Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       Peter Merseburger:
       

UNGEMEIN HINTERGRÜNDIG

Der Merseburger, den man vom Fernsehen kennt, wie er frei redend und zufällig vor dem Weißen Haus in Washington stehend die ge- heimnisvollen Fäden der Politik kommentiert, die er sich zusam- mengesponnen, hat ein ganzes Buch geschrieben. Im Unterschied zu seiner Behauptung über das Thema ist sein Schriftwerk leicht auszurechnen. Sage und schreibe zwei Gedanken füllen das Buch, zwei Einfälle, die sich zu den höchsten erlaub- ten Höhen demokratischer Kritik emporschwingen - so dumm sind sie. 1. Vormacht gut - aber bitte nicht mit Reagan --------------------------------------------- Ein Journalist wie Merseburger hat Respekt vor der Macht, vor der Weltmacht Nr. 1 schon gar, zumal sie "unser" mächtiger Freund ist. Brav verbeugt er sich vor dem Großen Bruder, vor dem mäch- tigsten Amt der Welt. Die Erfolge dieser imperialistischen Groß- macht schätzt er sehr, aber die Führung, ausgerechnet die Führung ist mit dem denkbar schlechtesten Personal besetzt: "Vor allem Freunde Amerikas fragen immer wieder besorgt, warum eine Nation, die an der Spitze des technologischen und wissen- schaftlichen Fortschritts marschiert, die über die führenden Uni- versitäten und Forschungslaboratorien der Welt verfügt und die meisten Nobelpreisträger der letzten Jahrzehnte hervorgebracht hat, für das wichtigste politische Amt, das sie zu vergeben hat, nur Kandidaten zweiter, wenn nicht dritter Wahl hervorzubringen vermag." (142) Das Präsidentenamt, in dem gemäß den Interessen einer Weltmacht über die ökonomische Ausbeutung fast der ganzen Welt, über Krieg und Frieden der ganzen Welt entschieden wird - das geht schon in Ordnung. Nur soll ein Reagan nie und nimmer zur machtvollen Würde dieses Amtes passen. Der hat doch tatsächlich "aus mangelnder Kenntnis" in Brasilien das "Volk von Bolivien" hochleben lassen. "Daß Ronald Reagan unfähig ist, die Horror-Szenarios der Ab- schreckung, die geradezu apokalyptischen Planspiele seiner Gene- ralstäbler intellektuell zu bewältigen, darf inzwischen als gesi- chert gelten." (28) "Der Mangel an Sachkompetenz und Urteilskraft eines Mannes, der über die Machtfülle verfügt, den Untergang der Menschheit per Knopfdruck herbeizuführen, läßt die Frage nach der Qualität sei- ner Berater und Mitarbeiter desto dringlicher erscheinen." (182) Zu blöd, um durchblicken zu können, soll Reagan - ausgerechnet der - auf die brutalen Pläne seiner Generäle hereinfallen. Und um nicht aufzufallen mit seiner intellektuellen Unfähigkeit, umgibt er sich natürlich mit Beratern und Mitarbeitern, die noch größere Idioten sein sollen. "In der Anhörung, die seiner (eines Beraters) Bestätigung im ame- rikanischen Senat vorausging, wußte er weder den Namen des süd- afrikanischen Premierministers noch den des Regierungschefs von Simbabwe zu nennen." (187) "Reagans old buddy Weinberger verstand bei seinem Einzug in das Pentagon von Militärpolitik so viel wie ein durchschnittlicher Schrankenwärter der Bundesbahn von Nuklearphysik." (188) Welch eine Kritik! Die amerikanische Außen- und Militärpolitik, gegen deren Segnungen man ja nichts haben kann, leidet unter der Unkenntnis ihrer Macher. Hätten sie vorher mehr "Stadt/Land/ Fluß/Krieg" gespielt, wäre das nicht passiert. Hätten sie vorher recherchiert und im "who is who?" nachgeschaut! Wie Journalisten wie Merseburger das natürlich immer tun, wenn sie einen neuen Namen falsch aussprechen. Ja, ein Merseburger mit seiner Kenntnis der hintergründigsten Namen, mit seinem Schulwissen über die großen Schlachten der Weltkriege wäre ein besserer Berater im Präsidentenamt. Wahrscheinlich glaubt der Merseburger das auch noch. Auf jeden Fall hat er den amerikanischen Imperialismus freundschaftlich kritisiert: Der ist Spitze, aber die Männer an seiner Spitze sind unter aller Sau. 2. Weltmacht gut - aber bitte mit klarem Konzept ------------------------------------------------ Wenn die Führer der Weltmacht unfähig sind, sie zu führen, dann kann auch in der Durchsetzung der Weltmachtinteressen keine klare Linie herrschen. Es fehle die Fähigkeit, "ein in sich schlüssiges außenpolitisches Konzept zu entwickeln, das nicht nur für zwei oder drei Jahre, sondern für