Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral


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       Alternativer Nobelpreis für Hans-Peter Dürr
       

"UNBEQUEME MAHNER" - WIE WIR SIE MÖGEN

Hans-Peter Dürr ist so einer. Bekannt und geehrt für seine "profunde Kritik an SDI" und die Bemühung, "zu Weltproblemen praktikable Lösungen anzubieten". Das heißt, er hat auf sich auf- merksam gemacht mit kritischen Randglossen zu einem militärstra- tegischen Vorhaben der USA, das mit "Weltproblemen" und ihren "Lösungen" verwechselt werden sollte. Die a n e r k a n n t e n p o l i t i s c h e n Maßstäbe, wie man sich strategische Fragen a l s "Sicherheits-", "Machbar- keits-" und "Finanzierungsprobleme" zurechtlegt, hat er dabei als Naturwissenschaftsfachmann noch einmal erfunden. Das hat für eine gewisse Popularität seiner falschen Einwände gesorgt. Nach solch verantwortungsvoller Kritik herrscht offenbar einige Nachfrage. Das entsprechende Angebot hat Dürr mittlerweile noch beträchtlich erweitert. Wo immer er Menschheitsfragen auf dem Spiel stehen sieht, mischt er in diesem Sinne konstruktiv mit. Verantwortungsbewußtsein ist ja auch dehnbar und hat mit Waffen an sich gar nichts zu tun. Von der Kritik eines Waffensystems... ------------------------------------- SDI - "technisch nicht machbar" ------------------------------- "An SDI glauben doch nur Leute, die fast keine Ahnung von Technik haben", hatte er anfangs in seiner alternativen Ringvorlesung den frie- densbewegten Laien weisgemacht, die genau wie er daran gar nicht glauben wollten. Die Kollegen Naturwirte fanden derweil wenig Zeit fürs Glauben, setzten wie gewohnt ihr Wissen gemäß dem Re- gierungsauftrag tatkräftig für den Dienst an der Nation ein und verkündeten stolz erste Erfolge. So wurden der Physiker und sein unwissenschaftliches Gerede von der "science fiction" vom techni- schen Fortschritt eingeholt. Bekannt hat er seinen Irrtum nicht. Wenn er ernsthaft an die Fiktion geglaubt hätte, hätte er sich ja auch nicht so anstrengen müssen mit seinen Warnungen. Er fing vielmehr an, sich zu interpretieren. "Perfektes Abwehrsystem unmöglich" ---------------------------------- Er hege weiterhin schwere Zweifel, aber "nicht an der Machbarkeit. Ich werde da oft falsch zitiert... in meinen Augen ist jede Aufgabe, die sich hier stellt, technisch lösbar. Was ich für nicht möglich halte: daß man den Zweck - eine vernünftige Abwehr - erreicht. Warum? Die Wissenschaftler sind für ein solches System... zu einfallsreich. Auch auf der anderen Seite. Allein mir fallen im Augenblick zu jeder möglichen Maß- nahme zehn Gegenmaßnahmen ein, die mit heute schon bekannten Techniken zu verwirklichen wären." Wo d i e Kritik anfängt! Daß West und Ost wegen ihres weltpoli- tischen Gegensatzes rüsten wie der Teufel - das ist auch Dürr nicht verborgen geblieben. Allerdings sieht er das nur durch die Brille der nationalen Ideologen, das eigene Gerät diene stets nur der "Abwehr" des feindlichen. Daß Reagan mit seinem SDI trotz der zerstörerischen Atomwaffen in russischer Hand wieder mehr Kalku- lationsfreiheit mit dem Einsatz des eigenen Kriegsmaterials be- kommen will - sogar darin könnte an sich Vernunft walten. Aber daß er die Intelligenz des Feindes unterschätzt, wo doch selbst der Heimstratege Dürr im Nu... Tut er aber nicht! Solche Einwände beherzigen seine Militärstrategen längst per Beruf, bloß werfen sie darum nicht das Handtuch. Es stachelt sie vielmehr "einfallsreich", wie sie sind - an, immer neue, bessere Waffen zu erfinden, die mögliche Gegenmaßnahmen gleich mitberücksichtigen und möglichst wirkungslos machen. Es ist eben blöd, Waffen mit dem Ideal der Strategie zu kritisieren. Übermäßig überzeugt von den erschütternden Wirkungen seines Ein- falls auf die Militärs scheint Dürr selbst nicht zu sein. Vor- sichtshalber wendet er sich an die Auftraggeber und erinnert sie an die Naturgesetze, die ja bekanntlich Rechte und Pflichten der politischen Gewalt dekretieren: "Ein begrenzter Krieg - für Europa das Ende" -------------------------------------------- "Es genügen physikalische und geometrische Grundgesetze, um zu erkennen: Man sollte nicht mit Strahlenwaffen aufrüsten, sondern sie verbieten. Sie provozieren den Krieg der Sterne, den sie