Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Friedensbewegung
DIE LETZTEN (FORT-)SCHRITTE
Obwohl sie als Bewegung f ü r den Frieden schon immer mehr war
als eine reine Oppositionsbewegung, betrachtete sie es als eines
ihrer wesentlichen Ziele, die Aufstellung der neuen Mittel-
streckenraketen zu verhindern. Das brachte dieser neuen
"Fundamentalopposition" ziemlich schlimme Vorwürfe ein bis hin
zum Kommunismusverdacht. Sie paßte nicht ins öffentliche Bild der
auf innere Einheit ausgerichteten Vorkriegszeit.
Die Aufstellung der Raketen ist näher gerückt - und auch die
Friedensbewegung zweifelt nicht mehr an ihrer Realisierung. Dane-
ben feiert sie ihre - nach eigenem Bekunden - 500000 Mann-/Frau-
Demo als großen Erfolg und ist sogar in Form der Grünen in etli-
chen Parlamenten vertreten. Die öffentliche Kritik wurde diffe-
renzierter: Ihren Idealen wird durchaus Anerkennung gezollt, und
der Kommunismusvorwurf aus CSU-Kreisen wird mit dem fast ver-
ständnisvollen "nicht bewußt" garniert. Da muß sich auch mit der
Bewegung einiges getan haben, die solches erreicht hat.
Die Bewegung
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An der im Dezember '79 beschlossenen und für Herbst '83 geplanten
Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Europa und v.a.
in der BRD könnte einem auffallen, daß die NATO-Politiker ihrem
Bündnis die militärische Überlegenheit über den Hauptfeind si-
chern w o l l e n, um im Umgang mit ihm jede Freiheit bis hin
zum Krieg zu haben. Das läßt auch den Schluß auf den Zweck der
westlichen Gemeinsamkeit zu, den Ostblock "aus der Geschichte" zu
tilgen.
Die Bedrohung der Menschheit
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Das mochte der Friedensbewegung an der "Nachrüstung" nicht auf-
fallen. Dennoch machte sie ausgerechnet an diesem
w e i t e r e n westlichen Rüstungsschritt Opposition. Ihr fie-
len an den neuen Waffen gerade nicht die beabsichtigten, sondern
die m ö g l i c h e n Wirkungen - die Zerstörungs k a p a-
z i t ä t - auf; und an den ausgemalten Wirkungen für Deutschland
und Europa wurden die Atomwaffen überhaupt als Gefahr für die
Menschheit thematisiert. So betrachtet Bastian
"Hiroshima als die eigentliche Zeitwende in der Menschheitsge-
schichte..., weil der seit jeher im Bewußtsein individueller Be-
drohung lebende Mensch erst von diesem Tag an mit dem Bewußtsein
leben muß, auch als Spezies ausgelöscht zu werden. Leider (ist
dies)... nicht ins Bewußtsein ihrer Sachwalter gedrungen..."
Hierin ist ausgesprochen, wieso jemand darauf kommt, die Atomwaf-
fen als Wirkung ohne Zweck zu betrachten: er glaubt den Politi-
kern des Westens die Ideologie, sie seien die "Sachwalter der
Spezies Mensch". Er hat nicht nur die Identifikation des Indivi-
duums mit dem nationalen "wir" und seiner Verwaltung durch die
Führer der Nation im Kopf, sondern auch das Ideal des Imperialis-
mus, wonach alle Nationen in der internationalen Völkergemein-
schaft, der Menschheit also, zusammengefaßt sind als ein gemein-
sames Interesse und die internationale Politik in dessen Verwal-
tung besteht. So wird die internationale Politik an der dem Bild
von der "Katastrophe der Menschheit" zugrundeliegenden und ihr
entgegengehaltenen Idealität des Friedens für die Menschen - "Wir
und alles lösen sich in der Einheit auf - und das ist Frieden"
(Dieter Mittelsten Scheid) - gemessen; dies Ideal hat die ideelle
Negation der existenten internationalen und nationalen Gegensätze
zum Inhalt - denn wer käme auf Einheit als Zweck, wenn er nicht
von Gegensätzen ausginge -, und ist nicht frei von dem Wider-
spruch, die Einheit der Menschheit, die es herzustellen gelte,
jenseits aller Gegensätze bereits zu unterstellen. An der an die-
sem Ideal gemessenen internationalen wie nationalen Politik wer-
den dann immer Verstöße dagegen ausgemacht. Schon die diese Kri-
tik benennenden Termini - "Verantwortungs l o s i g k e i t",
"verhängnisvolle F e h l entscheidung", "Rüstungs w a h n-
s i n n" - zeigt die Negativität, das Messen dieser Kritik mit
dem an ihr festgestellten Mangel als Resultat.
