Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION FRIEDENSBEWEGUNG - Von Waffen und Moral
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Schriftsteller für den Frieden
DEUTSCHE DICHTER IN DER VERANTWORTUNG
Disiecti membra poetae!
Im April "begegneten" sich in Westberlin 2 Tage lang Literaten
aus beiden deutschen Staaten und "diskutierten über den Frieden".
Unangefochten von den praktischen Beiträgen der Herren Staatsmän-
ner, die als Chefs der NATO einen Weltfrieden ohne, und das heißt
gegen die östlichen Souveränitäten durchzusetzen im Begriffe
sind, beriefen sich die Damen und Herrn Dichter auf ihre ganz
spezielle "Verantwortlichkeit" in Sachen Friede auf Erden als
geistige Repräsentanten der Nation.
Leute, denen die E r h a b e n h e i t ihres Metiers, der
Kunst, als moralischer Ausweis dafür dient, daß sie selbst quasi
aus Profession zu jener Spezies von "Menschen, die g u t e n
W i l l e n s" sind, zählen, - lassen sich natürlich durch kei-
nen Fortschritt bei der "Vernichtung des Bösen", durch keinen,
der in diesem Namen angedrohten und geführten Kriege, in ihrer
Vorstellung verunsichern, daß der Frieden vor allen Dingen eine
Frage edler Absichten sei, eben des guten Willens, zu dessen De-
monstration sie sich in regelmäßigen Abständen auf Kongressen zu-
sammensetzen.
Deshalb brauchen Dichter bei ihrer "Sorge um den Frieden" nichts
im Kopf zu haben als sich selbst. Als entschiede sich die Frage
von Krieg und Frieden tatsächlich an nichts anderem als an ihrer
Betroffenheit und Glaubwürdigkeit, inszenieren sie ein Schauspiel
gequälten Ringens um den Frieden, bei dem man wahrlich nicht
weiß, was man mehr bewundern soll, die Borniertheit oder die Un-
verfrorenheit, mit der die Geister des Guten, Wahren und Schönen
das Weltgeschehen betrachten:
"Ich finde den Gedanken so peinigend, daß ausgerechnet ich es
sein könnte, der das letzte deutsche Gedicht geschrieben hätte."
Freilich ist die eigene Literaten-Existenz und die Sorge um das
deutsche Kulturgut, die hier ein DDR-Lyriker als Zeugen der
Ernsthaftigkeit seines Anliegens und Kunstwertungsbewußtseins an-
führt, eine matte Angelegenheit gegen die Berufungsinstanz west-
deutscher Dichter wie sie G. Grass programmatisch allen Teilneh-
mern ins Stammbuch schreibt:
"Ich gehöre zum Westen, und es trifft mich, wenn die Politik der
führenden Großmacht des Westens gemeingefährlich wird. Ich leide
unter dem Zustand des großen Verbündeten. Es macht mich bitter,
daß die derzeitige Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika
keiner demokratischen Impulse mehr fähig ist, vielmehr nur noch
auf Gewalt und Stärke setzt. Weil zum Westen gehörig schämte ich
mich, als Präsident Reagan vor wenigen Wochen den Gegner nicht
nur zum Feind erklärte, sondern ihn auch als das Böse schlechthin
darstellte. Gemeint war die Sowjetunion. Mitgesagt wurde, daß das
Böse vernichtet werden müsse. Das sind den Krieg erklärende
Worte. Diese Sprache ist durch nichts zu entschuldigen, auch
nicht durch den beliebten Hinweis, daß mit vergleichbarer Sprache
in der Sowjetunion dem Gegner als Feind Vernichtung angedroht
wird."
Für die "führende Großmacht" der westlichen Welt und ihren demo-
kratischen Anspruch auf den Erdball zu "leiden" das hat Grass zu-
letzt auf seiner Reise nach Nicaragua genossen und für die "Zeit"
als Feuilleton eines feinfühligen Polit-Touristen nachbereitet.
