Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION AUTONOME - Vom schwarzen Block
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Sylvesterfete einmal anders: "Klirrende Scheiben", "Plünderungen"
und "Randale" im Ostertor
"TOTALES CHAOS" AM SIELWALL?
Mit diesem Reißer jedenfalls schockierte der Weser-Kurier das
verkaterte Publikum in seiner Neujahrsausgabe: "Das Jahr begann
mit dem totalen Chaos." Gemeint waren nicht die 7,5 Einbruchs-
diebstähle pro Minute und 3,6 Gattenmorde, die in die Kriminal-
statistik dieser Republik täglich eingehen. Mord und Totschlag
gehören ja zur rechtsstaatlichen O r d n u n g unseres Alltags.
Von den umfangreicheren Körperverletzungen, die auf staatliches
Betreiben zustandekommen, einmal ganz abgesehen. Das Erschrecken
über ein totales C h a o s war dem vergleichsweise harmlosen
Sielwallspektakel vorbehalten, bei dem zweieinhalb Scheiben zu
Bruch gingen und ein paar Flaschen Sekt ohne den Umweg über den
Kassenbon verzehrt wurden. Das öffentliche Gezeter hat denn auch
weniger den grandiosen Schaden der T a t im Auge. Der wird oh-
nehin von Versicherungen gedeckt. Oder er wird locker aus den
Schatullen der Boutiquenbesitzer und Schöner-Kochen-Läden be-
zahlt, die ihre Etablierung im lukrativen Viertel der besser ver-
dienenden Intellektuellen immer auch ein wenig unter dem Ge-
sichtspunkt "Risikokapital" kalkuliert haben. Von wegen der Pun-
ker, wie sie selbst sagen.
Der einhellige Aufschrei, der ausgerechnet in den zu Bruch gegan-
genen Schaufensterscheiben den Übergang zum Chaos entdeckt, gilt
der vermuteten G e s i n n u n g, die hinter dieser strafbaren
Sylvesterfete gesteckt haben soll: Hier wollten Chaoten das Recht
mit Füßen treten. Und das ist für einen ordentlichen Bürger der
größte anzunehmende Unfall. Auch größer dimensionierte Schäden,
die für gewisse Leute aus der Herrschaft staatlichen Rechts an-
fallen, von den Arbeitslosen der Marktwirtschaft bis zu den
Krebsopfern eines AKW-Betriebs, fallen da nicht ins Gewicht oder
werden als leider unumgängliche Kosten unserer Ordnung abgehakt.
Aber wehe, irgendein Wicht nimmt sich heraus, aus voller Absicht
dem Recht ein Haar zu krümmen! Dann ist es mit dem Verständnis
vorbei. Dann wird ein
rechtsfreier Raum
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nach dem anderen entdeckt. Das ist einerseits natürlich ein
schlechter Scherz. Sollte etwa der gesetzliche Schutz des Eigen-
tums vor dem Ostertor Halt machen? Hält das Viertel etwa für Pun-
ker das Verkehrsschild "Eintritt frei" und für grün Uniformierte
das Schild "Wir bleiben draußen" bereit? Eben. Rechts f r e i
ist da kein Quadratzentimeter. Wer dennoch so etwas behauptet,
ruft in Wahrheit nicht nach dem Recht, das gelten soll, sondern
nach seiner Quintessenz, die ihm Gültigkeit verschafft: nach mehr
G e w a l t, von seiten des Staates, versteht sich. Diese Gewalt
soll dem Recht so unwidersprechlich Geltung verschaffen, daß ein
Verstoß dagegen, den die Polizei ja im Normalfall nicht
v e r h i n d e r t, sondern v e r f o l g t, erst gar nicht
stattfinden soll. Während so ziemlich jedes Verbrechen im Straf-
rechtskodex zum N o r m a l f a l l des rechtsstaaatlichen All-
tags gezählt wird, pflegt der Staat hier, wo es um s e i n e
unangefochtene Durchsetzung geht, ein anspruchsvolles Ideal: Mit
seinem Gesetz möge auch schon sichergestellt sein, daß ein Ver-
stoß erst gar nicht stattfinden kann. Einerseits ein frommer
Wunsch, für den der Staat andererseits schon längst vor dem Siel-
wallspektakel immerzu tätig ist. Wieder einmal steht fest, daß
die Polizeikräfte verstärkt werden "müssen". Die Gewerkschaft der
Polizei fordert gleich zwei Hundertschaften, die Politiker haben
ein Einsehen, weil sie das genauso sehen. Und nachdem aufgebrach-
ten Viertel-Bewohner die Idee einer Bürgerwehr amtlicherseits
wieder ausgeredet worden ist - Gewalt m o n o p o l bleibt Mono-
pol! -, können alle nachträglich auf einen guten Vorsatz für 1988
anstoßen: mehr Staatsgewalt!
