Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION AUTONOME - Vom schwarzen Block
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Das Weltbild der Autonomen ist recht einfach. Es gibt nur sie und
die "Schweine" mit ihrem "System"
WAS WOLLEN DIE AUTONOMEN?
Mit "Haßmaske" und "Zwille"...
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Die "H a ß m a s k e" ist das Erkennungszeichen der Autonomen.
Ursprünglich hat die Verhüllung des Gesichts allein dem Zweck ge-
dient, seine bürgerliche Identität vor den observierenden Staats-
organen zu verbergen, die jede Kritik als potentielle Gefahr für
Staat und Demokratie definieren, deshalb präventiv jede halbwegs
organisierte Unmutsäußerung sorgfältig registrieren und archivie-
ren, um im Bedarfsfall die Betreffenden dingfest machen zu kön-
nen.
Für die Autonomen ist der defensive Akt der Vermummung zum Symbol
des Widerstands geworden, ein Stück Stoff, das Identität nicht
mehr verhüllt, sondern kenntlich macht: die I d e n t i t ä t
d e s A u t o n o m e n als "Streetfighter". Damit setzen sie
sich nicht nur vom Feind, der Staatsmacht, ab, sondern auch von
allen andern, die dieser nicht ganz wohlgesonnen sind. Sie halten
es sich zugute, den Widerstand gegen den bestehenden Staat zu
p r a k t i z i e r e n. Das "Kämpferische" ist es, was sie sich
allem sonstigen Protest gegenüber zugutehalten:
"Was uns von anderen Linken unterscheidet, ist der Stein in der
Hand und der Knüppel im Nacken. Im Tränengasnebel fühlen wir uns
nun mal am autonomsten. Was uns darüber hinaus zusammenhält, wis-
sen wir auch nicht." (Flugblatt Berliner Autonomer)
Die "Haßmaske" ist wesentlicher Bestandteil autonomer Kleidung,
die - um Kampfstiefel, Knüppelhiebe dämpfende, gepolsterte Leder-
jacken und Helme ergänzt - die Uniform des "Schwarzen Blocks"
ausmacht. Die einheitliche Kleidung repräsentiert nicht nur die
Unterordnung unter den gemeinsamen Zweck und das unbedingte Recht
zur Gewaltausübung sie dient vor allem der Unterscheidung von
Freund und Feind im Kampf.
Dem "Knüppel im Nacken", dem Tränengasnebel, der chemischen Keule
und anderen ordnungsstiftenden staatlichen Hausmitteln setzen sie
ihre dürftige Schutzkleidung und den "Stein in der Hand" entge-
gen, wenn's hoch kommt, die "Zwille", in bürgerlichen Horrors-
zenarien mit schauriger Bewunderung zur "Präzisionszwille" hoch-
stilisiert. Die sehr prinzipielle militärische Überlegenheit der
Gegenseite ist den autonomen Kämpfern nicht Anlaß zur Überlegung,
ob dieser Kampf es bringt.
Ihr Kampf ist auf Erfolg gar nicht berechnet; er selbst i s t
der Erfolg. D a ß er stattfindet in regelmäßigen Abständen, ist
es, worauf's ankommt:
"Nun ja, wir sind gescheitert. (Aber es hat Spaß gemacht! Dafür
danke ich allen, auch den Aktivisten, über die ich hier manchmal
hergezogen bin.) - Also auf zum nächsten Kampf!" (AKTION 6/87).
"Das war schon immer so, wenn der äußere Feind gerade nicht
sichtbar ist, gehen die Kämpfe nach innen... (aber) Bevor du dich
umschaust, kracht es irgendwo - und schon sind die Strukturen
wieder gut." (Didi, Freiburger Medienwerkstatt, in der
"Süddeutschen Zeitung", 15.1.)