(Eine Besprechung dieser kulturimperialistischen Meinung nach dem
Motto 'Unsensible Weltmacht trampelt unser wohlverstandenes In-
teresse in Mittelamerika kaputt!', stand in MSZ Nr. 5/1982: "Das
bessere Deutschland zu Besuch".) Das sind natürlich Dichters Lei-
den von ganz anderem Kaliber als die "Peinigungen" des Verse-
schmiedes aus der DDR Moralriesen wie Grass, denen der Imperia-
lismus ein individuelles G e f ü h l der Scham bereitet, sind
selbstverständlich erhaben über so rohe Tatsachen, daß man ohne
"Stärke" - wohl nicht zur Großmacht werden, geschweige denn es
bleiben kann und daß "demokratische Impulse" seit jeher in nichts
anderem bestanden haben als in G e w a l t. Daß die "den Krieg
erklärenden Worte" exakt so gemeint sind, kann sich diese "zum
Westen gehörige" Subjektivität platterdings nicht vorstellen, und
Betroffenheit stellt sich bei ihr ein mitnichten im Angesicht der
brutalen S a c h e, sondern ob der "durch nichts zu entschuldi-
genden" Wortwahl. Als kritische Invektive gegen Reagan kommt da
die alte Lüge rechter Ordnungspolitiker daher, von S p r a c h e
ginge Gewalt aus. Während letztere damit begründen, warum sie je-
dem Gegner am liebsten gewaltsam das Maul verbieten würden, er-
setzt bei Grass und seinen Dichterkollegen Sprachkritik die Geg-
nerschaft zur Gewalt.
So wirft sich Grass in die Pose eines supranationalen Sittenwäch-
ters der westlichen Welt und erklärt sich enttäuscht - vom Impe-
rialismus! Das geht nur, wenn man von diesem nichts wissen will
und sich statt dessen ein moralisch sauberes Ideal von der eige-
nen Staatsgewalt und dem Bündnis, zu dem sie hält, zurechtgemacht
hat. Eine NATO ohne Mittelstreckenraketen, die USA ohne den CIA,
überhaupt ein Staat, wenn schon nicht ohne - Grass ist immerhin
praktizierender Sozialdemokrat -, so doch nur mit "gerechter" Ge-
walt. Daß es alles das nicht gibt, stört einen Dichter ebensowe-
nig wie die Fiktivität seiner Produkte - in Person und Werk
r e p r ä s e n t i e r t er den Widerstand gegen die
"Barbarei", den "Ungeist", der nicht im Stile der "Entspannungs"-
D i p l o m a t i e mit dem Feind umgehen will und die Dichter
in die "innere Emigration" oder in die Rolle der nationalen und
menschheitlichen Kassandra zwingt. Mit der Demonstration der ei-
genen theoretischen Verantwortung für den zivilisierten Gang der
Welt anerkennt er die handfeste Verantwortlichkeit der Macher -
nicht für die ungeliebten Erscheinungen von Not und Gewalt, son-
dern für ihre vorgestellte Beseitigung. Seine Geisterwelt mißt an
sich die wirkliche Politik und behauptet, diese gehorche den
gleichen hohen Prinzipien wie jene, nur mangelhaft.
Weil natürlich der Dichteridealismus West die Ideale der Demokra-
tie und der Menschenrechte zum Inhalt hat, ist sein Streit mit
den Literaten Ost immer vorprogrammiert, ganz gleich anläßlich
welchen Gegenstandes er sich entzündet. Die moralische Überlegen-
heit des westlichen Künstlerstandpunkts in der Konkurrenz mit
östlichen Barden rührt aus der F r e i h e i t her, die die
hiesige Obrigkeit ihren Ideologen des höheren Blödsinns beim Rei-
ben ihres Idealismus an den Maßnahmen der Politik einräumt. Als
Gegenleistung dafür erhalten sie von den Dichtern den im Prinzip
guten Willen und die an sich edlen Absichten attestiert. Jenseits
von dem, was die eigene Herrschaft m a c h t, ist sie schon da-
durch geläutert, daß sie kritische Schöngeister als geistige Re-
präsentanten der Nation aushält (in beiden Bedeutungen des Wort-
sinns!). Ihr distanziertes Untertanentum macht die Schriftsteller
g l a u b w ü r d i g, und die Herrschaft erweist sich in ihren
Schriftstellern als w ü r d i g.
So werden die Kollegen von drüben einerseits als Blutsbrüder und
-Schwestern im Geiste an die Brust genommen, andererseits haben
sie nichts zu lachen, wenn sie nicht gleich im eigenen Geiste ar-
gumentieren:
"Mit derlei regimetreuer Kritiklosigkeit tun sie ihrem Land kei-
nen Gefallen."
- bekommt ein Sowjet-Literat zu hören, der keinen Anlaß sieht,
zum Dissidenten zu werden und in seinem Land auch keine Kriegs-
hetze zu entdecken vermag, sondern sich traut, die eigene Nation
ungefähr so solidarisch zu kritisieren wie der Blechtrommler für
Willy Brandts und Helmut Schmidts SPD.
