Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION ALLGEMEIN - Von diversen Einmischungen


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       Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 40, 24.04.1984
       

DIE STARTBAHN 18 WEST

des Frankfurter Flughafens ist nunmehr in Betrieb genommen worden (pietätvollerweise ganz ohne offizielle Einweihungsfeier), und ab sofort werden täglich ca. 250 Starts von diesem "lange umstritte- nen Projekt" aus zur Alltagsnormalität gehören. Allenthalben wurde aus diesem Anlaß in der Öffentlichkeit noch einmal "Bilanz gezogen über die zwei Jahrzehnte lange Geschichte der Startbahn West"; und in der Tat: der Effekt dieses Bauwerks geht über seine unmittelbare Eigenschaft als Startbahn für Flugzeuge ein gutes Stück hinaus. Denn nicht nur, daß mit der neuen 18 West die "Wirtschaftskraft" der am Luftfahrtgeschäft Beteiligten "gestärkt wurde"; nicht nur, daß die Infrastruktur kräftig vorangetrieben wurde für gegenwär- tige und geplante Nato-Vorhaben auf der größten US-Air-Force-Base außerhalb der Staaten, die Frankfurt-Rhein-Main schließlich auch noch ist - darüber hinaus hat sich der d e m o k r a t i s c h e R e c h t s s t a a t angesichts des verbreiteten Protestes ge- gen das Startbahn-Projekt hochgradig bewährt. Und zwar als Muster dafür, wie erfolgreich diese H e r r s c h a f t s form mit Un- zufriedenheit aus den Reihen ihrer Bürger f e r t i g w i r d. - Zum einen ist der Rechtsstaat sich ganz und gar t r e u g e b l i e b e n: Er hat sich die neue Startbahn genehmigt, aber erst letztinstanzlich. Die Öffentlichkeit vermerkt an gebüh- render Stelle, daß es 20 Jahre gedauert hat, bis alle Beschwerden durch alle behördlichen Instanzen hindurch und dann endgültig ab- geschmettert waren; die Flughafen AG verweist stolz darauf, daß die in Ordnern gesammelten Gerichtsakten sechs Meter Platz ein- nehmen, die nötig waren, ehe alle Einsprüche zurückgewiesen wa- ren; ein ganzes Volksbegehren konnte in Hessen auf den Weg ge- bracht werden, bevor der Staatsgerichtshof es abwies; und "friedliche Demonstrationen" sind bis heute nicht verboten. - Zum anderen hat der Rechtsstaat seine Einhaltung der von ihm selber installierten "Regeln" zum unwidersprechlichsten Argument dafür ausgerufen, daß er dann aber auch Flagge zeigen, sprich: zuschlagen darf, ja muß. Allerhand Demonstranten haben dies am eigenen Leibe zu spüren bekommen, von der Räumung des Hüttendor- fes im Startbahnwald bis zum vorletzten Wochenende in der Frank- furter Innenstadt und am Flughafengelände. Überdies hat die demo- kratische Obrigkeit die Existenz einer Protestbewegung zum Anlaß genommen für ziemlich eindeutige Klarstellungen darüber, was sich ihrer - maßgeblichen! - Auffassung nach gehört und was sich nicht gehört in der deutschen demokratischen Landschaft der 80er Jahre: Weil eine Regierung g e w ä h l t ist, deshalb hat man ihr un- bedingt zu p a r i e r e n; weil Protest e r l a u b t ist, hat er sich auf seine praktische W i r k u n g s l o s i g- k e i t zu verpflichten, oder er hat siehe - Alexander Schubart! - zu gewärtigen, der "Nötigung von Verfassungsorganen", also eines Staatsverbrechens, angeklagt zu werden. Dies ist die deutliche Botschaft über den staatsbürgerlichen G e h o r s a m, der den Untertanen von Freiheit und Demokratie heutigentags von oben abverlangt wird: Daß ihnen das öffentliche V o r- b r i n g e n ihrer Unzufriedenheit mit einer staatlichen Maßnahme gestattet wird, nimmt der Rechtsstaat geradezu als s e i n e n Rechtstitel dafür in Anspruch, sich über jede Unzufriedenheit hinwegzusetzen, dafür unbedingtes Parieren einzufordern und Zuwiderhandlungen mit aller Schlagkraft seiner dreigeteilten Gewalt zu bestrafen! PS. Die P r o t e s t b e w e g u n g hat die Inbetriebnahme der Startbahn West auf ihre Weise begleitet: mit regelrecht nost- algisch angehauchten Demos zum Gedenken - und zwar i h r e r s e l b s t. Entweder in Form eines letzten mit blutigen Köpfen und Festnahmen bezahlten Selbstbeweises der eigenen m o r a l i s c h e n Überlegenheit über die überlegene Polizei- gewalt des Staates oder als alternatives Volksfest mit Rock von BAP. Laut FR "herrschte hier Trauer vor": "Um Millionen Bäume, um das zerstörte Vertrauen in die Politiker". So treffend diese Äu- ßerung "einer Frau aus Mörfelden" auch die tiefe Sehnsucht dieser demokratisch-guten und heimatliebenden Menschen nach Ü b e r e i n s t i m m u n g mit ihrer Obrigkeit zum Ausdruck bringt, so wenig glaubhaft ist ihre Behauptung vom "z e r s t ö r t e n Vertrauen in die Politiker". Schließlich ist der Zeitpunkt absehbar, wo der Dachlatten-Börner mit Hilfe grüner Parlamentarier zum nicht mehr bloß geschäftsführenden hes- sischen Ministerpräsidenten gewählt wird. Der vom Startbahnpro- test übriggebliebenen Forderung nach einem Nachtflugverbot stand Herr Börner zwar nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber; er kann aber die Vorzüge der Demokratie für die Machthaber hier ein wei- teres Mal auskosten und auf die Zuständigkeit des Bundes in die- ser Frage verweisen... zurück