Es ist der "äußere Feind", der die Autonomen zusammenhält, weil
der Kampf das einzig Verbindende und der einzige Zweck autonomen
Treibens ist. Wer meint, gegen seine Mitkämpfer antreten zu müs-
sen, weil Frust aufkommt, wenn der "Zoff" mit dem wirklichen
Feind mal zu lange nicht stattfindet, gibt so kund, daß ihn an-
deres als die "Aktion" selbst gar nicht interessiert. Die Schlä-
gerei mit der Polizei bringt den autonomen Laden, seine
"Strukturen", wieder in Ordnung. Sie stiftet Einheit. Anlässe da-
für liefert der laufende Umgang des Staats mit der Szene und
ihresgleichen selbst. Hausdurchsuchungen, Festnahmen, Observa-
tion, Beschlagnahme von Schriften, aber auch die über das übliche
Maß hinausgehende Ahndung ganz gewöhnlicher Ordnungswidrigkeiten
und Kriminalität garantieren, daß die Szene in "Bewegung" bleibt.
So sorgt der "Feind" beständig dafür, daß der Widerstand nicht
erlahmt, weil er dauernd die Belege für seinen "Schweinecharak-
ter" liefert, damit das Bewußtsein für die Existenz des Feindes
schärft und mit ihm die eigene Daseinsberechtigung liefert. An-
drea z.B. wurde von einem Spitzel die Gründung einer terroristi-
schen Vereinigung untergejubelt:
"Andrea saß bis vor wenigen Tagen in Totalisolation... Es kam
nichts rein. Sie bekam keine Zeitungen oder Bücher, durfte kein
Anstaltsradio hören, nicht mal duschen. Die Totalisolation wurde
dann vor kurzem aufgehoben. Sie sitzt aber immer noch in einem
Kellerloch, das unter der Erde liegt und durch einen Bruch in der
Kanalisation total nach Pisse stinkt." (AKTION 6/87)
Autonome wollen damit nicht Illusionen über die Zustände in deut-
schen Gefängnissen zerstören, sondern immer wieder beweisen, daß
der Staat vor nichts zurückschreckt, um aufrechte Kämpfer aus dem
Widerstand zu zermürben. Daß das keinen außer sie selbst beein-
druckt, ist ihnen nur allzu bekannt; denn soviel wissen sie auch,
daß die sie umgebende Bürgerwelt nicht aus Unkenntnis über Haft-
bedingungen, sondern aus strammer Befürwortung von Recht und Ord-
nung das Einsperren von "Radaubrüdern" gutheißt. Autonome beken-
nen sich sogar zur Zirkelhaftigkeit ihrer Überzeugungsarbeit:
"...Es hat sich wieder einmal bestätigt, daß wir ohne die Massen
/ gegen die Massen gar nichts machen können. Andererseits haben
die Massen ein beschissenes Bewußtsein. Mit ihnen können wir also
momentan auch nichts machen, was für uns von direktem Wert ist...
Das klingt zunächst wie eine gedankliche Kreisbewegung: Die Leute
werden im Kampf politisiert, und infolge der Politisierung kämp-
fen sie." (AKTION 6/87)
Praktisch tauglich scheint diese gedankliche Kreisbewegung den-
noch:
"Dabei kann ein fehlgeschlagener Versuch, eine Bullensperre zu
überwinden, durchaus ein politischer Sieg sein, wenn sich daran
viele Menschen beteiligen; selbstbestimmt ihre Vorstellungen in
diese Auseinandersetzung einbringen... Wenn z.B. in der Situation
von Kleve der größte Teil von Menschen aus dem Konvoi nach vorne
hätte kommen können, wäre die Situation für die Bullen sicher an-
ders gewesen. Damit wäre ein Durchkommen zwar auch nicht gesi-
chert gewesen, aber viele Menschen hätten die Schweinereien der
Bullen mitbekommen und wären mit einem anderen Gefühl nach Hause
gefahren." (Westberliner Autonome)
Nach diesem Prinzip sammeln Autonome ihre Erfahrung und möchten
sie anderen vermitteln. Sie sind auf einen verkehrten Schluß
scharf: Wenn schon der Staat aus allem und jedem eine Gewalt- und
Polizeifrage macht, dann ist eines immer fällig: G l e i c h
der Polizei Probleme bereiten. Insofern passen Autonome sehr ge-
nau zu der 'Gewaltfrage', die der demokratische Staat ohne Rück-
sicht auf Verluste in die Welt setzt. Ihr 'Nein!' ist genauso in-
haltslos und rücksichtslos wie das 'Jawoll!', das die Staatsge-
walt ihren Bürgern abverlangt.
