Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Das Ergebnis des Moskauer Friedensforums
SIEBEN MINUTEN LANG BASTIANS HAND AN GORBATSCHOWS BRUST ODER:
WARUM WEINTE MARIA SCHELL?
Die Öffentlichkeit ist gespalten. Einerseits geradezu begeistert,
was in Moskau alles geht, andererseits - gerade wegen der Begei-
sterung - richtiggehend erbittert, was das wieder für ein mieser
Trick ist. Propaganda!
1.
Abgelehnt wird mit dieser vernichtenden Kritik der Veranstaltung
keineswegs das, was die 900 Persönlichkeiten in ihrer einmaligen,
handverlesenen Art in Moskau alles propagiert haben. Die unbe-
streitbare Tatsache, daß ihnen die Machtübernahme im Kreml nicht
ganz gelungen ist, wird da enttäuscht zur Kenntnis genommen. Ein
gestandener westlicher Beschauer wendet sich beleidigt von einem
Schauspiel ab, das aufgrund der schieren Anwesenheit dieser ge-
ballten Ladung westlicher Prominenz den Gastgebern zu unverdien-
tem Ansehen verhilft.
2.
So gereichen die gedanklichen Tiefflüge, die unsere Creme unter
der Patronage des "Unrechtssystems" mit Sacharow ausgetauscht
hat, dem Kreml keineswegs zur Ehre. Gewicht kommt den Meinungsäu-
ßerungen des Personenkreises, der bei uns zur E l i t e zählt -
geist- und geldmäßig -, nur insofern zu, als diese Menschen guten
Willens hier bei uns im Ruf stehen, bedeutsam zu sein. Armes Mos-
kau, wie tief bist Du gesunken! Jede besoffene Troika an einem
Wodkastand am Rande Deiner schönen Parks macht Dir mehr Ehre als
die gastfreundliche Beherbergung eines deutschen ' Bankers, einer
überkandidelten Schauspielerinnenriege und von eingebildeten
Dichtern.
3.
Die maßgeblichen Russen erliegen offensichtlich einem Fehler, der
die Ostslawen seit Menschengedenken bewegt. Sie lassen auch in
den Jahren der atomaren Waffenkonkurrenz Kultur und Seele hochle-
ben. So sehr, daß es ihnen gar nichts ausmacht, wenn die ein-
geladene Westprominenz auf feindlichem Territorium westliche
Ideale und Werte bejubelt. Die Teilnehmer waren in großer Mehr-
zahl einfach hingerissen darüber, daß sie sich zu Besuch beim
Feind genauso aufführen durften wie zu Hause, nämlich neben der
Repräsentation ihrer jeweiligen Persönlichkeit ein bißchen gegen
die Gastgeber hetzen konnten und zum Schluß nicht einmal eine
matte Einheitsresolution zu unterschreiben brauchten. Genauso wie
zu Hause stimmt natürlich nur in einer Hinsicht: Zu Hause be-
stellt man sich nur die eigenen Lobhudler und keine mit unpassen-
den Neigungen. Da fliegen ja schon Journalisten, die die
falschen. Fragen stellen, aus den Fernsehdebatten heraus, bevor
die losgehen. Insofern haben die Russen eine Veranstaltung aufge-
zogen, die sich kein westlicher Staat jemals leisten würde.
4.
Bloß was für eine. Daß man im Ostblock immer schon besonders viel
auf solche Institutionen gegeben hat wie eine
"Weltöffentlichkeit" oder genauer: eine "Weltmoral", weiß man ja.
Daß man die formelle Differenz von Agenten der Herrschaft und
Ausbeutung und den Vertretern der dazugehörigen Moral, Pfaffen
und Philosophen, schon immer mit einem sehr k r i t i s c h e n
Verhältnis verwechselt hat, ist auch nicht neu. Aber wenn man
sich jetzt das komplette Führungspersonal der westlichen Weltmei-
nung von den Kirchen bis hin in sämtliche Unarten und Idiotien
des geistigen Überbaus krallt, um mit denen das dünnste und denk-
bar dümmste Einverständnis herzustellen, damit man sich darauf
berufen kann, dann überschreitet der Opportunismus jede Scham-
grenze.
5.
Für das erschütternde Bekenntnis, daß die 900 wahrhaftig alle
f ü r und nicht g e g e n den Frieden sind, hätten sie die
Fahrkarten erst gar nicht verschicken brauchen. Das hätten sie
von Caspar Weinberger und Yitzak Schamir schriftlich bekommen
können, jeden Tag dreimal. Und umgekehrt können sie doch kaum
ernstlich glauben, daß z.B. beim nächsten Raketenbeschluß in Ita-
lien die italienische Fan-Gemeinde von Claudia Cardinale macht-
voll aufsteht: Mit uns nicht! Weil unsere Claudia ist für den
Frieden! Oder die Kunden von Yves St. Laurent... oder die von der
Deutschen Bank...
6.
