Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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MUTLANGER GESCHICHTEN
Die Mutlanger, die Bewohner von "Deutschlands erstem Pershing-
Dorf" (Bild am Sonntag) sind sauer. Verständlich, denkt sich der
Beobachter und glaubt aufs Wort; daß die Leute dort seit dem Be-
ginn der Stationierung "nichts als Ärger haben." (BamS)
"Unruhe und Aufregung
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wird in das Dorf gebracht" (BamS), beklagen sich die Bürger bei
ihrem Kanzler per Unterschriftenliste, "in eine Gemeinde, die
Jahre ruhig und friedlich ihrer Arbeit nachgegangen ist..."
(BamS) und "eine Unordnung, die den ordentlichen Schwaben miß-
fällt." (Der Spiegel)
Klar, daß man unruhig und aufgeregt wird, wenn man neben einem
dicken Packen Atomraketen hausen muß, der ja schließlich zu künf-
tigem Gebrauch dorthingestellt wurde. Und sollte der Feind im
Osten hier einmal gegen diese Dinger zuschlagen: Das gäbe eine
Unordnung, die räumt auch kein Schwab mehr auf. "Den Mutlangern
geht es vor allem auch auf die Nerven, daß sie auf dem Weg zum
Hallenbad, zur Arbeit... und beim Spaziergang ständig von Poli-
zeistreifen nach dem Ausweis gefragt werden." (BamS) Wem das
nicht auf den Geist ginge, von Bewaffneten in Uniform, die ein
wachsames Auge auf das brisante Gerät und das umliegende Volk ha-
ben, dauernd in "seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu wer-
den" (Süddeutsche Zeitung), was soweit führt, daß man von der
Fußballerkneipe, die unmittelbar am militärischen Sperrgebiet
liegt, nicht mal mehr besoffen nach Hause fahren kann: "Selbst zu
mitternächtlicher Stunde müssen die Sportskameraden ja noch mit
Polizeikontrollen rechnen." (Süddeutsche Zeitung) Zu allem Über-
fluß ist mit den Raketen einiges "Gesindel" ins Dorf gekommen.
"Was mißfällt, ist schon deren Kleidung, wie die schon ausse-
hen..." (SZ) Harte Worte? Feine Leute können das aber nun wirk-
lich nicht sein, die sich die Bedienung dieser massenmörderischen
Gerätschaften zum Beruf gemacht haben, und daß mancher den An-
blick der Kluft, die diese Figuren als Mitglieder einer hochspe-
zialisierten Kriegstruppe ausweist, zum Kotzen findet, wer ver-
stünde das nicht!
Daß angesichts der Ereignisse "die Beziehungen zu den alliierten
Freunden empfindlich gestört sind" (SZ), erscheint einem da noch
als recht milde Reaktion, wenn man bedenkt, daß die zusammen mit
den eigenen Regierenden die ganze Scheiße angerührt haben.
Regt sich der Friseurmeister Klaus Zuckermann (42) darüber auf,
daß er - zusätzlich zur ganzen Rüsterei - "auch noch die Polizei-
einsätze als Steuerzahler finanzieren muß" (BamS), die die Mut-
langer bei ihren promilleschweren Heimwegen so stören, so ist das
zwar nicht besonders kritisch, könnte einen aber wenigstens auf
einen entwicklungsfähigen albursprünglichen Widerstandsgeist hof-
fen lassen, wenn - ja wenn die "Unruhe und Aufregung" in Mutlan-
gen nicht ganz anders gemeint wäre:
Über die Pershing II
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regt keiner unter den Eingeborenen sich auf. Diese Raketen sind
zur Zeit jedenfalls die Ruhe selbst. Die Mutlanger kennen sich
damit aus: Elektrohändler Walter Neugebauer, geboren in Mutlan-
gen, weist die BamS darauf hin, daß es in seinem Heimatörtle
"schon 13 Jahre lang die Pershing I gibt - ohne Demonstrationen."
Jetzt gibt es eben die Pershing II - der eine Zähler mehr läßt
die bekannt scharf rechnenden Schwaben kalt. Aber es gibt sie
jetzt m i t Demonstrationen, sogar mit einer "Dauer-Demo"; und
d i e ist es, die die Mutlanger so gewaltig erregt.
Wenn also W. Neugebauer schimpft: "Es ist eine Sauerei, was die
da machen!" (BamS), so meint er keinesfalls die Politiker und Mi-
litärs, die die Raketen befohlen haben und befehligen, sondern
das Grüppchen friedensbewegter Demonstranten, das sich im Ort
eingenistet hat und "vor dem Haupteingang zum Pershing II Depot
'Mahnwache' schiebt" (BamS ).