...gegen den "Schweinestaat"
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Daß Autonome sich von den liebenswürdigen Interpretationen des
bürgerlichen Staates einseifen ließen, kann man ihnen nicht vor-
werfen. An der bestehenden Demokratie können sie nichts Positives
entdecken. Über die Reformierbarkeit des Systems machen sie sich
keine Illusionen: "Das System hat keine Fehler. Der Fehler ist
das System." Für das, was an Kritik in diesem Staat rumläuft oder
sich für Opposition hält, haben sie nichts als Verachtung übrig:
"Liberallallas", "Grünbürgerlichbetroffenheitslatschdemos",
"Friedenswichser", "Theoriescheißer" und "Schlaffis".
Weder daß das staatliche G e w a l t m o n o p o l private Ge-
waltausübung ausschließt und gewaltsam unterbindet bzw. ahndet
noch daß es sich die Legitimation dazu regelmäßig in Bürgervoten
einholt, läßt Autonome also - wie jeden normalen kritischen Bür-
ger - vergessen, daß es sich auch dabei um Gewalt handelt. Diese
Feindschaft gegenüber dem Staat verdankt sich jedoch keiner Ein-
sicht in Grund und Zweck demokratischer Gewalt. An keiner staat-
lichen Maßnahme übersehen sie die Gewalt, aber sie entdecken auch
nur sie. Außer ihrer Ausübung w o l l e n sie nämlich gar kei-
nen Zweck entdecken, wenn der Staat seiner Souveränität oder dem
"Wohl der Wirtschaft" gewaltsam Geltung verschafft. Wenn ein Au-
tonomer einmal einen Blick auf das nationale Wirtschaftsleben
wirft, wird für ihn nur eines sichtbar: eine Ansammlung von Tech-
niken zur Befriedung der Massen, abwechselnd mit Zuckerbrot
und/oder Peitsche. Und froh an diesem zurechtkonstruierten Bild
der Wirtschaft stimmt ihn, daß es nicht reibungslos gelingt. Un-
ter K r i s e versteht ein autonomer Theoretiker eine Herr-
schaftsmethode, mit der seine Feinde die Menschheit drangsalie-
ren:
"Das Neue in der Phase der Massenarbeiterkämpfe der Periode zwi-
schen 1967 und 1972 ist eine grundlegende Veränderung im Verhält-
nis von Löhnen und Profiten. Das löst einen regelrechten Schock
beim Kapital aus, denn es hatte in der keynesianistischen Epoche
der Vollbeschäftigung davon gelebt, daß Löhne und Profite gleich-
zeitig steigen können. Nun 'erlahmt' aber die Steigerung der Pro-
duktivität, durch welche Profite und Löhne gleichzeitig steigen
konnten, Profit- und Lohnentwicklung werden wieder antagoni-
stisch. Die Klasse akzeptiert nicht mehr 'Mehr Arbeit für mehr
Geld', sondern kämpft für 'Mehr Lohn - weniger Arbeit'. Und zwar
steigen nicht nur die direkten Löhne, sondern auch die Ausgaben
des Staates, mit denen er die Klasse reproduziert und kontrol-
liert (Wohlfahrt, Gefängnisse, Schulen, 'Verteidigung'). Diese
Ausgaben, die das Kapital vor revolutionären Entwicklungen schüt-
zen sollen, werden nun selbst zur Bedrohung seiner Profitrate...
Schon 66/67 bekam das Kapital zu spüren, daß dieser Revolte"
(gemeint sind Frauen- und Jugendemanzipation seit den 60er Jah-
ren, die die kapitalnützliche Stellung des Familienvaters unter-
graben hätten) "mit einem konjunkturellen Einbruch, einer kurzen
Phase disziplinierender Arbeitslosigkeit nicht beizukommen war...
