Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Frieden als Kultur
PIMEN UND NICOLE
Bis zum nächsten Krieg ist "der Frieden" nicht mehr aufzuhalten:
Strahlender Sieger aller großen Festivals - vom Grand Prix
d'Eurovision in Harrogate über den 1. Mai bis zur Moskauer Welt-
friedenskonferenz der Weltreligionen - ist "der Frieden" auch
beim Treffen der NATO-Liedertafel Anfang Juni in Bonn d e r Fa-
vorit. Schmidt ist sowieso für ihn und hat unlängst Ronald Reagan
mit Arien zur Null-Lösung der Russenfrage auf den Geschmack ge-
bracht. Das gibt zweimal volle Punktzahlen. Frau Thatcher zieht
garantiert mit, besteht sie doch gerade einen "Konflikt" mit ein
paar hundert Toten im Südatlantik für die "friedliche Lösung".
Das sollte für "den Frieden" schon reichen.
Punkte sind zusätzlich aber auch noch von der Bonner Friedensdemo
zu erwarten, die zwar nicht eingeladen ist, aber aus ihren Sympa-
thien bislang keinen Hehl gemacht hat. So heißt es etwa zum Sieg
Nicoles in Harrogate, wo "der Frieden" zum Schlager avancierte:
"Der Ansatz des deutschen Liedes war... auf etwas Positives ge-
richtet. Das Furchtbare wurde nicht genannt. Ein bißchen Frie-
den... wurde angedeutet und damit ein konstruktiver Weg zu etwas
hin, nicht von etwas weg. Die Akzeptanz und die Bejahung der
'message' durch die Massen gelang - natürlich unterstützt durch
die gefällige Melodie und die nette Interpretin... Gerade in Kri-
sensituationen gilt es, äußerst pragmatisch zu bleiben, also die
Vorgehensweise weniger an der Gewaltigkeit eines Problems zu ori-
entieren. ..." (Frederic Vester in der 'Süddeutschen Zeitung' vom
8./9. Mai 82)
Nett hat Frederic Vester das gesagt und sicher allen Friedens-
Freaks aus dem Herzen gesprochen: Da sind die Massen zwar nicht
gegen "das Furchtbare" auf die Barrikaden gegangen, sondern haben
sich im Gegenteil genießerisch zurückgelehnt und ein bißchen
friedlich unterhalten, aber was soll's ? Die Friedensbewegung
braucht, um ihre 'message' loszuwerden, "äußerst pragmatisch" gar
keine massenhafte Resonanz: "Der Frieden" hat auf jeden Fall er-
folgreich zugeschlagen - als I d e e, die höher ist als alle
Vernunft.
So betrachtet bleibt "die nette Interpretin" die Flunze Nicole,
aufgefordert, sich "den Frieden" noch ein bißchen friedvoller zu
wünschen und auf diese Weise für ihn mitzupunkten:
"Nicole, wir brauchen den Frieden ganz. Sei nicht bescheiden.
Sing nicht: 'Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel,...'
Ich weiß, der 'Spiegel" hat Dich zitiert mit einem seltsamen
Satz: 'Ich singe nicht für die Friedensbewegung und die Demon-
strationen, die veranstaltet werden, sondern nur für den kleinen
persönlichen Frieden.'
Du, Nicole, das nehm' ich Dir nicht ab, da spricht, ich bin si-
cher, Ralph Siegel aus Dir, Dein Plattenchef und Komponist. Trau
ihm nicht, dem falschen Hund. ... Laß Dich nicht von denen tren-
nen, die - wie Du - den ganzen Frieden wollen." (Otto Köhler in
'metall' vom 12. Mai 82)
Ralph Siegel ist jedenfalls von dieser Front für "den Frieden"
bereits niedergerungen worden: Er, der "schon dreimal beim Zuhö-
ren geweint" haben will, hat endlich einen Hörsturz erlitten. Es
geht vorwärts!
