Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Friedensbewegung 1914 und 1982
EINE DEUTSCHE FRIEDENSGESCHICHTE
"Immer schon haben wir eine Liebe zu dir gekannt, bloß haben wir
sie nie bei ihrem Namen genannt, herrlich aber zeigte es deine
größte Gefahr, daß dein ärmster Sohn auch dein getreuester war,
denk es, a Deutschland." (Karl Bröger, Arbeiterpoet, 1914)
Sicher wird, wenn es dann so weit ist und der 3. Weltkrieg läuft
oder beendet ist, wieder die Frage aufgeworfen werden: "Wie
konnte es dazu kommen?" Das war schon damals so, nach dem 1.
Weltkrieg, als man fragte, warum denn die große sozialdemokrati-
sche Friedensbewegung "umgefallen" sei, und sie "Verräter"
schimpfte. Insofern ist die Friedensbewegung vor dem 1. Weltkrieg
nicht nur historisch interessant. Denn sie belegte schon damals
die traurige Wahrheit, daß das Eintreten für den Frieden und für
eine b e s s e r e N a t i o n, also für eine Politik, die das
nationale Interesse friedlich verfolgen möge, in der "Stunde der
größten Gefahr" für die b e s t e h e n d e N a t i o n -
m i t m a r s c h i e r t.
Radikale und klassenkämpferische Töne haben die erste große Frie-
densbewegung auf deutschem Boden nicht daran gehindert, für
Deutschland mobil zu werden, als geschossen wurde. Man trat viel-
mehr mit Argumenten an, die den Übergang vom Kriegsgegner zum
Kriegsteilnehmer nicht verwunderlich erscheinen lassen. Mit Argu-
menten, an die die moderne Friedensbewegung gut anknüpfen kann,
und dies auch tut. Die "Kriegsgefahr" mit der Existenz der Waffen
zu begründen, mit dem Rüstungswahnsinn oder in Waffen vernarrten
Militaristen, diese Entschuldigung und Verharmlosung der Politik
und ihrer Macher war damals und ist auch heute noch gang und
gäbe. Im Namen des Friedens vor den Gefahren des Untergangs des
Vaterlandes zu warnen und für die Handlungsfreiheit der eigenen
Regierung, für die Stärkung der Souveränität Deutschlands einzu-
treten - dieser Nationalismus trägt heute die friedensbewegten
Namen "Kriegsschauplatz Deutschland" und "Blockfreiheit". Und
schließlich waren und sind die vielbeschworenen "Gefahren für die
gesamte Menschheit" kein Hindernis, sich die Frage des "gerechten
Krieges" und der "ausreichenden Verteidigung" zu stellen. Ironie
der Geschichte, daß damals der Kampf gegen den Zarismus für ge-
recht angesehen wurde wie heute die Verteidigung der Freiheit,
der Polen u.a. gegen den sowjetischen Totalitarismus eine Notwen-
digkeit sein soll. Es handelt sich eben um d e u t s c h e
Friedensbewegungen, um die vor dem 1. und um die vor dem 3. Welt-
krieg.
1. Lieb Vaterland
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"Vaterlandslose Gesellen" nannte man sie, die alte sozialdemokra-
tische Friedensbewegung, doch nichts war ungerechtfertigter als
dieser Vorwurf von konservativer Seite. Sie legte damit dem poli-
tischen Gegenspieler eine Marxsche Einsicht zur Last, von der die
Sozis längst nichts mehr wissen wollten.
Sozialdemokratische Gegnerschaft zur kaiserlichen Verwaltung des
frisch gegründeten Deutschen Reiches, ihr Eintreten für Frieden
und eine demokratische Republik im Kampf um die Macht konkur-
rierte mit dem Gegner um die wahrhaft vaterländische Gesinnung.
Seit den Reichstagswahlen 1893 stärkste deutsche Partei und zu
immer höheren parlamentarischen Ehren avanciert (ab 1912 stärkste
Reichstagsfraktion), wuchs die SPD stellvertretend für das arbei-
tende Volk in die nationale Mitverantwortung und stand zur Alter-
native, das deutsche Vaterland lebens- und sterbenswerter zu ge-
stalten:
"Für uns ist das Vaterland die Heimat, an der wir mit Liebe hän-
gen, uns ist es das Band, das uns umschließt als Glieder einer
großen Kulturgemeinschaft... Wir kennen und lieben unser Vater-
land. Aber gerade weil wir nicht nur seine natürlichen Schönhei-
ten kennen, sondern auch seine häßlichen Einrichtungen, deshalb
sind wir Sozialdemokraten."
"Nur im Klassenkampfe allein wird ihm (dem Sozialdemokraten - d.
Verf.) das Vaterland zuteil, das auch ihm teuer ist."
"Klassenkampf" für eine bessere Zukunft der Nation, das war der
Kampfauftrag an den hauseigenen "proletarischen Patriotismus",
und selbstbewußt gaben Deutschlands Friedenspolitiker die üble
Nachrede von den vaterlandslosen Gesellen an die "Sippe vater-
landsfeindlicher Patrioten" zurück.
Der auf dem Berliner Parteitag (1892) beschlossene Grundsatz
"diesem System keinen Mann und keinen Pfennig", der den Erforder-
nissen d e u t s c h e r Wehrhaftmachung später Stück um Stück
angeglichen wurde, weil es um das Vaterland ging, gründete sich
nicht von ungefähr auf der Kritik einer "antinationalen" Gesin-
nung von Kapital und Staat - es sei
"das herrschende Militärsystem nicht imstande, die Sicherheit
Deutschlands gegen feindliche Überfälle zu gewährleisten."
Mit dem Gespür des d e u t s c h e n Sozialdemokraten wußte Be-
bel, daß nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Weltstellung
Deutschlands beim Kaiser in falschen Händen lag:
"Wenn Deutschland Friedensstifter der Welt, wenn es der größte
Kulturträger der Welt sein will, dann folgen wir ohne Widerrede;
aber die Art und Weise, wie die Weltpolitik bis jetzt ausgeführt
worden ist, wie sie bis jetzt definiert wurde von dem kaiserli-
chen Redner, die Art und Weise, wie man für diese Weltpolitik für
ungeheure Rüstungen die Mittel gefordert hat, das ist nicht die
Art und Weise, in unserem Sinne die W e l t s t e l l u n g
D e u t s c h l a n d s zu wahren und Deutschland zur Achtung in
der Welt zu bringen."