Und weil man die positiven Zwecke der Politik und i h r e ver-
heerende Wirkung nicht sehen will, d ü r f e n auch die Mittel,
mit denen genau das Subjekt des eigenen Ideals vernichtet werden
könnte, keine Mittel der internationalen Politik sein. Die Konse-
quenz dieser moralischen Kritik ist dann der messerscharfe
Schluß, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. An den genau
auf diese Mittel abzielenden Maßnahmen und Entscheidungen der Po-
litiker, wie z.B. am Raketenbeschluß, wird dann ein "Versagen der
Politik" bei ihren Aufgaben konstatiert. Ein Urteil, das damit
zugleich die Resultate der Politik als von ihr zu lösende Pro-
bleme ausspricht:
"Kein einziges Problem, welches vor zehn oder zwanzig Jahren be-
standen hat, ist einer Lösung auch nur einen Schritt näher ge-
bracht worden. Im Gegenteil: Die Probleme haben sich (!) ver-
schärft. Aber alle Politiker und alle Regierungen haben nur (!)
das eine Ziel: genauso weitermachen wie bisher..." (Hans A.
Pestalozzi)
Diese in ihrer Solidarität mit der Politik solidarisch, weil ein
gemeinsames Interesse, das vor gemeinsame Probleme gestellt ist,
angenommen wird - sehr radikale Kritik der westlichen Aufrü-
stungsbeschlüsse verliert zwar das Vertrauen in die "ihre Augen
vor den Problemen verschließenden" Politiker, hält aber gerade
darin am Vertrauen in die Politik fest.
Die Kritik der Waffen...
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rückt daher in den Mittelpunkt, denn sie sind d e r Fehler der
Politik. Und wer nicht den Schluß von der Wirkung auf den damit
beabsichtigten Zweck ziehen will, der hält sich an der Logik von
Ursache und Wirkung fest, die darin besteht, in dem, w a s
wirkt, die Ursache zu erkennen. So werden die Waffen als Ursache
ihrer eigenen Wirkungen zum Angriffspunkt. Die politischen Sub-
jekte, die diese "Ursachen" schließlich in die Welt setzen, wer-
den zum bloßen Vermittler der "Logik der Waffen":
Im "Rüstungswettlauf"
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der Supermächte wird deren Ankauf von Waffen tautologisch um sei-
ner selbst willen begründet, in der "Rüstungsspirale" ist die Er-
innerung an die Auftraggeber bereits durchgestrichen und im tau-
sendfach der Fantasie freien Lauf lassenden Bild von der Selbst-
auslösung des Krieges sollen konsequenterweise die bereits bei
ihrer Anschaffung von allen Auftraggebern emanzipierten Waffensy-
steme auch noch ihre Anwendung selbst herbeiführen, was nichts
anderes bedeutet als den Unglauben an die Anwendung dieser Waf-
fen. Der Krieg ist dann kein - "falsches" - Mittel der Politik
mehr, sondern ein Subjekt, das uns als Gefahr bedroht. So stehen
sich als Antipoden auf der Weltbühne nicht mehr zwei
"Supermächte" gegenüber, sondern der Mensch und die Waffe:
"Atomwaffenfreiheit, wo immer beginnend, muß das Ziel dieses
Krampfes sein, der von der Menschheit gewonnen werden muß, will
sie nicht an sich selbst zugrunde gehen." (Bastian)
Kommt ein Mann wie Bastian, der durchaus weiß, daß die
"Nachrüstung" dem Westen Überlegenheit verschafft, erst einmal
auf die Menschheit, dann wird sie Subjekt und Objekt ihrer Ver-
nichtung zugleich und davor verblaßt denn auch die unterschiedli-
che Waffenpotenz von West und Ost, die Atomwaffen - "wo immer be-
ginnend" - werden gleichgültig zum Feind.