Russische Kulturlosigkeiten
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Erfreulich ist in diesem Zusammenhang auch, daß der finnische
Grand-Prix-Beitrag ziemlich unverständlich blieb und null Punkte
bekam. Einzelne wollen Töne wie "nukebomb, nukebomb" herausgehört
haben - Grund genug, in dem Sänger im roten (!) Lederanzug einen
finnlandisierenden KGB-Mann zu vermuten, der "den Frieden" scham-
los ausnutzen will. Graf Huyn von der CDU/CSU hat daher im Bun-
destag die Anfrage gestellt, ob der Regierung nichts Genaueres
über derartig hinterhältige kommunistische Anschläge bekannt sei.
Ihm sei zu Ohren gekommen, daß der KGB sogar Priester ausbilden
lasse, die unter dem Deckmäntelchen ihrer Soutane kräftig "am
Frieden" dieser Welt herummanipulierten. "Der Frieden" vertrage
das nicht. Sein wahrer Geist läßt sich eben nicht auf russisch
interpretieren, sondern fordert westlich-freie Pflege einer Frie-
dens-Kultur. Und die werden die im Osten so lange nicht zustande-
bekommen, wie die Kreml-Führer sich nicht dazu durchringen kön-
nen, ihre Kardinäle für sie beim Heiligen Vater in Rom um "den
Frieden" beten zu lassen, wie das argentinische und britische zur
Zeit tun. Zwar hat Breshnew schon erste Versuche in diese Rich-
tung unternommen und seinen Patriarchen Pimen dazu aufrufen las-
sen, "die Erfüllung der Abrüstung zu beschleunigen und nicht zu
ruhen, solange alle Arten von Nuklearwaffen nicht vernichtet
sind."
Aber der Patriarch ist russisch(!)-orthodox. Wer weiß also, was
sich wirklich unter seiner Kutte rührt! Um das herauszufinden und
die Sowjets mit dem wirklichen Friedensgedanken zu konfrontieren,
der per se niemals "Wasser auf die Mühlen des Atheismus" sein
kann (Pater Gahbauer vom Kloster Ettal in der 'Süddeutschen Zei-
tung' vom 22./23. Mai 82), weil er die imperialistische Politik
schmiert, hat sich vorige Woche eine Gruppe professioneller Frie-
densfreunde nach Moskau auf die dortige "Friedenskonferenz der
Weltreligionen" begeben. Mit einhellig antikommunistischem Resul-
tat:
"Die russischen Friedenskämpfer brauchen Hilfe" (Lew Lopelew),
die man ihnen - einmal an Ort und Stelle - dann auch gleich ange-
deihen ließ:
"Westliche Delegationen hätten das Schlußdokument so beeinflussen
können, daß eine Verurteilung der einen Seite durch die andere
Seite verhindert worden sei. ... Wer behaupte, durch die Teil-
nahme an dieser Konferenz hätten westliche Kirchen sich in den
Dienst der sowjetischen Propaganda stellen lassen, der kenne ent-
weder die Fakten nicht oder er verbreite bewußt die Unwahrheit."
(Landesbischof Hanselmann zit. nach der 'Süddeutschen Zeitung'
vom 17. Mai 82)
Diesen Erfolg "des Friedens" über kommunistische Agitation hatte
wohl auch das amerikanische "Maschinengewehr Gottes ", Billy Gra-
ham, vor Augen, als er bei russischem Kaviar und russischem Sekt
auf die Kirchen anstieß. "Der Weltfrieden" kommt ja voran! Besto-
chen war der Mann sicher nicht (die kurze Absprache mit Reagan
kann wirklich nicht als solch ein Tatbestand gewertet werden) -
er wird schon an die "Friedensdemonstrationen auf dem Roten
Platz" gedacht haben, von denen Heinrich Böll vor kurzem
schwärmte. Über den nächsten Krieg ist er mit seinen schönen Vi-
sionen schon längst hinaus.
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