Mit dem kleinen liebenswerten Zusatz, "wirkliche, echte deutsche,
europäische Kultur und Zivilisation in der ganzen Welt zu ver-
breiten, wo immer es daran fehlt, ist eine große und schöne Auf-
gabe". Das fand der Kaiser auch. über immer großzügigere Wehrvor-
lagen, mit denen er sich vom Reichstag sein wachsendes Bedürfnis
an Geld und Menschenmaterial gewähren ließ, gestaltete das kai-
serliche Deutschland seinen Dreibund gegenüber der Entente zu ei-
ner kriegsfähigen Weltmacht.
Demgegenüber verstand sich der revolutionäre Anspruch, "die Ar-
beiter hätten nur einen Feind" und somit die "Bekämpfung und Ver-
nichtung dieses einen Feindes, des Kapitalismus" zu besorgen -
Vokabeln, die für die heutige Friedensbewegung ein Ausschlußgrund
wären, - als demokratische Absicht, die "versäumte Arbeit der
Bourgeoisie nachzuholen" und dabei gleichzeitig darauf zu achten,
daß das deutsche Haus, das man instandbesetzen wollte, von außen
nicht eingerissen wird.
Die sozialdemokratische Friedensbewegung stand so im klassischen
Zweifrontenkampf um das deutsche Vaterland:
Sowohl gegen eine "verbrecherische Politik" ihres "unfähigen"
Kaisers, "die unbekümmert die Völker Europas an den Rand eines
verheerenden Weltkrieges führen möchte", dem das Vaterland
geopfert würde:
"Deshalb muß für jeden wahren Freund des Vaterlandes, des Volkes
und des Weltfriedens in diesen Tagen die Losung heißen: Kampf der
Wehrvorlage!"
Als auch gegen die Bedrohung Deutschlands von außen, durch die
von demselben Kaiser in anstrengenden Recherchen ausgemachte
"russisch-französische Zange", in welchselbiger das arme Vater-
land übel gequetscht werden sollte:
"Es gibt in Deutschland überhaupt keinen Menschen, der sein Va-
terland fremden Angriffen wehrlos preisgeben möchte. Das gilt na-
mentlich auch von der Sozialdemokratie, der ihre Gegner oftmals
den Vorwurf der 'Vaterlandslosigkeit' gemacht haben. Die Sozial-
demokratie hat niemals verkannt, daß die geographische und poli-
tische Lage des Reiches die Vorbereitung einer starken Schutzwehr
notwendig macht.
Wir müssen in Deutschland mit der Möglichkeit eines Angriffs-
krieges von außen leider einstweilen noch rechnen, namentlich von
Osten her. Wenn einmal ein solcher Krieg ausbrechen sollte, dann
würde er zum Weltkrieg werden und unser Vaterland vielleicht vor
die Frage von Sein oder Nichtsein stellen. Infolgedessen recht-
fertigt sich nicht nur die Wehrhaftmachung des letzten Mannes bei
uns, sondern sie ist eine notwendige Forderung. Die Sozialdemo-
kratie war die erste Partei, die das klar erkannt und daher in
ihr Programm den Satz aufgenommen hat, der die Erziehung des Vol-
kes zur allgemeinen Wehrhaftigkeit ausspricht."
Und der deutsche Imperialismus nahm die Vorbereitung einer offen-
siven Schutzwehr ernst. In einer militärischen Vorrunde mit den
internationalen Konkurrenten - mal mit Frankreich, mal mit Ruß-
land - versah er seine diplomatische Offensive demonstrativ mit
der Bereitschaft, mit Waffengewalt nicht nur zu drohen, sondern
sie auch zu gebrauchen: 1906 Marokko, 1909 Bosnien, 1911 Marokko,
1912/13 Balkankriege. Von einer sozialdemokratischen Macht in spe
und ihrer Friedensbewegung sind hier natürlich S t e l l u n g-
n a h m e n gefragt, ihre Stellung zu Krieg und Frieden mußte
zugleich konkret und flexibel als auch p r i n z i p i e n-
f e s t sein. Und ihr Prinzip war einfach und zudem allgemein
anerkannt: "Angriffskrieg" ist schlecht und ungerecht, "Vertei-
digungskrieg" ist gut und gerecht.
Eine Kategorisierung, durch die die kriegsführenden Parteien
nicht mehr befürchten mußten, den Grund ihrer Kriege vorgehalten
zu bekommen, sondern sich begeistert gegenseitig in der üblichen
hohen Kriegskunst überbieten konnten, nur noch gerechte Kriege
vom Zaun zu brechen. Mit ihrem ganzen politischen Selbstbewußt-
sein bekräftigte die sozialdemokratische Friedensbewegung in den
Worten ihres Führers, daß in punkto Vaterland die Verantwortung
bei ihr in guten Händen lag:
"Sie können künftig keinen siegreichen Krieg ohne uns schlagen.
Wenn Sie siegen, siegen Sie mit uns und nicht gegen uns; ohne un-
sere Hilfe können Sie nicht auskommen. Wenn der Krieg ein An-
griffskrieg werden sollte, ein Krieg, in dem es sich dann um die
Existenz Deutschlands handelte, dann ich gebe Ihnen mein Wort -
sind wir bis auf den letzten Mann und selbst die ältesten unter
uns bereit, die Flinte auf die Schulter zu nehmen und unseren
deutschen Boden zu verteidigen, nicht Ihnen, sondern uns zuliebe,
selbst meinetwegen Ihnen zum Trotz (!)."
Kein Zweifel,
"In der Beurteilung von Angriffskriegen auf Deutschland stimmen
wir absolut überein! Es gibt da keinen Unterschied! Angriffe wür-
den wir Sozialdemokraten mit ebenso großer Entschiedenheit zu-
rückzuweisen bemüht sein, wie das irgendein Angehöriger der bür-
gerlichen Parteien tun könnte und wollte... Im übrigen erkläre
ich noch einmal: Wir wünschen, daß Deutschland möglichst wehrhaft
ist, wir wünschen, daß das ganze deutsche Volk an den militäri-
schen Einrichtungen, die zur Verteidigung unseres Vaterlandes
notwendig sind, ein Interesse hat."