Das "neue Denken", das Gorbatschow vor dieser eindrucksvollen
Versammlung von Moralisten, Spinnern, Fatzken und Profitgeiern
wieder einmal verkündet hat, bedeutet zumindest in der Hinsicht
offensichtlich eine Entscheidung zu hemmungslosem Idealismus:
Kein noch so abartiges Exemplar für gutes, weil beliebtes Men-
schentum im Westen darf als Argument für die Bedeutung des Frie-
dens, also: für die sowjetische Opposition gegen die Kriegsent-
scheidung der NATO ausgelassen werden. Opposition in irgendeinem
anderen Sinne kann sich die Sowjetunion überhaupt gar nicht mehr
vorstellen. Sie lädt sich lieber die Meinungsführer - und seien
es auch die hinterletzten Wurmfortsätze von freier Meinung - ein
als Kritiker der westlichen Welt. Oder einige der von ihr sattsam
zitierten Opfer des Imperialismus: Neger, Arbeitslose, Arbeiter,
die sie sich offensichtlich nur noch als Friedens-Berechtigte und
nicht mehr als Interessenten an Klassenkämpfen vorstellen kann.
7.
Ein garantiert hundertprozentiges Bekenntnis zum Frieden haben
die Veranstalter dann auch bekommen, von vielen auch noch das Zu-
satzkompliment, daß sie glauben, daß die Russen zur Zeit mehr für
den Frieden tun als die Amis. Das war's denn auch. Mehr können
Karel Gott gemeinsam mit Pierre Cardin, Yoko Ono "im Gespräch"
mit Max Frisch, ein paar abgewrackte Filmdivas und Wirtschafts-
bosse wohl kaum an Gedanken über die Weltlage ausbrüten. Sie kön-
nen an den Kameras vorbeilaufen und den Stuß erzählen, den sie
auch sonst immer erzählen. Grinsen kann der senile Gregory Peck
immer noch. Der alte Galbraith, den es unter dem Etikett
"Sozialist" auch dahin verschlagen hat, scheint seine Lebenser-
findung, der Kapitalismus wäre eine "Leistungsgesellschaft", in
irgendeiner Art und Weise in ein Friedensthema vermantscht zu ha-
ben. Graham Greene war begeistert, weil er so viel Gemeinsamkeit
angetroffen hat. Die gefällt ihm schon so gut an Nicaragua, wo
Kommunisten und Katholiken Seite an Seite kämpfen - herrliche Zu-
stände! -, daß er sich jetzt nur noch einen Sowjetbotschafter im
Vatikan wünscht. Max Frisch erzählt live im Sowjet-Fernsehen, daß
keiner - und erst recht nicht die KPdSU die "Prawda" gepachtet
hätte. Maria Schell weint wie immer - jetzt für den Frieden, und
weil sie bedauert, daß ein resolutionsähnlicher Brief an Frie-
densfreund Reagan diesen verprellen und ungnädig stimmen könnte.
Egon Bahr hetzt wie immer - für den Frieden: Die Russen sollen
SDI billigen und abrüsten. Sacharow stimmt ihm zu und plädiert
für viele, viele AKWs. Sein neuer Tip: unterirdisch! Genau der
richtige Gast für die deutschen Grünen. Und dann geht endgültig
alles in Rührung über. Petra Kelly darf Gorbi die Hand geben; sie
(Eigenton) "fleht ihn auch noch an, alle, aber auch alle politi-
schen Häftlinge freizulassen", und hat jetzt für immer und ewig
in ihrem geistigen Poesiealbum stehen: "Wie ich einmal mit dem
zweitmächtigsten Mann der Erde viele unglückliche Gefangene be-
freit habe..." Und wenn nichts daraus wird, aus dem Frieden oder
den Gefangenen, ist ja auch egal, weil die Sowjetunion nach wie
vor ein Staat ist, der sich mit dem Rest der Welt in einer mili-
tärischen Konkurrenz befindet und zur Entscheidung gefordert
wird, dann bleibt unserer Petra immer noch die Erinnerung plus
die Erkenntnis, daß es letztlich doch an dem häßlichen russischen
Menschenschlag gelegen haben muß. "Mit den Grünen war sich Ells-
berg darin einig, daß das Ehepaar Gorbatschow 'ganz anders ist
als alle anderen hier'. Petra Kelly hatte von Gorbatschow sogar
den Eindruck, 'der paßt gar nicht zu den anderen'." (Süddeutsche
Zeitung 18.2.) Paß' bloß auf, Petra!
8.
Zumindest ideologisch geschieht es den Russen recht: Wer so ein
Feindbild entkräften will, dem saufen lauter falsche Freunde den
Wodka weg.
9.
Wenn man dpa glauben kann, geht der Wahnsinn überhaupt erst rich-
tig los:
"ROM, 16. Februar. Zwischen dem Vatikan und der Führung der UdSSR
gibt es erste Kontakte, um 1988 in der Sowjetunion einen großen
Kongreß von Katholiken und Marxisten zum Thema 'Ist Gott wirklich
tot?' zu organisieren." (Frankfurter Rundschau, 17.2.)
Wenn Gott noch lebt, prüft er gerade seine Teilnahme.
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