Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION BEWEGUNG - Von Robin Wood und Hausbesetzern


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DIE SACHE MIT DEM KONSUM

Wenn Politiker gegen "Anspruchsdenken" theoretisch und praktisch zu Felde ziehen durch Kürzungen an Lohn- und Sozialgeldern, füh- len sich kritische Menschen in ihrer lange schon gehegten Auffas- sung bestätigt, daß die Ursache so vieler übel in der Welt das "Konsumdenken" sei. Ausgerechnet in dem Trachten nach Dingen, die das Leben erleichtern und angenehm machen, in äußerst unschuldi- gen Bedürfnissen also, mit denen keiner dem anderen weh tut, wit- tern sie eine höchst bedenkliche Einstellung von Leuten, die ab- zustellen sei - zu deren eigenem Besten. Entdeckt haben wollen sie nämlich das Leiden der Menschheit an ihrem maßlosen Drang, konsumieren zu wollen, immer wieder und immer mehr. Nun ist es schlichtweg unmöglich, an einem Bedürfnis zu leiden - entweder man hat es oder man hat es nicht; und wer nun mal eine Wohnung, ein Auto, einen Fernseher oder einen schönen Urlaub will, will es nicht zugleich nicht. "Leiden" kann man allenfalls daran, daß man das, woran man interessiert ist, nicht bekommt. Und dafür, daß dies bei einem Großteil der Bevölkerung der Fall ist, ist hierzulande - mitten in der vielbeschworenen "Konsumgesellschaft" - reichlich gesorgt. Mittels einer ach so segensreichen Einrichtung namens Geld nämlich, das man erst mal haben muß, um sich den Gegenstand seines Bedürfnisses auch lei- sten zu können. Bekanntlich steht zwischen den Wünschen und ihrer Realisierung immer eine Kasse und das recht bescheidene monatli- che Salär der arbeitenden Bevölkerung sorgt dafür, daß jede für das eine Bedürfnis weggegebene Mark die Befriedigung der anderen einschränkt, so daß sich die Bedürfnisse "ganz realistisch" und recht bescheiden ausnehmen. Daß die vielen "Konsumgüter" nicht wegen des Konsums produziert werden, sondern für's Geschäft, und das K a u f e n m ü s s e n als Vorausretzung für den Gebrauch aller "Konsumgüter" die ge- waltsame Beschränkung der Bedürfnisse ist, wollen die Kritiker des Konsums nicht wahrhaben. Am B e d ü r f n i s, da entdecken sie "Terror": "maßlos", wie es ist, zwingt es seinen "Besitzer" in seinen Dienst, so daß dieser als gieriges, immerzu in sich reinschlingendes Konsum-Monster durch die Weit läuft, auf der Su- che nach Nachschub. Mal abgesehen davon, daß dieses Horrorgemälde nicht so recht pas- sen will zu einer Republik, in der Armut an der Tagesordnung ist: Was soll denn "maß-" und "schrankenlos" daran sein, wenn jemand ein besseres Auto will, wenn jemand "trotz" eigenem Fernsehen (womöglich Farbe!) ins Kino will, oder 2 bis 3 Mal im Jahr in Ur- laub? Wenn Konsumkritiker sich mit dem Argument der Maßlosigkeit von Bedürfnissen zum Richter über das machen, was und wieviel Leute wollen sollen dürfen, dann erklären sie die Tatsache, daß die Befriedigung von Bedürfnissen beschränkt wird, zu einer Ei- genschaft der Bedürfnisse selbst. Aus einer Vielzahl u n b e f r i e d i g t e r Bedürfnisse wird so d e r e n "Schrankenlosigkeit". Rationierungskarten wollen sie nicht unbe- dingt ausgeben. Da sind sie prinzipieller: Daß ein Auto nie und nimmer die Befriedigung des Wunsches nach einem Auto sein könne, "weil" man womöglich später ein anderes und besseres oder schö- neres will, daß jedes Bedürfnis schlichtweg n i c h t z u b e f r i e d i g e n sei, und daß insofern Bedürfnisse einer grundsätzlich gegenstands-, grund- und sinnlosen Haltung geschul- det seien - diese Lüge wollen sie mit ihrem Argument der "Maßlosigkeit" in die Welt gesetzt haben. Hat man alles, was die Leute an Bedürfnissen äußern, auf ein bloßes "Habenwollen" redu- ziert, erscheint es geradezu menschenfreundlich, sie von einer solchen "sinnlosen Haltung" abzubringen. Ein äußerst zynischer Ratschlag, der Konsumkritikern da eingefal- len ist: Wenn das Angebot der Warenwelt den Gebrauch und Genuß der diversesten Dinge nahelegt - allerdings