Je deutlicher sich für unsere nationalbewußte Friedensbewegung
der Ausbruch des Ersten Weltkriegs abzuzeichnen begann, desto ga-
lanter formulierte sie ihre Kritik an den militärischen Vorhaben
Deutschlands als Einspruch gegen u n d e m o k r a t i s c h e =
s i c h e r h e i t s g e f ä h r d e n d e Militärpolitik des
Kaisers: Verantwortungslosigkeit nach außen, M i ß b r a u c h
des Militärs nach innen ("Wir halten es nicht für notwendig (!),
daß diese Wehrmittel gleichzeitig dazu benutzt werden sollen, das
deutsche Volk selbst niederzuhalten.").
Der Stolz, zum "tragenden Pfeiler der deutschen Politik" geworden
zu sein, paarte sich mit der Bereitschaft, für alle ihre Konse-
quenzen einzustehen. Die lautstarke internationalistische War-
nung: "Wir wollen keinen Krieg!" trug von vornherein den Stempel
der einen kleinen Besonderheit sozialdemokratischer Friedensbewe-
gung - eine d e u t s c h e zu sein.
Die 1914 über eine Million Mitglieder zählende SPD, der 1912 über
ein Drittel aller deutschen Wähler 4,2 Millionen Stimmen verpaß-
ten und sie damit zur größten Reichstagsfraktion bestimmten, mo-
bilisierte e i n e Woche vor der deutschen Generalmobilmachung
ganze 300.000 Friedenskämpfer auf ihre machtvollen Friedensdemon-
strationen. Die restlichen Millionen "Stimmen für den Frieden"
bereiteten sich zu Hause auf den Krieg vor. Einen Tag vor der
deutschen Mobilmachung legte das Friedensgewissen der deutschen
Nation die g e r e c h t e und die u n g e r e c h t e Seite
fest und warnte
"Rußland, durch eine Mobilisierung einen Zustand zu schaffen, der
den blutigsten Völkermord heraufbeschwört, aber auch das Ende des
Zarismus bringen kann! Wir beschwören Frankreich, seinen ganzen
Einfluß auf Rußland auszuüben, damit es nicht durch seine plumpe
Kosakenpolitik auch Frankreich in die unabsehbaren Schrecknisse
des europäischen Krieges hineinreißt." Das offizielle Votum vier
Tage später war nur noch eine formale Angelegenheit, die Frie-
densbewegung war ihrer vaterländischen Verantwortung gerecht ge-
worden und schloß zum Zwecke des Krieges totalen Frieden - mit
dem Kaiser, zur Wiederherstellung der Freiheit des Vaterlandes:
"Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns dro-
hen die Schrecknisse feindlicher Invasionen. Nicht für oder gegen
den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage
der für die Verteidigung des Vaterlands erforderlichen Mittel.
Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem
Sieg des russischen Despntismus, der sich mit dem Blute der Be-
sten des eigenen Volks befleckt hat, viel, wenn nicht alles auf
dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die K u l t u r
und die U n a b h ä n g i g k e i t unseres eigenen Landes
sicherzustellen. Da machen wir wahr, was wir immer betont haben:
Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im
Stich."
Im Angesicht des nationalen Feindes wird aus dem heimischen
Despoten eben der oberste Repräsentant angegriffener deutscher
Souveränität. Das bessere Deutschland beweist sich allein noch in
der bedingungslosen, aufopfernden Treue und Verteidigungsbereit-
schaft für Deutschland.
II. Die Menschheit in Gefahr
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Doch nicht nur der Bestand des Vaterlandes, das Ü b e r l e b e n
der Menschheit war der Friedensbewegung durch eine Sorte Zu-
kunftskrieg in Frage gestellt, deren Schlachten "so blutig sein
werden, wie sie in der Kriegsgeschichte noch nicht verzeichnet
sind."
Grund genug für das "Handbuch der Friedensbewegung" des Friedens-
nobelpreisträgers Alfred Fried, die Frage aufzuwerfen,
"ob zivilisierte Menschen der europäischen Kulturwelt genügend
starke Nerven besitzen werden, um den psychischen Eindruck des
Mordens und der Vernichtung ertragen zu können, ohne dem Wahnsinn
zu verfallen."
Zudem weiß das "Handbuch", daß im Kriegsfalle
"mindestens so viel Sanitätspersonal aufgestellt werde(n müsse),
als streitbare Soldaten im Felde stehen, eine Forderung, deren
Durchführung natürlich unmöglich ist."
Die Friedensbewegung warnte davor,
"daß ein Weltkrieg das furchtbarste Unglück wäre, das die Mensch-
heit treffen könnte", eine "Weltkatastrophe" "mit Massenelend und
Massenvernichtung im Gefolge."
Die Sorge, der Staat möge doch die außenpolitische Wahrnehmung
der Interessen seiner Nationalökonomie so gestalten, daß Vater-
land und Menschheit dabei nicht völlig draufgehen, ist so alt wie
der Weltkrieg.
Die Kritik der sozialdemokratischen Friedensbewegung am
"Wahn-/Unsinn" solcher Kriege trägt deshalb den Hinweis immer in
sich, durch den Vernichtungsgrad der bereitgestellten Waffen den
eigentlichen S i n n einer Kriegsführung nicht aus den Augen zu
verlieren, wonach das Opfer an Menschen mit dem Fortbestand von
Nation und Menschheit belohnt würde.
Weil "totale Vernichtung" Kriegszweck nicht sein kann, gilt der
Friedensbewegung heute wie damals die Warnung als Argument, "eine
Sicherheitskonzeption, die mit dem Selbstmord ganzer Nationen
droht, bringt keine Sicherheit."
Soll sie auch gar nicht! Schon Bismarck kennzeichnete mit den
originellen Worten "Selbstmord aus Furcht vor dem Tode" nichts
anderes als den - Präventivkrieg. Die Friedensbewegung aber, die
aus Sorge um den Bestand der Nation die Sinnlosigkeit des natio-
nalen Suizids beschwört, unterstreicht ihr Anliegen mit einem mi-
litärischen Argument, das - wenn es stimmen würde - jeden Feld-
herrn erschrecken müßte: Es gibt keine Sieger mehr. Nach Alfred
Fried teilte selbst Wilhelm II. die Auffassung,
"daß der Zukunftskrieg zwischen den gleichmäßig gerüsteten großen
europäischen Militärstaaten ein Selbstmord wäre, bei dem es kei-
nen Sieger geben kann. Die Heere würden sich solange bekämpfen,
bis beide Teile erschöpft und unfähig werden, den Kampf fortzu-
setzen."
