Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION BEWEGUNG - Von Robin Wood und Hausbesetzern
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 20, 22.07.1981
Wochenschau
IN WESTBERLIN
hat die Hausbesetzerszene in Grunewald demonstriert und einigen
Spekulanten die Fenster eingeschlagen. Dies die letzte Konsequenz
einer Ideologie die sich das G e s c h ä f t mit Wohnraum als
M i ß b r a u c h des Eigentums erklärt und deshalb den legalen
G e b r a u c h von Kapital und Grundbesitz auf den miesen
C h a r a k t e r von Geschäftsleuten zurückführt, denen man zur
Strafe ein bißchen Angst machen will. Die W i r k u n g dieses
"Sonntagsspaziergangs gegen Spekulanten" ist in der Tat gewaltig:
Nicht nur in Westberlin spricht seit letzten Sonntag kein Mensch
mehr vom "berechtigten Anliegen" der Hausbesetzer und von einer
"ungelösten sozialen Frage", die sich aufwerfen würde, sondern
ganz andere "Fragen" stehen im Zentrum des Interesses, auf die
eindeutige Antworten erfolgen. Um das "Demonstrationsrecht zu
schützen" will Heinrich Lummer ab sofort keine Demonstration der
Szene mehr genehmigen, um einer "Verbreitung von Furcht" vorzu-
beugen, ist jetzt auch in Westberlin "das Reizgas CS" in der Dis-
kussion und die Verstärkung der Polizei durch "Kräfte aus dem
Bundesgebiet" so gut wie beschlossene Sache. Und die "Alternative
Liste muß sich fragen lassen, ob sie gewillt sei, rechtsstaatli-
che Grundsätze zu beachten, oder ob sie sich als kriminelle Ver-
einigung verstehe, mit dem Ziel Berlin in Angst und Schrecken zu
versetzen." (Der Westberliner Polizeigewerkschaftsvorsitzende
Franke). Die Antwort darauf lieferte Hans Heigert im Kommentar
der "Süddeutschen Zeitung" vom 15. Juli, der den "Dialog mit der
Jugend" wie folgt aufnimmt:
"Objektiv tun sie genau das, was die Schlägertrupos der SA oder,
auf 'höherem' Niveau die Agitatoren des NS-Studentenbunds in den
zwanziger Jahren trieben. Die Agitatoren und Terroristen von
heute sind als ob nichts gewesen wäre, ganz ungeniert mit dem Ju-
denstern zur Hand. ... Wohl wahr, Antisemiten oder überhaupt Ras-
sisten sind jene jungen Leute und ihre Sympathisanten nicht. Aber
das waren weitaus die meisten Deutschen in den vergangenen hun-
dert Jahren ebenfalls nicht. Sie hatten nur ihre verborgenen
ideologischen Komplexe, Vorstellungen, Ziele. Und die waren zu
aktivieren: Gegen den 'Wucher', die 'Zinsknechtschaft', die
'Spekulation', die 'Herrschaft des Kapitals', 'Manipulation'. Das
wort 'Jude' mag heute (vorerst) noch nicht zur Rechtfertigung der
Gewalttat dienen. Der 'stern', das Stigma, das 'Zum Abschuß frei
gegeben' - dies alles ist wieder da."
Wer sich ganz "objektiv" den Faschismus aus den "verborgenen" an-
tikapitalistischen "Komplexen" der "weitaus meisten Deutschen"
erklären will, dem geht auch der Gedanke locker von der Feder,
hinter Sachschäden an "zwei Privatwagen und acht Polizeifahrzeu-
gen ... sowie zahlreichen Klingelanlagen an Häusern" (Reuter) den
"verborgenen" antisemitischen "Komplex" einer kleinen Minderheit
von Deutschen aufzuspüren, die den zu den Juden von heute hoch
"stigmatisierten" Wohnraumkapitalisten demnächst ein Auschwitz
bereiten wollen, weil sie "aus der Geschichte nichts gelernt ha-
ben".
"Gewalt gegen Gewalt, legitime Gegengewalt gegen illegitime
Staatsgewalt das ist" für Herrn Heigert "die Definition der Anar-
chie und der Ursprung des Faschismus."
Weil er ein Parteigänger der Demokratie ist, will Heigert auch
mit dem "ordinären, dem Kleinbürger-, Blockwart- und Kreisleiter-
faschismus ..., der wieder an vielen Stammtischen gehandelt"
wird, nichts zu tun haben.
"Allein die Vernünftigkeit kann das, was in Berlin und anderwärts
brodelt, am Ende scheiden - in die notwendige Reformation der Ge-
setze auf der einen, die entschieden zu bekämpfende Anarchie auf
der anderen."
Es handelt sich also um das Gesetz der Demokratie, die den sozia-
len Gegensatz so regelt, daß er ohne Gefährdung des sozialen
Friedens weiter ausgetragen wird. Wem das nicht paßt, weil er
nichts davon hat, für den gilt ganz praktisch, was sich aus Hei-
gerts Faschismus- und Anarchiedefinition ganz logisch erschließen
läßt: Gewalt gegen Gewalt, legitime Staatsgewalt gegen illegitime
Gegengewalt - das ist die Definition der Demokratie und das macht
den Faschismus überflüssig, solange
"die Verantwortlichen in den Parteien und Verbänden der ziemlich"
(zu viel?) "durchorganisierten Republik das Feuer nicht schüren"
müssen, weil sie sich auf die Zustimmung der Organisierten zu
dieser Republik im großen und ganzen verlassen könne; und solange
die ohnmächtigen Gewaltdemonstrunten sich in dieser Republik nur
alternativ organisieren wollen, die "Spekulanten und Wohnraumver-
nichter" mit den "wahren Verursachern der Gewalt" (Alternative
Liste) verwechseln, sich mit der Polizei auf eine Gewaltprobe
einlassen, die sie kurz-, mittel- und langfristig nur verlieren
können, so daß sie ganz demokratisch und ohne Judenstern nicht
erst seit letzten Sonntag "zum Abschuß frei gegeben" sind.
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