Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION ALLGEMEIN - Von diversen Einmischungen
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Die Studentenbewegung (Teil II)
EINE ABRECHNUNG MIT DEN JUBILÄUMSLÜGEN
e) Die Praxis der Bewegung
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Wenn sie nicht viel bewegt hat, so liegt das nicht daran, daß zu
wenig unternommen wurde. Mit ihrer Kritik ließen sich die Aktivi-
sten laut und deutlich vernehmen. Aus ihren Adressaten wollten
sie Kommilitonen machen; auch mehr oder minder aufgeschlossene
Bündnispartner konnten sie aufspüren, und hoffnungslose Fälle,
also Gegner, waren schnell ermittelt.
Im sicheren, weil demokratisch verbürgten Gefühl, mit ihren Be-
schwerden im Recht zu sein, hat die Bewegung gegen die besten
Sitten der Universität verstoßen. In Hörsälen, wo sonst ehrfürch-
tig gehört, mitgeschrieben und am Schluß respektvoll geklopft
wurde, zettelte sie einfach Diskussionen an. Gehör fanden die
Redner ziemlich oft bei den anderen Studenten, weniger jedoch bei
den Professoren. Diese Figuren fielen aus allen Wolken, als ihnen
da eine "gesellschaftliche Verantwortung " nach der anderen ange-
tragen wurde. Sie hatten ja schon eine: Sie betrieben Wissen-
schaft und hielten ganz im Sinne des Gesetzgebers den Lehrbetrieb
ordentlich aufrecht. Von einer gemeinsamen Beratung über das Wozu
und Wie akademischen Forschens und Lehrens hielten sie gar
nichts; höchstens einen von langer Hand eingefädelten Angriff auf
die Freiheit der Wissenschaft vermochten sie zu erkennen. Das
trug ihnen den Vorwurf ein, statt demokratisch ziemlich autoritär
zu sein. Die wenigen Ausnahmen und die Assistenten, die auch
meinten, ein bißchen mehr Demokratie täte der Hochschule gut, ta-
ten sich als Ideenlieferanten für Reformentwürfe hervor.
So kam es zu aufregenden Szenen an der Stätte des Geistes, und
die Hausmeister hatten ein paar Funktionen mehr. Der wegen
"Diskussionsverweigerung " spontan entstandene Typus der Spren-
gung ward bald ergänzt durch geplante Einsätze, Sit-ins und In-
stitutsbesetzungen. Professoren, die sich allzu vorwitzig in den
Medien über den drohenden Untergang des Guten, Wahren und Schönen
zu Wort meldeten, erhielten Besuch. Das Spektakel war erheblich,
weil dann die Polizei immer öfter kam. Die Sprengungen waren von
Mal zu Mal gerechter und ganz dringlich bei denen, die sich schon
im Dritten Reich um den abendländischen Geist und seine Rettung
verdient gemacht hatten. Von solchen Leuten durfte nämlich die
Demokratisierung der Hochschule auf keinen Fall verhindert wer-
den. Wie letztere zu gehen hatte, wurde auf Vollversammlungen
ausgiebig besprochen; Modelle einer künftigen Universität waren
Gegenstand öffentlichen Streits, paritätische Mitbestimmung und
ganz viel politisches Mandat der verfaßten Studentenschaft zähl-
ten zu den Dauerbrennern des umstürzlerischen Engagements. Das
alles immer mit viel Abstimmung und Akklamation, garniert mit
flotten Beschimpfungen des RCDS, der die Sache gewöhnlich etwas
anders sah und die Maßstäbe der realen Demokratie geltend machte.