Die eigentliche Bedeutung der Energiekrise liegt daher in ihrem
Druck auf die Neuzusammensetzung der Klasse... Die Energiekrise
ist fehlgeschlagen... Die neuen Profite stehen nur auf dem Pa-
pier, nämlich auf den internationalen Schuldscheinen... In der
Krise 1980/83 wurde die 'Energiekrise' von der Schuldenkrise ab-
gelöst." (Aus einer Buchbesprechung - Montano: Arbeit, Entropie,
Apokalypse - Wildcat, Karlsruher Stadtzeitung Nr. 36, 1985)
So gibt die Bourgeoisie, wenn sie ein K a p i t a l w a c h s-
t u m realisiert, den Autonomen recht, die meinen, daß vom
Staatshaushalt, über die Profitrate bis zur Energie und den
Schulden nur Machenschaften zur Debatte stehen, die der
Bestechung bzw. Knechtung der Massen dienen.
Solchen Theorien zufolge soll die Einführung ganzer Technologien,
wie der Atomtechnologie, nicht dem Kalkül staatlicher Energiepo-
litik geschuldet sein, sondern sich dem Umstand verdanken, daß
mit ihr ganz besondere Gefahren verbunden sind, die dem Kapital
ganz neue Formen der Kontrolle der Belegschaft erlauben, bis hin
zur Drohung mit einem "Super-GAU" gegen aufmüpfige Massen. Die in
AKWs durchgeführten Sicherheitskontrollen will ein Autonomer kei-
neswegs als Maßnahmen verstanden wissen, die der Staat dem Kapi-
tal aufzwingt, damit dies vor lauter Kostengesichtspunkten ihm
keine Katastrophenkosten beschert oder gar sein Staatsmaterial
allzu leichtfertig aufs Spiel setzt, wobei er die Kostenkalkula-
tion der Kapitalisten allemal gebührend würdigt. Ein Autonomer
versteht sie als lauter böswillige Erfindungen zur Kontrolle der
Menschen.
Wo die Ausübung von Herrschaft, die Kontrolle der Individuen, die
staatliche Gewaltanwendung dermaßen jeder Zweckmäßigkeit entklei-
det ist, wo Unterdrückung zum Selbstzweck geworden ist, da bleibt
keine andere Erklärung als die, daß es den Machthabern auf die
Knebelung der Individuen ankommt. Das einzige Recht, das der Au-
tonome hochhält, ist demgegenüber das Recht des Individuums auf
Selbstverwirklichung. Der Fanatismus der Individualität verleiht
den Autonomen ihre Wut. Im Gegensatz zum Normalbürger wollen sie
ihre Freiheit ohne die Beschränkung, die sie von Staats wegen ga-
rantiert. Doch wie jener will ein Autonomer von den Gegensätzen,
die der Staat mit der bürgerlichen Freiheit in die Welt setzt,
nichts wissen. Das Recht auf Selbstverwirklichung begreift er
nicht als die gewaltsame Verpflichtung auf die Mittel, die den
Individuen zur Verfügung stehen, sondern als "Freundschaft,
Liebe, Zuneigung", die "mensch" untereinander aufbringen würde,
wären da nicht die "Schweine", denen der Sinn bloß danach steht,
den Traum von Autonomie zunichte zu machen.