abhängig vom Geldbeu- tel - einfach nichts mehr wollen! Wenn man allen Möglichkeiten des Genusses von vorneherein entsagt, stelle sich dieser schon ein. Und dann fuhrt er noch alle Beschränkungen, die der normale Mensch für seinen "Konsum" in Kauf nehmen muß - Lohnarbeiten, Krankheiten, Umweltverschmutzung etc. - als Belege an, wie teuer man seine "Konsumhaltung" bezahlen muß. Wenn das keine gelungene Umdrehung von Ursache und Wirkung ist! In diesem Zynismus, die wahre Zufriedenheit in der Freiheit zum Verzicht zu predigen, wähnen sich Konsumkritiker als prinzipielle Kritiker eines verfehlten Wirtschaftssystems. Der von oben a u f g e n ö t i g t e Verzicht gegen die Mehrheit der Bundes- bürger erscheint ihnen insofern kritikabel, als die Freiheit der Selbstbeschneidung nicht universell in der Gesellschaft durchge- setzt ist, sondern der Materialismus durch die Unternehmer wei- terhin gefördert wird. Wo sich die "Konsumenten" mit ihrem Scha- den auch noch die Beschimpfung zuziehen, alte Gierhammel zu sein, die den Hals nicht vollkriegen können. kommen die Instanzen die das Sagen haben, vergleichsweise gut weg. I h r "Egoismus" ist nämlich kritikabel in dieser seiner angeblich schädlichen W i r k u n g auf "den" Menschen. Unternehmer sind in ihrer "Profitgier" verantwortungslos gegenüber der nach der "wahren" Freiheit von schnödem Äußerlichen strebenden Menschheit, der sie immerzu Bedürfnisse aufzwingen, die diese von sich aus gar nicht hätten, nur um möglichst viel von ihrem Zeug loszuschlagen. Wie gemäß dieser Theorie das solchermaßen erzeugte B e d ü r f n i s es schaffen soll, das unternehmerische Interesse nach mehr Geld zu befriedigen - wie also dieser Trick des Kapitals funktionieren soll, bleibt das Geheimnis der Bedürfniskritiker. Eigentlich weiß man doch, daß hierzulande jeder Wunsch, jedes Bedürfnis, sei es der Lutscher oder das Dach über dem Kopf nur soweit zugelassen ist, als es zahlungsfähig, also Mittel des Geschäfts ist. Also von wegen "unechte" Bedürfnisse werden geschaffen und schon stellt sich der Profit ein! Diese "Erklärung" streicht einfach durch, daß die meisten der potentiellen Konsumenten zugleich Lohnempfänger sind und gemäß den betriebswirtschaftlichen Inter- essen ihres "Arbeitgebers" für möglichst wenig Geld möglichst viel arbeiten müssen - als Käufer also genau so viel in der Ta- sche haben, wie es dem Brotherrn profitabel erschien. Geld ist bekanntlich viel zu schade, um es zu verfressen, da weiß doch der Unternehmer ganz andere Sachen mit anzufangen. Und da sollen aus- gerechnet die Proleten mit ihren paar Kröten diesem den Profit schaffen. Ist da nicht vorher was passiert? Aber Leute, die das "Konsumdenken" geißeln, sind eben keine Kri- tiker der Lohnarbeit, sondern Propagandisten der Tugenden, die sich der Arbeiter für sein Zurechtkommen zulegt. Die Selbstver- ständlichkeit, mit der ein Arbeiter auf Basis seines knappen Bud- gets eher haushälterisch Prioritäten setzen muß, welche Notwen- digkeiten müssen bezahlt werden, welche Bedürfnisse muß ich mir verkneifen, welche Anschaffung wird langfristig ins Auge gefaßt, ausgerechnet dieser Standpunkt der Armut gilt solchen kritischen Menschen als Beleg, daß man an den B e d ü r f n i s s e n eine hierarchische Rangordnung feststellen müsse. So geht demokratische Kritik. Indem man die von Staat und Kapital praktizierte Kritik am "Anspruchsdenken" ihrer Untertanen radika- lisiert, den erzwungenen Verzicht als die wahre Freiheit des Men- schen vorträgt und im Namen dieser Freiheit fordernd gegenüber Staat und Kapital auftritt. An der Anerkennung, die dieser kriti- schen Verzichtsideologie gezollt wird in einer Zeit, in der die Verarmung der Bevölkerung umstandslos und ohne Schnörkel vorange- trieben wird, will diesen Systemkritikern nichts auffallen. Die Sorte Zynismus, die als Parteinahme für den Menschen daherkommt, läßt sich durch keine Sauerei des kritisierten Systems darin be- irren, d e s s e n trostlose Ideale hochzuhalten. zurück