Bleibt noch der Wermutstropfen zu erwähnen, den die Weser-Kurier-
Schreiberlinge in ihrem Champusglas entdeckt haben:
Armut, neu betrachtet: Ein Risikopotential für den Rechtsfrieden!
Was die Spitzel des Blattes bei der Suche nach einer heißen Story
am 31.12 entdeckt haben, hat sie erst verblüfft, dann angewidert.
Ganz gewöhnliche, gut situierte Bremer sollen nämlich mitgemacht
haben beim "Plündern" der Geschäfte. Mancher brave Angestellte
findet sich so als Sumpf des "Chaotentums" in der Zeitung wieder.
Daneben sollen sich etliche "Sozialfälle" dank der günstigen Um-
stände für "Brot statt Böller" entschieden haben. Selbst die Ver-
urteilung der ganzen Affäre durch die Presse, Senat, Grüne und
sonstige Beichtväter der Unterpriviligierten hat sie nicht davon
abgehalten, zum Ort des Verbrechens zurückzukehren:
"Seit Montag morgen sind Aufräumungstrupps dabei, verkohlte Waren
in einen riesigen Container zu schleppen und die verbrannten Re-
gale abzureißen ... Während drinnen noch aufgeräumt wird, grab-
beln draußen schon wieder die ersten nach verbogenen Bierdosen
und versengten Mayonnaiseflaschen im Container." (Weser-Kurier)
Es muß wohl blankes Elend sein, daß "gut situierte" Leute auf
verkohlte Mayonnaiseflaschen aus dem Container scharf macht. Wo-
her sie kommen, weiß jeder. Eine florierende Marktwirtschaft ko-
stet Arbeitslose, auch in Bremen, und die sozialstaatliche Kar-
riere nach unten legt ein Henning Scherf fest. Nur: Im Lichte des
Sielwallfestes werden diese Leute in etwas schieferem Licht gese-
hen. Aus den bemitleidenswerten, aber eben auch unvermeidlichen
Opfern marktwirtschaftlicher Sachzwänge sind Inhaber eines ver-
lotterten Rechtsbewußtseins geworden.
Nicht der A r m u t gilt die wie immer auch verlogene Kritik
der Journaille, die so etwas auf das Konto "Sachzwang" verbucht.
Die Kritik gilt jetzt den A r m e n, die womöglich aus Armut
den Rechtsfrieden stören. Und das ist ein ganz unvergleichlich
höher stehender Schaden, gemessen an ihrem privaten Los. Denn der
Rechtsfrieden, das wird ja wohl einleuchten, ist das Lebensmittel
Nr. 1 eines jeden. O h n e i h n geht nämlich gar nichts: Kein
Schulabschluß, kein geregelter Arbeitsplatz und keine Eheschlie-
ßung. M i t i h m dagegen geht so ziemlich alles: Kein Schul-
abschluß, kein Arbeitsplatz und ein gepflegter Gattenmord.
Die Grünen
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haben für diese Ordnung einiges übrig. Nicht mit Kritik, sondern
mit Alternativen des Ordnungsstiftens haben sie sich deshalb in
die allgemeine Entrüstung über das Chaos eingemischt.