Statt der Funktionalität staatlicher Gewalt entdecken Autonome
also lauter böse Absichten, so daß es sich bei den Staatsagenten
nur um schlechte Charaktere handeln kann, die kein von "Menschen"
geteiltes, weil nun wirklich absurdes, Motiv mehr treibt. Auch in
der Alltagsmoral sind "Schweine" keine Tiere, sondern Menschen,
denen der moralische Verstand das wertvolle Prädikat "Mensch" ab-
spricht, weil sie gegen Moral und/oder Recht verstoßen. Ihre ei-
gene Ohnmacht gegenüber dem Gewaltmonopol bestärkt sie immer nur
wieder in ihrem Recht, das sich mit der ihm eigenen Rücksichtslo-
sigkeit und dem guten Gewissen der Gewalt bedient:
"Wer Polizist wird und bei solchen Demonstrationen mitmischt,
weiß, was er tut." (Autonomer im "Spiegel-Gespräch")
Der repressiven Staatsgewalt setzen sie ihren Kampf entgegen. Und
der ist für sie ein einziger Akt der Befreiung. Eine strategische
Kalkulation, die auf Schwächung und schließliche Beseitigung der
Herrschaft zielt, die wie bei der RAF die Vernichtung von Füh-
rungsfiguren des bürgerlichen Betriebs als Weg zur Befreiung vor-
sieht, lehnen die Autonomen ab. Die straffe, quasi mititärische
Organisation, die sich die RAF im Untergrund zulegt, weist für
die Autonomen viel zu viel Programm und Disziplin auf, bei der
die freie Individualität und der Lustgewinn beim Kämpfen auf der
Strecke bleiben:
"Die Leute z.B., die aus den verschiedensten Ecken kommen, die
sich hier an den Kämpfen im Hafen beteiligen, müssen selber völ-
lig autonom entscheiden, auf welcher Ebene der Kämpfe sie ein-
steigen wollen. Das können und wollen wir nicht vorschreiben."
(Aus einem Interview mit Hafenstraßenautonomen, AKTION 5/87)
Kampferfahrung contra Theorie
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Was beim - v.a. jungen - Bürger als bloße Einstellung vorkommt,
daß er unbedingt seine, dann aber ganz eigenen, Erfahrungen ma-
chen möchte, lieber schlechte Erfahrungen selbst gemacht als gute
von andern aufgezwungen, lieber eine eigene verkehrte als eine
"manipulierte" richtige Meinung haben will - und unter "Zwang"
und "Manipulation" fallen da Argumente gleichermaßen wie
"Liebesentzug" und Prügel -; dieses trotzige Beharren auf Selb-
ständigkeit ist beim Autonomen zum festen Standpunkt ausgebildet.
In den Aktivitäten von Polizei, Geheimdiensten und Justiz wird
der autonomen Weltsicht zufolge der wahre Charakter des kapitali-
stischen Staates als gigantischer Repressions- und Unterdrüc-
kungsapparat so richtig sinnfällig. In diesem Sinne haben die Au-
tonomen schon immer mit Vorliebe E n t l a r v u n g betrieben:
In autonomen Zeitschriften, wie "AKTION", gibt es dafür die Ru-
brik "kurz und schmerzhaft" mit Meldungen von drastischen Verur-
teilungen von WAA-Gegnern, milden NPD-Urteilen, Polizeiaufrüstung
usw. Die akribisch aufgedeckten Machenschaften der offen oder
verdeckt operierenden Sicherheitsorgane gegen ihresgleichen sol-
len stets für sich selbst sprechen - als offenkundiger B e l e g
für die Untaten der "Schweine". Daß Widerstand nottut, soll im
wesentlichen damit "bewiesen" werden, daß aus allen Ecken der Re-
publik von Machenschaften der "Schweine" b e r i c h t e t
wird, deren gemeinsamer Begriff in der Rücksichtslosigkeit des
Umgangs von Staat und Kapital mit "Menschen" liegt.
Daß Widerstand auch m ö g l i c h ist, dokumentieren die Zeug-
nisse von Widerstandsaktionen, wie "Umspannstation zerstört",
"Konzept Stadtspiel - Aktionen während des Reagan-Besuchs ohne
'sinnlose militärische Bullenkonfrontation'", "Flammende Grüße
bei Adler - Wir dokumentieren die Erklärung der 'Roten Zora' zu
Anschlägen auf Adler" (mit Karte, in der die Feuerchen liebevoll
eingezeichnet sind). (Alles aus AKTION 5/87) Daß man durch Erfah-
rungen - gute wie schlechte - autonom wird, ist also die feste
Überzeugung dieser Bewegung, gleichgültig dagegen, daß der so ge-
führte Nachweis des Gewaltcharakters den "Normalo" ziemlich kalt
läßt, der an Widerstand gar nicht denkt, obwohl ihm der Großteil
der Meldungen gar nicht unbekannt ist.
