Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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"EINE BEWEGUNG OHNEGLEICHEN..."
"Prawda" vom 11. Oktober:
"Für ein Europa, das frei von todbringender Bewaffnung ist"
"Massendemonstration in Bonn"
"Auf westdeutschem Boden entfaltet sich eine Bewegung ohneglei-
chen gegen das Wettrüsten, für die Beseitigung des Atomraketenbe-
schlusses der NATO, der die Gefahr einer atomaren Katastrophe im
Zentrum Europas vergrößert. Zu einer neuen Etappe dieser Bewegung
wurde die machtvolle Demonstration in Bonn, an der nach vorläufi-
gen Angaben mehr als 250000 Menschen teilnahmen. Es war die gran-
dioseste Antikriegskundgebung in der Geschichte des Landes...
Bonn begrüßt sie auf verschiedene Weise. Von den Gehsteigen wer-
den die Marschkolonnen der Demonstranten von Tausenden von Bür-
gern begrüßt. Doch die Schaufenster einiger Läden sind fest ver-
rammelt - 'damit nichts passiert'.
Am Vorabend des Friedensmarsches auf Bonn machte der CDU/CSU-
Block einen letzten Versuch, den Weg in die Hauptstadt zu bloc-
kieren. Im Parlament wurde eine Kampagne zur Verurteilung der De-
monstration angezettelt, die angeblich 'für Moskau arbeitet'. Je-
doch gerieten die Führer der 'Christen' selbst in eine schwierige
Situation. Es ging darum, daß als Initiatoren des Friedensmar-
sches nach Bonn gerade zwei religiöse Organisationen auftraten -
die 'Aktion Sühnezeichen' und die 'Aktionsgemeinschaft Dienst für
den Frieden'. Sie entstanden schon in den fünfziger Jahren und
machten sich nach all dem Unglück, das Hitler-Deutschland über
die Völker Europas gebracht hatte, zum Ziel, für immer die Idee
des Revanchismus zu beseitigen, 'die endlose Kette von Kriegen zu
zerreißen' und 'Frieden durch Abrüstung zu schaffen'. Auch die
übelsten Lügen und Drohungen konnten die Bewegung nicht aufhal-
ten... von mehr als 830 Organisationen des Landes unterstützt.
Entgegen dem massiven Druck von oben waren in den Marschreihen
Tausende von Sozialdemokraten, unter ihnen SPD-Bundestagsabgeord-
nete, die dazu aufriefen, die Demonstration zu unterstützen. In
den Reihen der Demonstranten waren auch die westdeutschen Kommu-
nisten. Sie waren immer der Idee der Völkerfreundschaft treu und
hielten das Banner der internationalen Zusammenarbeit hoch.
Noch vor kurzem dominierte auf den Antikriegskundgebungen fast
ausschließlich die Jugend. Auch jetzt stellt sie die Mehrheit der
Demonstranten. Doch sind diesmal in den Reihen viele ältere Men-
schen, die die Beschwernisse eines nicht gerade leichten Marsches
auf sich nehmen. Eine bemerkenswerte Besonderheit stellt die mas-
senhafte Beteiligung von Arbeitern an der Demonstration dar. An
der Schwelle der 70er Jahre sagten sie durch spontane Streiks ihr
Wort zugunsten des Vertragsabschlusses mit der SU, und jetzt
klingt die Stimme des Protestes gegen die Versuche, die Entwick-
lung zurückzudrehen, noch viel lauter. Unter den Losungen der De-
monstranten, 'Nieder mit dem Atomtod!', 'Keine Moneten für Atom-
raketen!' stehen nicht selten die Namen der großen Unternehmen
des Landes.
'Arbeiter und Frieden - beide gehören einfach zusammen', sagt Me-
tallarbeiter W. Fehlmex aus Dortmund. 'Daß Frieden und Entspan-
nung besser sind als Konfrontation, das fühlen wir unmittelbar an
unseren Arbeitsplätzen', bestätigt sein Kollege M. Albrecht aus
Hannover. 'In unserem Betrieb brauchen die Arbeiter, die mit der
Erfüllung von Aufträgen aus der SU und anderen sozialistischen
Ländern beschäftigt sind, Entlassungen nicht zu fürchten. Wir
wollen mit unserer Demonstration auch die Regierung zu einer Po-
litik zum Nutzen der Werktätigen aufrufen, gegen den NATO-Aufrü-
stungskurs!'
