Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION BEWEGUNG - Von Robin Wood und Hausbesetzern
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Korrespondenz
Ein Brief von einer Frau zum "Grundwert Frau"
"DIE FRAU HAT VIEL ARBEIT, DER MANN VIEL MACHT -
BEIDE SIND NICHT GLÜCKLICH!"
Ich möchte Bezug nehmen auf das Flugblatt vom 10. Januar. Ich
habe drei Kritikpunkte:
1. Spaltung der Linken
Ich weiß nicht, warum ihr so heftig gegen den Feminismus Stellung
nehmt. Wie könnt ihr von dem feministischen Standpunkt '85 spre-
chen, wo es soviel Standpunkte wie Feministinnen gibt?...
2. eindimensionales Denken.
Du kannst mit der Unterdrückung der Arbeiter keine Menstruations-
beschwerden erklären.
Außerdem hat diese Unterdrückung wieder Ursachen; vielleicht die
gleichen wie die Unterdrückung von Frauen. ...
Feminismus, Marxismus und eine Menge anderer Theorien lassen sich
sehr gut mit gleicher Gewichtung verbinden, um Zusammenhänge zu
erkennen und zielgerichtet einwirken zu können.
Auf eurem Flugblatt werft ihr uns das vor, was ein Hauptfehler
vieler Marxisten ist: der Absolutheitsanspruch - mit einer Ideo-
logie alles erklären zu wollen.
Außerdem werft ihr etwas durcheinander, was sehr wichtig ist für
die Auseinandersetzung mit der Lage der Frau:
3. Die Unterteilung zwischen angeborenen Unterschieden von Mann
und Frau und der Wirkung geschlechtsspezifischer Erziehung, zwi-
schen dem, was eine Frau sein könnte, wenn sie ihr ganzes Mensch-
sein auslebte und dem, was sie jetzt ist.
Die angeborenen körperlichen Unterschiede wirken sich meiner Mei-
nung nach außer auf schwere körperliche Arbeit etc. ausschließ-
lich auf die sexuelle Anziehung der Geschlechter aufeinander aus
und auf sonst nichts. Die geschlechtsspezifische Erziehung drückt
der Frau wie dem Mann besondere Verhaltensmuster auf. Bei beiden
wird dabei ein wichtiger Teil ihrer Persönlichkeit unterdrückt
und zwar so, daß die Frau mehr Arbeit und der Mann mehr Macht hat
und beide nicht glücklich sind.
Ich meine, daß der erwachsene Mensch diese Erziehung überwinden
und die verlorenen Teile seiner Persönlichkeit wiederfinden kann.
Und wir Frauen sind da aufgrund eines größeren Leidensdruckes
schon ein Gutteil weiter als die meisten Männer. Deshalb wollen
wir keine Gleichberechtigung, kein Verzichten auf die menschli-
chen Eigenschaften, die wir in unserer Erziehung ausbilden konn-
ten und die den Männern aberzogen wurden - die vereinfacht als
weiblich bezeichnet werden - sondern Emanzipation, Befreiung von
weiblich/männlicher Erziehung - ganzheitlich Mensch werden.
Das ist nicht möglich ohne eine Veränderung der Gesellschaft, so-
wie eine veränderte Gesellschaft nicht ohne neue Menschen möglich
ist. Ein dialektischer Prozeß, sich spiralend auf beides zu bewe-
gend: eine neue Gemeinschaft mit neuen Menschen. Dafür sollten
wir gemeinsam kämpfen.
Abs.: Sabine aus Westberlin
***
Liebe Sabine,
Wir glauben, Du weißt schon, "warum" wir "so heftig gegen den Fe-
minismus Stellung" nehmen. Wir halten ihn für sehr verkehrt und
die Gründe haben wir angeführt. Dein eigener Briefmacht d. Fehler
feministischer Standpunkte noch einmal deutlich:
1. Der kleine Unterschied - doch wieder eine Bestimmung
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für den Wert der Frau und den Unwert des Mannes
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Auf der einen Seite weist Du zurück, daß aus "angeborenen körper-
lichen Unterschieden" mehr folgen solle als die Unfähigkeit zu
schwerer körperlicher Arbeit und - nicht ganz vergleichbar - "die
sexuelle Anziehung der Geschlechter aufeinander", "und sonst
nichts". Auf der anderen Seite beharrst Du aber doch entschieden
darauf, daß die Frauen "aufgrund eines größeren Leidensdruckes"
"weiter" seien in der Suche nach der in der Erziehung verloren
gegangenen Persönlichkeit.
