Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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"Manöverbehinderungen und Menschennetz"
EINE TYPISCH FRIEDENSBEWEGTE AKTION
Die Friedensbewegung gibt Lebenszeichen von sich. Dem Beschluß
ihres Bundeskongresses, als Schwerpunkt geplanter friedensbeweg-
ter Herbstaktivitäten eine "Aktionswoche Manöverbehinderung und
Menschennetz im Fulda Gap" durchzuführen, folgte eine öffentliche
Ermahnung von den "Prominenten" Eppler, Lafontaine, Bastian, Böll
und Albertz, sich im September in Osthessen nicht unangemessener
Radikalität schuldig zu machen. Das Resultat: ein typisch frie-
densbewegter Streit.
Ein Netz friedliebender Bürger
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Mit ihrer geplanten neuen "Widerstandsform" hat sich die Frie-
densbewegung eine Steigerung ihrer Menschenketten zu Ostern aus-
gedacht, die es in sich hat, sozusagen eine Menschenkette im Qua-
drat.
Der tragende Gedanke des "Menschennetzes" ist die Vorstellung,
man könne und man solle sich mit friedliebenden, an den Händchen
haltenden Leuten der Kriegsmaschinerie des Staates in den Weg
stellen. Das ist nun allerdings eine moralische Phantasie, die
ernst genommen auf Märtyrertum hinausläuft. Denn wenn ein Staat
seine Kriegsmaschinerie gegen einen anderen in Bewegung setzt,
dann ist er zum Letzten entschlossen und Leichen sind dabei ein-
kalkuliert. Für ihren Moralismus will die Friedensbewegung ein
Symbol setzen. Den übenden Panzern will sie demonstrativ Men-
schenleiber entgegenstellen. Und nicht einmal dabei ist an Gegen-
satz gedacht. Die Aktion ist nämlich auf den demokratischen Kon-
sens mit denen, die die Panzer fahren, und denen, die sie befeh-
ligen, berechnet.
Die Aktion ist also Ausdruck des demokratischen Glaubens, die In-
haber der Macht könnten sich über die geballte Versammlung von
ein paar zehntausend Leuten nicht einfach hinwegsetzen. Appel-
liert wird da an letztlich doch g e m e i n s a m e G ü t e r
u n d W e r t e, die es in diesem unserem Lande sehr wohl zu
verteidigen gäbe. Nur eben nicht so, wie die Bonner Politik es
plant.
Eines ist nämlich auch den Aktivisten der Friedensbewegung nicht
verborgen geblieben: Die Kriegsvorbereitungen, die man öffentlich
verfolgen kann, sind ganz schön 'konkret'. Die Aufrufe zum Herbst
wimmeln nur so von Detailschilderungen. Ihnen selbst fällt der
Vergleich ein, der Westwall wäre ein Dreck gegen die Maßnahmen
von heute. Den Schluß von den Kriegsvorbereitungen auf den natio-
nalen Zweck mögen sie daraus allerdings nicht so einfach ziehen.
Dafür ist ihr Vertrauen in die guten Zwecke des wirtschaftlichen
und politischen Lebens im freien Westen zu groß. Eher schließen
sie auf eine unverantwortlich heraufbeschworene Kriegs-"Gefahr" -
an die sie im Grunde selber nicht glauben. Wie kämen sie sonst
darauf, sich ersatzweise lauter Schädigungen auszudenken, die die
Militarisierung "schon im Frieden" anrichte. "Landnahme über
Nacht" für die Erweiterung von Kasernen; zusätzliche Belastungen
für die "ohnehin schon gestreßte Natur"!
Heimat und Umwelt avancieren damit zu den Hauptleidtragenden ei-
ner Kriegsvorbereitung. Die Flurschäden der Bauern, Verkehrsbe-
hinderungen, Zerstörungen an den Erholungsgebieten, das alles
wird damit zum Hauptgegenstand der Klage: der Klage darüber näm-
lich, daß die Politiker das friedliche Leben und Treiben ihres
Volkes behindern und zerstören. Worin das besteht, gerade in Zei-
ten der Kriegsvorbereitung, ist da schon gar kein Thema mehr. Un-
behindert möchte man sich seinen patriotischen Pflichten widmen
dürfen: Arbeiten, Kinder kriegen, Bäume schützen, Steuern zahlen
- also jeder in seinem Stand sein Bestes geben. So sind alle
guten Menschen aufgerufen, das Ihre zur Symbolkraft der Aktion
beizutragen - vor allem durch ihre Anwesenheit. Schließlich soll
ja mit dem "Menschennetz" die "Dichte" 'der militärischen Ein-
richtungen , in Osthessen dokumentiert werden. Vielleicht kann
man sich auch noch auf das Steigenlassen von Luftballons einigen.
Wie subversiv das ist, weiß man ja, seit Nena damit in die ameri-
kanischen Top Ten vorgedrungen ist.
Manöverkritik von der Prominenz
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Diesem Projekt haben die buntscheckigen Konjunkturritter der
Friedensbewegung den Einwand entgegengestellt, das wäre nicht ge-
waltfrei genug und brächte am Ende das eigene Anliegen in Verruf.
1. Der Menschenbruder im Soldaten
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So haben Böll und Co. an "Manöverbehinderungen" z.B. folgendes
auszusetzen: Sie "treffen in erster Linie die jungen Soldaten der
konventionellen Landstreitkräfte und ihre kaum älteren Vorgesetz-
ten auf den untersten Führungsebenen von Gruppe, Zug und Kompa-
nie. Soldaten also, die ihren Dienst zumeist in gutem Glauben
leisten und von uns nicht als 'Gegner', sondern als Mitmenschen
angesehen werden sollten, die es aufzuklären und vor dem drohen-
den Mißbrauch ihrer Dienstbereitschaft zu bewahren gilt."