Von der Tribüne wenden sich im Lande bekannte Politiker, gesell-
schaftliche und religiöse Vertreter, Wissenschaftler, Schrift-
steller, Gewerkschaftsführer an die Versammelten. Alle Auftritte
sind durchdrungen vom Bestreben, das Wettrüsten zu stoppen, der
Verwandlung der BRD in eine 'amerikanische Atomkolonie' vorzubeu-
gen.
'Die größte nationale Demonstration' und 'einen einmütigen Aus-
druck des Volkswillens gegen die Atomraketenpläne der NATO'
nannte die Bonner Demonstration der DKP-Vorsitzende Herbert Mies.
Und das, bemerkte er, kann man einfach nicht mehr verdrehen, ob-
wohl es natürlich noch viele Versuche geben wird, sie auf falsche
Wege zu führen. Die Demonstration in Bonn hat wirklich gezeigt,
wie groß das Friedenspotential des Landes ist. Sie war auch ein
Ausdruck davon, daß sich nun die Menschen zusammenschließen und -
über alle Schranken verschiedener Weltanschauungen hinweg - ihre
Verantwortung für die Bewahrung, des Weltfriedens deutlich ma-
chen." (Geringfügig gekürzte, eigene Übersetzung, MSZ Red.)
Liebe Kollegen von der Prawda,
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bei allem Respekt vor eurem Agitprop ("das Banner der internatio-
nalen Solidarität hochhalten", nicht übel!) -, daß in der Presse
gelogen wird, was das Zeug hält, sind wir ja gewohnt, aber doch
nicht so!
1. Die Christen
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Seit wann soll denn unsere Christenpartei furchtbar in die Klemme
geraten, wenn sie anderen Christenvereinen klarmacht, wie das
"die andere Backe hinhalten" heute zu verstehen ist? Nämlich mit
der NATO aufrüsten bis zum gehtnichtmehr, um euch vor der Versu-
chung zu schützen, uns zu über fallen. Und daß die Christen die
Demonstration hätten verbieten wollen, ist ja auch ein bißchen
gelogen. Daß Demos nur als welche f ü r die bundesdeutsche Po-
litik erlaubt sind, war der Sinn der Bundestagsdebatte, und an
diese Anweisung hat sich doch die Demo im großen und ganzen sehr
vorbildlich g e h a l t e n. Über die gemeinschaftliche Auswer-
tung "Friedenssehnsucht verlangt nach einer CDU/CSU/FDP/SPD-Frie-
denspolitik" beschwert sich doch keiner von den Christenverbän-
den. Überhaupt, daß ihr euch auf die Christen stützen wollt! Als
ob die nicht schon genug Kämpfer gegen euer "gottloses, menschen-
verachtendes Regime" auf die Beine gebracht hätten und die aller-
christlichste Absegnung der neuen Pershings etc. werden die Mili-
tärpfaffen aller Kirchen demnächst wohl auch mit bestem Gewissen
und Vertrauen in christo zu standebringen. Und ein letztes: Wenn
demnächst einer vom "CDU/CSU-Block" in den Kanzler-Bungalow ein-
zieht, dann ist doch wohl euer Botschafter als erster zur Stelle
und wirbt um "vertrauensvolle Zusammenarbeit" und ihr pinselt
eure Artikel zusammen, um was für einen respektablen Staatsmann
es sich da handelt.
2. Die Arbeiter und der friedenssichernde Osthandel
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Daß die Ausbeutung im Kapitalismus bei euch nur höchst selten zur
Sprache kommt, na ja. Aber für euch als Arbeitsplatzerhalter Re-
klame zu machen, als ob ihr nicht genau wüßtet, daß unser DGB die
deutschen Textilarbeiter mit einem bösen Blick auf die Billigim-
porte aus dem Osten genauso gut antreten läßt. Daß eure Geschäfte
gut für deutsche Arbeiter wären, ist schon eine ziemlich bescheu-
erte Lüge. Wie die Arbeitsplätze aussehen, danach habt ihr eure
Fehlmexe wohlweislich nicht gefragt. Was für Folgen diese hochlö-
blichen Geschäfte nicht nur in eurem westlichen Nachbarstaat,
sondern auch in eurem eigenen Plan haben, sollte euch bekannt
sein, und daß durch den Osthandel weniger deutsche Arbeiter mit
Arbeitsplätzen bestochen werden als deutsche Kapitalisten mit
Profiten, ebenso. Und wenn das gut für den Frieden sein soll -
wieso waren eigentlich die Chefs von Mannesmann, Salzgitter und
Hoechst nicht in Bonn? Wieso ist von denen nie ein böses Wort ge-
gen die Aufrüstung in der NATO zu hören? Woher nimmt der deutsche
Staat denn das Geld für die vielen neuen Leos und Tornados, wenn
nicht von den guten Geschäften seiner Kapitalisten, zu denen ihr
soviel Friedenssicherndes beitragt!