Die einfache Staats"theorie" der Autonomen b e d a r f jedoch
nicht nur keiner Theorie. Weil sie nicht Kampf ist, s c h a-
d e t sie ihm - so die autonome Logik. Jeder erklärende Satz,
der sich nicht im Schildern von Belegen staatlicher Schweinereien
erschöpft, ist dem Autonomen verdächtig.
In heftiger Abgrenzung von Linken fällt da auch schon einmal der
Vorwurf, die "ungewohnte Sprache" eines autonomen Zettels beweise
eine äußerst unrühmliche Nachahmung von seminarmarxistischem Ge-
wichse. Wo Autonome freilich außerhalb ihrer Reihen einen Hinweis
auf den Gewaltcharakter des Rechts finden, fühlen sie sich bestä-
tigt - auch wenn sie gleich hinterher die Frage aufwerfen, wo
denn die "Praxis" bleibt.
Wer sich vom Polizeiknüppel agitieren läßt, hält weitere Überle-
gungen für einen Dachschaden, der vom eigentlichen Agitationsin-
strument: dem Knüppel und dem unverdrossen dagegen anrennenden
Schädel, nur ablenkt. Der Stoff für Diskussionen geht bei solch
praktischer Gesinnung nie aus. Er ist nur etwas beschränkt.
"Konkret" geht es um zwei Fragen: Eine heißt: Wieso liegt den an-
deren so wenig an den Kampferfahrungen, daß wir ewig unter uns
bleiben: Die Antwort: Resignation. Die zweite Frage schließt sich
hier unmittelbar an, weil sie dieselbe ist. Der beim Resignieren
nötige Wille, ein bißchen zu kämpfen, tritt ja nur deshalb nicht
in Erscheinung, weil ihm die Möglichkeit des Kampfes nicht darge-
boten wird. Wie können wir anderen unsere Aktionen "vermitteln"?
lautet das Problem und seine Lösung heißt Aktion.
"Alles oder nichts"
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Was wollen die Autonomen? Nichts! Ihre eigene Antwort geht zwar
anders, sie ist aber um keinen Deut besser: Ihr von den Spontis
übernommenes "Alles" umschreibt einen seelischen Gemütszustand,
eine Art Generalfreiheit, die sich mit Kleinigkeiten nicht ab-
gibt:
"Die Bedürfnisse, die sich auf Selbstbestimmung und Selbstver-
wirklichung richten, treffen auf keinen öffentlich produzierten
Austausch. Man kann sie nicht kaufen und verkaufen." (radikal,
März/April 1984)
Das einzige Bedürfnis, das sie in dieser Gesellschaft nicht ver-
wirklicht sehen, weil es nicht zu kaufen ist, ist eben das nach
Autonomie. Das radikale Auftreten, das schwarzmaskierte Gehabe,
paart sich da aufs schönste mit reaktionären Sinnschwafeleien und
der modischen Kritik "bloß" materieller Bedürfnisse. Die sehen
sie - ähnlich wie der Pfaffe - als Dinge an, die vom Eigentlichen
nur ablenken und abhalten; die alte Tlheorie vom "Konsumterror" -
die sich ja ebenfalls dem Inhalt nach einer alten christlichen
Tradition erfreut - der die Menschheit mit künstlichen Konsumbe-
dürfnissen manipuliere, um sie darüber zu "sinnloser" Arbeit zu
zwingen, tut da nützliche Dienste.