Machen eigentlich jemals die Befehlshaber der staatlichen Gewalt-
maschinerie die Drecksarbeit selber? Kriegt man es nicht immer
mit Menschen zu tun - in gewissen Berufsständen -, wenn man gegen
staatliche Maßnahmen Protest anmeldet? Bölls Menschlichkeitsmache
macht jede Kritik tot, weil ja immer irgendein herzensgutes
Mitglied unserer Volksgemeinschaft seine Uniform bekleckert
sieht. Mehr noch, an der Dienstbereitschaft des Berufsstands
'Kämpfer im Staatsdienst' haben die Dichter und Denker des neuen
deutschen Pazifismus ihr Wohlgefallen. Einen rechten Gebrauch
dieser Tugend - für wen und gegen wen eigentlich -, Soldaten, die
sich fürs Heimatland aufopfern, das können diese Lehrmeister sich
durchaus vorstellen. War da mal was in Richtung Kriegsdienst
v e r w e i g e r n oder so?
Der Herr Friedensforscher Mechtersheimer, Exponent einer anderen
Fraktion, hält dafür, daß "gewaltfreie Behinderung von Manövern"
gerade das passende Mittel für genau das gleiche hohe Ziel sei:
nämlich eine "Chance, jungen Soldaten bewußt zu machen, daß ihr
Auftrag, das Land zu verteidigen, durch NATO-Strategie und Be-
waffnung zu einem Vernichtungsauftrag pervertiert ist."
D a f ü r also soll der Protest gegen die Kriegsvorbereitung gut
sein: Zum Hochhalten der Parole 'Für deutschautonome, grenznahe
Heimatverteidigung gegen die bösen Russen und überhaupt jede
Fremdherrschaft'! Offenbar kein Zufall, daß eine deutsche Frie-
densbewegung d a b e i landet!
2. Das "Prinzip absoluter Gewaltfreiheit"
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Aber damit der Bedenken noch nicht genug. Wie vereinbar ist
"Manöverbehinderung mit dem Prinzip absoluter Gewaltfreiheit":
"Nicht vereinbar!" heißt der Beschluß der Herren Albertz etc.,
"Durchaus vereinbar!" die Antwort von Gollwitzer und Co., da es
eine "legitime Widerstandsform gegenüber einer Politik des atoma-
ren Holocaust" ist. Sofern dabei "absolute Gewaltfreiheit selbst-
verständlich" ist - versteht sich.
Es ist schon eigenartig: "Gegenüber einer Politik des atomaren
Holocaust" (den die NATO ihrem Systemfeind bereiten will!) wird
die Friedensbewegung von ihren Wortführern ausgerechnet auf ihre
eigene "absolute Gewaltfreiheit" (inklusive bei "zivilem Privat-
eigentum") als wichtigsten Programmpunkt verpflichtet. Und der
Dissens der beiden Lager geht darum, wer sich zu Recht auf diesen
höchsten moralischen Saubermannstitel berufen darf - als ob eine
Welt, in der das NATO-Bündnis das Sagen hat, sich d a n a c h
richten würde! Und wo doch die Ordnungsgewalt selbst klarstellt,
daß es für die Behandlung der "Manöverblockierer" auf deren
tatsächliches Verhalten gar nicht ankommt. Dem Präsidenten des
Bundeskriminalamts Boge ist schon allein die "frühzeitig erfolgte
und öffentlichkeitswirksame Diskussion" der Blockadevorhaben In-
diz genug dafür, daß von "Zwischenfällen" mit "militanten Grup-
pen" auszugehen sei. Er ist also entschlossen, mit seiner Truppe
inneren Frieden zu schaffen und teilt das der Öffentlichkeit als
Warnung vor den Demonstanten mit.
So ist damit zu rechnen, daß die Ordnungstruppen den Aufpassern
auf einen gewaltfreien Nicht-Protest praktisch Recht geben wer-
den. Die Gollwitzers und Bölls tun jetzt schon alles, um hinter-
her sagen zu können, sie hätten rechtzeitig gewarnt. Die Lafon-
taines und Epplers rechnen gleich noch ein Stück weiter. Sie er-
greifen die Gelegenheit, den schlechten Ruf allzu intensiver Ver-
brüderung mit einer undurchsichtigen Friedensbewegung auszuräu-
men. Sie haben den friedensbewegten Haufen für die SPD abgegrast.
Mit dem kläglichen Rest machen SPD-Vorständler sich nicht mehr
gemein.
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Friedensbewegung soll eigene Manöver durchführen
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Einen möglichen Schlichtungsvorschlag zur Beilegung dieser brü-
derlichen Kontroverse hat laut FR vom 15.8 der künftige Ge-
schäftsführer der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, Pastor
Wolfgang Raupach, vorgelegt: Er "hat der Friedensbewegung empfoh-
len, militärische Manöver nicht zu behindern, sondern eigene
'manöver' durchzuführen ... eine konstruktive Alternative zu Ma-
növerbehinderungen könnte es sein, wenn Friedensgruppen selbst
eine Art Manöver Möglichkeiten der sozialen Verteidigung einer
Ortschaft vorführen und damit zeigen, welchen Widerstand die Be-
völkerung bei der Besetzung durch fremdes Militär leisten könne."
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