Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION BEWEGUNG - Von Robin Wood und Hausbesetzern
zurück
Rudolf Bahro predigt in Bochum:
APOKALYPSE DROHT: GESAMTALTERNATIVE BIS ZUM URAL -
WIDERSAGT DEN PRODUKTIVKRÄFTEN!
Mittwoch, 2. Juni: Rudolf Bahro macht auf seiner Vortragsreise in
der Berufsschule am Ostring Station und zieht sämtliche Register
seiner kürzlich dekretierten "Charta für ein atomwaffenfreies Eu-
ropa" (MSZ berichtete, Nr. 3/82). Vor der versammelten Friedens-
bewegung trat er an, eine politische Perspektive, seine
"Gesamtalternative", zu eröffnen.
Da jeder ihm eine intime Kenntnis der Marxschen Kritik am Kapita-
lismus und deren Konsequenzen im real existierenden Sozialismus
zutrauen mochte, konnte er sich gleich in der Pose dessen gefal-
len, der über die überholten Modelle in Sachen Aufbrechung des
Systems endlich hinausgedacht hat. Zwar treibe der Kapitalismus
seinem Wesen nach über die nationalen Schranken hinaus, sei der
Grund für Kriege und deren Vorbereitung (gewesen), aber heute sei
eine Analyse, die dies festhalte, zu kurz. Sein Argument: Der We-
sten hat eine "Rüstungsdynamik" ausgelöst, auf die der Ostblock
eingestiegen ist, und damit finden wir heute zwei Blöcke vor, die
miteinander konfrontiert sind und von dieser Blocklogik be-
herrscht werden; ja die "speziellen Interessen der Blöcke sind
unter die herrschende Waffen- und Rüstungslogik subsumiert".
Ganz dogmatisch trägt sich hier der sonderbare Gedanke vor, daß
die Rüstung nicht dem Interesse der Nationen geschuldet ist, ihre
Interessen auf dem Weltball durchzusetzen, sondern umgekehrt ist
die Waffenlogik das ominöse Subjekt, das sich die Interessen der
Nationen inzwischen schon untergeordnet hat. Der Zweck der Poli-
tik in Ost und West ist Machterhaltung. Und wieso ist die Welt
des Imperialismus, wo Geschäft Gewalt notwendig macht, auf den
Kopf gestellt, so daß die Gewalt Selbstzweck und das Geschäft
eine dieser untergeordnete Rolle spielt?
Blockkonfrontation
------------------
Bahros schlagender Beweis lautet: 1. Die SU hat die Hoffnung auf
die Überwindung des Kapitalismus weder nach innen noch nach außen
erfüllt. (ja und?)
2. Das sozialistische Lager hat sich wieder in die Kapitalakkumu-
lation eingegliedert. Damit will er nicht die sozialistische Öko-
nomie in der Hinsicht kritisieren, daß es in ihr die Produktion
für Gewinn (für den Staat) gibt und die Arbeiter - wie hierzu-
lande - durch den Lohn vom gesellschaftlichen Reichtum ausge-
schlossen sind. Er will auch nicht beanstanden, daß sich die Ost-
ökonomie über Westhandel die schrittweise Zerstörung ihrer Plan-
wirtschaft eingehandelt hat.
Ihn stört, daß drüben - wie hier - Produktivkraftsteigerungen be-
trieben werden (die ökonomische Form, die Ausbeutung der Arbei-
ter, in der das geht, ist ihm scheißegal, weil er Produktiv-
kraftsteigerung als solche als Übel empfindet) und will das von
seinem ökologischen Standpunkt kritisiert wissen. Weil beide
Blöcke nicht alternativ produzieren, nicht Verzicht auf Konsum
auf ihr Programm gesetzt haben (wenn sie ihn auch praktisch an
den Massen ständig durchsetzen), weil sie schließlich der Natur
nicht ihr Grundrecht auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit
einräumen, sind sie das Gleiche. Die Entfaltung der Produktiv-
kräfte setzt Destruktivkräfte frei, will Bahro in diesem Sinne
bei Marx gelesen haben, weshalb Wettrüsten und over-overkills die
Welt beherrschen. (Von wegen - s.o. - Sozialismus taugt nichts,
weil er den Kapitalismus nicht überwunden hat; er ist keine Öko-
Bewegung!)
3. Da die permanente Steigerung der Produktivkräfte zu einem Rü-
stungswettlauf führt (wieso eigentlich?) sind die Blöcke in einen
Zirkel geraten, wo einer den anderen treibt, immer mehr zu rü-
sten; wo schließlich Jäger und Gejagter nicht mehr zu unterschei-
den sind.