Ausgerechnet die sollen den Frieden vertrieben haben, dessen Wie-
dereinkehr in Mutlangen die Bürger auf einem Protestplakat vehe-
ment fordern! So wollen die Mutlanger auch nichts gegen die Poli-
zei gesagt haben, die sie schikaniert und die Demonstranten peri-
odisch in die Mangel nimmt, sondern gegen die "Dauerdemo, ohne
die es hier keine Kontrollen und keinen Stacheldraht gäbe."
(BamS) Und wenn die ordnungsliebenden Albbewohner von "Gesindel"
reden, meinen sie selbstverständlich auch nicht die uniformierten
Raketenmannschaften, die in jugendverderberischer Absicht schon
das einheimische Jungvolk für die schimmernde Wehr begeistern
wollten: "Amerikanische Soldaten haben kleine Kinder in die Hub-
schrauber gesetzt, wir haben so ein gutes Verhältnis gehabt. Al-
les weg!" (SZ). Sie meinen die "Langhaarigen" vor dem Eingang zum
Pershing II-Depot, die die guten Beziehungen zu den amerikani-
schen Freunden so beschädigt haben, daß den schwäbischen Pimpfen
auch prompt die Freiflüge gestrichen wurden. Die offizielle
Parole der Bonner Politik in Sachen Widerstand und Recht" -
"...das im Grundgesetz verankerte Widerstandsrecht ist ein Recht
auf Nothilfe für den Verfassungsstaat und nie und nimmer gegen
ihn gerichtet." (Dregger) -
wurde auch von den Mutlanger Bürgern verstanden und positiv auf-
genommen.
Ihre Ergebenheitsadresse an die Obrigkeit: "Wir wollen keine Dau-
erdemonstration in Mutlangen... D i e p o l i t i s c h e
E n t s c h e i d u n g w i r d r e s p e k t i e r t."
(Protestplakat der Bürger) wendet sich deshalb als Drohung gegen
die friedensbewegten Gewissenswürmer vor dem Pershing-Camp und
deren alternativen Respekt vor der Politik:
"Es kocht hier... Irgendwann werden die Leute vielleicht nicht
mehr einfach zusehen..." (BamS)
Ob die "Chaoten", "Berufsdemonstranten", "Schlamper", "Schlawi-
ner" und "Kommunisten" (allemannischer Volksmund in "Bild", "SZ"
und "Spiegel") von Mutlangen ohne volkseigenen Strafvollzug
davonkommen, ist noch fraglich. Wie die vorstehenden Urteile
zeigen, befinden sich die Mutlanger Feierabendpolizisten nicht in
Beweisnot.
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Krieg ist Zucker
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Es gibt inzwischen niemanden mehr in dieser Republik, der nicht
aus b e s o n d e r e r B e t r o f f e n h e i t bzw.
V e r a n t w o r t u n g f ü r d e n F r i e d e n zu dem,
was er für diese "Frage" hält, meint, nicht länger schweigen zu
können. Unsere E r f i n d u n g einer Resolution der "an den
Friedhöfen zugelassenen westdeutschen Bestattungsbeihilfebetriebe
(vgl. MSZ, Dezember 1983) hat MSZ-Leser angeregt, der Redaktion
authentische Blüten dieses Genres zukommenzulassen, die mittler-
weile jeder P a r o d i e spotten. Jüngstes Beispiel:
"Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie eine Versorgung
der Diabetiker in einem Krieg aussieht? Nun, wird es ein Krieg
mit Atomwaffen, brauchen wir uns darüber sicher nicht mehr den
Kopf zu zerbrechen. Wird es aber ein Krieg mit konservartiven
Waffen, bedeutet das nicht gleich den Tod für alle, sondern zu-
mindest große Schwierigkeiten für insulin- und tablettenbenöti-
gende Diabetiker. Ganz abgesehen davon, wird es Schwierigkeiten
bei der Zusammenstellung der erforderlichen Diät geben. Noch ha-
ben wir Frieden in Europa. Warum sind wir oft so unzufrieden? Si-
cherlich, weil wir uns diese Tatsache gerade als Diabetiker viel
zu wenig vor Augen führen." (in "Diabetes-Journal", Organ des
Deutschen Diabetiker-Bundes, Nr. 1/1984, S. 38)
Was jetzt noch fehlt, wäre allenfalls ein "Friedensappell" von
Mitarbeitern der Nuklearen Planungsgruppe der NATO. Aber viel-
leicht ist auch der schon bei Drucklegung dieser Zeilen in Ar-
beit.
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