...in West u n d Ost
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Den Atomwaffen - einmal als Bedrohung genommen - ist der Unter-
schied in den politischen Zwecken ihrer Auftraggeber ja tatsäch-
lich nicht anzusehen. So ging die Friedensbewegung von ihrer Op-
position gegen Cruise Missile und Pershing II ab, indem sie sie
"erweiterte". Daß sie diesen Übergang auf Kritik von oben hin
vollzog, ist kein Argument gegen die ihrer Opposition entsprin-
gende Logik des Übergangs; schließlich hätte sie der öffentlichen
Kritik ja nicht nachgeben zu brauchen. Aber mit der Art ihrer Op-
position gegen den Doppelbeschluß entzog sie ihr selbst das
Standbein der "Einseitigkeit". Sie wollte nicht mehr "auf einem
Auge blind sein". Das führt zum Widersinn, daß die Friedensbewe-
gung Opposition gegen die NATO macht, die genau dem NATO-Diktat
der Nullösung gegen die Russen entspricht. Und mit den russischen
SS 20 rückte auch die östliche "Schwerter-zu-Flugscharen"-Bewe-
gung in den Mittelpunkt der Friedensbewegung, unisono mit den
NATO -Parolen für Freiheit im Osten. Dem "Widerstand" gegen die
westliche Aufrüstung ist damit der letzte sachliche Gehalt genom-
men; er reduziert sich auf die formelle Differenz, daß die Frie-
densbewegung ihre Parolen ganz anders m e i n t als die von ei-
nigen Politikern so apostrophierte "größte Friedensbewegung"
NATO: nämlich als Aufweis der Berechtigung ihrer Kritik an der
westlichen Aufrüstung. Bloß, was hilft's, wenn dann als einzige
Differenz der formelle Vorwurf an die Herren im Bündnis übrig-
bleibt, ihre "Nullösung" wäre schon recht, sie würden bloß nicht
ernsthaft dafür verhandeln! Hauptaufgabe solcher Opposition ist
dann, die USA zu Verhandlungen zu dem "zu zwingen", worüber sie
eh verhandeln und - je nach nationaler Gesinnung - die eigene Re-
gierung in ihrem Einfluß auf die Amis zu unterstützen.
Kein Wunder, daß eine solche Friedensbewvegung, die sie späte-
stens seit dem 10. Oktober '81 ist, nicht mehr der früher übli-
chen Anfeindung ausgesetzt ist, ja für ihr Ideal der beiderseiti-
gen Abrüstung sogar teilweise Lob erntet, freilich mit dem unver-
schämten Anspruch verknüpft, sie solle ihre
Friedfertigkeit
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unter Beweis stellen. Und das tut sie! Denn wer der Politik die
falschen Mittel für ihre verschimmelte Aufgabe der Menschheits-
verwaltung vorwirft, der will auch konsequent beweisen, daß die
Menschheit dieser Mittel nicht bedarf, sondern bereits
fried f e r t i g ist. Und was wäre eine Friedensbewegung, die
das Ideal des friedlichen Zusammenlebens predigt, wenn sie das
nicht selbst einlösen würde. Sie wird an ihrem eigenen morali-
schen Maßstab gemessen und mißt sich selbst daran, um ihre
B e r e c h t i g u n g unter Beweis zu stellen. Die einzige
Forderung, die dementsprechend auf der letzten Demo an die Poli-
tik übrigblieb, war die devote Bitte: Laß mich in Frieden fried-
lich sein! Ich bin dafür eine positive Bedingung.
Diese Inpflichtnahme der Menschheit für den ihr zukommenden Frie-
den ist eine Verlängerung des Bildes von der Politik als
"Sachwalter der Spezies Mensch". Daß damit der Politik ein
Freibrief für ihr Gewaltmonopol, mit dem sie nicht nur die Aufrü-
stung durchsetzt, erteilt ist, wollen die Friedensbewegten nicht
einsehen. Im Gegenteil: Weil sie von ihrer Vorstellung ausgehen,
die Politik würde sich an ihren Untertanen als Teil des einen
großen Ganzen orientieren, sehen sie in ihrer Drucklosigkeit ge-
rade ihre Stärke und konstatieren allenthalben Wirkungen ihres
Treibens auf die Macher, bis hin zu dem Größenwahn, daß Reagan
und überhaupt der NATO-Gipfel ausgerechnet wegen ihnen nach Bonn
gekommen wären.
