Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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EIN NATIONALER OSTERSPAZIERGANG

When the saints go marching in... Von über 300000 sprachen am Ostermontagabend die Veranstalter, während die Polizei kleinkariert wie immer in solchen Fällen be- stenfalls die Hälfte gezählt haben wollte: Ostermärsche in der BRD und Westberlin, das bessere Deutschland war unterwegs. In der Hamburger "Morgenpost" füllten seine Aufrufe eine ganze Seite: Betriebsräte, Personalräte und aktive Gewerkschafter, Künstler, Pastoren, soziale und freie Demokraten und auch die Deutschen Kommunisten waren mit dabei. In Dortmund hatten sie auf ihrem Wa- gen das K und das P mit großem Friedenstauben überklebt; so blieb als Kennzeichen D. Zwischen München und Flensburg demonstrierte man nicht nur die Einigkeit aller Menschen guten Willens, sondern auch T r a d t i o n s b e w u ß t s e i n: Die hanseatischen Pastoren spannten den Bogen von der Reeperbahn (Ort der Schluß- kundgebung) gleich bis zu jenem legendären ersten Ostermarsch zu- rück, der anno domini als "Auferstehung unseres Herrn Jesus Chri- stus" stattgefunden haben soll. Bescheidener die Gewerkschafter, die nur an ihren seeligen Otto Brenner erinnern wollten, der "bereits 1964... jede Politik verhindern" wollte, die einem "Kampf mit atomaren Waffen... Vorschub leisten könnte". Die Iro- nie, die in solchen Reminiszenzen liegt, ficht natürlich einen Arbeitervertreter nicht an, der ja auch warmen Stolz in der Brust fühlt beim Gedanken, einer Bewegung anzugehören, die seit weit über 100 Jahren dafür sorgt, daß Arbeiter auch Arbeiter bleiben - es sei denn, sie sind gerade arbeitslos. Umso mehr sonnte sich der intellektuelle Teil der Ostermarschierer im Bewußtsein, gera- dewegs ans 68er Jahr anknüpfen zu dürfen, wo letztmalig "gegen den Atomtod" in deutschen Landen an diesem Datum demonstriert wurde. Daß die alten Ostermärsche 9 Jahre lang die fast schon zum Brauchtum verfestigte Protestkulisse abgaben, mit der sich der Auf- und Ausbau von Bundeswehr und NATO vollzog, läßt bei den heutigen keineswegs eine Ahnung davon aufkommen, daß die Wieder- belebung dieses schönen Brauchs mit dem Kriegsbeginn ihr Ende finden wird. Im Gegenteil: Die Fortschritte der anderen Seite liefern der Bewegung die attraktivsten Zielorte: "Bundesdeutsche Friedensinitiativen marschieren in diesem Jahr zu schon bestehenden oder geplanten militärischen Standorten. Des- halb soll das Ziel des Ostermarsches in Berlin auch eine militä- rische Einrichtung sein: Die Militärstation auf dem Teufelsberg." Kein Vergleich mit jenem Karsamstag 1960, wo ein paar hundert Leute nach Bergen-Hohne gingen auf das bloße Gerücht hin, hier hätten Bundeswehrsoldaten mit Raketenatrappen geprobt! Immerhin brachte die vorläufig vorletzte deutsche Friedensbewe- gung 1968 die erste 300.000-Mann-Demo auf die österlichen Straßen bis dann - so berichtet "Friedenszeitung" in Bielefeld, "das Bündnis der Gruppen, die bis dahin den Ostermarsch getragen hat- ten, über politischen Meinungsverschiedenheiten zerbrach." Das stimmt wohl so: Als Gruppen anfingen, wirklich gegen "die Poli- tik" vorzugehen, wurde gleich von einer "Studentenrevolte" ge- sprochen und das einigende Band des F r i e d e n s riß. Inzwi- schen hat die Politik solche Fortschritte gemacht, daß eine neue Bewegung zusammenfand, die - wie einstens Ostern 1960 - sich mit der dringenden Bitte an sie wendet, sie möge doch tun, was sie wolle, aber vom Kriege auf einem "Schlachtfeld Europa" ablassen, weil das viele Tote kostet und es zahlreichen Menschen das Ver- trauen raubt, das die Politiker eigentlich verdienen. Eben zu dieser Demonstration gereichte es allen diesjährigen Oster- märschen anscheinend zur besonderen Ehre, wenn führende Politiker der Regierungsparteien zu den Friedensfreunden sprechen wollten. In Dortmund gar gelangte ein Brief der Oberbürgermeister des Ruhrgebiets zur Verlesung, in denen die Schlußkundgebungsteilneh- mer daran erinnert wurden, daß ihre "berechtigten Wünsche" bei der Bundesregierung am besten aufgehoben seien. Die Veranstalter nahmen's nicht als Distanzierung, sondern als Solidaritätserklä- rung. Beim Gros der Teilnehmer ließ alles bisher erwähnte die rechte Stimmung nicht aufkommen: Zünftig wurde es erst und nur, als der Osterspaziergang ins Kulturprogramm einmündete. In Mün- chen die Biermöslblasn, die eine Resonanz auslöste, der gegenüber der Hauptredner Dieter Lattmann (natürlich SPD) wie eine gerade noch in Kauf genommene Warmspielband aufgenommen wurde, die man sich geduldig anhörte, weil ihr Auftritt im Eintrittspreis für das Hauptereignis enthalten war. In Hamburg Degenhardt, dem selbst die "Bildzeitung" Entertainerqualitäten nicht absprechen wollte: "'Zugabe', forderten die Demonstranten nach seinen Lie- dern." Die größte Kundgebung fand auf dem Frankfurter Paulsplatz statt. 25000 "warteten zum Teil stundenlang frierend", um sich von dem Psychoanalytiker H. E. Richter die Osterbotschaft zukom- men zu lassen, daß "im Schatten der Atombombe alle Menschen Brü- der" seien. Bruder Helmut war verhindert, dafür kam Erhard Epp- ler, der der Brüder und Schwestern in der DDR gedachte. Die von den dortigen Evangelen geschmierte Parole "Schwerter zu Pflug- scharen" war überhaupt der absolute Renner bei den Meinungsknöp- fen. Kein Wunder: Mit ihm ließ sich - für Frieden, gesamtdeutsch und zugleich ausgewogen und für Freiheit - dokumentieren, wo man heutzutage zu stehen hat. So schlug denn auch Eppler die Brücke nicht nur nach Osten, sondern auch nach Bonn und Washington: "Wir sagen allen Regierungen in Ost und West: Frieden gibt es nicht ohne Risiko." Da wird man sich mit den Regierungen doch noch über die Risikostreuung einigen können. P.S. Nicht verschweigen wollen wir das beherzte Engagement des Deut- schen Kinderschutzbundes e.V. ("parteipolitisch neutral" aber "keineswegs allgemein politisch gleichgültig"), der auf mehreren Demonstrationen die Osterspaziergänger per Flugblatt auf die Un- verantwortlichkeit eines III. Weltkriegs wegen der damit einher- gehenden "körperlichen, seelischen und sozialen Gefahren" für das deutsche Kind und insbesondere das Kleinkind hinwies. Uns sollte es nicht wundern, wenn Ostern 1983 ein Aufruf des "Deutschen Tierschutzvereins e.V." zur besonderen Gefährdung des deutschen Schäferhunds im Gefolge eines thermonuklearen Erstschlags Stel- lung nähme. zurück