Wenn im übrigen "Arbeiter und Frieden einfach zusammengehören" -
von Arbeitern und Krieg läßt sich das genausogut sagen. Zum
Kriegführen sind nämlich die Kapitalisten zahlen- und auch cha-
raktermäßig einfach nicht tauglich. (Das mit den "Streiks der
70er Jahre" hätten wir ja lieber einfach überhört. Ihr könnt doch
nicht allen Ernstes die 10-Polen-Aussöhnungs-Gedenkminuten mei-
nen, zu denen damals Friedens-Willy und der DGB die deutsche Ar-
beiterklasse in ihren Fabrikhallen haben antreten lassen. Polen-
Aussöhnung! Das wird uns ja stellvertretend für euch noch kot-
zübel.)
3. Die vielen Freunde der Sowjetunion,
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die ihr hier habt und die allesamt nicht moskauhörig sind. Ihr
seid ja wohl nicht ganz dicht, was ihr euren Lesern alles
zumutet. Demonstranten, Bürgern, Antifaschisten, Sozialdemokra-
ten, Bundestagsabgeordnete, Jugend, Alter, Arbeiter, Politiker,
Wissenschaftler, Schriftsteller, Gewerkschaftsführer, summa
summarum "Menschen - über alle Schranken hinweg" - wer war denn
eigentlich außer Strauß und Reagan nicht in Bonn? Wer ist denn
eigentlich nicht für die gute Sache und für euch oder warum sind
denn die Zeiten so stürmisch, wie ihr euch ja auch immer wieder
beklagt? Und das ist ja wohl eine einzige Peinlichkeit, daß
ausgerechnet ihr meint, die Demonstranten vor dem Verdacht in
Schutz nehmen zu müssen, "für Moskau zu arbeiten"! Daß diese das
gar nicht nötig haben, weil sie selbst oft genug SS 20 und
Sacharow gesagt haben, das wollt ihr euren Lesern lieber nicht
mitteilen! Schon mal was davon gehört, daß euer Herbert Mies bei
den jetzt anstehenden nationalen Säuberungsaktionen der
Friedensbewegung, die diese ganz von alleine und unter
wohlmeinender Anleitung von Kirchen, Parteien und DGB einleitet,
als erster auf der Abschußliste steht? Wenn die DKP aus der
Friedenseinheit herausfliegt, dann schreibt ihr wohl auch noch
Artikel zur Verteidigung, sie hätte bloß die ganze Menschheit
hinter sich und würde Moskau zutiefst verabscheuen!
4. Die Demonstration
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Wie kommt ihr eigentlich drauf, euch mit Begeisterung hinter die
Sprüche "Atomraketenbeschluß - Gefahr einer atomaren Katastrophe
in Europa" zu stellen und die bürgerliche Übersetzung der Politik
in eine "Gefahr" die dann überhaupt kein Subjekt mehr hat, ein-
fach mitzumachen: Vor allem, wo doch diese Redensarten einzig die
Waffe eurer Gegner sind, die wegen solcher "Gefahren" ganz viel
Sicherheit und Rüstung brauchen! Daß die "machtvolle Demonstra-
tion" eine "neue Etappe" gewesen sein soll, ist zwar guter alter
Revi-Stil, aber eine der dümmsten Arten und Weisen, etwas zu be-
urteilen. Auf dem Weg zu welchen großartigen und garantierten Er-
folgen ist denn diese Bewegung, wenn ihr auf der anderen Seite
peinlich verschweigt, zu welcher Kundgebung sie sich in Bonn be-
wegt hat und welchen Applaus dort die gar nicht einäugige Verur-
teilung eurer Unfreiheit kasiert hat!