ver- hindern solle. Auch wenn es nur ein begrenzter Krieg wäre. Denn schon ein begrenzter Krieg wäre für uns in Europa das Ende." Das genügt, um zu erkennen, wohin es führt, wenn einer im Namen seiner naturwissenschaftlichen Kompetenz diese in Richtung auf politische Empfehlungen überschreitet: Er bringt alles durchein- ander und doppelte Schande über sein Spezialistentum. Als wäre SDI aus Mangel an Einsicht in Geometrie entstanden, und als hät- ten umgekehrt diese "Grundgesetze" den Charakter rechtlicher Vor- schriften, ergeht an die guten Verantwortlichen der Appell, die frisch bestellten Laserkanonen umgehend wieder zu verbieten. Warum? Weil sie die feine Absicht vereiteln, die Dürr mit Waffen verbindet, ausgerechnet den Krieg zu verhindern, dessen Mittel sie sind. Woher hat er das bloß? Keine Frage, weder aus der Wis- senschaft, noch aus der wirklichen Politik. Wissen um die Zwecke von beiden kann bei diesem krampfhaften Ableitungswillen politi- scher Richtlinien aus der Geometrie nur stören. Bezeichnend, wie er in seinem Idealismus die guten Ziele der Politik festhält: Daß die Abwehr der russischen Raketen so "perfekt" gar nicht sein muß, daß keine einzige mehr durchkommt; daß der "Krieg der Sterne" auf Erden stattfinden und nach dem Willen der NATO-Bünd- nispartner siegreich führbar gemacht werden soll; all das sieht Dürr nun erst recht als Verstoß gegen die friedensträchtigen und kriegsverhindernden Aufgaben der politischen Herren, die ausge- rechnet den moralischen Grundrechenarten einer physikalischen Weltvernunft entspringen sollen. Mehr als die Aufforderung an Kohl und Konsorten, sich ja den von ihnen geforderten Waffen nicht auszuliefern, und mehr als die Erinnerung, daß Rüstung, wenn schon nicht zum Schutz der Menschheit, so wenigstens zum Schutz "unseres" Europa dazusein hätte, kommt nicht heraus. Genug andererseits für eine Klarstellung den Kern der pseudosachver- ständig überhöhten Weltprobleme betreffend: Auch nur eine Art, nationalistische Sorgen um Bestand und Geltung deutscher und eu- ropäischer Macht in der Welt auszudrücken. "Alles zu teuer" ---------------- "Ich habe ein bißchen nachgerechnet: Eine Billion Dollar Kosten sind denkbar." Spricht diesmal der Haushaltsexperte? Nicht ganz. Im Unterschied zu Dürrs Rechnerei weiß der nämlich sowieso, daß nichts umsonst ist auf der Welt, schon gar nicht die Atomraketen. Darum kalku- liert er ja, besorgt sich das Geld für die unverzichtbaren Vorha- ben und spart an anderer Stelle, wo nicht die höchsten nationalen Anliegen auf dem Spiel stehen. Der Verteidigungshaushalt und al- les, was an Forschung und Entwicklung dazugehört, hat da oberste Priorität, geht es doch um die Grundlagen staatlicher Souveräni- tät, ihre Gewalt. So einfach möchte Dürr das natürlich keinesfalls sehen. Wo er den staatlichen Finanzplaner spielt, kann er sich viel sinnvollere Verwendungszwecke des vielen schönen Geldes vorstellen: ...zur wissenschaftlichen Weltregierungsberatungsinstanz -------------------------------------------------------- "Wissenschaftler sollten ihre Energie nicht für das amerikanische Sternkriegsprogramm verschwenden, sondern sich auf eine Weltfrie- densinitiative zur Lösung der Armut in der Dritten Welt, der Um- weltverschmutzung und der wirtschaftlichen Ungerechtigkeit kon- zentrieren." Das "sondern" ist gut. Je offensichtlicher es ist, daß laut Welt- macht Nr. 1 und ihren Verbündeten an SDI kein Weg vorbeiführt, je weniger deshalb auf fachmännische Warnungen vor angeblich unge- wollten, schädlichen und vermeidbaren Konsequenzen für Strategie, Finanzen und "Kriegsgefahr" gehört wird, umso größer das Bemühen um konstruktive Kritik. Die Zurückweisung all seiner Reflexionen allein durch das unbeirrte Voranschreiten westlicher Weltpolitik nimmt Dürr nicht zum Anlaß, seine wohlwollende Auffassung über deren heimlich doch gute Ziele zu revidieren. Vielmehr streicht er an diesem Idealismus jedes Moment von Kritik, verschwendet seine Energie nicht weiter darauf, die Gegnerschaft gegen Mili- tärprogramme als allgemeingültige Notwendigkeit zu begründen, s o n d e r n denkt sich Alternativen aus. Die sind danach. Als würde westliche Weltpolitik samt ihren technologischen Hel- fern nicht für Kriege, Hunger und zerstörte Lebensbedingungen