Eine glaubwürdige Bewegung
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In all ihrer Friedfertigkeit versteht sich die Friedensbewegung
nicht nur als Appell an die Politik, sondern in voller idealisti-
scher Widersprüchlichkeit auch als Appell an die übrige Mensch-
heit. Sie wissen um ihre Differenz zum "normalen Bürger", der mit
ihren Absichten durchaus nichts im Sinn hat, und begreifen sich
zugleich als Anwalt von dessen Friedfertigkeit, die der zumindest
noch nicht unter Beweis stellen will. Da also auch das Verhältnis
der Friedensbewegten zum Rest der Menschheit durch den Glauben an
ein ideelles Gesamtinteresse geprägt ist, das gleichzeitig immer
noch nicht hergestellt ist, gehen sie nicht auf Überzeugung durch
Kritik aus, sondern auf Vereinnahmen unter Berufung auf die Ge-
meinsamkeit. Daher kümmert sich die Friedensbewegung auch nicht
um Argumente, sondern um "Glaubwürdigkeit". In dieser Vokabel ist
der ganze dialektische Pfiff im Standpunkt der Friedensmenschen
zusammengefaßt und von je dem sachlichen Interesse und politi-
schen Willen gesäubert.
Wer glaubwürdig sein will, der tut grade so, als würde der Gegen-
satz zum Gegenüber, den er damit überwinden will, aus der Welt
geschafft durch bloße Berufung auf die Gemeinsamkeit, durch ihre
glaubwürdige Darstellung. Dabei macht es einen großen Unter-
schied, ob die Apostel der Glaubwürdigkeit solche mit Macht sind,
wie die Herren Politiker, die bei ihrer Durchsetzung auf Glaub-
würdigkeit gerade nicht angewiesen sind, oder solche, die außer
ihrer Glaubwürdigkeit nichts aufzuweisen haben. Im Unterschied zu
den Zynikern der Macht sind die Friedensbewegten Idioten der Ohn-
macht, die nichts anderes glaubwürdig beweisen Glaubwürdigkeits-
gefimmel selbst verpflichtet haben: daß sie keines ihrer Anliegen
durchsetzen wollen und darin ihre Berechtigung haben. Für ein
solches Anliegen ist natürlich die Glaubwürdigkeit schon der Er-
folg. Die ursprünglich noch intendierte Verhinderung der
"Nachrüstung" ist bei diesem Standpunkt passe - im Namen der
Ideale, mit denen sie begründet wurde. So wird mit der Stationie-
rung bereits kalkuliert und sich zurechtgefunden. Und diejenigen,
die noch vor zwei Jahren so von ihrem Idealismus überzeugt waren,
daß sie die "Nachrüstung" für nicht "durchsetzbar" hielten, sind
heute noch um soviel mehr von ihrem Anliegen überzeugt, daß sie
die Verhinderung für nicht "durchsetzbar" erklären. So bewahren
sie sich ihre Bewegung, und die sieht inzwischen genauso aus, wie
sie geworden ist.
Für Frieden pur
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Wer sein Ideal an der restlichen Menschheit praktiziert, wird ge-
walttätig; wer, es an sich selbst praktiziert, verrückt. Die
Friedensbewegung hält sich, das zeigen ihre Erfolgsmeldungen, für
ihr realisiertes Ideal und verhält sich dementsprechend. Die Be-
wegung hat sich in ihrem Selbstbewußsein aufgelöst, dessen Prak-
tizierung zugleich dessen Demonstration ist, weshalb auch große
Demos "kein adäquates Kampfmittel" mehr sind.
Den Frieden im Herzen
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Was soll man denn davon halten, wenn einige Zehntausend auf einem
alternativen Katholikentag Lieder singend fröhliche Kindertänze
aufführen? Und ausgerechnet diese Albernheiten betreiben sie als
"Opposition" gegen den offiziellen Katholikentag, auf dem Politi-
ker und Pfaffen in größter Einmütigkeit Kriegshetzen in Sachen
Frieden durch Freiheit für unsere Brüder und Schwestem im Osten
vom Stapel lassen und zudem die Unverschämtheit besitzen, den in-
neren Frieden für den äußeren verantwortlich zu machen, so als ob
sie bei einem Aufstand Krieg gegen den Osten anzetteln würden.
