Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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DIE ALTERNATIVE ZUR FRIEDENSPOLITIK
Angesichts der Veränderungen, welche die weltweite Friedenspoli-
tik auf dem Lohnstreifen, auf dem Verbotskatalog der Gesetzgeber
und auf dem Speisezettel ganzer Regionen hervorruft, hat sich
eine Sehnsucht eigener Art entwickelt. Sie gilt dem Zustand vor-
her.
Angesichts der Veränderungen, welche die Friedenspolitik ver-
heißt, wenn die "Kriegsgefahr" auch für mitteleuropäische Schön-
färber keine bloße Gefahr mehr ist, hat sich ein noch eigenarti-
geres Bedürfnis breitgemacht.
Es gilt dem Leben. Beides ist nicht der Weisheit letzter Schluß.
Der Entschluß, die Verschlechterung seiner und anderer Leute Lage
zum Anlaß zu nehmen, die Verhältnisse von gestern nachträglich zu
begrüßen, zeugt nur von einer armseligen theoretischen Kunst: der
des Vergleichs. Diese Rechnungsart taugt immer zur Relativierung
der eigenen Unzufriedenheit, und noch nie hat sie jemand dazu ge-
braucht, um einer maßgeblichen Instanz die Anerkennung zu versa-
gen, geschweige denn, um ihr das Handwerk zu legen. Vergleiche,
räumlich wie zeitlich, der eigenen "Lage" mit der anderer Welt-
bürger stellen B e t r o f f e n e an, die sich auch als solche
verstehen. Im Klartext: Wer sich nachträglich die "besseren Zei-
ten" von Wirtschaftswunder und -wachstum so zurechtlegt, als hät-
ten sich Leistung und Mitmachen - verglichen eben mit heute - da-
mals noch gelohnt, hat etwas versäumt. Die Frage nämlich, ob sein
bescheidenes Mittun und Auskommen nicht den
Z u s t ä n d i g e n die Freiheiten verschafft hat, an denen er
heute laboriert! Wer nachträglich die "Ära der Entspannung" als
eine Politik schätzt, mit der er noch lange und brav ohne Angst
hätte leben können, hat etwas übersehen. Die Tatsache nämlich,
daß da die Waffen unter seiner Zustimmung akkumuliert worden
sind, mit denen die Kritiker der Entspannung heute ihre Politik
der Stärke betreiben! Wer gar gemerkt hat, daß der "Ost-West-Ge-
gensatz" mit einem auch auf unsere zivilisierten, europäischen
Breiten ausgedehnten Welt- und Atomkrieg schwanger geht, und des-
halb im Namen des schieren L e b e n s um Rücksicht auf die
Menschheit nachsucht, ist nicht oppositionell, sondern ganz be-
scheiden geworden. Ihm ist ebenfalls einiges entgangen: Erstens,
daß sich beim weltkriegsträchtigen "Ost-West-Konflikt" Urheber
und Adressat unterscheiden lassen - und zwar seit der ersten
Stunde der BRD und der NATO. Zweitens, daß besagter Konflikt im-
merzu kriegerisch ausgetragen wurde. Die einschlägigen Waffen-
gänge wurden nach demokratischem Sprachgebrauch "lokale" oder
"begrenzte" Konflikte getauft, weil die Partei der Freiheit immer
auch ihre Hauptaufgabe als eine noch zu lösende Angelegenheit be-
trachtete: daß hinter jeder "Friedenslösung", hinter jedem be-
rechtigten "Eingreifen" und hinter jeder unerträglichen "Teilung"
der Russe lauert, wurde deutlich geäußert. Drittens, daß diese
gar nicht gemütliche Zeit der "ent"-spannenden Friedenspolitik
ebenso auf Kosten der friedliebenden "Bürger" durchschritten wor-
den ist wie die heutige. Sie waren sogar in ihrer demokratischen
Dienstbarkeit d a s Material und Mittel, dar zu praktizieren,
was regierende Demokraten so schätzen: H a n d l u n g s-
f r e i h e i t.
Diese Versäumnisse lassen, einmal bemerkt, doch heute nicht zu,
F r i e d e n zu murmeln, zu singen, zu beten und zu fordern.
Gerade die beargwöhnten Veränderungen, die verantwortliche Poli-
tiker und Wirtschafter daheim und auswärts heute verfügen, legen
einen ganz anderen Schluß nahe als den, an ihren Respekt vor dem
Menschen und dessen Leben zu appellieren.
Wie wär's denn mal mit einer Überlegung ganz anderer Art: denen,
die Arbeit und Wählerstimmen, Pflichterfüllung und Gehorsam im-
merzu fordern, um sie guten Gewissens und unter Berufung auf die
ihnen erteilten Befugnisse auszunutzen; die unter "Frieden" ihre
Freiheit und den Erfolg der Nation ohne störenden Osten verstehen
also einen Feind küren und ihre Untertanen auf seine Beseitigung
vereidigen -, d e n e n d a s H a n d w e r k z u l e g e n?
Statt: "Laßt uns und. anderswo leben!" einmal die Parole: "Mit
dem Ertrag unserer Arbeit, mit unseren Opfern, die ihr so rührend
lobt, läuft nichts mehr!" Statt "Wir wollen Frieden und verdienen
ihn als anständige Leute auch!" einmal die Kündigung des "inneren
Friedens"! Eine Beendigung aller "Handlungsfreiheit" und
"Regierungsverantwortung" durch die, ohne deren Dienste ein Kohl
und Reagan, ein Weinberger und Wörner nichts, aber auch gar
nichts mehr sind.
Sicher, Kampf ist etwas anderes als konstruktive, friedfertige
Kritik. Und Streiks sind auch eine härtere Sache als Händchenhal-
ten bei Ulm. Ganz zu schweigen davon, daß das alles
A r b e i t e r s a c h e ist, bei der auch der ganz spezielle
Berufseifer von Pfaffen, Liedermachern, Tierschützern und Frauen
nichts verloren hat. Aber die Veränderungen, die da zustandekom-
men, sind allemal denen vorzuziehen, welche die Friedenspolitiker
aus den Hauptstädten der Freiheit anrichten! Lieber eine ver-
staubte Arbeiterbewegung als staubige Menschheitsbetörung, die
nicht einmal einen Feind entdeckt - höchstens den verordneten...
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Zu einfach?
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"Für eine Demokratie wird es niemals irgendeinen Grund geben,
einen anderen Staat anzugreifen. ... In allen Teilen der Welt
schürt die Sowjetunion den Krieg, um Einfluß zu gewinnen. 140
Kriege haben seit dem Jahr 1945 stattgefunden während dagegen bei
uns die Waffen schwiegen. Warum? Weil wir nicht wehrlos waren,
weil ein Krieg gegen uns, die NATO-Staaten, nicht gewonnen werden
kann." (Friedensforum, Bonn, 1983)
Warum also? Weil "wir" vielleicht seit 1945 so stark sind, daß
"wir" überall auf der Welt Krieg führen können, ohne daß "uns"
umgekehrt irgendjemand anpinkeln kann. Nicht einmal die So-
wjetunion. Das "Argument" "Polen-Afghanistan etc." mögen brave
Deutsche einfach nicht umdrehen. Griechenland, Korea, Kongo, Do-
minikanische Republik, Cuba, Ägypten, Vietnam, Israel, Südafrika,
Tschad, Libanon, Falkland, El Salvador, Nicaragua, Grenada.... zu
einfach"?
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