einen länge- ren Zeitraum taugt." (9) Es fehle "eine umfassende Strategie". Daß eine Macht wie die USA globale Interessen hat, ist für Merseburger keine Frage. Aber mit der fiktiven Entdeckung, die Amerikaner würden einen außenpoliti- schen Zick-Zack-Kurs einschlagen und alle Jahre ihre Weltmacht- Politik ändern, plädiert der Journalist für Gradlinigkeit, für konsequente amerikanische Außenpolitik. Ausgerechnet für die Füh- rungsmacht des Reiches der Freiheit soll es eine politische Verirrung sein, die Russen einkreisen zu wollen: "Doch macht es einen Unterschied, eine Kriegsmarine zu unterhal- ten, die in der Lage ist, Amerika die Zufuhr zu Öl und lebens- wichtigen Mineralien zu sichern, oder eine US-Navy aufzubauen, die durch absolute Seeherrschaft die andere Supermacht auf die ihr natürlich gesetzten kontinentalen Grenzen zurückwerfen will." (251) Damit will Merseburger die Amis nicht etwa zurückpfeifen. Besser- wisserisch empfiehlt er eine imperialistische Friedensstiftung mit mehr Geschick, also besserem Effekt. "Was vernünftigerweise in den Kontext des Nord-Süd-Gefälles ge- hört, wird von Washington mit der Elle des Ost-West-Konflikts ge- messen. Soziale Umwälzungen, die ihre Wurzeln in brutaler Klas- senherrschaft und Ausbeutung haben, werden stets als von Moskau ferngesteuerte Unterwanderung angeprangert und mißdeutet. In der Regel bewirkt diese Haltung das genaue Gegenteil dessen, was sie außenpolitisch erstrebt." (203) Stümperhaft in Sachen Weltherrschaft reizen die USA die So- wjetunion über Gebühr, verfolgen sie eine Mittelamerika-Politik, die die Länder dort nur in die "Arme der Russen" treibt. Womit der Zweck geheiligt, die Mittel aber für untauglich befunden sind. Merseburger weiß es besser, wie eine Weltmacht sich Geltung zu verschaffen hätte. Schließlich ist er Journalist, der die Hin- tergründe und jede diplomatische Raffinesse kennt und der die Macht nicht nach ihren Zwecken, sondern brav nach ihren eigenen Ideologien beurteilt. * Und vor allem ist Merseburger ein deutscher Journalist, der sich darauf versteht, bei der "Analyse der Weltlage" die westliche Führungsmacht zu kritisieren, ohne an der befreundeten Vormacht etwas auszusetzen. Dieses Kunststück ist ihm gut gelungen: Mit dem Lob der USA als Weltmacht und der sich daraus ergebenden le- gitimen amerikanischen Interessen; und mit der Fiktion, Deutsch- land würde die USA noch lieber haben, wenn sie "berechenbarer" wären, also fähigere Führer und verläßlichere Konzepte hätten. Der vor seiner Führungsmacht untertänige d e u t s c h e Natio- nalismus kommt in dem V o r w u r f der "Unberechenbarkeit" der Politik der 'USA zu Wort; der u n t e r t ä n i g e deutsche Nationalismus beweist sich darin, daß die Kritik lauter absurde Erfindungen vorbringt, ohne die Führungsmacht selbst anzugreifen. Und Merseburger hat das mit seinem journalistischen Durchblick hingeschrieben. Die Politik der USA wird umso "berechenbarer", je mehr sich fähige deutsche Führer ihrer Weltgeltung in der NATO bewußt werden: "Bonn sollte deshalb nicht zögern, auf eine Reform der NATO zu drängen, um diesen Spielraum für sich zu behaupten, mehr Souverä- nität zu gewinnen und mehr Verantwortung zu übernehmen. Dies gilt vor allem für die Lagerung, Stationierung und den möglichen Ein- satz von Atombomben auf deutschem Boden. Es gilt aber auch mit dem Blick auf die Nutzung amerikanischer Militärbasen in Deutsch- land außerhalb des NATO-Gebiets. Bonn muß sich hier ein Veto- Recht sichern. Gerade weil die Vormacht im Bündnis eine errati- sche Außenpolitik führt, muß die Bundesrepublik besorgt sein, das Durchschlagen von Krisen außerhalb des NATO-Gebiets auf die euro- päische Region zu vermeiden und selbst mehr Verantwortung zu übernehmen... Daß die Amerikaner über eine Reform der Bündnis- struktur als Freunde und Partner mit sich reden lassen, steht au- ßer Frage, denn im Kern liefe eine solche deutsche Politik darauf hinaus, sie zu entlasten, und sehr wahrscheinlich nähme sie nur eine Entwicklung vorweg, die früher oder später von Amerika an Bonn herangetragen werden dürfte." (273 f.) Es ist also doch nur e i n Gedanke, aus dem der Merseburger ein ganzes Buch gemacht hat: USA gut - Deutschland noch viel besser! Mehr steckt nicht dahinter. zurück