"Arbeit ist, ohne Bezug zu haben auf Nützliches, Beschäftigung,
die nicht mehr zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden kann, Anwe-
senheit an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Sie ist
der Dienst, den das System seinen Sklaven abverlangt, die Anwe-
senheitspflicht und so zu tun als ob." (radikal, März/April 1984)
Ganz nebenbei geben Autonome zu, welche Kritik und Verachtung sie
sich bei ihrem Egotrip zugelegt haben, und zwar gegenüber den
"Normalos": Den Massen geht's zu gut. Und selbst wenn es ihnen
schlecht geht, wollen sie nur, daß es ihnen wieder besser geht:
"(Die meisten von) denen, die jetzt Stück für Stück aus dem Zu-
sammenhang des Kapitalismus herauspurzeln... waren gerne an den
vampiristischen Raubzügen des Kapitals beteiligt, sie waren, ob-
wohl Ausgebeutete, doch mit Ausbeuter (so daß)... die Herausge-
worfenen zumeist darum kämpfen, wieder in den Ausbeutungszusam-
menhang zurückzukommen..." (ebenda)
Daß sie, die Autonomen selbst, k e i n materielles Interesse
treibt, wenn sie sich in ihren Kampf stürzen, halten sie sich
ausdrücklich zugute:
"...daß der Unterschied zwischen einer Entscheidung, die Frontli-
nie zu wählen, und in einen Widerspruch zur Kapitalentwicklung
gedrängt zu werden, ein fundamentaler ist... Die neuen Unterklas-
sen sollen die fette Brühe sein, deren existentielles Aufbegehren
von uns mit Anarchie, Witz und Militanz gewürzt werden sollte,
von uns, die wir seit der Schule lieber keiner Klasse mehr ange-
hören, auch wenn unsere ökonomische Existenz sich meist weit un-
ter der neuen Massenarmut befindet. Doch für viele von uns war
dies eine Frage der Entscheidung - wir haben diese Stelle in der
Gesellschaft gewählt..." (ebenda)
Die bürgerliche Existenz von Mitkämpfern wissen sie zwar als Tar-
nung ihrer "gewitzten" Aktionen zu schätzen, andererseits be-
trachten sie das Interesse, sie zu erhalten, als Hindernis für
die Beteiligung an "Aktionen". Eine Existenz, die keine Ansprüche
mehr stellt und zu erwarten hat, ist deshalb die beste Vorausset-
zung für eine autonome Existenz, die sich in keine Abhängigkeiten
begibt und so ganz frei dem Inhalt autonomer Selbstverwirklichung
frönen kann:
"Die Profitgier der Kapitalisten, die HERRschsucht des Staates,
seiner Politiker, Juristen, Bürokraten und Schreibtischtäter hat
ein mörderisches System der Knäste und KZ's, der Zwangsarbeit und
Aussonderung, der Zerstörung, Unterwerfung und Demütigung ge-
schaffen, in dem wir nur im Widerstand und im Kampf unsere au-
thentischen Gefühle, Autonomie und Selbstbestimmung und Kollekti-
vität gewinnen können." (Treibsand 67, ASTA-Zeitung Bremen, Nov.
87)
Eine rhetorische Frage: Und welcher Lohn winkt bei solchem Kampf?
Was springt heraus, wenn man sich schlägt und keinen Bedarf im
Auge hat, der durch das Ergebnis der Schlacht gedeckt wird? Ein
Heidenspaß eben, jene authentischen Gefühle, die einen Autonomen
offenbar für alles andere entschädigen:
"Ich schmeiße die Steine nicht wegen der Bullen, ich schmeiße sie
wegen mir." (Der Spiegel, 46/87)
Darum ist bei den Autonomen auch "Witz und Phantasie" gefragt. Im
Erfinden origineller Gruppennamen sind sie unschlagbar: "Hau weg
den Scheiß", "Westdeutsche Abbauhelfer", "Revolutionäre Handwer-
ker", "Feurige Ratten", "Sägende Zellen" u.a.m. Dabei fallen ih-
nen auch mal Parolen ein, die den Bürger auf die Palme bringen:
"Arbeitslosigkeit für alle - bei vollem Lohnausgleich!" Und all
das nur, um sich die eigene Autonomie gegenüber allem, was nach
"Schwein" riecht, permanent vor Augen zu halten. Solche Hirnakro-
batik - kräftig unterstützt durch Punkmusik, Alkohol und Hasch -
