Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Friedensnobelpreis
MEHR HYGIENE FÜR DIE RÜSTUNGSDIPLOMATIE
Passend zum Genfer Höhepunkt der Rüstungsdiplomatie ist das No-
belkomitee bei der Suche nach würdigen Preisträgern für die Sache
des "Friedens" fündig geworden. Unter 99 Bewerbern hat es zwei
Mediziner, der eine aus Ost, der andere aus West, ausgewählt, die
schon vor 20 Jahren zu einer weltbürgerlichen Freundschaft gefun-
den und 1980 eine "blockübergreifende" Initiative friedensbeweg-
ter Mediziner gegründet hatten. Inspiriert war dieser
"menschliche Dialog zwischen Bürgern der beiden Supermächte" (SZ
vom 12.10.) keineswegs von einer Einsicht in den unfriedlichen
Charakter der P o l i t i k, den die Fortschritte bei der Be-
wältigung des Ost-West-Gegensatzes in Rüstung und Diplomatie of-
fenbaren. Beide mochten gegen die westliche Kriegsplanung nur Be-
denken anmelden, zu denen sie sich aufgrund ihres Ethos als Medi-
ziner berufen wähnten:
"Ich fühlte, daß ich meinen ärztlichen Auftrag nicht ernst nähme,
wenn ich zur atomaren Bedrohung schwiege." (Preisträger Lown,
Frankfurter Rundschau vom 12.10.)
Nicht in einem Einwand gegen die politisch in die Wege geleiteten
Schritte der Kriegsplanung - und erst recht nicht in einem Ein-
wand gegen die Indienstnahme des menschlichen Materials dafür,
die das Aushalten des "Friedens" so gemütlich macht - fanden die
beiden zueinander, sondern in einer moralischen Idiotie: Eine
"atomare Bedrohung" wollen beide ausgemacht haben, die, über je-
den politischen Gegensatz erhaben, d e r M e n s c h h e i t
ü b e r h a u p t droht und ihm von der Politik in Auftrag gege-
benen und bereitgestellten K r i e g s g e r ä t ihren letzten
Grund hat - "Unser Feind heißt nicht Kommunismus und nicht Kapi-
talismus, sondern Atomwaffen." (Preisträger Lown). Die absichts-
volle Verwechslung von Mitteln der Kriegsführung mit einem mit
diesen sich Geltung verschaffenden Zweck des absurden Inhalts
"Zerstörung der Menschheit" stiftet die medizinische Anschauung
vom Krieg als "schlimmste Seuche, die heute die Menschheit be-
droht" (FR), und macht aus weißbekittelten Einfaltspinseln Be-
vollmächtigte der Menschheit:
"Wer sonst, wenn nicht die Ärzte, sollte Bescheid wissen, wenn es
um das Leben geht." (FR)
In der Tat ist dieser Moralismus grenzüberschreitend. Die
"beträchtlichen Verdienste um die Menschheit durch die Verbrei-
tung fundierter Informationen und die Schaffung eines Bewußtseins
für die katastrophalen Folgen eines Atomkriegs" (SZ), die ihm
entspringen, richtet sich g e g e n nichts und niemanden mehr.
"Ärzte gegen den Atomkrieg" bezeugen nichts als den unverwüstli-
chen G l a u b e n, ein Krieg mit sinnreich perfektionierten
Waffen könne nie und nimmer im Bereich der gültigen und maßgebli-
chen p o l i t i s c h e n A b s i c h t e n der Weltmächte
liegen.
Dieser nicht übermäßig 'reinen' T o r h e i t wurde der Frie-
denspreis des alten Sprengstoffindustriellen Nobel umgehängt.
Denn sie ist gefragt, damit die Weltöffentlichkeit Reagans SDI
und Gorbatschows Abrüstungsvorschläge im rechten Licht sieht: als
Grund für Hoffnung auf eine "Welt ohne Krieg". Auch und gerade,
wenn es im Grunde jeder besser weiß.
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