Man kann daran sehen, daß die Politiker um so unverschämter den
inneren Frieden einfordern, je weniger ihn jemand in Frage
stellt; denn innerer Friede war noch immer d i e Bedingung für
Freiheit nach außen. Und da feiern die Friedenskinder, daß sie
nicht nur, wie so ziemlich jedermann in diesem Lande, den inneren
Frieden einhalten, sondern geben das auch noch als ihr dezidier-
tes Menschheitsrettungsprogramm aus. Sie meinen offensichtlich,
daß der Friede im Herzen und ein dementsprechendes Benehmen be-
reits Grund und Inhalt einer anderen Welt wäre. So vollziehen sie
die Ansprüche der Politik mit Übersoll an sich und machen mit
diesem Übersoll Opposition. Und zwar Opposition für (!) den Frie-
den, der die Verantwortung aller herausfordert, der sie stellver-
tretend für den Rest der Welt entsprechen. So brauchen sich diese
Stellvertreter der Menschheit im Kleinen um das, was die Politi-
ker mit etlichen Teilen derselben an Ausbeutung, Gewalt nach in-
nen und periodischen Kriegen anstellen, nicht mehr zu kümmern;
zumindest nicht als etwas, was ihre Selbstzufriedenheit stören
könnte. Daß die Welt um sie herum schlecht ist, das wissen sie
mit schlechtem Gewissen und machen daraus ihren Auftrag zum guten
Gewissen, daß sie besser sind. So haben sie ihren Ausgangspunkt
vom schlechten Verwalter der guten Menschheit auf seine morali-
sche Qualität reduziert, daß es am guten oder schlechten Menschen
liegt, wie die Welt aussieht. So ist die Menschheit selbst schuld
daran, wenn sie schlecht verwaltet ist. Die Bewegung gegen die
"Nachrüstung", teils schon immer im Büßergewand angetreten, hat
sich gänzlich zur Jüngerschaft Jesu entwickelt, der ihr einiges
mit auf den Weg gegeben hat:
"Jesus von Nazareth... wollte das Schöpferische in den Menschen
provozieren, wollte ihnen zeigen, daß nur eine neue Art des Zu-
sammenlebens, des Handelns für und mit anderen die Umstände, die
menschliches Leben beschädigen, beseitigen hilft, und daß jeder
selbst sein Scherflein zur Unterdrückung des anderen beiträgt."
(Manfred Kühle)
Und die religiöse Dialektik des Guten im schlechten Menschen und
umgekehrt beherrscht auch die nicht unmittelbar pfäffischen
"Friedensinitiativen"
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in denen die friedensbewegten Aktivisten ihrem Selbstbewußtsein
der aus reinem Herzen kommenden Verantwortung für das Wohl der
Welt freien Lauf lassen und um die Vermehrung ihrer Gemeinde wer-
ben. Sie beherzigen dabei den Grundsatz, daß Selbstdarstellung
die beste Werbung für ihr Anliegen ist.
- Sie führen sich Filme von Hiroshima, Nagasaki und anderen
Brandwundern dieser Welt vor und bestaunen in Galerien deren Re-
sultate, um sich selbst in ihrer moralischen Empörung über die
Schrecken der schlechten Welt zu gefallen und in anderen die gute
Saite zum Schwingen zu bringen und merken dabei nicht einmal, daß
jeder Politiker und jede Oma auch ohne unmittelbare Bebilderung
darin mit ihnen einig sind, dies alles als sehr schrecklich zu
empfinden. Denn schließlich ist das die Moral, die zu jedem Krieg
dazugehört, seine Opfer zu bedauern, wie es auch von den öffent-
lichen Fernsehanstalten anläßlich der jüngsten Kriegsopfer, v.a.
der unschuldigen Frauen und Kinder, wieder in aller Humanität
vorgeführt wurde. Und daß es "nie wieder Krieg" gibt, das ist die
gemeinste Auffassung von jedem Krieg, mit der man sich über die
Kriegsvorbereitungen hinweg tröstet.