Frauen seien - irgendwie - b e s s s e r e M e n s c h e n.
Egal, ob durch Anlage oder - wie bei Dir - durch die Konstruktion
eines "Leidensdruckes" der Umwelt (Seit wann wird man durch "mehr
Arbeit" sensibler?), der die Frauen fortschrittlich werden läßt -
diese Sorte Rassismus wollten wir bekämpfen. Weder aus Erfahrung
noch aus Leiden werden Frauen klüger. Und selbst wenn es so wäre:
Warum muß man denn immer bei Menschen, bloß weil sie schlauer,
sensibler, stärker, schneller oder höher sind, immer darum. rech-
ten, ob sie deswegen Besseres verdienen? Und sei es nur Deine
ideelle Plakette, "weiter" auf dem Weg zum "neuen Menschen" zu
sein.
2. Das weibliche Wesen - Anlage zur Aufopferung
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Was Deine Vorstellung angeht, inwiefern die Welt am weiblichen
Wesen genesen soll: Hier spielst Du dann doch auf bereits vorhan-
dene und in bürgerlicher Erziehung anerzogene Eigenschaften an,
"Eigenschaften, die wir in unserer Erziehung ausbilden konnten
und die den Männern aberzogen wurden - die vereinfacht als weib-
lich bezeichnet werden -",
also von wegen durch "Leidensdruck" hervorgebrachte Veränderung,
und hältst sie für eine gute Voraussetzung für den
"ganzheitlichen Menschen", mit dem Du die "neue Gemeinschaft" an-
strebst. Und damit wird es endgültig schlimm: Wenn die "neue Ge-
meinschaft" und den "ganzheitlichen Menschen" eben dies
"auszeichnet", daß es eine echte Gemeinschaftlichkeit sei, in der
sich diese wunderbaren Persönlichkeiten einfügen, - dann ist der
I n h a l t d e s W e i b l i c h e n, die Besonderheit der
"weiblichen Eigenschaften" einzig und allein die
U n t e r o r d n u n g unter die Gemeinschaft und zwar so weit-
gehend, daß man selbst darin a u f g e h e n soll. Das war und
bleibt unser Vorwurf an den Feminismus, daß er als Ziel seines
politischen Kampfes genau das Ideal propagiert, das eine kapita-
listische Gesellschaft und ein Geißler/Süßmuth ausdrücklich für
die Frauen parat hält.
Darauf, daß sie sich für Mann, Freund, Kinder oder den Kirchen-
chor a u f o p f e r t, ist noch jede bürgerliche Frau zugleich
sauer und maßlos stolz. Und deswegen ist häufig der Umgang mit
Frauen komplizierter, weil man sich nicht gemeinsam auf Sachen
bezieht, sondern weil Lebensinhalt von Frauen der Bezug a u f
Männer ist. Von deren A n e r k e n n u n g abhängig zu sein,
bestimmt dann die Frauen: Sie geben mit den Beziehungen an, ner-
ven ihre Männer mit der Erpressung, anerkannt werden zu wollen,
und werden im Bestfall sturzlangweilig - wenn nicht verrückt,
weil sie sich persönlich von etwas abhängig machen, was sie nicht
bestimmen. Doch das nur nebenbei.
Auf alle Fälle ist es unsinnig, sich die b o r n i e r t e n
Idealisierungen der Frau als eine, die immer eiei macht, wenn es
jemandem schlecht geht, als einen einzigen Brei an gefühliger
Einheit zum Zweck zu machen. Diese distanzlose Haltung, sich die
Welt als Hort wechselseitiger Bezieherei b a r j e d e n
I n h a l t s zurechtzulegen, solltest auch Du Dir überlegen.
Sonst läufst Du nur noch "verletzt" durch die Gegend.
3. Einheit, wem Einheit gebührt
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Feminismus und Marxismus sollte man diesem Einheitswahn genauso-
wenig unterordnen wie sonst etwas. Sonst kommt man noch wie Du
auf so Wahnsinnsgedanken wie den, Menstruationsbeschwerden mit
der Arbeiterklasse in Verbindung zu bringen.
Umgekehrt wäre es bestimmt nicht verkehrt, um einer guten Sache
willen Linke zu spalten. Dann hätte man ein paar mehr für seine
Sache gewonnen, Bloß hat Feminismus leider überhaupt nichts Ab-
spaltungswürdiges an sich. Die Revolution ist keine Frauenfrage.
Deine MG
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