"Ich muß sagen, daß ich nicht daran glaube, daß es irgendwelche
Sieger gäbe. Jedermann würde verlieren, wenn es zum Atomkrieg
käme.", bekräftigt 70 Jahre später der Präsident der Weltmacht
Nr. 1 und zieht aus dieser verfahrenen Lage- den gleichen politi-
schen Schluß, wie einst der deutsche Kaiser - militärisch eben
stärker zu werden als der Gegner.
Wirklich ärgerlich wurde der Friedensbewegung die ganze Angele-
genheit jedoch erst unter dem Gesichtspunkt, daß Regierungen
"i n u n e r h ö r t l e i c h t f e r t i g e r W e i s e"
alles zur Vernichtung anbieten, "was in Jahrzehnten mühsamer Kul-
turarbeit errichtet worden ist." Angesichts einer "läppischen"
B a l k a n krise (1912/13) wäre ein Weltkrieg (die Friedensbewe-
gung bedient sich hier der Worte des 'Realpolitikers' Bismarck)
"die größte Schandtat der Weltgeschichte durch den schreienden
Gegensatz zwischen der Größe der Katastrophe und der Geringfügig-
keit der ins Spiel kommenden Interessen", "ein Krieg zwischen den
drei großen führenden K u l t u r völkern wegen des serbisch-
österreichischen Hafenstreits wäre verbrecherischer Wahnsinn."
Weil die Menschheit der Friedensbewegung viel bedeutet, hat sie
feinsinnig zwischen einem kleinen, ohne Deutschland geführten,
also harmlosen Krieg und einem die Menschheit opfernden, Deutsch-
land einbeziehenden Krieg unterscheiden gelernt; eine Unterschei-
dung, die gerade - unter wirklich s t i l l s c h w e i-
g e n d e r Teilnahme der Friedensbewegung - an den Falklands
durchgespielt wird. Sollen die Kanaken auf dem Balkan sich doch
für die Interessen der Großmächte schlachten lassen, solange
Deutschland und die Menschheit nicht in Mitleidenschaft gezogen
werden! Deutsche verteidigen nur wichtige, nur deutsche
Interessen. Muß es dazu kommen?
"Wird's bei diesem Krieg bleiben? Wird er 'lokalisiert', also auf
Österreich und Serbien beschränkt werden können? Wird Rußland
sich nicht gezwungen sehen, Serbien zu unterstützen? Und kann das
geschehen, ohne daß auch die mit Österreich verbündeten Mächte,
Deutschland und Italien, fechten müssen? So lauten jetzt die ban-
gen Fragen, und die ganze Welt harrt mit größter Spannung ihrer
Lösung."
Wenn es zum Weltkrieg käme, dann (!) bedeutet dies "ein Morden
und Zerstören, wie es die Welt noch nicht sah. Wer mag" (dann!)
"die Not und das Elend malen, die ein solcher Krieg nach sich
ziehen müßte!"
Die damaligen guten Deutschen haben also die Dialektik des Argu-
ments "sinnlos" schon voll beherrscht. Einerseits jeden Krieg
ohne unmittelbar deutsche Interessen und Beteiligung für sinnlos
zu erklären, und andererseits an der Sinnlosigkeit der
"Massenvernichtung" für vorgestellte nationale Absichten von der
anderen Seite her genau das als Kriterium zu reflektieren, was
einen "Sinn" hat: die Verteidigung "unserer" Interessen.
Der Gedanke an das riesige Ausmaß des Mordens und Zerstörens soll
aber auch sein Gutes haben, die Qualität der Mordwerkzeuge würde
in eine friedenssichernde Funktion umschlagen:
"Und in der Tat können wir damit rechnen, daß, wenn auch in einer
fernen Zukunft, die Technik, die leichte Beherrschung der gewalt-
tätigen Naturkräfte durch den Menschen, eine Stufe erreichen
wird, die eine Anwendung der Mordtechnik überhaupt unmöglich
macht, weil sie Selbstvernichtung des Menschengeschlechts bedeu-
ten würde, und die Ausnützung der technischen Fortschritte aus
einer gewissermaßen plutokratischen wiederum in eine gewisserma-
ßen demokratische, allgemein menschliche Möglichkeit wandelt."
Obwohl weder damals noch heute die Masse der Waffen und ihre
Durchschlagskraft Kriege verhindert haben und verhindern, hat
sich die klassische Ideologie der Friedensbewegung gehalten, die
ihrer Angst und Hoffnung zugrundeliegt: Nicht die Politik, die
W a f f e n e n t s c h e i d e n ü b e r K r i e g u n d
F r i e d e n.
III. Im Banne des Molochs
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Weil ohne militärisches Rüstzeug Kriege schlechterdings unmöglich
sind, was kein vernünftiger Mensch bestreiten kann, machte die
Friedensbewegung die kühne These auf, die Waffen seien d e r
Grund militärischer Konfrontation und die Politik, die sich ihrer
bekanntlich als Mittel bedient, in Wahrheit O p f e r dersel-
ben.
Die Bedingung wird zum Grund, das Subjekt zum Opfer - und möglich
macht das Unmögliche der "Moloch Militarismus", der, "ursprüng-
lich ein besonders preußisches Gewächs, heute zu einem
internationalen Übel geworden ist", zum schlechten Charakterzug
der bürgerlichen Gesellschaft.
Entschlossen packte die sozialdemokratische Friedensbewegung die
Wurzel bei ihrem Übel:
"Der Militar i s m u s ist der Würgeengel der Kultur; er barba-
risiert die Zivilisation und frißt, das Volk aussaugend, alle
Mittel auf, die einem gewaltigen Fortschritt dienen könnten. Er
ist die Quintessenz und die Summe aller Volksfeindlichkeit, der
brutale Exekutor und blutig-eiserne Schutzwall des Kapitalismus."
"Der Militarismus, der die besten Kräfte des Volkes schon im
Frieden verbraucht, bedeutet eine Gefahr für den Bestand des
Staates in Zeiten des Unglücks."
Und das in vielerlei Hinsicht:
1. "Tausende junger Männer sollen ihrer nutzbringenden gesell-
schaftlichen Tätigkeit entrissen und dem militärischen Drill un-
terstellt werden." Man will sie "als Kanonenfutter
m i ß brauchen."