- Sie diskutieren alternative Verteidigung, um sich ihr Ideal
auszumalen, daß es im Krieg um ihre Verteidigung geht und daß sie
deshalb - ein kleiner Widerspruch zum Krieg! - auch nicht dabei
draufgehen dürfen. Und daß sie einen Feind haben, das übernehmen
sie dabei allemal aus der offiziellen Kriegspropaganda!
- Sie proben und praktizieren den Widerspruch des "gewaltfreien
Widerstandes", bei dem etwas verhindert werden soll, ohne dem
Feind dabei zu schaden. Aber auf Verhinderung kommt's ja nicht
an, sondern
"die Methoden des gewaltfreien Widerstandes setzen den Staat ins
Unrecht, wenn er zur Verfolgung schreitet." (Bahro, TAZ, 6.10.82)
Es ist also beabsichtigt, daß der Widerstand in der Demonstration
seiner Berechtigung draufgeht!
- Sie stellen die revolutionären Forderungen auf: "Keine Atomra-
kete in unserer Straße!" - wo die eh nicht hinsollen - und wollen
ganz normale Wohnviertel zur "atomwaffenfreien Zone" erklären
nach Unterschriftensammlungen in der Bevölkerung, ganz so als ob
Atomraketen auf Wunsch der Bewohner in deren Schrebergärten auf-
gestellt und entsprechend auch wieder beseitig würden. Freilich
sind diese "Aktionen" nicht so gemeint, die ganze BRD sukzessive
von Atomraketen zu säubern - darüber sind sie längst hinaus! -,
sondern als Ausdruck dessen, daß die Bürger - die Friedensbeweg-
ten allen voran - auf den "Schutz der Raketen verzichten", im
Volk also durchaus Friedenswille vorhanden ist. Daß sie nicht
gleich die ganze Nation auf einmal befragen, liegt daran, daß sie
sich aus einer Verknüpfung des nationalen Gedankens des friedlie-
benden Volkes mit der Liebe zur unmittelbaren Heimat - ein erzre-
aktionärer Gedanke, der die Zufälligkeit des Wohnorts bereits zum
Grund zur Zufriedenheit macht - die größte Glaubwürdigkeit ver-
sprechen.
Obwohl sie in ihren Initiativen ihre Friedwilligkeit und deren
Berechtigung immer wieder unter Beweis stellen, kommt es ihnen
doch sehr darauf an, daß ihre Friedensliebe noch durch Repräsen-
tanten aus dem öffentlichen Leben - je renommierter, desto besser
vertreten wird. So beweisen sie also durchaus auch Skepsis in
ihre Glaubwürdigkeit, die durch repräsentative Vertreter erst so
richtig Gewicht erhalten soll. Eine nicht unberechtigte Spekula-
tion auf die Realitäten der öffentlichen Meinung, vor der sich
jede noch so brav unter Beweis gestellte Glaubwürdigkeit immer
wieder als mangelhaft erweist eine Spekulation, der sich auch die
Ausrichtung von einem
Künstlerfest für den Frieden
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im Bochumer Ruhrstadion verdankt - der letzte Höhepunkt der Frie-
densbewegung. Da waren an die 200000 zur Feier des Friedens ver-
sammelt, während gleichzeitig der Abtransport der Überlebenden
des israelischen Libanonkrieges in Konzentrationslager vonstatten
ging. Da baten sie gesanglich "Give peace a chance" und waren
kaum darauf überwältigt von ihrem eigenen "We shall overcome". So
fanden sie sich also, ziemlich ungerührt vom Weltgeschehen, in
ihrem Selbstbewußtsein zusammen, für eine gute Sache zu sein und
Siegeszuversicht zu demonstrieren. Und ihre absolute Anspruchslo-
sigkeit in dieser ihrer guten Sache unterstrichen sie auch noch
damit, daß sie ihnen - gemäß den Gepflogenheiten der demokrati-
schen Gesellschaft, in der etwas immer so viel zählt wie der, der
es sagt - von einigen top stars der ebenso idiotischen wie il-
lustren Künstlerwelt als besonders gute vorgeführt wurde. Sie wa-
ren also nach Bochum geströmt in dem Bewußtsein, eine Heimat zu
haben, die Reputation genießt, daß ihr Engagement also einen Sinn
hat. Und einen Sinn im Leben braucht der Mensch allemal, um ange-
sichts der laufenden Aufrüstung und Vor-Kriege nicht zum Gegner
der westlichen Kriegsvorbereitung zu werden!