Und nachdem Bahro so mittels weniger Glaubenssätze jeglichen re-
alen Gegensatz der Staaten - den Grund des Imperialismus, den
Ostblock zum Hauptfeind seiner staatlichen Prinzipien zu erklä-
ren, mit denen er die ganze Welt beglücken möchte, und umgekehrt
den Willen des Ostblocks, sich als Weltmacht Nr. 2 gegen die Be-
streitung seiner Existenz zur Wehr zu setzen - eliminiert hat,
das Ganze nur noch als die wahnwitzige Blockkonfrontation da-
steht, als furchtbare Verstrickung, geht Bahro zu seiner
Heilsbotschaft
--------------
über:
1. Zunächst wieder seine Abrechnung in Richtung Linke:
Die Arbeiterklasse hat zwei Weltkriege nicht verhindert (ganz im
Gegensatz zur Friedensbewegung). Sie könne es auch gar nicht,
weil sie ins Blockdenken eingebunden sei. Interessiert am materi-
ellen Vorteil sind die Arbeiter für Produktivkraftsteigerung (sie
wollen mit i h r e n Betrieben ja Gewinne machen und sie haben
ja auch arbeitsfrei, wenn sie wegrationalisiert werden) und damit
auch für Kriege, mit denen z.B. "unser" Öl im Nahen Osten vertei-
digt werden soll (schließlich geht es ja um ihr Geschäft, zu des-
sen Sicherung sie permanent einige Märker mehr pro Monat ganz
freiwillig locker machen.).
2. Eine neue Kraft ist aber, Gott Lob, entstanden, die "den Aus-
bruch aus dem Irrenhaus organisieren kann", die "Volkskräfte" des
Antiblockdenkens: die Friedensbewegung, die Befreiungsbewegungen
der Dritten Welt, die Dissidenten, die polnische Solidarität, die
Blumenschützer und Körnchenschlemmer. Ihre Bewegung findet immer
mehr Zulauf, ja selbst die CDU kann ihre eigene Ideologie kaum
noch gegen deren Ideen verteidigen. (Warum hat sie auch sonst die
Jubel-Demo für Reagan unter dem Titel Frieden in Freiheit ge-
macht?) Niemand in Deutschland kann nämlich daran ein Interesse
haben, daß Deutschland ein atomares Schlachtfeld wird. (Was
stimmt und deswegen offiziellerseits zur Konsequenz führt, 1. die
SU zu zwingen, sich ihrer Waffen immer mehr zu entledigen und 2.
die Verteidigung immer weiter nach Osten vorzuverlegen. Nur macht
dies ein Rückschlagen von Seiten der SU beizeiten um so wahr-
scheinlicher!)
3. Das Schönste aber ist, daß diese Bewegung deswegen gerade in
D e u t s c h l a n d soviele Chancen für Zulauf hat, weshalb
man ganz ungeniert alternativer Nationalist sein darf Bahro ent-
warf hier einige Machtphantasien, wie etwa die: Deutschland könne
in absehbarer Zeit Lehrmeister für Frankreich und England werden,
die noch stärker - so Bahro - der Blocklogik verhaftet sind.
(Blockfreies Europa - das wäre doch endlich einmal ein sinnvoller
Einsatz militärischer Stärke, der seine Opfer lohnen würde, sau-
ber im konventionellen Bereich natürlich!)
Schwerter zu Pflugscharen
-------------------------
Als alternativer Nationalist, der die "4. Kraft im Lande" glaub-
würdiger machen wollte, mühte sich Bahro schließlich auch noch,
ein "guter (West)Deutscher zu sein.
1. Dabei leitete er seinen Geifer gegen die DKP säuberlich aus
seinem Blockkonstrukt ab: Weil sie sich dem einen Block verbunden
weiß - "Ich weiß genau, wie sie vom Osten gesteuert ist" gehört
sie nicht in die Friedensbewegung. (Jusos und Judos hassen ja
z.B. die sozialliberalen NATO-Aktivisten bekanntlich längst wie
die Pest).
2. Als rübergemachtem DDR-Bürger durfte man ihm auch nicht seine
gewisse Einseitigkeit verübeln, wenn er dem Ostblock nur Gutes
wünschte, indem er sich der Reagan-Parole anschloß, für ihn
stelle sich jetzt die Frage "Butter statt Kanonen". Was für ein
Recht auf Waffen hat schließlich die Nation, die "die Impulse der
russischen Revolution in Panzer gesteckt hat"?
zurück