Daß der Staat den Nutzen seiner Leute jetzt in einer anderen ge-
sellschaftlichen Tätigkeit entdeckt, sollte er sich also dreimal
überlegen. Zumindest sollte auch der Soldat etwas davon haben -
"Natürlich wird auch jetzt die Sozialdemokratie der Erhöhung des
Mannschaftssoldes freudig zustimmen, sind es doch gerade Arbei-
tersöhne, die im bunten Rock stecken!" -,
wenn er schon von seiner 'normalen' gesellschaftlichen Tätigkeit
nichts hat.
2. "Weil das Militärwesen so ungeheuerliche Summen frißt, darum
leiden bei uns alle Kulturaufgaben...", ja, "diese gewaltigen
Neurüstungen führen zur Z e r r ü t t u n g d e r
K u l t u r."
Aber was einem Staat die Kultur bedeutet, die damals noch nicht
mit dem modernen Namen "Grün" oder "Bildung statt Rüstung" daher-
kam, davon weiß natürlich der Militarismus nichts, der überall
"seine wüstesten Orgien feiert."
3. Die Militärausgaben "treiben das Deutsche Reich dem
f i n a n z i e l l e n B a n k r o t t zu", mußten doch "für
die Militärzwecke immer umfangreichere Anleihen aufgenommen wer-
den, die es soweit brachten, daß die Reichsschuld im Jahre 1911
rund 5 Milliarden 100 Millionen betrug."
Dabei nahm die Friedensbewegung weniger Anstoß daran, daß der
Staat sich souverän mit dem Geld versorgt, das er braucht, son-
dern brandmarkte, daß er dieses - entgegen seinem "eigentlichen
Zwecke" - für "sinnloses Wettrüsten" verschleudere, und erklärte
"die Milliarden v e r g e u d u n g für militaristische Zwecke
für eine nachhaltige S c h ä d i g u n g d e r d e u t-
s c h e n V o l k s w i r t s c h a f t."
So "absurd und grotesk" einerseits der Friedensbewegung solcher-
art staatliches Tun im Banne des Militarismus anmutete, so reell
war ihr das gesetzmäßige Resultat, das der Moloch Militarismus
dem Staat aufnötigte:
4. "Kriege ergeben sich mit Naturnotwendigkeit aus den unaufhör-
lichen Wettrüstungen des Militarismus."
Ungeachtet der Tatsache, daß der Staat als Vollstrecker einer Po-
litik fungiert, die ihre internationale Durchschlagskraft immer
dann im militärischen Vergleich demonstriert, wenn die friedliche
Drohung mit dem Kriegsapparat ihrem Zweck nicht mehr genügt, wird
an seine 'Vernunft' appelliert, sich aus der militaristischen
Zwangsjacke zu lösen. So verlangte die Friedensbewegung
"von der deutschen Reichsregierung, daß sie sich nicht immer wie-
der dem verbrecherischen Treiben gewissenloser Kriegs h e t z e r
u n t e r w e r f e (!), sondern Raum schaffe für eine friedli-
che, freiheitliche Entwicklung des deutschen Volkes und für eine
Verständigung mit den anderen Völkern."
Das Subjekt der Kriege, der Schuldige, ward damit nicht angegrif-
fen. Erst waren es die Waffen, jetzt sind es Kriegshetzer, in
Waffen vernarrte Fanatiker, also Personifikationen des Militaris-
mus, böse Moloche, die Kaiser und Kanzler im Nacken sitzen.
"Um die Vernichtung der Blüte aller Völker zu verhindern", haben
die Friedenshüter "die Regierung davor gewarnt, sich in kriegeri-
sche Verwicklungen hineintreiben zu lassen", und noch wenige Tage
vor der deutschen Kriegserklärung analysierte der "Vorwärts":
"Das beispiellose Treiben der unverantwortlichen Kriegshetzer
sucht Kaiser und Kanzler m a t t z u s e t z e n und die
Kriegsfurie skrupellos zu entfesseln!"
Ausgerechnet der deutschen Politik, die angestrengt auf einen An-
laß für einen deutschen Verteidigungskrieg hinarbeitete, wurde
empfohlen, "sich jeder Einmischung in die Kriegswirren zu enthal-
ten" und "strikte Neutralität" zu üben. Ja, die Friedensbewegung
wußte gar:
"Was kann die G e f a h r eines europäischen Krieges noch ab-
wenden? Wenn vor allem Deutschland sich mit dem ganzen Gewicht
seiner europäischen Stellung für den Frieden ins Mittel legt."
Höchstens das mächtige Deutschland kann es, natürlich nur, wenn
die besten Deutschen - die Friedensbewegung - dem Reich den Mili-
tarismus austreiben. Doch wie groß der Einfluß des Molochs gewor-
den war, sah die Friedensbewegung nicht nur mit Bedauern an den
anderen Parteien:
"Die bürgerlichen Parteien sind durchweg in den Bann des Imperia-
lismus geraten, sie bewilligen widerstandslos alle Forderungen
für Heer und Marine."
Sie sah es mit Erschrecken auch an sich selbst, wollte doch der
Moloch
"die Völker von ihren Kulturbestrebungen und ihrem Befreiungs-
kampf" (Klassenkampf jetzt für die deutsche Kultur!) "im Innern
a b l e n k e n."
Das aber durfte nicht sein. Die sozialdemokratische Friedensbewe-
gung wollte nämlich am deutschen Staat korrigieren, worin seine
Anfälligkeit gegenüber militärischer Vergewaltigung begründet
lag: im M a n g e l an S o u v e r ä n i t ä t.
IV. Stamokap früher
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Weil der Staat durch seine Maßnahmen die Schädigung seiner Bürger
nicht gleichmäßig besorgte, sondern sich die Reichtumsproduktion
seiner Lieblingsbürger ebenso zum Anliegen machte wie die hierfür
nötige Tauglichkeit der vom Reichtum Ausgeschlossenen, entdeckte
die Sozialdemokratie an ihm ein Souveränitäts d e f i z i t: die
Fremdbestimmung staatlicher Gewalt durch das Kapital, besonders
auf dem Felde der Kriegsvorbereitung.
