Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION BEWEGUNG - Von Robin Wood und Hausbesetzern


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       Offener Brief an amnesty international in Sachen China
       

WEM NÜTZT DIESE SOLIDARITÄT

1. Jetzt habt Ihr also wieder einen Brief (den wievielten eigent- lich?) an den "sehr geehrten Herrn Genscher" geschrieben. Diesmal wollt Ihr die Bundesregierung "dringend auffordern", "wirksame Maßnahmen" gegen die chinesische Führung zu ergreifen, um die daran zu hindern, weitere Todesurteile zu verhängen. Seit Jahren schickt Ihr unverdrossen kiloweise Unterschriften- listen nach Bonn, macht die Bundesregierung auf Greueltaten in allen möglichen Weltgegenden aufmerksam und fordert Sanktionen gegen Terror-Regimes. Ihr meint offensichtlich, ausgerechnet die bundesdeutschen Machthaber wären Eure Verbündeten im Kampf um mehr "Menschlichkeit auf Erden" - oder wie auch immer die schönen Vorstellungen heißen, in deren Namen Ihr aktiv werdet. Fällt Euch denn an Euren eigenen immergleichen Aktionen nicht auf, daß Ihr Euch in diesem frommen Wunsch ziemlich täuscht? Ihr glaubt doch selber nicht, das Auswärtige Amt hätte irgendwel- che Informationslücken über den Staatsterror in aller Welt, den ihr beklagt. Im Gegenteil, Ihr kommt ja nur deshalb darauf, Euch an die Bonner Herrschaften zu wenden, weil Ihr wißt, daß die weltweiten Einfluß haben. Merkwürdig ist das schon: Einerseits geht Ihr - zu Recht - davon aus, daß eine Weltmacht wie die BRD überall auf der Welt ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Und dann glaubt Ihr andererseits felsenfest, daß alle Sauereien, die auswärtige Staatsgewalten anordnen, nie und nimmer etwas mit den weltweiten Ordnungs-Interessen der Bundesregierung zu tun haben könnten. Bei jedem Massaker - ob in Südafrika, Südamerika oder jetzt in China -, immer meint Ihr, noch mehr bundesrepublikani- scher Einfluß, das hätte den Menschen dort gerade noch gefehlt! Wie kommt Ihr eigentlich auf die Vorstellung, die BRD mit ihrem grandiosen Wirtschaftswachstum und ihrer Bundeswehr wäre eine einzige Veranstaltung zur Förderung des Guten, Wahren und Schö- nen? Bloß, weil ihr guten Menschen zufällig auch hier wohnt. 2. Wenn Ihr schon so große Stücke auf die Bundesregierung haltet, dann glaubt dem Kanzler doch mal: "Wenn wir immer die Menschen- rechte zum Maßstab machen würden, dann könnten wir keine Außenpo- litik mehr betreiben." (Kohl während seiner letzten China-Reise zum "Tibet-Problem"). Der Mann wird schon wissen, wovon er redet: Außenpolitik ist ein für allemal kein moralisches Geschäft. Da hilft es auch überhaupt nichts zu fordern, sie sollte doch aber bitteschön eins sein. Macht doch mal die Gegenprobe: Wann wird Außenpolitik denn unter Berufung auf die Menschenrechte betrie- ben? Wenn Machthaber in der "3. Welt" weltwirtschaftlich vernünf- tig handeln und das ganz alltägliche Verhungern und Massenelend bei sich zu Hause organisieren - das ist kein Fall für Menschen- rechts-Kommissionen; und noch nicht einmal für Euch. Die berühmte "Menschenrechtswaffe" kommt immer nur dann zum Einsatz, wenn auswärtige Machthaber für die Ansprüche des Westens zu selbst- herrlich verfahren. Immer dann und nur dann werden ihnen die Lei- chen und politischen Gefangenen vorgerechnet, die in jedem Staat als Abfallprodukt der gewaltsam durchgesetzten Ordnung anfallen. S o unterscheiden unsere Staatsmänner, wenn sie Sanktionen be- schließen, wie Ihr sie jetzt fordert. Mit Sanktionen, die im Na- men der Menschenrechte verhängt werden, wird Druck auf fremde Staatsgewalten ausgeübt, deren Politik den hiesigen Machthabern nicht paßt. Das ist etwas anderes als ein Rettungsprogramm für verfolgte und unterdrückte Menschen in aller Welt. Das weiß im übrigen auch jeder. Oder seid Ihr tatsächlich so naiv, daß Ihr das geheuchelte Getue nicht durchschaut, das die Regierung um die Frage der Notwendigkeit und Nützlichkeit von Sanktionen regelmä- ßig veranstaltet?! Bei gewissen Staaten - Nicaragua, Rumänien, Polen v o r den Er- folgen der "Solidarität" - sind Sanktionen unbedingt nötig - schon wegen der Menschen dort. Daneben gibt es bekanntlich Staa- ten, bei denen Sanktionen - schon wegen der Menschen dort - abso- lut schädlich wären: Südafrika, ganz Mittel- und Lateinamerika (außer Nicaragua, weil s.o.!). Das ist sie, die Menschenfreundlichkeit unserer "sehr geehrten Genschers": die außenpolitischen Berechnungen der Bundesregierung werden immer mit dem billigen Gütestempel "im Interesse der dortigen Menschen" verziert. 