sorgen, meint Dürr, sie hätten bloß den Kampfdagegen schleifen lassen. Wo kommen diese "Probleme" denn dann eigentlich her?! Und sind nicht unter dem Titel "Lösung internationaler Probleme" "unsere" gültigen Interessen - nationaler Einfluß, weltweite Ge- schäfte längst ausgiebig am Werk? Mit SDI wird sich um den "Frieden" gekümmert, mit Genscher-Reisen und Kapitalexport wird die "Dritte Welt" samt Hungerleidern politisch und ideell verwal- tet und "wirtschaftliche Ungerechtigkeit" kapitalgerecht betreut. Was da immer noch f e h l e n soll, hat Dürr genau beziffert: "Meine Idealvorstellung wäre, daß jeder Wissenschaftler 10% sei- ner Zeit aufwendet, um über die Folgen seiner eigenen Forschung nachzudenken. Das wäre viel besser, als wenn 10% der Wissen- schaftler 100% ihrer Zeit dafür aufwenden." Ausgerechnet an politischer Gedanken l o s i g k e i t soll es liegen, daß Wissenschaftler sich als dienstbare und ordentliche Staatsbürger aufführen. So zieht sich ein verantwortungsbewußter Naturwissenschaftler auf seinen Ausgangspunkt zurück. Eine Zu- satzveranstaltung stellt er sich vor zum 100%igen praktischen Dienst, den die Männer von der Forschungsfront der Nation durch die Bereitstellung von Wissen leisten; eine ideelle Zuständig- keitserklärung für die Verwendung der Resultate der Naturwissen- schaft. Gäbe es diese Zuständigkeit wirklich, nur Gutes käme über die Menschheit: "Vielleicht brauchen die Naturwissenschaftler einen gemeinsamen Ehrenkodex, einen hippokratischen Eid, der sie darauf verpflich- tet, ihre Arbeit voll und ganz zum Wohle der ganzen Menschheit einzusetzen." Die heilenden Wirkungen solcher Eide kennt man ja von den anderen Weißkitteln. So schön könnte Verantwortungsbewußtsein sein und so einfach zu haben: Der unerschütterliche Glaube an die eigentlich menschenfreundlichen Zwecke seiner "Arbeit" ist sowieso nur die andere Seite des Vorwurfes an die Politik, sie würde ihre Verant- wortung nicht anständig wahrnehmen. Auf beides schwört Dürr eben und ist in diesem Sinne längst tätig. Das bedauert er manchmal, denn gäbe es noch mehr solche wie ihn, hätte er wieder 90% Zeit, "um das zu betreiben, was ich eigentlich tun soll und will, was mir auch sehr am Herzen liegt, nämlich Elementarteilchenfor- schung". Also weitermachen wie bisher und sich einen Teil der Zeit in die Pose des verantwortungsbewußten Warners werfen, der ausgestattet mit der Autorität des Physikprofessors die Zuständigen in Poli- tik, Militär und Wissenschaft an ihre verborgenen guten, friedli- chen und dem Menschheitsfortschritt dienlichen Absichten gemahnt. So fiktiv das Subjekt "Menschheit" auch ist, im Club aufrechter Wissenschaftler existiert es doch. Nämlich als Berufungsinstanz, in deren Namen sich ein wissenschaftlicher Staatsdiener "Fragen der Zeit" möglichst "globalen" Ausmaßes vorlegt, überall "Herausforderungen" an das Verantwortungsbewußtsein entdeckt und der Politik im Dialog von moralisierenden Wissenschaftlern über die "Systemgrenzen" hinweg ein leuchtendes Vorbild gibt. Dafür gründet er zusammen mit anderen prominenten Autoritäten eine ide- elle Weltregierungsberatungsinstanz "Global Challenges Network", um hinterher als deren Vorstandsmitglied eine Initiative nach der anderen zu entfachen, zu "Pugwash" - u.ä. -konferenzen um die halbe Welt zu reisen, und sich in West und Ost als alternativer Politikberater aufzuspielen, dessen Ideen dann - wie die "Süddeutsche Zeitung" meint - vom "Sowjetführer Michail Gor- batschow aufgegriffen worden" sind. Das ist zwar überhaupt nicht so, aber irgendwie ist es gerecht, daß für das Wahrmachen der de- mokratischen Ideologien von Frieden, Freiheit und Fortschritt ausgerechnet der Oberrusse den Kronzeugen abgibt. Daß auf Dürrs konstruktive Warnungen nicht wirklich gehört wird und daß diese Beratung keiner bestellt hat, hindert eben Politiker nicht daran, sich nach getaner Arbeit auch einmal mit ihm an den grünen Tisch zu setzen, wo sie ihm Gelegenheit bieten, ihnen ein gutes Gewis- sen einzureden. P.S.: Der andere Preis, 600 DM Geldstrafe für eine unangemeldete Demonstration, bei der auf einem Handkarren 50 Ordner mit Unter- schriftenlisten gegen Atomkraft zur Staatskanzlei befördert wur- den, wurde ihm gerichtlich wieder entzogen. Die Aktion war um- sonst. zurück