Die gerade vor 1914 so souverän demonstrierte Bereitschaft der
Staaten zur Austragung von Gewalttätigkeiten im Interesse ihrer
Nationalökonomien, deren politisches Subjekt sie darstellen, wird
von den Sozialdemokraten auf den Kopf gestellt. Nicht der freie
Wille des Klassenstaats setzt auf den Krieg, nein, der Staat - so
lautet dessen Entschuldigung - kann seinen "eigentlichen Zweck"
nicht mehr verfolgen, Denn Kapitalisten zwingen ihren Kaiser, der
sich dagegen nicht zu wehren vermag, militärisch zuzuschlagen,
Kapitalisten, deren "Gier nach neuen Ausbeutungsobjekten und nach
neuen Absatzgebieten b e s t i m m e n d auf die Staatsgewalt
e i n w i r k t und deshalb die Regierung zu einer Politik der
gepanzerten Faust, des Länderraubs und der Unterdrückung des ei-
genen Volkes t r e i b t." Besser wäre ein absoluter, ein mäch-
tiger Staat.
"Die Diplomatie der sogenannten Großmächte hat durch ihre
U n f ä h i g k e i t und ihre aus den widerstreitenden imperia-
listischen Interessen der regierenden Kapitalistenklasse resul-
tierende Ohnmacht die Erweckung der Kriegsfurie selbst mit ver-
schuldet."
Nun dokumentiert sich jedoch nirgends so deutlich wie im Kriegs-
falle die E m a n z i p a t i o n d e r P o l i t i k v o m
P r o f i t, für den sie gemacht wird, die staatliche Souveräni-
tät nämlich, ökonomische Gesetze auch einmal auf den Kopf zu
stellen und eine gehörige Portion des nationalen Reichtums seiner
Vernichtung preiszugeben, wenn sich dadurch politische Hinder-
nisse beseitigen lassen, die seiner Vermehrung im Wege stehen.
Die guten Anwälte der Verteidigung von Frieden und Vaterland, die
Sozialdemokraten, zeigten auf die Bösewichte der Nation:
1. Allgemein:
"Wer will Krieg?... Kapitalisten, Industrielle, Rüstungsinteres-
senten aller Art, die sich durch den Krieg bereichern wollen."
Das mag für Kriegsgewinnler zutreffen, aber so sicher nicht: "Im
Kriegsfalle erhöht. sich der Gewinn der Reichen zu gewaltigen
Summen" - man höre und staune!
2. Im besonderen entdeckte man unter den Kapitalisten eine beson-
ders üble Sorte, die R ü s t u n g s i n d u s t r i e -
"deren Interesse und deren Nahrung der Völkerunfriede, der Völ-
kerzwist, der Krieg ist";
"nicht gedeihend bei Glück, Freiheit und Frieden der Völker, son-
dern bei Zwietracht, Kriegsgefahr, Krieg, die ihre Nahrung bil-
den: je mehr Völkerhaß, umso mehr Profit!" -,
die deshalb ihren Politikern die Aufträge für ihre eigene Waffen-
produktion erteilen.
"Es ist bekannt, daß die auswärtige Politik unserer jetzigen Epo-
che schon längst nicht mehr in den auswärtigen Ämtern gemacht
wird, sondern in den Fabrik- und Bankkontoren."
Was lag also näher für die Friedensbewegung, als diesem Kapital-
zweig den Garaus zu machen - indem der Staat wieder in sein Recht
gesetzt wird: Verstaatlichung der Rüstungsindustrie war die Frie-
denslosung.
"Meine Herren, und dann noch das eine - und darauf weise ich be-
sonders hin -: Kämpfen wir nicht gerade - um ein näheres Ziel ins
Auge zu fassen - um die Verstaatlichung der Rüstungsindustrie?
Richtet sich unser Kampf nicht gerade gegen die Schäden in der
Rüstungsindustrie, soweit sie aus ihrem Charakter als einer Pri-
vatindustrie mit all ihren bösen kapitalistischen Eigenschaften
hervorgehen? Dem, der es anstrebt, eine Art Staatsmonopol auf dem
Gebiete der Rüstungsindustrie in Deutschland im Interesse der
Allgemeinheit zur Durchführung zu bringen, dem wollen Sie zum
Vorwurf machen, daß er damit den deutschen Arbeiter schädigen
wolle!"
Denn Rüstung ist ein zu hohes Gut, als daß es Privaten übertragen
werden könnte.
V. Die ideale Abschaffung der "Mißbrauchs"
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Die Friedensstrategie der D e m o k r a t i s i e r u n g
Deutschlands, mit der die Sozialdemokratie der außenpolitischen
"Abenteurerlust" des Deutschen Reiches ihr Demokratieideal entge-
genhielt, kann man getrost unter das Motto: "Völker hört die
Ideale" stellen.
- Da wollte die sozialdemokratische Partei an die Macht und gab
dies als V o l k s h e r r s c h a f t gegen den Krieg aus:
Denn "gegen den Willen der breiten Volksmassen ist heute kein
Krieg mehr möglich."
"Aber auch wir Sozialdemokraten sind lebhaft daran interessiert,
vielleicht mehr als Sie von allen anderen Parteien, daß in
Deutschland Regierungs- und politische Verhältnisse eintreten,
die eines Kulturvolks würdig sind... Dazu ist notwendig eine Ver-
fassungsänderung, die der Volksvertretung die Entscheidung über
Krieg und Frieden in die Hand gibt. Denn in allerletzter Linie
sind es doch die Kriege, die als Gespenst am Horizont stehen, die
möglich werden, deren Gefahr erhöht wird, wenn die unverantwort-
liche Politik, dieses persönliche Regiment in Deutschland weiter-
getrieben wird. In letzter Linie hat doch das deutsche Volk Le-
ben, Gesundheit, Gut und Blut zu Markte zu tragen, wenn sich
durch solche unverantwortliche Politik ... die Situation
zugespitzt hat."
Und wer schon seinen Kopf hinhält, sollte an der Entscheidung
über seinen Schaden auch beteiligt werden. War er dann auch sehr
schnell - mit der Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten.
- Da wollte die deutsch-nationale SPD aus dem Junker-Stand Mili-
tär eine totale Sache des g a n z e n Volkes machen - und
tatsächlich: Der "Ersatz des stehenden Heeres durch das Milizsy-
stem, um die Armee aus einem Werkzeug der Klassenherrschaft und
des Krieges zu der Schutzwehr des Volkes und des Friedens zu ma-
chen", "die Einführung einer Volkswehr auf demokratischer Grund-
lage, die nur der Landesverteidigung zu dienen hat", entsprach
der Forderung allgemeiner Wehrhaftmachung - unter sozialdemokra-
tischem Vorzeichen.
