfriedamacht; und bundesdeutsche Friedenspolitiker set- zen ihren Ehrgeiz darein, demonstrativ das Einverständnis der Na- tion mit dem Kurs des "großen Bruders" darzutun, an dem sie so tatkräftig mitwirken. Das alles ist für die Friedensbewegung ein prächtiger Anlaß - nein, nicht gegen den Oberanführer der transatlantischen Kriegs- allianz und seine treuen Vorposten auf die Straße zu gehen, son- dern: in den eigenen Reihen eine letzte Frontbegradigung vorzu- nehmen: "Die DKP ist die Agentur des anderen Blocks in unserer Bewegung, ein Fremdkörper, ein Fossil aus der Zeit des kalten Krieges... Da ist e i n Drache, der zwei Köpfe hat, und einer dieser Köpfe erhebt sich mitten unter uns". (Bahro im SPIEGEL) Daß eine Bewegung für den F r i e d e n keine Gegnerschaft ge- gen die Nation und die von ihr bekanntgegebenen Kriegsgründe sein will - wer wollte das heute noch bezweifeln! Daß sie aber auch weiß, g e g e n wen ein friedliebender Westler zu sein hat, das beweist diese Bewegung, wenn Reagan auf Staatsbesuch kommt: gegen die Roten drüben und hier. Der Glückwunsch der BILD-Zeitung: "Endlich! Die Grünen sehen Rot!" Reagan kommt - "Wir lassen uns nicht provozieren!" -------------------------------------------------- antwortet die Friedensbewegung. Sie meint damit: wir werden doch nicht so blöd sein und g e g e n den angereisten Oberimperiali- sten demonstrieren, wie es bestenfalls noch das Vorurteil bösmei- nender Kritiker vermuten würde. Jedem V e r d a c h t in dieser Richtung wird entschieden entgegengearbeitet, und der Staatsbe- such ist der bloße A n l a ß für "einen "großen Aufruf zum Frieden". N i c h t demonstriert werden darf also - gegen die Person Reagans. Was gäbe es am Führungspersonal des Imperialismus auch auszusetzen? Steckbriefe wie zur Anti- Breschnew-Demonstration im November ("Vorsicht! Dieser Mann ist mit SS20 bewaffnet!") finden gefälligst auf den Pershing-Spezia- listen keine Anwendung. - gegen die USA. Also brüllt nicht so laut "El Salvador, El Sal- vador!". Das liegt nämlich nicht in Afghanistan, und Afghanistan brüllt man zu Breschnew. Sonst meint am Ende doch noch jemand, wir hätten Kritik geübt, die wir gar nicht wollen: "Der Sprecher des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz, Leinen, erklärte auf einer Pressekonferenz, es werde sich am 10. Juni weder um eine Anti-Reagan-Demonstration noch um eine antia- merikanische Demonstration handeln". (WESER-KURIER 6.4.82) - gegen die Bundesregierung. Ein Hinweis, der sich ohnehin erüb- rigt. Denn der wollte die Friedensbewegung nach eigenem Bekunden schon seit den ersten Tagen immerzu den Rücken stärken, also fällt man ihr auch nicht in denselben. Ganz ohne Aufforderung seitens der maßgeblichen Politiker und ih- rer Öffentlichkeit entledigt sich also die Friedensbewegung eines Restpostens (falscher) Kritik: vorbei ist es mit den Tönen vom "wildgewordenen Cowboy" Reagan, der die armen Bauern in Bonn auf seinem Weltschachbrett in den "Atomtod" dirigiert. Denn wer der Kriegsvorbereitung der eigenen Nation die von ihr verfochtenen Zwecke nicht ansehen will, die dafür den Grund abgeben; wer stattdessen die eigenen Herrschaften sehr zutraulich für die Ver- fechter seines Friedenswunsches halten möchte, die bestenfalls durch auswärtigen Druck an ihrem eingebildeten Friedenskurs ge- hindert werden, der gibt auch diese Sorte Entschuldigung seiner Politiker auf, weil sie ausgerechnet dernjenigen vors Bein tritt, mit dem Schmidt und Genscher am 10.6. in Bonn ihr herzlichstes Einvernehmen demonstrieren. Reagan