3. Genscher ist Euch als Adressat für Eure Empörung über die Massa- ker in China eingefallen, weil Ihr wißt, daß die BRD hervorra- gende politische und wirtschaftliche Beziehungen zur VR China un- terhält. Ihr wißt auch, daß der Hauptverbündete der BRD - die USA - seit Jahren großen Wert auf eine militärische Zusammenarbeit mit China legt. Dann vergleicht doch mal den Inhalt dieser präch- tigen Beziehungen mit Eurer Entrüstung. Die US-Regierung zum Beispiel hat ihrer "Empörung über das bru- tale Vorgehen der Pekinger Führung" dadurch Ausdruck verliehen, daß sie ihre Waffenlieferungen nach China fürs erste ausgesetzt hat. Fällt Euch daran nichts auf? Das ist doch mal ein kleiner Hinweis auf die handfesten Interessen, die die Regierungen des Freien Westens in dieser Weltgegend verfolgen. Erstens arbeitet das westliche Militärbündnis seit Jahren an der Herrichtung Chinas zu einem Vorposten gegen die Sowjetunion. NATO-Horchposten wurden an der chinesisch-sowjetischen Grenze installiert und die chinesische Armee mit westlicher Waffentech- nologie ausgerüstet. Zweitens ist China für westliches Kapital längst ein interessanter Markt. Wie es sich für die "Welt-Exportnation Nr. 1" gehört, stehen bun- desdeutsche Unternehmen bei der "Eroberung dieses Wirtschafts- raums" an vorderster Front. Die Wirtschaftsteile unserer freien Presse waren in den letzten Wochen voll von Sorgen, ob die "hervorragenden Gewinnchancen" dort auch weiterhin erhalten blei- ben. Meint ihr diese west-östlichen Beziehungen wären für das Wohlergehen chinesischer Studenten und Arbeiter eingerichtet wor- den? Oder als Instrument, um den Chinesen ausgerechnet die I d e a l e der westlichen Rechtsstaatlichkeit beizubringen, die sogar hierzulande niemand wörtlich nimmt. Und meint Ihr im Ernst, der Westen würde seine Interessen an China aufgeben, oder ändern, bloß weil die dortige Führung Leute umbringen läßt?! Ihr wißt doch selbst: das passiert nicht nur dort tagaus tagein ohne große Öffentlichkeit. Die chinesischen Machthaber sind da weniger welt- fremd. Sie haben verkündet, daß sie für ihr "wirtschaftliches Öffnungsprogramm" weiter felsenfest auf das Geschäftsinteresse westlicher Unternehmen setzen, die den riesigen chinesischen Markt sicher nicht der Konkurrenz überlassen würden. Das Argument leuchtet den Politikern unserer Wirtschafts-Großmacht garantiert voll ein. 4. Es mag sein, daß die Bundesregierung trotzdem an eine Umorientie- rung ihrer China-Politik denkt und noch ein paar Sanktionen be- schließt. Die werden selbstverständlich im Namen des chinesischen Volkes verhängt werden. Aber auch wird man dann doch wohl unter- scheiden können zwischen der Heuchelei und den Kalkulationen westlicher Staatsmänner. Die sagen doch deutlich genug, was ihnen an den chinesischen Machthabern derzeit überhaupt nicht paßt. Die dortige Parteiführung hat mit ihren brutalen Säuberungsaktionen samt der dazu verbreiteten Ideologie "Kampf der Konterrevolution" klargestellt, daß einzig und allein sie in ihrem Laden das Sagen hat. Deng und Genossen haben sich so gar nicht wie Führer eines westlichen Entwicklungslandes aufgeführt. Nicht was die Leichen betrifft - da können die Militär-Diktaturen der Freien Welt läs- sig mithalten, sondern sie haben sich nachdrücklich abgegrenzt von jeder ungebetenen westlichen Mitsprache bei der "Gestaltung des chinesischen Wegs". Und die Beschwerden aus dem Freien We- sten, die regelrecht als T e s t a u f d i e B e e i n f l u ß b a r k e i t der Pekinger Machthaber vorge- bracht werden, werden als unbefugte Einmischung von außen zu- rückgewiesen. D a s stört westliche Machthaber, die das "Reich der Mitte" schon so ziemlich zu ihrem Einflußbereich gezählt hat- ten. Die Sorge um die Berechenbarkeit und Erpreßbarkeit der chinesischen Machthaber für die politischen Ansprüche der Freien Welt veranlaßt Genscher und Co. vielleicht tatsächlich zu "wirksamen Maßnahmen". Die bekommen zwar todsicher auch keinem Chinesen gut. Aber wenig- stens könnt Ihr Euch dann einbilden, die in Bonn hätten auf Euch gehört und der Menschlichkeit Bahn gebrochen. Seid Ihr dann zu- frieden? *** Gelebte Solidarität ------------------- der "Aktion Lichtzeichen" von amnesty international und der uner- müdlichen Fachschaft Sinologie der Universität München. Nachts traf man sich unter der Bavaria und bildete mit Fackeln in den Händen die chinesischen Schriftzeichen für "Menschenrechte" Ein wunderschönes, formvollendetes "Zeichen der Hoffnung" für China. In Bonn und der Pekinger KP - sie konnte es ja lesen! - ist sicherlich kein Auge trocken geblieben. zurück