Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION AUTONOME - Vom schwarzen Block


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       Marxistische Gruppe Bremen, Oktober 1981
       

DAS GUTE GEWISSEN DER STAATSGEWALT HAT ZUGESCHLAGEN

Ich stelle dazu fest, daß die Polizei keinen Anlaß hat, die Häu- ser zu räumen. Hierzu sind lediglich die widerrechtlichen Benut- zer aufgefordert. Allerdings ist die Polizei allein dazu befugt, Zwang anzuwenden, wenn dem Recht nicht anders Geltung zu verschaffen ist." (Polizeipräsident Hübner vor der Räumung) "Wir sind tief betroffen davon, daß ein junges Leben dahin ist. ... politische Verantwortung ist immer mit Risiken verbunden. Wir müssen in diesem Sinne gemäß unserer Verantwortung handeln." (von Weizsäcker) "Ein solcher Vorgang ist belastend, weil (!) er geeignet sein könnte, Legenden und falsche Kausalitäten zu produzieren." (Innensenator Lummer) Es hat alles planmäßig begonnen, und es hat alles planmäßig geen- det. Die Polizei hat acht Häuser geräumt. Rechtsstaat und Polizei, ob der Rechtmäßigkeit ihrer Gewalt über jeden Zweifel erhaben, - sie definieren, was Recht ist und folglich sich gehört, und was nicht - haben klargestellt, daß Ungehorsam Gewalt ist; so unmißverständlich, daß eine Leiche ihr oberstes Beweismittel ist. Über diese wird nun nach allen Kräften hergefallen. Die Moral der Staatsmänner besteht nämlich zuallerletzt darin, über von ihr produzierte Opfer zu erschrecken. Im Gegenteil. Sich schämen und erschrecken müssen die anderen, die sich von der Polizei haben prügeln lassen und daran festhalten, bei Häuserräumungen wäre irgendein Protest angebracht. Sich schämen und erschrecken müssen die, die sich mit Wasserwerfern und Schlagstöcken in befahrene Straßenkreuzungen drängen lassen - schließlich ist die Straße nicht zum demonstrieren sondern zum Autofahren, und für BVG-Busse da - und weil wir in einer Demokratie leben, wird das Motto der Faschisten - das Opfer ist selbst schuld - besinnlich vorgetragen. Ein Grund in sich zugehen. Lummer stellt klar, für wen: "Der Tod des Jugendlichen macht mich tief betroffen. Ich fühle mich besonders belastet, habe aber keine Veranlassung zu sagen, daß mein Verhalten nicht in Ordnung gewesen wäre. Die Schuld liegt bei denen, die mit der Gewalt begonnen haben." 1. Planmäßig hat der Berliner Senat in gebührender Ignoranz gegen die Gründe der Hausbesetzer - mit dem parteipolitischen Aus- schlachten der Wohnungsnot einen ganzen Wahlkampf lang bei ihrem "Anliegen" gebührend Aufmerksamkeit verschafft, und ansonsten be- handelte man sie gemäß der Rechtsordnung als Rechtsbrecher sein Ultimatum, innerhalb einer Woche acht Häuser freiwillig zu räu- men, verstreichen lassen. So sehr das Ultimatum den Tatbestand der Erpressung erfüllte: wer sich nicht fügt, kommt in den Genuß aller Mittel der staatlichen Gewalt, von Rausprügeln bis Straf- verfahren, so wenig herrscht Unklarheit über dessen Zweckmäßig- keit. Im Unterschied zu Ganoven und Terroristen kalkuliert näm- lich ein Staat nicht mit dem Willen des Erpressten als was, wovon er abhängig wäre - weshalb auch nicht erneut ein Ultimatum, son- dern die ganze Latte des Einsatzes seiner Rücksichtslosigkeit die Folge war. Die Herren von der Politik, Justiz und Polizei wollen eine Klarstellung in Sachen Gewaltmonopol - sie haben sie nun in der Tat gehabt. Fügen sich die Leute freiwillig - gut -, tun sie es nicht, dann mißt sich die "Reaktion" darauf nicht allein an dem Maßstab, die beschlossene Räumung durchzuziehen. Nicht um- sonst hatte der Senat Hausbesetzungen, Anti-Haig-Demonstrationen und Friedensdemonstrationen samt der dort geworfenen Pflaster- steine als Gewalt definiert, das heißt angekündigt, jede unbotmä- ßige Unzufriedenheit als Angriff auf sich mit aller "Härte" zu beantworten. Der Berliner Senat wollte nicht allein seine Gewalt p r a k t i z i e r e n. Deshalb keine "Nacht- und Nebelaktion" um der Neuen Heimat ihre Häuser frei zum Abriß oder ge- schäftstüchtiger Sanierung zu servieren, sondern die große Ankün- digung, daß allein die freiwillige Räumung der Häuser vor den Folgen schützt. Diese Folgen waren so genau kalkuliert, daß man die Eltern ebenso wie die Schulen anwies, ihre Kinder aus den Räumungszonen herauszuhalten. Deshalb ist es auch keine lächerli- che Show, sondern gehört dazu, wenn der Innensenator im Anschluß an die Räumung durch 17 Hundertschaften im geräumten Haus eine Pressekonferenz gibt in der Pose eines siegreichen Häuptlings: "Ich (!!) kann mir nicht vorschreiben lassen, wann ich Gewalt an- wende oder nicht". Auch dies kein Eingeständnis der Gewalt und wer sie hat und wer sie ausübt. Im Gegenteil. So sicher ist sich der Staat der Legitimität seiner Gewalt, daß er sich die Freiheit nimmt, den Genuß ihrer freien Kalkulation öffentlich zur Schau zu stellen.. 2. In Schöneberg ist im Gefolge dieser Demonstration der Staatsge- walt auf der Potsdamer Straße "ein junges Leben dahingegangen", wie sich der Christ und Bürgermeister von Weizsäcker auszudrücken beliebt. Na klar, daß er betroffen ist. Es war ja auch sein Be- fehl, daß die Polizei mit der ganzen Rücksichtnahme auf den poli- tischen Zweck des Einsatzes, die Zwecklosigkeit jedes Ungehorsams zu beweisen, das "Risiko" produziert hat, einen über die Klinge springen zu lassen. Und als Politiker kann er sich die Unver- schämtheit leisten, sein Ergebnis in Ordnung zu finden. Mit der gebotenen offiziell vorgetragenen Trauer um ein Menschenleben, ein junges zumal, versteht sich. Daß einer abgekratzt ist, be- weist, wer in letzter Instanz das Risiko hat: der Politiker mit der schweren Bürde seines Amtes. So tief nimmt die demokratische Politik ihre "Verantwortung". zurück