kommt - "Wo bleibt die Friedensbewegung im Osten?" --------------------------------------------------------- Erhebliche Teile der Friedensbewegung sind daher im Vorfeld der Reagan-Friedensdemonstration voll und ganz damit beschäftigt, die nationale Glaubwürdigkeit zu vollstrecken. Erstens gegenüber den Weltpolitikern, die n i c h t auf Staatsbesuch kommen, aber von dessen Ausrichtern zum Feind erklärt worden sind: "Wo ist denn der Unterschied zwischen den Todesschwadronen in El Salvador und den gepanzerten Hubschraubern in Afghanistan?... Und hat Moskau etwa nicht mit dieser Intervention die psychologischen Bedingungen für den Auftritt Reagans gefördert?" (Bahro im SPIE- GEL) Ja wo ist denn der Unterschied? Daß der Westen Afghanistan und Polen zu W e l t k r i e g s gründen erhebt, weil seine Freiheit sich mittlerweile bis in den feindlichen Block hinein für zustän- dig erklärt, ist nicht gemeint. Da würde man nämlich den Unter- schied zwischen U r h e b e r n und A d r e s s a t e n der Weltkriegsdrohung beim Namen nennen. Nicht einmal soviel soll ge- sagt sein: daß g l e i c h e r m a ß e n hier wie dort Menschen durch die Gewalt der Staaten ums Leben kommen, man also gegen beide sein muß. Auf einen Unterschied kommt es dieser Heuchelei nämlich durchaus an: natürlich kann man als lauterer Friedens- mensch dem Imperialismus westlicher Friedenspolitik nicht recht geben, der in Mittelamerika über Leichen geht - aber die Russen geben ihm schon recht, weil sie angeblich dasselbe tun. Für Rea- gan ist man so ohne weiteres nicht, aber man kann ihn "psychologisch" gut verstehen - wegen der Russen. So gibt man sehr unverdächtig und "neutral" seine Parteilichkeit zu Proto- koll, die nicht weit vom NATO-Hauptquartier entfernt ist: an der Nachgiebigkeit der Russen gegenüber den eigenen Ansprüchen ent- scheidet sich, was die Politik des Westens sich verständlicher- weise herausnehmen darf oder gar muß - wie im Fall "Freiheit für Polen!", wo ausgerechnet Friedensbewegte die Ultimaten der NATO für zu schlapp befinden mußten. Insofern ist es überhaupt keine politische Entgleisung des KBW, wenn er offen überlegt, ob der geeignete Beitrag der westdeut- schen Friedensbewegung zum Reagan-Besuch nicht die Teilnahme an der CDU-Jubelparade am 5. Juni wäre, Seite an Seite mit dem ge- sunden anti-kommunistischen Volksempfinden. "Wenn Kohl zu einer Demonstration am 5. Juni in Bonn f ü r die NATO aufruft, so tut er dies sicher nicht nur im Hinblick auf seine Parteifreunde. Er stützt sich auf große Teile der Bevölke- rung, die die SU zurecht als aggressive Macht ansehen. Natürlich bietet die Alternative, p r o NATO zu sein, keinen Ausweg. Aber k o n t r a NATO und (vielleicht nur ein ganz klein wenig) pro Warschauer Pakt, das entspricht genausowenig den Realitäten wenn auch den Interessen der DKP." (KVZ) Daß diese Sort "Protest", die jede Leiche in Südamerika und jede Rakete in Europa zwar nicht befürworten, aber mit dem Hinweis auf tote Afghanen und SS20 für eigentlich unausweichlich halten will, hierzulande frei herumlaufen darf, erfüllt die Bewegung mit un- endlicher Dankbarkeit. Die schiere Existenz der Friedensbewegung gilt ihr als moralischer Ausweis für die Güte der eigenen Nation da ist jeder Protest erlaubt, der sich die Maßstäbe des Erlaubten zu Herzen nimmt. Wo darf man so etwas schon? Im Osten jedenfalls nicht! "Sie (die DKP) hängen sich hier an den Pazifismus an, aber ihre politische Heimat liegt dort, wo beschlossen wird, auf den Auto- bahnen nach Berlin die Aufkleber