Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION ALLGEMEIN - Von diversen Einmischungen


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       Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 7, 02.11.1982
       
       Heidehofabriß / Alter Mühlweg
       

SORGE UMS GEMEINWESEN

"Heidehof ist abgerissen, - Die Idee lebt weiter" ------------------------------------------------- Verletzungen des Rechts, das das Privateigentum als Grundlage der Kapitalverwertung gewaltsam sichert, stoßen gemeinhin auf einhel- lige Ablehnung, Pressefritzen wie Persönlichkeiten des öffentli- chen Lebens stehen nie an, ein entschlossenes Vorgehen des staat- lichen Gewaltapparates zu legitimieren. Beim besetzten Heidehof war das scheinbar ganz anders. Die Besetzer hießen in der Tages- presse schon mal nur in Anführungszeichen "Besetzer", Hochschul- leute stellten sich als Paten zur Verfügung, die für die Besetzer eintraten, weil sie "eine neue Lebensform als Gruppe" (unizet) wagten, und selbst der Uni-Rektor versuchte, für die Heidehof- Leute ein gutes Wort bei der IGM einzulegen. Warum das so war, darüber klärt das "Wir über uns" der Heidehof- besetzer auf (Flugblatt nach der Räumung): "Wir, eine Gruppe von 35 Leuten wollten und haben im Heidehof eine Alternative zu der Betonstadt und der Kälte in dieser Ge- sellschaft gelebt. Wir haben in den Kellern uns selbst Arbeit verschafft, z.B. Holzwerkstatt. Fahrradwerkstatt, im Garten Gemü- seanbau und einer war dabei eine Elektrowerkstatt mit Lehraus- bildung aufzubauen. Von dem täglich geöffneten Café lebten 4 Ar- beitslose. Ca. 15.000 Gäste besuchten unsere Kulturveranstaltun- gen, Theater und Musikgruppen hatten sich Proberäume eingerich- tet, selbstorganisierte Kurse wie Töpfern, Tanzen, Theater und Photographie fanden statt. Jeder von uns wohnte in einem eigenen Zimmer" (die Hände schön über der Bettdecke) "über den Veranstal- tungsräumen." Die "Idee", die im Heidehof vorbildhaft gelebt werden sollte, war also nicht nur konstruktiv und sozial, sondern auch sehr anstän- dig. Sie hatten gegen niemand etwas, nur etwas gegen Beton und Kälte und meinten, "uns allen" fehle die menschliche Wärme. Ja auch, daß junge Menschen vor allem Arbeit (nicht Geld) brauchen, und Eigeninitiative eine Perspektive, sinnvolle Freizeitgestal- tung, und vor allem Sinn, Ideale und Kultur - all das teilten sie - alternativ - als Ansicht mit Sozialarbeitern und Volkshoch- schulfritzen. Und selbst, wo sie Ärger machten, in ihrem Bestehen auf ihrem alternativen idealistischen Recht, daß ihre moralisch einwandfreien Sozialvorstellungen vom Staat doch toleriert, wenn nicht gar unterstützt gehörten, wollten sie diesen nicht: Angebot von Mietverträgen und Bitte um Zuweisung eines Ausweichquartiers. Doch auch ihr Verantwortungsbewußtsein, ihr idealistischer Ge- meinsinn und ihre vorgezeigte moralische Sauberkeit verschafften ihnen nur die Anerkennung ihrer guten Absicht, konnten aber das prinzipielle Einverständnis der Öffentlichkeit mit ihren Kontra- henten, daß es bei der Bestätigung des ehrenwerten Engagements keinesfalls zu Verstößen gegen das geltende Recht kommen dürfe, nicht trüben. Die IGM hielt das bißchen öffentliche Sympathie sogar schon für ein gefährliches Anzeichen von