Diesen Menschen fehlt also nur noch eins rum Glück:
Die politische Heimat
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- aber die haben sie ja schon! Eine Bewegung, die am verlorenge-
gangenen Vertrauen in die Politiker leidet und sich dieses Leiden
zur eigenen positiven Qualität gemacht hat, die also Vertrauen in
die mit Macht ausgestattete Personage der Herrschaft haben will,
weil sie selbst Vertrauen verdient - eine solche Bewegung läßt
sich eben parlamentarisch repräsentieren. Mit ihren Idealen der
demokratischen Herrschaft lassen sie sich gerne zum Wähler-Idio-
ten machen, der dieses Ideal nicht nur verdient, sondern seine
Realisierung auch abtritt, wenn ihm nur ein Vertreter zu entspre-
chen scheint. Daß die Grünen keine Chance haben, mittels dieser
Ideale an die Ausübung der wirklichen Herrschaft zu kommen, läßt
allerdings eine optimale Lösung schon erwarten: Warum sollten die
Friedensbewegten nicht ihre endgültige politische Heimat in der
SPD finden, deren Demokratie-Ideale in der Opposition schnell
wieder aufpoliert sind?
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Ein bißchen Frieden, ein bißchen Freundschaft
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war wohl das Motto am 11. September im Bochumer Ruhrstadion, in
dem sich 200.000 Leute drängten, um von Gitte bis zu Harry Bela-
fonte Schlager- und Liedermacherprominenz zu bejubeln. Als Kom-
mentar dazu nur zwei Zitate. Das erste stammt von den Veranstal-
tern dieser Mammutshow "Künstler für den Frieden", der "Krefelder
Initiative" selbst, und verrät ohne Umschweife, worum es den Auf-
tretenden hauptsächlich ging (von ein bißchen Promotion für die
Plattenverkaufszahlen 'mal abgesehen):
"Im und am Ruhrstadion wird es insgesamt 6 Bühnen geben, auf
denen mehr als 200 (!) Künstler aus dem In- und Ausland ihren
Beitrag für den Frieden leisten."
Schöner kann man es nicht sagen, was Udo Lindenberg zum Frieden
beiträgt: Er s i n g t - und selbst darüber könnte man noch
streiten. Das zweite Zitat haben uns leider unbekannte Täter auf
eine Mauer in der Nähe des Stadions gesprüht und es trifft die
Beweggründe einer Bewegung, die DM 15.- Eintritt bezahlt und sich
selbst, vormacht, daß der Kunstgenuß um so größer ist, wenn für
einen guten Zweck:
"Laßt euch durch unsere kriege nicht vom feiern abhalten. Stop.
Bis bald, helmut und ronald."
***
Saubermänner
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In Anlehnung an die in jeder Straßenbahn zu lesenden Worte
"unseres" Stadtoberhauptes Kiesl (CSU) zwecks Erhaltung der
"Liebenswürdigkeit und Schönheit unserer Stadt" fordert die DKP
also Münchens Bürger auf, auch die Atomraketen in die Papierkörbe
zu werfen.
Abgesehen davon, daß uns bisher noch keine Bürger mit Atomraketen
unter dem Arm begegnet sind, hielten wir eine solche "direkte Ak-
tion" doch für etwas gefährlich hinsichtlich der Explosionsgefahr
einerseits und hinsichtlich der Überfüllung der Papierkörbe über
den ursprünglich gedachten Inhalt andererseits. Wir können außer-
dem nicht umhin festzustellen, daß die DKP den Bürger mit ihrer
etwas weitgefaßten Definition von Unrat entschieden überfordert:
Womit soll "unsere saubere Stadt" denn dann verteidigt werden?
Die DKP sollte sich diesem Problem - das dem Bürger mindestens
ebenso wichtig ist wie das der Sauberkeit - nicht länger ver-
schließen. I h r Bürgersinn kann ihr dabei sicherlich sehr
hilfreich sein.
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