dient der Erholung und der Reproduktion in den Kampfpausen für
das eigentliche ganz ursprünglich autonome Erlebnis, es den
"Schweinen" zeigen zu können. Dafür muß man dann aber auch wieder
voll drauf sein. Gedopt oder besoffen sieht man nicht gut aus ge-
gen die "Bullen". Denn da gelten ganz spießige Kriterien. Fairneß
im brutalen Kampf Mann gegen Mann. Nichts hat diese erfolgsver-
gessene Kalkulation autonomer Kämpfer deutlicher gemacht als au-
tonome Reaktionen auf die toten Frankfurter Polizisten: Der Ein-
satz von Schußwaffen würde den Kampf ja völlig unkalkulierbar ma-
chen. Diebische Freude herrscht dagegen, wenn man den Gegner mit
ganz primitiven Mitteln rein- und lahmgelegt hat:
"Am 19.7. brauchten die Polizeibeamten geschlagene zwei Stunden,
um ihr Haupttor zu öffnen, das mit einem simplen Flacheisen und
einer Schraube blockiert worden war. Die Schraube hatte lediglich
ein L i n k s g e w i n d e!!!" (AKTION, 5/97)
Noch mehr freut es sie natürlich, wenn sie in ihren eigenen Manö-
vern mit verteilten Rollen zu merken meinen, daß ihre Autonomie
sie den starken "Bullenkonzepten" überlegen mache, weil die Ge-
nossen, die die "Bullen" spielen müssen, über die Hiebe klagen.
Am allerschönsten jedoch finden sie es, wenn es ihnen mal ge-
lingt, den üblichen Spieß, der ja auch nicht von autonommorali-
scher Pappe ist, umzudrehen und die "Schweine" zum Laufen zu
bringen. So leben sie im Kampf ihre Individualität aus, die sie
im Leben sonst nirgends sehen. Sie wollen entdeckt haben, daß
solche (Kampf)Erfahrungen die Karriere zur echt autonomen Persön-
lichkeit eröffnen:
"Wer kennt es nicht: das Kokettieren mit der ersten Geldstrafe,
der ersten Festnahme, den ersten Prozeß, dem ersten Urteil. Das
'Schweinesystem' hat auch DICH auf dem Kieker, die Fronten sind
klar, man ist plötzlich wer. DU rückst in den Kreis der juri-
stisch anerkannten Staatsfeinde empor und sonnst DICH im Gedan-
ken, Widerstand geleistet zu haben, wobei ja klar ist, daß DU ir-
gendwann mal gepackt wirst. Es ist eine diffuse Wahrscheinlich-
keitsrechnung, die aber meist gerade dann aufgeht, wenn DU am we-
nigsten damit rechnest." (radikal, März/April 1984)
Das nennen sie dann "Leben". D
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Warnung
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Autonome sind keine Fraktion im Spektrum des antikapitalistischen
Kampfes. Sie sind auch nicht der radikale Flügel der Protestbewe-
gung.
Autonome haben keine Kritik an den Mitteln, die Oppositionelle
für ihre Zwecke einsetzen, einen besseren Weg wissen sie nicht.
Autonome haben nämlich nichts übrig für die Ziele von Prote-
stierern, deren Gründe interessieren sie nicht.
Autonome sind keine Unterstützung in stattfindenden Auseinander-
setzungen. Das wäre das letzte, was sie sein möchten.
Autonome betrachten vielmehr jede Bewegung als Gelegenheit, ihr
Bedürfnis nach Selbstverwirklichung im Kampf zu befriedigen.
Autonome benützen stattfindende Auseinandersetzungen als günstige
Gelegenheit, sich ihr eigenartiges Kampferlebnis in einer Schlä-
gerei mit der Polizei zu verschaffen. Das ist der einzige Grund,
warum sie sich an linke Bewegungen anhängen, die sie deshalb auch
als Staffage ihrer Randale einschätzen und behandeln.
Hausbesetzer, Atomgegner, Antiimperialisten, Naturschützer, Frie-
densfreunde, Tierschützer kommen ihnen da gleichermaßen recht. Es
kommt lediglich darauf an, ob sie deren Umzüge für actiontauglich
halten. Etwas anderes als eine Straßenschlacht wollen Autonome
gar nicht zustandebringen.
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