Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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DEUTSCHLAND, DEINE DICHTER!
"Pflanzt die schwarz-rot-goldne Fahne auf die Höhe des deutschen
Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschentums, und
ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Beruhigt Euch,
ich liebe das Vaterland ebensosehr wie Ihr." (Heinrich Heine)
Deutsche Dichter konnten nicht mehr anders. Sie mußten es hinaus-
schreien, daß nach der Raketenstationierung die Republik im Argen
liegt.
Von Heilbronn aus ertönt die Stimme des dichterischen Gewissens:
"Verweigert Euch!" Sogar das Wort "Wehrkraftzersetzung" haben sie
den Herrschenden vor die Füße geworfen. Aber sie haben darüber
nicht ihre Unschuld verloren. Sie sind ehrbare deutsche Schrift-
steller geblieben, die nicht der Gefahr des Bösen, der zersetzen-
den Kritik ohne das konstruktiv Positive verfallen. Aus Sorge um
die heilige Kuh demokratische Verfassung, deren ideale Milch sie
nicht aufhören wollen zu saufen, treten sie an, aus Sorge um
Deutschland. Gegner des Systems, das auf demokratisch verfaßte
Weise die Raketen hergeholt hat, möchten sie nie und nimmer sein.
"Dieser Aufruf ist von der Sorge um die Sicherheit der Bundesre-
publik getragen und dem Geist von Völkerrecht und Grundgesetz
verpflichtet. Deshalb erfüllt er keineswegs den Tatbestand der
'verfassungsfeindlichen Einwirkung auf die Bundeswehr'. Was auf
die Bundeswehr verfassungsfeindlich einwirkt, ist das neue ameri-
kanische Kriegsführungskonzept und die Einplanung von Massenver-
nichtungsmitteln für die Landesverteidigung."
Hört Euch Eure Dichter an, wie sie ihre Bedenken gegenüber dem
geltenden Verteidigungskonzept der Bundesrepublik verdichten, zum
Beispiel die hervorragenden Schriftsteller:
Dichter Böll
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"Hier hab ich Spitzen, die feiner sind
Als die von Brüssel und Mecheln,
Und pack ich einst meine Spitzen aus,
Sie werden euch sticheln und hecheln." (Heine)
Böll hat den Aufruf seiner Kollegen nicht unterschrieben. Er hält
- ganz richtig - nichts von der Ideologie einer "Defensivarmee",
wie sie im Aufruf vorkommt. Dann ist dieser ehrlichen rheinischen
Dichternatur noch ein schlagendes Argument eingefallen, weshalb
er es nicht verantworten könne, andere zur Wehrdienstverweigerung
aufzufordern:
"...was die Wehrdienstverweigerung betrifft, bin ich natürlich
dafür, daß die jungen Leute nachdenken und sich dieses legalen
und gewaltlosen Mittels bedienen. Aber ich kann nicht auffordern
zu einer Aktion, die ich nicht vollziehen muß. Ich bin schlech-
terdings nicht mehr wehrpflichtig."
Ein schlechterdings umwerfendes und aus der Brust gesprochenes
Wort. Schließlich ist Böll noch für "eher eine Radikalisierung"
des Anliegens seiner Kollegen. Auch gegen v e r s t ä r k t e
konventionelle Bewaffnung der Bundeswehr müsse man sein. Diese
Pointe gelingt Böll über die kritische Feststellung, daß das bis-
herige konventionelle Arsenal der Bundeswehr völlig ausreiche.
Wofür wohl?
"Ich halte jeden Panzer, der angeschafft wird, für überflüssig
und auch jede Handgranate. Wir sind ja nicht wehrlos.... Ich
sagte ja, nicht n o c h m e h r Waffen."
Dieser Böll weiß offenbar doch gute Gründe für Panzer und Hand-
granaten. Obwohl er schlechterdings nicht mehr wehrpflichtig ist,
hält er die Bundeswehr natürlich für notwendig, weil sonst wären
wir ja wehrlos. Und daß nicht er und seine Dichterzunft es sind,
die unsere Verteidigungskraft zersetzen wollen, das möchte er
doch noch extra devot hinzugefügt haben wollen. Dichter gebrau-
chen "Wehrkraftzersetzung" ironisch, also nicht kritisch und als
Kampfansage gegen die Tötungsarmee Wehrmacht, sondern als demo-
kratisch legale Einlassung dichterischer Freiheit. Die wirklichen
Subversiven sind nicht sie.