Daß jedoch notfalls auch ein stehendes Heer unter sozialdemokra-
tischer Mitwirkung seinen nationalen Verteidigungspflichten nach-
zukommen in der Lage ist, bekräftigte sie noch Ende 1918 (!) in
der Einheitsfront aller Kriegsparteien:
"Wir sind deutsch bis auf die Knochen und wollen deutsch blei-
ben... Sollte unsere Regierung gezwungen sein, das Volk zum Ent-
scheidungskampfe aufzurufen, um die Vernichtung unseres Reiches
abzuwehren, dann müssen alle wie ein Mann aufstehen und auch das
Letzte hergeben für die Freiheit und die Zukunft unseres Vater-
landes!"
- Da wollte die deutsche Friedensbewegung nicht auf das Ideal der
Staatenkonkurrenz verzichten, dachte sich "internationale
Schiedsgerichte" aus, aber nicht ohne den Realismus, daß interna-
tionales Recht auch eine entsprechende Gewalt benötigt, um durch-
gesetzt zu werden: den Superimperialismus als europäisches Si-
cherheitsmodell, der auf Krieg verzichten kann, weil seine Poli-
tik auch so durchsetzbar ist:
"Die Verheerungen, mit denen ein europäischer Krieg den ganzen
Erdteil bedroht, sind so unsagbar große geworden, die Vorteile,
die er bringen kann, für die Volksmasse so bedeutungslos, daß
selbst die Bourgeoisie sich dem Eindruck dieses Mißverhältnisses
nicht verschließen kann. Die Abneigung gegen den Krieg nimmt
nicht nur unter den Massen des Volkes, sondern auch unter den
herrschenden Klassen rasch zu. Es ist denn auch seit 40 Jahren
immer gelungen, jeden Konfliktstoff zwischen europäischen Mäch-
ten, und mochte er noch so drohend sein, ohne gewaltsame Explo-
sion aus der Welt zu schaffen." (Dagegen hat die NATO erst etwas
über 30 Jahre Friedenssicherung vorzuweisen.) "Im entscheidenden
Moment schreckt jeder vor der Verantwortung zurück, die furchtba-
ren Schrecken des modernen Krieges zu entfesseln. Indes traut
doch keiner dem anderen, und jeder will bei allen auftauchenden
Konflikten soviel als möglich in die Waagschale zu werfen haben,
damit er bei der Auseinandersetzung möglichst viel einheimse. So
wachsen gleichzeitig mit der Friedenssehnsucht die Kriegsrüstun-
gen... Es ist ein Zustand, der noch lange den Frieden erhalten
kann, in dem wir aber über Nacht aus dem tiefsten Frieden und der
stärksten Friedenssehnsucht in den blutigsten Krieg hineintaumeln
(!) können, den die Welt noch gesehen..."
Das zu verhindern "gibt es heute nur einen Weg: Die Vereinigung
der Staaten der europäischen Zivilisation in einem Bunde mit ge-
meinsamer Handelspolitik, einer Bundesregierung und einem Bundes-
heer - die Herstellung der Vereinigten Staaten von Europa.
Gelänge dies, so wäre Ungeheures erreicht." (Ist es heute, und
wie!) "Diese Vereinigten Staaten besäßen eine solche Übermacht,
daß sie ohne jeglichen Krieg alle anderen Nationen, soweit sie
sich ihnen nicht freiwillig anschlössen, dazu z w i n g e n
könnten, ihre Armeen aufzulösen, ihre Flotten aufzugeben. Damit
hörte aber auch für die neuen Vereinigten Staaten selbst jede
Notwendigkeit einer Bewaffnung auf. Sie könnten nun nicht bloß
auf alle weiteren Rüstungen, auf das stehende Heer, auf die An-
griffswaffen zur See verzichten, deren Aufgeben wir heute schon
fordern, sondern auch auf jegliches Mittel der Verteidigung, auf
das Milizsystem selbst. damit wäre die Ära des ewigen Friedens
sicher begründet."
- Da wollte die Friedensbewegung auch die heute noch moderne Ver-
rücktheit dazusetzen, daß die Herrschenden beim Krieg Angst be-
kommen vor der Gefahr der Störung des sozialen Friedens, damals
noch "Revolution" und nicht: "Die Friedensbewegung wird immer
stärker..." genannt. Damals schon endete diese Hoffnung in der
nationalen Mobilmachung:
"So sehr jedoch die Versammelten den Krieg verabscheuen und für
den Frieden eintreten, so sehr sind sie davon überzeugt, daß die
herrschenden Klassen einen Weltkrieg mehr zu fürchten haben als
das Proletariat. Ein Weltkrieg würde alle die gewaltigen sozialen
Gegensätze, die die modernen bürgerlichen Gesellschaften zerrei-
ßen, zum Austrag bringen und einen revolutiönären Umwälzungspro-
zeß einleiten..."
"Das ist ein starker, ja vielleicht der stärkste Beweggrund für
die herrschenden Klassen, Frieden zu halten und nach Abrüstung zu
verlangen."
VI. Die Sache mit der Friedensliebe der Massen
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Die Friedensbewegung schwört auf die Friedensliebe der Massen als
natürlichste und menschlichste Emotion schlechthin:
"Rastlos nach ehernen Gesetzen arbeitet der M e n s c h an der
Vervollkommnung seines Werkzeuges; um den Erdball seinen Bedürf-
nissen anzupassen, vervollkommnet er die Technik. Aber noch ist
es ihm unbewußt, daß er mit der Befriedigung seiner nächstliegen-
den materiellen Bedürfnisse noch andere, höhere Werte schafft. Er
glaubt, nur für den Magen zu sorgen, und schafft damit immer hö-
here Kultur und höheren Frieden. Jede neue Vereinfachung und
Kraftersparnis am Werkzeug wird zum Friedenswirken. Jede
Schraube, die ein Maschinenglied an das andere festigt, ist Frie-
densbetätigung (!). Denn jeder technische Fortschritt fördert die
gesellschaftliche Ordnung. Und die vollkommene gesellschaftliche
Ordnung wird jener Zustand sein, der die tierischen Triebe aus
den Beziehungen der Menschen untereinander vollkommen ausge-
schaltet haben wird.
Diesen Vorgang erkennbar zu machen, ist das Ziel der Friedensbe-
wegung. Sie schafft den Vorgang nicht, sie weist nur auf ihn hin.