Weil ein Stephan Hermlin es wagt, die Worte von Grass ernst zu
nehmen und auf die Kriegsdrohungen der VSA hinzuweisen; weil er
die SU in diesem Sinne verteidigt, anstatt sie als Unrechtsstaat
zu verurteilen, zieht er sich den gesammelten Unmut der westdeut-
schen Literatenschar zu mit seinem Hinweis:
"Die Diskussion über Menschenrechte ist aller Ehren wert und für
alle Länder wichtig. Sie wird weitergehen. Aber ich bin nicht be-
reit, diese Frage mit der Friedensbewegung zu verwechseln, wenn
ich bei dem bekannten Verteidiger der Menschenrechte Colin S.
Gray lesen kann: ...wir würden also dem sowjetischen Huhn den
Kopf abschneiden! Ich fordere Sie auf, in einer Zeitung der so-
wjetischen Länder diese Sprache der Schlächter zu suchen und zu
finden." (S. Hermlin)
Das läßt sich ein Vertreter des besseren Deutschland nicht bie-
ten. "Die Menschenrechte sind unteilbar" - diesen diplomatischen
Titel für die Zuständigkeit der westlichen Allianz auch dort, wo
ihre "Einflußsphäre" zu Ende ist, beherrschen auch die Literaten.
Freilich, nicht weil sie ihre politische Einflußnahme geltend ma-
chen, sondern allein, weil sie die "Glaubwürdigkeit" ihres Frie-
densengagements verteidigen. Die höchsten menschlichen Ideale
wissen sie nämlich generell auf seiten der westlichen Herrschaft
- wenn da einer mal allein die Taten, die in diesem Namen began-
gen werden, zitiert und sich weigert, immer die eigentlich guten
Zwecke dazu zu nennen, dann kann es ihm eben nicht um diese ge-
hen. Wenn der Kollege von drüben nicht gleich in die westliche
Verurteilung seiner Herrschaft voll miteinstimmen will, weil er
der Meinung ist, daß der ganze Ost-Block keine solchen Schlächte-
reien wie die USA zustandekriegt, dann beweist dies eindeutig,
daß er es nicht mit dem Frieden, sondern mit der Sowjetunion
hält, also mit einem Feind geistiger Freiheit, der nicht einmal
eine eigentliche Zuständigkeit für Frieden und Menschenrechte und
freies Dichtertum beanspruchen kann.
Einem Literaten, der sein politisches Interesse so formuliert:
"Weil ich zum Westen gehöre und mich für den Freiheitsbegriff der
westlichen Demokratie ausspreche, sehe ich mich zum Widerstand
verpflichtet. Doch zuallererst ist es deutsche Erfahrung - darun-
ter die des 1933 versäumten Widerstandes gegen den angekündigten
Völkermord -, die mir diese Entscheidung aufzwingt." (Grass)
ist es erste Pflicht, die Kollegen drüben des Verrats zu zeihen:
"Mit dieser Entscheidung stehe ich nicht allein. Und doch wünsche
ich mir eine vergleichbare Entschiedenheit der Schriftsteller in
der DDR; denn die deutsche Verantwortung für den Frieden und die
deutsche Pflicht zum Widerstand gegen den hier wie dort verbrei-
teten Völkermord sind unteilbar, weil es allesamt Deutsche waren
und sind, die bis heute und in Zukunft Auschwitz zu verantworten
haben." (Grass)
Man muß sich nur ganz sicher sein, daß man auf der besseren Seite
steht, dann schafft man es auch, den "Widerstand" als Auftrag
dieser Herrschaft darzustellen, gegen die man seinen "Widerstand"
ankündigt. Ein nationaler Auftrag für das bessere Deutschland ist
das allemal für das Subjekt des moralischen nationalen "Wir". Die
"Entschiedenheit" dieses "Wir" muß Grass freilich drüben vermis-
sen - begreifen die Kollegen aus dem anderen Staat einer Nation
sich doch als die Vertreter kultureller Sauberkeit ihres Staates.
Gesamtdeutsche Verantwortung für den Frieden in den Grenzen um
1937 heißt die Parole, der sich niemand entziehen darf. So sind
die Literaten in all ihrer Sorge um ihre Glaubwürdigkeit,
i h r e Betroffenheit und i h r e Verantwortung für den Frie-
den auf Erden das genaue Abziehbild der imperialistischen Politik
ihrer Herrschaft: als Gewissen des imperialistischen Bündnisses
zwar keine Ahnung habend vom Inhalt der Prinzipien, denen überall
auf der Welt Geltung verschafft wird, treten die wohlfeilen In-
terpreten dieser Prinzipien, die deren blutige Realität noch al-
lemal zur Uneigentlichkeit, nämlich zur Verfehlung des besseren
geistigen Deutsch- und Westlertums, erklären, mit der Souveräni-
tät eben dieser weltweiten Geltung auf und klagen sie weltweit
ein. "Feindbilder" wollen das natürlich nicht sein.
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