"...ironisch verwendet... 'Wehrkraftzersetzung'... Das ist in ei-
ner Republik legal, ist nicht kriminalisierbar" (der Demokratie
sei Dank!). "Wir haben uns über diesen Terminus länger unterhal-
ten (Böll und Grass), ich habe dann noch hinzugefügt, daß unser
gegenwärtiger Verteidigungsminister, zur Wehrkraftzersetzung in
Anführungsstrichen mehr beigetragen hat als eine ganze Division
subversiver Schriftsteller."
So unironisch vermerkt Böll sein Placet zur Bundeswehr: Der für
sie verantwortliche Minister bringt sie in schlechten Ruch. Die
Bundeswehr setzt der Dichter nicht in Anführungszeichen. Eben
weil seine poetischen Spitzen sich auf keinen Fall zu undeutschen
"Ratten" der Republik mausern möchten. Das ist ja das Schöne an
demokratischen Hofschriftstellern. Sie sind schon dafür, aber po-
chen auch schwer auf ihr Recht, geistig gegen irgendeine Verhun-
zung der Republik sein zu dürfen. Das regt die dichterische Feder
sehr an:
"Widerstand ist eine existentielle Selbstverständlichkeit des
menschlichen Lebens. Ich widerstehe täglich."
Herzlichen Glückwunsch, Herr Böll!
Dichter Grass
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"Ich bin kein Schaf, ich bin kein Hund,
Kein Hofrat und kein Schellfisch
Ich bin ein Wolf geblieben, mein Herr
Und meine Zähne sind wölfisch." (Heine)
Dieser Dichter ist noch wortgewaltiger als der Böll. Er verfügt
über so viel dichterische Phantasie, daß er Wehrkraftzersetzung
in ein "Zitat", ja sogar in "Ironie" verwandelt hat. Er kann so-
gar die Paradoxie glaubhaft zu Papier bringen, daß es gegen die
Aufgabe der Bundeswehrsoldaten sei, wenn sie noch bessere Waffen
bekommen:
"Die Intention der Schriftsteller in Heilbronn war, sich mit
schwachen Mitteln schützend vor die Bundeswehrsoldaten zu stel-
len, weil sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt mißbraucht werden."
Dieser Günter, der sich ausgerechnet mit seiner Blechtrommel vor
jeden deutschen Soldaten stellt, kennt den Punkt, wo Waffen an-
fangen, unmenschlich zu werden. So poetisch scharf unterscheidet
dieser Geist:
"...ich habe von Waffensystemen gesprochen, die keine Waffensy-
steme mehr sind."
Grass kritisiert an Reagans "Kreuzzugsmentalität", daß sie abar-
tige Politik sei: "Politik ist es nicht"; an der Bundesregierung,
daß sie lauter "Fehlentscheidungen" getroffen habe. Er ist so
sehr ein Fan der demokratischen deutschen Bundesrepublik, daß er
über angebliche Verfassungsverletzungen - natürlich tun die Poli-
tiker dies nicht "aus böser Absicht", sondern den "Großverbünde-
ten nachgebend" -, über die angebliche Aufgabe deutscher Sou-
veränität an die USA zum radikalen Vorreiter Deutschlands wird.
"Meine Radikalisierung besteht darin, daß ich die Frage nach dem
Grundgesetz heute radikaler stellen muß als noch vor einigen Jah-
ren. Die Stationierung der Pershing-II-Raketen bietet eine
letzte, wenn auch geringe Chance (wofür?), daß sich die Verant-
wortung tragenden Politiker spät, fast zu spät, der Konsequenzen
bewußt werden und begreifen, was sie außerdem angerichtet haben.
Wie die Wiederbewaffnung der beiden deutschen Staaten der erste
zusätzliche Schritt gewesen ist, die Teilung Deutschlands zu ze-
mentieren, so ist die Stationierung von Mittelstreckenraketen
nach soundsoviel anderen Zwischenschritten abermals ein Schritt
in Richtung vertiefte Spaltung; größere Abhängigkeit beider deut-
scher Staaten jeweils von der verbündeten Großmacht."
Ob das auch zur dichterischen Freiheit gehört, wenn der Grass von
der "Angst" vor den neuen Massenvernichtungswaffen aus bei der
Sehnsucht nach der ganzen deutschen Nation landet? Eher schon
liebt dieser deutsche Richter sein Land, für das er dichten darf,
so sehr, daß er es für keine Ironie hält, sich in seinem Bemühen
um ein gutes ganzes Deutschland als der bessere Hüter der bundes-
republikanischen Verfassung aufzuspielen.