Recht aufwendig geriet auch der Einsatz auf dem Feld der Korrek-
turen, welche die in Aufregung versetzten Studiker dem innen- und
außenpolitischen Treiben der Republik zufügen wollten. Das
K a m p f m i t t e l war die D e m o n s t r a t i o n, das
Erfolgskriterium bestand einerseits in der Masse der Teilnehmer,
andererseits im Echo, das die Veranstaltungen in den Medien er-
zielten. Freilich war die Freude über die ansehnlichen Umzüge ge-
gen Notstandsgesetze und Vietnam nicht lange ungebrochen; mit der
Zufriedenheit über die wachsende Zahl demonstrationswilliger Mit-
menschen kontrastierte die Erfahrung, daß die maßgeblichen In-
stanzen der Demokratie den Kritikern kein Gehör schenkten. Statt
sich die in Sprechchören verlautbarten Volksbegehren zu Herzen zu
nehmen und sich zu bessern, machten die Regierenden ungeniert
weiter. Sie bestanden darauf, daß sie vom Volk höchst demokra-
tisch ermächtigt worden wären, erklärten sich ein ums andere Mal
zu den souveränen Vollstreckern demokratischen Willens und die
Demonstranten zu einer "radikalen Minderheit", die sich zuviel
anmaßt.
Das hat besagte Minderheit auf eigenartige Weise zur Besinnung
angeregt - nicht über die Emanzipation der politischen Macht von
den Konjunkturen, die das Interesse und Meinen von Bürgern heim-
suchen; auch nicht über das Warum und Wozu der programmatischen
Rücksichtslosigkeit. Vielmehr über wirksamere Arten, das
"berechtigte" Gehör zu finden. Aus dieser Besinnung ergaben sich
die berüchtigten Provokationen, die "Regelverletzungen" und die
"symbolische Gewalt", gegen Sachen, und Farbbeutel gegen Perso-
nen. Die ganz und gar nicht symbolische und sehr regelmäßige Ge-
walt, mit der die Demokratie dagegen antrat, bestätigte die De-
monstranten auf der ganzen Linie. Wenn sie von der Polizei aus
Anlaß einer Demo gegen den Putsch in Griechenland und die wohl-
wollende Reaktion in Bonn vermöbelt wurden, hieß es: "Deutsche
Polizisten beschützen die Faschisten!" Als bei der Anti-Schah-De-
monstration in Berlin ein Demonstrant schlicht umgebracht wurde
und die geteilte Staatsgewalt Hunderte andere mit Knüppeln und
Landfriedensbruchverfahren traktierte, hatte der SDS nichts Bes-
seres zu tun, als die Demokratie wieder einmal mit dem Faschis-
mus-Vorwurf in Zweifel zu ziehen. Die BRD, so hieß die Erläute-
rung in der darauffolgenden Kampagne, sei von einem "postfaschi-
stischen" System unterwegs zu einem "präfaschistischen" - und
kaum jemandem wollte auffallen, daß noch bei den schmerzlichsten
Erfahrungen mit der wirklichen Demokratie ein Hoch auf die
Demokratie, die eigentliche, ausgebracht wurde.
Und weil die Öffentlichkeit, in Gestalt von Rundfunk und Fernse-
hen, vor allem aber in ihrer schönsten demokratischen Ausprägung,
als BlLD-Zeitung mit täglich verkaufter Millionenauflage, so
freiheitlich wie möglich auf die demonstrierenden "Chaoten "
hetzte und mit ihrer Sicht der Dinge weitaus mehr Anklang fand
als die Flugblätter der Bewegung, stand eine letzte Kampfansage
im Namen der Demokratie an. "Enteignet Springer!", so wurde, na-
türlich unter Berufung auf einen Grundgesetzartikel, noch einmal
heftig gefordert und demonstrierend geltend gemacht. Auch bei
diesem Gefecht, das aus Anlaß des Mordversuchs an Rudi Dutschke
seinen Höhepunkt erreichte, gab es tote und andere Opfer. Leider
kulminierten in der Springer-Kampagne auch die ideologischen Irr-
tümer der Bewegung, die sich im Laufe von jahrelangem Demonstrie-
ren eingestellt hatten. Und zwar deswegen, weil sich die Aktivi-
sten und Mitläufer der demokratischen Vervollkommnung der BRD
manchen eigenartigen Reim auf ihre relativen Erfolge und ihren
eindeutigen Mißerfolg zusammendichteten.