Nachgiebigkeit und Weichheit. Als Vertretung opferbereiter Arbeiter im Dienste der Nation fühlt sie sich ja schon lange aufgerufen, "linken Spinnern" und "Chaoten" keine Chance zu geben. Als Obersaubermänner hielten die Gewerk- schaftsführer ihr Bestehen auf dem Recht des Eigentümers und auf dem Einsatz der Polizeimacht für eine Frage ihrer staatsbürgerli- chen Zivilcourage. Und den enttäuschten, aber hartnäckigen Gemeinnützigkeitsfans, die der Gewerkschaft auf der DGB-Demo am vorletzten Samstag mit den Transparenten "Eure Forderungen sind gut, Euer Verhalten be- schissen: Der Heidehof ist abgerissen" ins Gewissen reden woll- ten, drohte der NRW-Chef Greuenich: Es spricht für unsere Tole- ranz, daß diese Leute nicht vom Platz geräumt werden. Der freien Presse fiel am Tag nach der Räumung nur noch eines ein: ein dickes Lob für die Besonnenheit der Polizei: "Um ungerechtfertigten Vorwürfen vorzubeugen, schlug die Polizei gestern erstmals eine neue Taktik ein: Kurz vor Räumung des Hei- dehofes um 9.30 Uhr wurden alle Dortmunder Zeitungen und der WDR über die geplante Maßnahme unterrichtet. Die Journalisten erhiel- ten während der Aktion Zutritt zu den Räumlichkeiten, um das Vor- gehen der Beamten zu beobachten. Polizeisprecher Karl Beele gab "vor Ort" Interviews für Funk und Fernsehen." (WR) So ein sauberes und geschicktes Vorgehen der Polizei ist doch eine feine Sache und ehrt unsere Staatsgewalt, - zumal die Ord- nungshüter ja nur eine Pflicht tun, die ihnen nicht leicht fällt: "Auch ein junger Polizeibeamter führte ein Taschentuch unter sei- nem Helm in Richtung Augen." Wenn all das nicht zuversichtlich stimmt und die Chance in sich birgt, der "weiterlebenden" "Idee Heidehof" eine noch saubere so- zialpädagogische Existenzweise zu geben! Polizei im Zwielicht? --------------------- In der Nacht vom 9. September prügelten zwei Dortmunder Polizei- beamte mit einigen Helfern die Hausbesetzer vom Alten Mühlenweg 6 und deren Freunde krankenhausreif. Die Sache wäre kein öffentli- cher Skandal geworden, hätte sie nicht einen Schönheitsfehler ge- habt: Die "beiden besten Leute" des Polizeipräsidenten, die hier wieder einmal ihre bewährten beruflichen Fähigkeiten unter Beweis stellten, waren nicht im Dienst und hatten keinen rechtsgültigen Einsatzbefehl. So aber sorgen sich alle darum, das Ansehen des demokratischen Gewaltapperates, die Ehre der Polizei schnellstens wiederherzu- stellen: Die Dortmunder Jusos forderten noch am gleichen Tag den Rücktritt des Polizeipräsidenten, die Grünen kurz darauf die Sus- pendierung der beiden Ordnungshüter und die ESG unverzüglich die sofortige Aufklärung der Vorgänge. Offensichtlich plagt diese Linken das Problem, wie sie glaubwürdig den Polizeibeamten auf ihrer nächsten Demo Blumen überreichen können. Einen anderen - etwas zeitgemäßeren Weg - das Ansehen der Polizei zu wahren, scheinen die Staatsschutzstellen selber gehen zu wol- len: Gerade die Rechtsstaatlichkeit verlangt es, die Beamten ihre gewohnten Aufgaben erledigen zu lassen, schließlich kann ihnen - das klappt schon - nichts richtig nachgewiesen werden. Auf kamp- ferprobte Leute mag man nun einmal in diesen schweren Zeiten nicht verzichten und Eingeständnisse könnten nur als Schwäche der Staatsgewalt ausgelegt werden. zurück