"Nun bin ich der Meinung, daß Böll oder Albertz, Uta Ranke-Heine-
mann oder auch ich eine Menge für diese Republik tun. Wir sind
es, die verfassungsschützend wirken. Wir wissen, daß diese Ver-
fassung eine großartige ist."
Mit dieser Liebeserklärung zum Grundgesetz, in dem Waffen nur für
die Verteidigung des Vaterlandes vorgesehen sein sollen, hat
Grass bewiesen, daß er ein guter deutscher Dichter geblieben ist.
Zensor Raddatz
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"Ich fühlte, wie über die Stirne mir
Auch manchmal etwas gestrichen,
Gleich einer kalten Zensorhand,
Und meine Gedanken wichen -" (Heine)
Und doch, obwohl Böll, Grass und andere Dichter deutlich zu er-
kennen geben, daß sie ihre kritischen Bemerkungen nicht gegen,
sondern für ihre Republik abschießen, gibt es Leute, die darin
eine Gefahr für die Bundesrepublik sehen. Nicht nur der Warner,
der seine Soldaten nicht mit solchen Kritikern der Aufrüstung
diskutieren lassen will, weil das für deren Ehre "unzumutbar"
sei. In der Zunft der Literaten selbst erheben sich warnende
Stimmen. Literatur k r i t i k e r Raddatz macht seinem Beruf
alle Ehre, wenn er seine Kollegen darauf verweist, daß - im
Unterschied zur DDR - hier bei uns demokratische Schriftsteller
Hofdichter zu sein haben.
"Dem, was Sie (gemeint ist Grass) jetzt formulieren, wird sehr
oft entgegengehalten: das ist Weimar-Journalismus. Es sei eben
nicht die Aufgabe von Journalisten, Schriftstellern, Intellektu-
ellen, unentwegt zu attackieren, Vertrauen zu unterminieren, son-
dern im Gegenteil, Vertrauen aufzubauen. Ein überkritischer, den
Staat mittragender Journalismus sei genau das, was die Weimarer
Republik zerstört habe. Da kann man fragen, wer oder was im ein-
zelnen gemeint ist, zumal auch das Wort zersetzend fällt:
Tucholsky oder Theodor Wolff, Ossietzky oder Schwarzschild? Aber
es geht fast in eine philosophische Dimension hinein, in die
Frage nach einer Geisteshaltung: Haben wir, Intellektuelle, Jour-
nalisten, Schriftsteller, diese Funktion, das Staatsbewußtsein
eher zu stützen, Vertrauen aufzubauen - oder ist das, was im Mo-
ment geschieht, in großen Teilen der kritischen Öffentlichkeit,
ob nun Böll gemeint ist oder Hochhuth, Vertrauen abbauend? Oder
katapultiert man Denk- und Fühlweise einer Bevölkerung in Miß-
trauen gegen ihre - immerhin gewählte - Führung hinein?"
Der Zensor Raddatz plädiert mit geheucheltem Problembewußtsein
für Keimfreiheit, gegen die gefährliche Saat des Mißtrauens, wel-
che die lammfrommen Untertanen nur auf dumme Gedanken bringe.
Raddatz ist eben Literaturkritiker, der auf Form und Stil ganz
genau achtet und jede schlechte Literatur sofort erkennt - an der
Ü b e r kritik. Und was antwortet der so angegriffene Dichter
Grass? Eben daß er und seine Kollegen "eine Menge für diese Repu-
blik tun", daß sie es sind, "die verfassungsschützend wirken",
daß nicht sie, sondern andere das Vertrauen in die Führung unter-
minieren:
"Nicht die deutschen Schriftsteller haben das Ansehen des Parla-
ments geschädigt. Die Parlamentarier selber tun es, tagtäglich...
Nicht die Unterzeichner der Heilbronner Erklärung haben die Bun-
deswehr in Verruf gebracht; der Verteidigungsminister besorgt das
seit Wochen."
Nein, Deutschlands Dichter haben ihren guten Ruf nicht verloren.
Sie machen sich allesamt, egal mit welch kritischer Zunge sie da-
herreden, um ihr Vaterland verdient, schützen mit ihrem Wort Ver-
fassung und Bundeswehr. Mögen der Republik solche Dichter erhal-
ten bleiben. Leute, achtet Eure Poeten! Sonst werden sie gar noch
wie dazumal Heinrich Heine, was ja heute in der ersten Bundesre-
publik, die es je gab, wirklich völlig fehl am Platz ist.
"Beleidge lebendige Dichter nicht,
Sie haben Flammen und Waffen,
die furchtbarer sind als Jovis Blitz,
den ja der Poet erschaffen."
(Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen. Alle Zitate die-
ses Dichters daraus.)
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