f) Das Bedürfnis nach "Theorie"
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Was die grundsätzliche Position der Studentenbewegung angeht -
Idealisten der Demokratie werden oppositionell, weil die Realität
der Demokratie sie enttäuscht -, so hat die Marburger Schule mit
der Glaubwürdigkeit des Faschismus-Opfers Abendroth gute Dienste
getan. Allerdings war mit der sozialberechtigten Ausdeutung der
Verfassung als Auftrag zur Beseitigung von Not, Gewalt und Krieg
sowie an Gewalt verdienendem großem Geld so übermäßig viel auch
nicht anzustellen. Während die "Herrschenden" und das
"Establishment" in ihrem Umgang mit der Bewegung ganz gut als
leibhaftige Beweise für die Abwesenheit der Demokratie taugten,
geriet den Rebellen eine Tatsache zum Problem: Die Herren in Bonn
hatten einen verläßlichen Zuspruch beim Volk auf ihrem Konto. Die
Hetze der Springer-Presse war immerhin beliebt, und des Volkes
Stimme nahm sich wie ein x-fach verstärktes Echo der regierenden
und in Deutschlands Namen agitierenden Saubermänner aus. Die un-
übersehbare Differenz zwischen dem eigenen guten demokratischen
Willen und der Einstellung demokratischer Wähler, die nicht nur
mit "Nein danke!" ihren Gegensatz zu der aufsässigen Garde von
"nach drüben" gehörenden "Weltverbesserern " aufmachten, forderte
die Bewegung heraus. Im Bewußtsein, richtig zu liegen und dennoch
keinen über den Umkreis abiturgetesteter Mündigkeit wesentlich
hinausgehenden Anklang zu finden, schritt sie zu Erklärungen
ihres Mißerfolgs. Und die gingen mit der festen Überzeugung los,
die anderen seien eben manipuliert - und landeten bei sozio- und
psychologischen Befunden über den Unterschied von Charakteren,
die es in sich haben.
Statt sich an die Prüfung und Kritik der Auffassungen zu machen,
mit denen die Mehrzahl ihrer Zeitgenossen arbeiten und wählen
ging, mit denen das Demonstrieren und Kritisieren in der Republik
verurteilt wurde, versuchten sich die theoretisierenden Rebellen
auf einem anderen Feld. Sie bauten die in der Manipulationstheo-
rie enthaltene elitäre Tour aus - wer anderen zur Last legt, sie
lassen sich gängeln, behauptet schließlich immer von sich, nicht
darauf hereinzufallen - und ließen sich von der
F r a n k f u r t e r S c h u l e bedienen. Von der Diagnose
eines "autoritären Charakters", dem die Bereitschaft zur Unter-
werfung einbeschrieben ist, weil der Seelenhaushalt von Indivi-
duen auch so seine Erfordernisse aufweist, waren einige Theoreti-
ker ziemlich angetan. Sie fanden an den raubgedruckten Menschen-
bildern, die das alte Institut für Sozialforschung erstellt
hatte, d i e Erklärung für das Scheitern der anti-autoritären
Bewegung. Manche stellten die Auskünfte der Psychologie sehr en-
ergisch in Gegensatz zu dem bißchen Sozialkritik, das sie von
Marx und Marxisten in jeder Richtung mitbekommen haben wollten;
manche meinten, mit dem Zeug die fehlende Ergänzung zu ihren kri-
tischen Vorstellungen von Herrschaft gefunden zu haben. Der
"subjektive Faktor" war als Argument geläufig, noch bevor eine
halbwegs ernsthafte Befassung mit dem "objektiven Faktor" - den
angeblich Marx, "bloß" analysiert hatte - begonnen wurde. Die
Dogmen von Freud über die das Seelenleben und den Willen des In-
dividuums regierenden Instanzen, über die Rolle des Sexuellen bei
der Ausbildung des Charakters wurden brav übernommen. Thesen des
Typs "Sexualität und Herrschaft" waren schwer in Mode, und von W.