Frieden schaffen ohne Waffen, zu entfernen und in der DDR junge Leute zu drangsalieren, die den Aufnäher 'Schwerter zu Pflugscharen' tragen." (Bahro im SPIEGEL) Am 10.10. war das d e r Einwand gegen die Friedensdemonstration in Bonn, als Alois Mertes von den C-Gruppen über die Massen kam mit seiner Parole "Und wer demonstriert in Moskau?!" Weil Kritik erlaubt ist, hat man gefälligst von ihr Abstand zu nehmen, heißt die demokratische Devise. Heute ist aus dem Einwand gegen ein A r g u m e n t der Friedensbewegung geworden: gegen den Osten, der eine Friedensbewegung nicht erlauben will. So, und nur so, wird der so dankbare und untertänige Nationalismus aggressiv: ge- gen östliche Herrschaften. Wieviel "Aufnäher" mußten denn in der DDR herumlaufen dürfen, damit die Friedensbewegung hier - ja was eigentlich unternehmen will? Von welcher Doktrin und welchem Auf- rüstungsprogramm würde die NATO Abstand nehmen, gäbe es zu Hauf "Schwerter zu Pflugscharen" in der DDR? Das Ideal, an das hier gedacht ist, lautet einfach: es wäre schön, wenn eine Volksbewe- gung im Osten ihren Politikern auf friedlichem Wege abringen könnte, was die NATO auf militärische Weise vorbereitet, die ein- seitige Abrüstung. Dann, ja dann ist unsere Forderung nach Abrü- stung am glaubwürdigsten, weil der Westen bereits o h n e den Einsatz seiner Waffen erreicht hat, was er m i t ihm erzwingen will - die Kapitulation des Feindes. Da dem aber nicht so ist, entdeckt die Friedensbewegung im Namen ihrer Glaubwürdigkeit ex- akt den Feind, den der Westen zu dem seinen erklärt hat. Die NATO behandelt den Osten als Schranke des F r i e d e n s i n F r e i h e i t; die Friedensbewegung erhebt den Ostblock zum ärgerlichen Hindernis für die weltweite Friedensbewegung. So macht man sich mit der eigenen Nation gemein, ohne im Verdacht zu stehen, ein übler Nationalist zu sein, der anderen Völkern die Gewalt seines Staates an den Hals wünscht. Schließlich wünscht man ihnen ja nur eine Friedensbewegung, aber wenn die Staaten im Osten keine erlauben. ... Unschuldig ist das Gerede vom Frieden also nicht im mindesten. Es ist nichts anderes als ein Nationa- lismus von unten, der aus ganz e i g e n e n Gründen die Feind- schaftserklärung seiner Nation nachvollzieht - der Osten ist böse, weil er eine Friedensbewegung verbietet! -, und ihr umge- kehrt seine Dankbarkeit dafür schenkt, daß man für so etwas im Westen eine Bewegung auf die Straße bringen darf. Reagan kommt - Nieder mit der "Agentur des anderen Blocks" ---------------------------------------------------------- Es ist nur konsequent, wenn dieser Antikommunismus im Großen in den eigenen Reihen schon mal seinen Auftrag versieht. Nicht die Argumente der DKP stören in dieser Friedensbewegung. Der Opportu- nismus dieses Vereins ist ja bis zur Selbstverleugnung gediehen, Verurteilungen in Sachen Afghanistan und Polen werden auch aus diesem Kreis immer wieder abgegeben, wenn man nur für die Entrichtung täglich höher gesetzter Preise dabeibleiben darf. Weil diese Leute ganz jenseits ihres Auftretens als personeller Vorposten der Sowjetunion gelten (so aufzutreten haben sie sich ohnehin nicht getraut), ist ihre bloße E x i s t e n z in der Friedensbewegung ein zu beseitigendes Ärgernis. Kollaboration mit dem Hauptfind ist nicht nur in der NATO ein Unding. Für die Frie- densbewegung gilt dasselbe: "Da ist e i n Drache, der zwei Köpfe hat, und einer der Köpfe erhebt sich mitten unter uns." Der eine Kopf wäre also erledigt. Für den zweiten ist die NATO im Großen zuständig. zurück