"In einer Presseerklärung zu den Ausschreitungen im Ostertor hat
gestern der Landesvorstand der Bremer Grünen erklärt, er habe
'kein Vergnügen' an der Randale auf der Sielwallkreuzung in der
Silvesternacht und ebensowenig an den weiteren aggressiven und
gewalttätigen Vorfällen im Lande Bremen. Die Vorfälle im Ostertor
sind nach Ansicht der Grünen aber kein Argument für 'mehr Poli-
zei' und einen schnelleren Einsatz von Polizei, denn ein schlag-
kräftiger Polizeieinsatz hätte dort bestenfalls 'zu einer Massen-
schlägerei und ganz gewiß zu mehr Eigentumsdelikten geführt'.
Vermindert werden muß nach Ansicht der Grünen vielmehr 'die Kluft
zwischen sichtbaren Reichtum und fühlbarer Armut'".(Weser-Kurier)
Sehr staatsmännisch gedacht, was die grüne Oppostion da bietet:
Ein Mehr an Polizei würde dem staatlichen Ziel selbst zuwider-
laufen. Andererseits total daneben: Seit wann ist denn das Ziel
von Polizeieinsätzen, "Massenschlägereien" und Diebstähle zu
v e r h i n d e r n? Zur Schlägerei gehören immer noch zwei Par-
teien. Also wird eine Massenkeilerei zwischen Punkern und Grün-
röcken erst dadurch zustandekommen, daß die Uniformierten zu ih-
rer "Verhinderung" aufmarschieren. Genauso hat noch kein einziger
Polizist einen Diebstahl verhindert - vom puren Zufall des in
flagranti Ertappten abgesehen! Dieser Knick in der grünen Optik
kommt daher, daß diese Partei im staatlichen Gewaltapparat einen
friedenstiftenden und das persönliche Eigentum schützenden all-
gemeinen Nutzen angesiedelt haben will. Und dieses Vorurteil hal-
ten sich diese Burschen so wacker, daß sie ganz ungerührt von der
"Kluft zwischen Reichtum und Armut" labern, die unter dem Schutz
des Eigentums zustandekommt, weil eben jeder nur geschützt
kriegt, was er hat. Die einen ihre Fabrik, die anderen das Fahr-
rad, mit dem sie in selbige fahren. Was also tun, wenn sich die-
ser Gegensatz bemerkbar macht und sich manch ein armer Schlucker
zu einem Stein ins Penny-Schaufenster hinreißen läßt? Die Kluft
vermindern, damit sich der Gegensatz in Harmonie und Anstand über
die Bühne ziehen läßt. "Kluft vermindern" - das haben die
"Plünderer" im Viertel auf ihre Weise besorgt, was den Grünen na-
türlich gar nicht recht war. Vielleicht gehört der Akzent wirk-
lich auf "s i c h t b a r e n Reichtum" verlegt - was einer
enorm oppositionellen, aber rechtsstaatlich sauberen Empfehlung
nach Schaufensterverdunkelung gleichkäme. Aber das sollen die
selbsternannten grünen Aufsichtsräte des Viertels mit sich selber
abmachen.
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Avanti Militanti
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"Es ist schwer zu beschreiben warum 'ne illegale Flasche Sekt
eben geiler schmeckt als 'ne legale, wer sich's nicht vorstellen
kann, was für ein Gefühl der Freude und des Glück's da mit-
schwingt, wenn du genau weißt du hast ihnen ein Schnippchen ge-
schlagen, du hast deren Friedhofsruhe gestört, der/die wird's
auch nie erleben." (So ein Kommentar von Sylvesterfetenhengsten
unter dem Pseudonym Avanti militanti in TREIBSAND Nr. 68)
Ein Sekt von PENNY kann gar nicht besser werden. Schon gar nicht
dadurch, daß er illegal verputzt wird. Ausgerechnet vom Stadt-
und Polizeiamt, das schon sonst alles vorschreibt, soll man sich
auch noch seinen Geschmack diktieren lassen? G u t, w e i l
v e r b o t e n?
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