Reichs "Funktion des Orgasmus" wurden sich wohl mehr Exemplare
angeschafft und verständnisinnig auf ihren Kern zusammengelesen
als von der "Kritik der Politischen Ökonomie". Die Botschaft kam
den Antiautoritären sehr gelegen: Ihre Weltverbesserung schei-
terte an den verkorksten Typen, die sich - zur "Verdrängung" und
zum Halt bei jeder Menge "Über-Ich" verzogen schon unter Hitler
auf die falsche Seite geschlagen hatten.
Die Suche nach einem wirksamen Weg, der "autoritären Gesell-
schaft" beizukommen, nahm von da an konsequent eine etwas andere
Richtung. Das Programm der erziehungspsychologische Gegenmanipu-
lation, die "anti-autoritäre Erziehung" stand an; und die ent-
sprechende Literatur aus der Tradition dieses Fehlers wieder
raubgedruckt zur Verfügung. Die andere Seite des Befunds, bei
reichlich verklemmten Zeitgenossen auf Granit zu beißen, kam na-
türlich auch nicht zu kurz. Die Pflege seiner selbst als einer
mehr oder minder "emanzipierten" Persönlichkeit ließ sich mancher
Protestant angelegen sein; die Befassung mit einer Befreiung des
Sexuallebens brachte viel theoretischen Unsinn und einige Experi-
mente auf dem Feld des Kommune-Lebens hervor.
Dergleichen kontrastierte erheblich mit den theoretischen Versu-
chen derer, die sich an den imperialistischen Schandtaten ihr de-
mokratisches Gewissen bewahrt haben. Allerdings war es auch auf
diesem Gebiet mit der wissenschaftlichen Objektivität nicht weit
her, weil sich die Theoretiker des Anti-Imperialismus mit den
Verhältnissen in der "Dritten Welt" und ihren Gründen sehr vor-
eingenommen befaßten. Die Suche nach einem erfolgreichen Ende des
Kampfes, als dessen Anwalt man in den "Metropolen" sein Bestes
gegeben hatte, verleitete zu einer ebenso optimistischen wie ver-
kehrten Sicht der Dinge. "Schafft zwei, drei, viele Vietnams!"
war als Parole die Kurzfassung des Glaubens, die gerechte Sache
unterdrückter Völker sei unterwegs zu ihrer Durchsetzung - be-
folgt haben diese Parole mit dem ihnen gemäßen Standpunkt nur die
USA. So kundig sich einige Kämpfer der Bewegung auch über die
Verhältnisse entlegener und gebeutelter Weltgegenden zu machen
anschickten, stets entdeckten sie eben unterstützenswerte Völker,
gerechte und erfolgversprechende Aufstände. Als wäre die daheim
abhanden gekommene Perspektive in der Geschichte der Entkolonia-
lisierung lebendig geblieben und wirklich geworden, leisteten
sich viele einen durch nichts gerechtfertigten K u l t d e r
B e f r e i u n g s b e w e g u n g e n - und gingen schon auch
einmal in die chinesische Botschaft in der Schweiz Teetrinken,
weil ihnen dort ihre schiefe Optik bestätigt wurde.