Sie will die Erkenntnis für ihn wecken, damit die Menschen aufhö-
ren, gegen ihre natürliche Entwicklung zu arbeiten, einen Irrtum
ablegen, der sie hindert, zum Höchstertrag ihrer Arbeit zu gelan-
gen." (Handbuch der Friedensbewegung)
Der Mensch, dessen N a t u r sowohl Aggression, also Krieg, als
auch Liebe und somit Frieden in sich trüge, muß u m d e n k e n.
Er selbst hat seine eigene Natur, ohne es zu wissen, zu Höherem
entwickelt. Der ehemals schöpferische 'bellum omnium contra
omnes' ist passe:
"Die Friedensbewegung gibt zu, daß der Krieg im Leben der Völker
bis zu einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung ein kulturfördern-
der Faktor gewesen sein mochte. Sie erkennt aber auch, daß der
Krieg, sobald ein Staat eine gewisse Kulturstufe erreicht hat, in
das Gegenteil umschlägt und ein kulturhindernder Faktor wird."
Mit scharfem Blick wird die Doppelzüngigkeit von Regierungen ent-
tarnt, die solcherart natürliche Gefühle zweckentfremden, um ihre
eigenen widernatürlichen, kriegerischen Ambitionen umsetzen zu
können:
"Es gibt keine Gelegenheit, bei der die Regierenden nicht ihre
Sorge um die Erhaltung des Friedens betonen; bei der sie nicht
mit freudiger Genugtuung jeden Schritt, der dazu dienen könnte,
einen Krieg vermeidbar zu machen, triumphierend verkünden. Ja,
dieser ganze ungeheure Kriegsapparat selbst, die ganze Einrich-
tung der Armee, wird in allen Ländern mit dem Hinweis auf die
Friedensliebe, mit dem dringenden Wunsch, den Krieg zu verhüten,
begründet."
Weil die Friedensliebe der Massen als ihr innerstes Naturell
feststeht, sieht auch der sozialdemokratische Kriegsgegner in der
1914 demonstrierten Kriegsbereitschaft seiner Mandanten einen Be-
leg für den Mißbrauch ihrer Friedenssehnsucht. Der Kaiser nämlich
hatte das deutsche Volk ausgetrickst, um einen ganz anderen Krieg
zu führen, als er vorgegeben hatte:
"Die Parole 'Gegen den Zarismus' diente nur dem Zweck, die edel-
sten Instinkte des deutschen Volkes für den Kriegszweck, für den
Völkerhaß zu mobilisieren, nicht aber (!) einen Befreiungsfeldzug
für das russische Volk oder die Fremdvölker Rußlands."
Die Sozialdemokratie nämlich trat dafür ein, "die größte Gefahr
für den Weltfrieden zu beseitigen, die Machtstellung des Zaris-
mus":
"Ist doch der Zarismus auch die Hoffnung aller reaktionären
Mächte Europas, der grimmigste Feind der Demokratie der von ihm
beherrschten Völker selbst, dessen Untergang herbeizuführen die
gesamte Internationale als eine ihrer vornehmsten Aufgaben anse-
hen muß."
Daß solch eine Aufgabe der Friedensliebe in keiner Weise wider-
spricht, wird heute erneut deutlich gemacht:
"Wir betrachten die Ereignisse in Polen mit Betroffenheit und mit
Sympathie für den Freiheitswillen des polnischen Volkes. Der
Wille von uns Westeuropäern, einen eigenen Weg zum Frieden zu su-
chen, ist eng verbunden mit dem Willen der Polen, ihren eigenen
Weg in der Ordnung ihrer inneren Angelegenheiten zu finden. Die
Ereignisse in Polen sind deshalb auch kein Argument gegen, son-
dern für die Friedensbewegung. Nur in einem durch Abrüstung be-
friedeten (!) Europa können die Völker ihre Freiheit erringen und
bewahren."
Die Erkenntnis, daß die Friedensliebe der Massen sich sehr wohl
mit untertänigem Patriotismus verträgt, eine Kritik am deutschen
Bürger also, der sich für seine Nation den Rock anzieht, weil er
mit dem Staat s e i n Vaterland verteidigen will, das ginge in
der Tat an den Lebensnerv der Weltanschauung einer Friedensbewe-
gung.
Nein, der deutsche Arbeiter ist gar obendrein verraten worden,
von seinen eigenen Führern. Das ist das Urteil der Friedensbewe-
gung n a c h dem ersten Weltkrieg. Und wie geduldig der Mann
sich dabei als Manövriermasse für den Machtkampf der alten sozi-
aldemokratischen Friedensbewegung benutzen ließ, zeigte sich in
der Behandlung, die die Sozialdemokratie ihm nach dem Krieg zu-
teil werden ließ, nachdem sie ihr Weimarer Ziel erreicht hatte;
an der Regierung zu sein, 1918.
"Schäme Dich, deutscher Arbeiter! Du verdienst Deine Freiheit
nicht! Du hast lieber Schandtaten unter der Peitsche des Milita-
rismus verrichtet, als jetzt Arbeit zu leisten aus freien Stüc-
ken.
Deutscher Arbeiter, arbeite!" (Dieses Flugblatt der sozialdemo-
kratischen Führung wurde nach Protesten von der Basis geändert.
Gestrichen wurde: "Schäme Dich deutscher Arbeiter!")
Damit ist klar, was ein friedliebender deutscher Bürger zu tun
hat:
Zu arbeiten für den Frieden, sich im gerechten Verteidigungskrieg
zu opfern, wenn es sein muß, und wenn er das überlebt, wieder
dort weiterzumachen, wo er vor dem Kriege aufgehört hat.
Alle Zitate aus:
1) Handbuch der Friedensbewegung, Alfred H. Fried, 1. und 2.
Teil, Berlin/Leipzig 1911/13
2) Die deutsche Arbeiterbewegung 1848-1919 in Augenzeugenberich-
ten, dtv 1976
3) Dokumente zur deutschen Geschichte, 1905-1919, 4 Bände, Röder-
berg-Verlag, Frankfurt am Main 1977
4) Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution, Internatio-
naler Arbeiterverlag, Berlin 1929
5) Karl Liebknecht, Reden und Aufsätze in zwei Bänden, Band 2,
Verlag marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1972
6) Deutsche Geschichte in drei Bänden, Band 2, VEB, Deutscher
Verlag der Wissenschaften, Berlin 1967
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