Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Korrespondenz
"Keinen Menschen verletzen oder beleidigen"
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An die MSZ
"Ich wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr nachfolgende Mitteilung in
der Juni-Ausgabe abdrucken würdet:
Gemeinsam gegen Atomraketen!
Pfingstcamp Mutlangen 9.-12. Juni 1984
Am Pfingstwochenende wird in Mutlangen eine dreitägige gewalt-
freie Blockade des Pershing-II-Lagers stattfinden. Das dafür or-
ganisierte Friedenscamp soll zu einem F o r u m f ü r d i e
W e i t e r e n t w i c k l u n g der Friedensbewegung werden.
BLOCKADE 9.-11.6.
Nach den großen, legalen Demonstrationen und den kleinen, aber
spektakulären Blockaden sehen viele in einer solchen großen Ak-
tion Zivilen Ungehorsams eine Perspektive, den Legitimationsver-
lust der derzeitigen Regierung praktisch zu demonstrieren. Aktio-
nen Zivilen Ungehorsams dieser Art müßten dazu Ausmaße bisheriger
Großdemonstrationen erreichen.
D a m i t d i e s g e l i n g t, m ü ß t e n s i c h a l l e
"N a c h"r ü s t u n g s g e g n e r - ü b e r g e s e l l-
s c h a f t l i c h e, p o l i t i s c h e, r e l i g i ö s e
G r e n z e n h i n w e g - a n d i e s e r B l o c k a d e
b e t e i l i g e n.
Friedensforum, 9.-12.6.
Das Friedenscamp, das für die Blockade organisiert wird, soll als
Forum dienen, in dem die Weiterentwicklung der Friedensbewegung
d i s k u t i e r t und dann auch konkret angegangen wird. The-
sen zu folgenden Themen werden erarbeitet: Steuerboykott, Dauer-
blockade, Kriegsdienstverweigerung, Streiks, Volksbefragung etc.
... In Arbeitsgruppen und großen Foren sollen diese dann in den
ersten drei Tagen besprochen und verbessert werden. Am 12.6.
sollte daraus ein gemeinsamer Aufruf für den Fortgang der Frie-
densbewegung herauskommen, der Zielrichtung und konkrete Schritte
enthalten und von möglichst vielen/allen Teilnehmern im Camp ge-
tragen und weitergetragen werden sollte.
Friedensforum und Blockade sind gleichberechtigte, sich gegensei-
tig ergänzende Teile des Pfingstcamps.
GRUNDSÄTZE: GEWALTFREIHEIT, OFFENHEIT
OBERSTER GRUNDSATZ: Während unserer Aktion werden wir keinen Men-
schen verletzen oder beleidigen!
OFFENHEIT: Öffentlichkeit incl. Staatsgewalt werden über alle
wichtigen Schritte informiert.
Anmeldung: Bitte meldet Euch, bevor Ihr kommt, an! Pressehütte
Mutlangen, Forststr. 3, 7075 Mutlangen, Tel. 07171/76210 Spre-
cherrat Mutlangen
So das wär's, wenn Ihr Interesse an einer Dokumentation habt,
könnt Ihr die in der Pressehütte bestellen. Und falls Ihr mal
wieder etwas über uns schreiben bzw. drucken wollt, wäre ich oder
wahrscheinlich auch andere aus der Pressehütte sicher gern dazu
bereit, mal eine Sehilderung aus unserer Sicht dazuzuschreiben.
Mit friedlichen Grüßen, und in der Hoffnung, daß Ihr meine Mit-
teilung abdruckt
A.M., Pressehütte Mutlangen
Protesthaltung an christlichen Feiertagen
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An A.M.
Kein Grund zur Dankbarkeit. Von eurer aktuellsten Friedensaktivi-
tät halten wir überhaupt nichts. Drei Tage lang wollt ihr zu
Pfingsten das Pershing-II-Lager "blockieren ". Daß ihr nicht
wirklich b l o c k i e r e n könnt, machen wir euch nicht zum
Vorwurf. Daß ihr dies allerdings noch extra als besonderen Vorzug
eurer Demo herausstreicht - "gewaltfrei" -, verweist auf den
schiefen Zweck der Aktion: In Mutlangen stehen die Raketen und
ihr steht drei christliche Feiertage wieder mal drumherum - als
gewaltfreier moralischer Vorwurf an ein Stück NATO-Gewalt. Euer
"Ungehorsam" ist wirklich sehr zivil, wenn Protest sich mit einem
"Legitimationsverlust der Regierung" rechtfertigt. Mit dieser
These wollt ihr euch doch ins e i g e n t l i c h e Recht set-
zen gegen das vermeintliche Unrecht Pershing II. Was muß der
Staat euch eigentlich noch servieren, damit ihr an Recht und Re-
gierung überhaupt irre werdet? Wo die NATO-Herren aus Bonn und
Washington aus p o l i t i s c h e n Absichten zum Krieg rü-
sten, weil sie einen g e s e l l s c h a f t l i c h e n Gegen-
satz auf der Welt gewaltsam zum Verschwinden bringen möchten, wo-
bei ihnen nicht zuletzt die R e l i g i o n als Ideologie dient
- da ruft ihr dazu auf, die gesellschaftlichen und politischen
Grenzen niederzureißen. Und was ist, wenn es sie gibt und die
Adressaten eures Protests mit aller G e w a l t darauf beste-
hen? "Diskutieren" wollt ihr zwar auch über "Streiks", nur meint
ihr damit nicht die Aufkündigung des "sozialen Friedens", sondern
nur eine weitere Demo in einer Reihe mit "Volksbefragung" und
"Dauerblockade". Das Ganze sieht uns sehr nach einer
f r i e d l i c h e n K o e x i s t e n z mittels an Feiertagen
inszenierter Protest h a l t u n g aus. Ihr bestätigt das nach-
gerade mit euren "Grundsätzen": Daß ihr keine Menschen
"verletzen" wollt, ist ein schöner Zug eurerseits - aber irgend-
wie grotesk, daß euch ausgerechnet vor den einsatzbereiten Pers-
hing II das Bekenntnis zu e u r e r Gewaltlosigkeit als Aller-
wichtigstes einfällt. Nicht mal "beleidigen" wollt ihr euren
Nächsten. Wir erwarten gar nicht, daß ihr euch für Kohl und Rea-
gan scharfe Schimpfwörter ausdenkt - aber d i e W a h r h e i t
über solche Figuren möchten wir erst mal hören, die sie nicht für
eine Beleidigung halten. (D a s würden wir uns dann selber in
der "Pressehütte" abholen.) Und warum wollt ihr unbedingt "die
Staatsgewalt über alle wichtigen Schritte informieren"? Doch nur,
um öffentlich zu dokumentieren, daß ihr keineswegs vorhabt, ihre
Z u s t ä n d i g k e i t in Frage zu stellen. Euer Widerstand
kommt uns so vor, als wäre dabei Schneider und Schwarz angesagt -
gegen euch! Und darin soll gerade seine ungeheure
m o r a l i s c h e W i r k u n g liegen. Deswegen habt ihr
wohl auch eine "Pressehütte" aufgebaut, weil ihr die
A n e r k e n n u n g eures Standpunkts in den Spalten der demo-
kratischen Presse für die einzig erwünschte Wirkung haltet. Si-
cher erachtet ihr eine Berichterstattung, in der ihr als ideali-
stische Idioten vorkommt, für ein mittleres Kompliment. Deshalb
könnt ihr euch die "Schilderung aus eurer Sicht" sparen.
MSZ-Redaktion
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