So mündete die Einpunkt-Bewegung des demokratischen Idealismus
auf eigenartige Weise in ein Neben- und Gegeneinander von recht
inkommensurablen Positionen. Diese sind zustandegekommen durch
die D e u t u n g e n d e s M i ß e r f o l g s, der unüber-
sehbaren Grenzen, die die reale Demokratie dem demokratischen
Protest gesetzt hatte. Streit war auf der Tagesordnung, und zwar
einer von der schlechteren Sorte. Es ging eben nicht um die ver-
nünftige Selbstkritik von Leuten, die einsehen wollten, worin ihr
Engagement verkehrt oder beschränkt gewesen war. Vielmehr um die
Konfrontation von Theorien, Interessen und Neigungen, auf die
sich verschiedene "Fraktionen" im Zuge ihrer Interpretation der
Bewegung verlegt hatten. Diese Konstellation war der Anfang vom
Ende der "Studentenbewegung" - der Ausgangspunkt für neue politi-
sche und andere Anstrengungen.
g) Das Vereinsleben der "Avantgarde"
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So bürgerlich, wie der programmatische Ausgangspunkt der Studen-
tenbewegung war, ging es auch in den Reihen des SDS zu. Mißlie-
bige Verhältnisse von der Umsatzsteuer über die Fabrikarbeit bis
zur Ausbildung von Soldaten mit dem Vorwurf zu geißeln, demokra-
tisch sei das alles nicht, ist guter Brauch in der Demokratie.
Diese Art zu kritisieren lebt noch in jeder Parlamentsdebatte und
in jedem Zeitungskommentar auf, und ein fester Posten im Arsenal
der von oben gepflegten Anti-Kritik ist sie auch. Der Unterschied
bestand einzig in der Verwechslung dieses Arguments mit einem
verbrieften Recht auf Einmischung in die Techniken und Ziele der
politischen Herrschaft - die Bewegung wollte ihr Ideal von Demo-
kratie nicht länger missen und in seinem Namen den ganzen Laden
korrigieren. Ihre Entscheidungen, demonstrierend auf Änderung zu
dringen, fällten die Aktivisten aus A n l a ß v o n
A n l ä s s e n, die gar nicht weiter untersucht zu werden
brauchten. Passend waren sie, wenn sie der Vorstellung eines un-
demokratischen Skandals entsprachen. Und die "Analysen", die für
die Gewinnung von Leuten für die Bewegung angefertigt wurde, hat-
ten auch immer nur dieses Beweisziel. Daß Notstandsgesetze der
Ermächtigung der politischen Führung dienen, mit der diese aufs
demokratische Procedere, aufs grundgesetzlich verbürgte Verhält-
nis von Rechten und Pflichten pfeift, war eben der V e r s t o ß
g e g e n die Demokratie. Wo das hinführt, wurde sehr politolo-
gisch mit "Weimar" an die Wand gemalt; und daß "echte" Demokra-
tien dergleichen auch im Ernstfall nicht nötig haben, wurde aus-
gerechnet an England gezeigt. Daß Napalm nicht zu den Ehrentiteln
"freedom and democracy" paßt, war in dem Augenblick beschlossene
Sache und Agitationslinie, als es einer der halbwegs redegewand-
ten Genossen behauptete. Gefragt war nicht die P r ü f u n g
d e r U r t e i l e, die der inkriminierten Angelegenheit ge-
widmet wurden, sondern die B r a u c h b a r k e i t d e r
V e r u r t e i l u n g für das eigene unerschütterliche Rechts-
gefühl. Und wer sich mit ein bißchen Sozio-, Psycho- und Polito-
logiephrasen diesem Bedürfnis dienstbar machen konnte, war im SDS
eine A u t o r i t ä t.
Die ausgegebenen Befunde hätten einem gemeinsamen Nachdenken über
Grund und Zweck der bekämpften Anliegen der "Herrschenden" keine
halbe Stunde standgehalten. Aber als geharnischte Einstimmung in
die nächste Runde des Protests taugten sie schon, und ihre Erfin-
der kamen durch ihre Eloquenz im Reich falscher Theorien in den
Rang von kundigen Ideengebern. Was sie da von "Bewußtsein schaf-
fen" und "Strukturen aufbrechen" faselten, hatte mit der Welt
herzlich wenig zu tun; aber die a n t i a u t o r i t ä r e
M i s s i o n konnten sie ein ums andere Mal glaubwürdig in
Schlagworte gießen. Was Dutschke und der jeweilige Frankfurter
Bundesvorstand da an Parolen ausgaben, wie sie gelaufene Aktionen
und künftige als gloriose Einbrüche ins Gemüt der "repressiven
Gesellschaft", aber auch ins eigene, verfabelten, hat sie nicht
in Mißkredit gebracht. Und wer mit de schönen Floskeln nichts an-
zufangen wußte, gar Bedenken hatte, ob das denn so sei, galt als
ahnungslos bis dumm.