Eine "machtvolle Bewegung" mit Singsang, öffentlich gewobenen
Friedensteppichen und alternativer Blasmusik: Da wird "machtvoll"
doch bloß die eigene Harmlosigkeit demonstriert und wie soll so
eine Bewegung jemals noch "gegen" die NATO sein können: Daß es
eine gelungene Bezeugung von unendlichem Friedenswillen gewesen
ist, da habt ihr recht. Nur veranstalten 250000 Leute; die der
Auffassung sind, daß der Frieden bei ihnen selbst anfängt und
deshalb gleich auch noch die Abfälle wegräumen, nie mehr in ihrem
Leben eine Opposition gegen irgendetwas. Und das müßtet ihr
selbst am besten wissen: Wäre die Gegnerschaft gegen die NATO so
groß, wie ihr sie der Demo unterjubelt, dann könnte doch die NATO
euch nie und nimmer so zusetzen. Und die begeisterten Bürger auf
den Gehsteigen! Hättet ihr mal lieber deren "Begrüßungen" wört-
lich zitiert, "Geht doch nach drüben!", "...erstmal arbeiten ge-
hen" , "Unter'm Adolf hat es das nicht gegeben", dann wären euch
vielleicht auch mal ein paar Argumente gegen die demokratischen
Errungenschaften und deren vorzügliche Eignung für freiwillige
faschistische Ordnungsliebe und Staatshetze eingefallen, anstatt
euch immer wieder die peinlichen Entschuldigungen aus den Fingern
saugen zu müssen, daß ihr keine Demokratie wie der Westen habt,
eure aber eigentlich viel demokratischer ist. "Persönlichkeiten"
waren auf der Tribüne, sehr interessant. Nur, w e l c h e das
waren und w a s die gesagt haben, wenn ihr das erwähnen würdet:
Und "Sozialdemokraten". Seid ihr wirklich zu blöd, zu begreifen,
daß das vielleicht für Friedensfreunde ein Kompliment ist, wenn
auch ein paar Politprofis auf ihrer Demo mitlatschen und ihnen
die dann gleich viel reputierlicher vorkommt, aber doch nie und
nimmer f ü r die Demo spricht! Was treiben denn Sozialdemokra-
ten ihr sozialdemokratisches Leben lang? Schon mal was vom Klas-
senstaat gehört? Schon mal was davon gehört, daß die Sozialdemo-
kratie eine Volkspartei ist, bei uns seit über 10 Jahren regiert,
ihren Kanzler die Raketenlücke in Europa hat entdecken lassen und
für deren Beseitigung mit ihrem Volk einen Sparhaushalt veran-
staltet, daß das Soziale Netz nur so kracht? Schon mal von deren
V o r s t a n d Eppler ein Wort g e g e n die SPD-Herrschaft
vernommen, anstelle der vielen Reden, daß D e u t s c h l a n d
von den Amis sich irgendwas nicht gefallen lassen braucht?!
Wie gesagt, daß im Namen der journalistischen Sorgfaltspflicht
die Welt so zusammengelogen werden muß, daß sie einer politisch
erwünschten Meinungsbildung dient, das kennen wir. Aber wie soll
denn ein Sowjetbürger mit eurem Weltbild zurechtkommen, in dem
die große Sowjetunion lauter Freunde auf der Welt hat und
zugleich furchtbar um deren guten Ruf besorgt ist, daß die mit
Moskau nichts im Sinn hätten? Wie sollen denn eure Leser eine
Welt kapieren, die von glücklichen deutschen Arbeitsplatzbesit-
zern, treuen Kapitalistenfreunden, tapferen friedensliebenden
Christen, aufrichtigen Sozialdemokraten und wertvollen Persön-
lichkeiten nur so strotzt, gleichzeitig eine "Atomgefahr" gebiert
und dieselbe rund um die Grenzen der Sowjetunion plaziert? Es
ist, ja nicht so, daß ihr es nicht besser wüßtet, was mit den
Freunden los ist, schließlich schickt ihr doch treu und regelmä-
ßig eure Vertreter zum Frühschoppen und anderen Veranstaltungen,
um die dort nach allen Regeln freiheitlicher Russenhetze in der
Luft zerfetzen zu lassen. Wie wäre es denn, wenn ihr mal von eu-
rer Linie Optimismus, "die Zeiten sind zwar schwer, aber der
Fortschritt unaufhaltsam und das Vertrauen in die Sowjetmacht
groß und unerschütterlich" abgingt und euren Lesern mitteiltet,
was in der Welt los ist?
Macht nur so weiter mit eurer Bewahrung des Weltfriedens und euch
fallen demnächst die Pershings auf den Kopf.
Ganz ohne Banner, eure MSZ
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