Die Urheber gestanzter Umbruchsbedürfnisse und Falschmeldungen
von Erfolgen aller Art waren gefragt - und führten sich entspre-
chend auf. Sie putzten sich zur personifizierten revolutionären
Gesinnung heraus, und mit dem Siegeszug der Psychologie in der
Bewegung verfügten sie zwar über keinen Wissensvorsprung, den sie
an andere hätten weitergeben können, aber über ein neues Instru-
mentarium. Sie setzten Maßstäbe für eine Gemeinde, die nicht nur
politisch demonstrieren wollte, sondern mit der D e m o n-
s t r a t i o n a b w e i c h e n d e r G e s i n n u n g
durch die Welt zu düsen beliebte. Aus dem falschen Argument der
Manipulation wurde damals die Konsequenz gezogen, s i c h zur
a n t i a u t o r i t ä r e n P e r s ö n l i c h k e i t zu
stilisieren. Zu zeigen, daß man anders war als der verdorbene
Rest der Menschheit mit seinen autoritären Verkorkstheiten, wurde
bald wichtiger als die politische Sache, mit der alles angefangen
hatte. Ausgiebig wurde zur Schau gestellt, wie überlegen und
libidinös, wie unbefangen und kritisch Leute sein konnten, die
sich von ihrer "autoritären Erziehung" - die sonst eigentlich
keinen Inhalt hatte - "emanzipiert" hatten. Der Einsatz der
passenden Fetzen psychologischen Geschwafels, des Imperativs zum
Sich-gehen-Lassen für die "antiautoritäre" Brautwerbung, das
ewige Getue im Namen einer enorm befreienden sexuellen Betätigung
gehört zu den dummen und gemeinen Seiten des bewegungsmäßigen
Innenlebens. Es hat den Ortsvereinen manchen "kaputten Typ"
beschert und auf der Seite der Mädchen einige Opfer. So konnte es
gar nicht ausbleiben, daß die heftig zirkulierende Frauenwelt
bemerkte, wie wenig "Emanzipation" dieser Sorte für das
individuelle Wohlbefinden hergibt. Die ersten flotten
feministischen Aufstände fanden in der antiautoritären
Gemeinschaft statt, nachdem ein paar Jahre lang politische
Versammlungen die Gestalt eines riesigen Knutsch- und
Fummellagers angenommen hatten.
Peinlich war auf der anderen Seite auch eine andere Folge des
Brauchs, nichts im Verein ordentlich zu beraten, bevor man zu ei-
nem weiteren Akt des Protests antrat. Die Vertretung der Bewegung
in der bürgerlichen Öffentlichkeit, in Podiumsdiskussionen, In-
terviews etc. artete in lauter auf Originalität der dümmsten Ma-
chart versessene Selbstdarstellungskunststücke aus. Einmal ver-
trat Dutschke seine mehr philosophisch inspirierten Visionen, das
andere Mal kritisierte einer den Kapitalismus mit "Monopol", dann
wiederum entdeckte ein mehr kolonialrevolutionär angehauchter Typ
die "Einkreisung der Metropolen durch die Dörfer", und Idioten
psychologischen Zuschnitts repräsentierten die Bewegung mit öf-
fentlichen Ergüssen über ihre bedeutsamen Orgasmusschwierigkei-
ten. Und genauso wie die Prominenz der Bewegung hatten sich die
Mitglieder auf ihre "Spezialitäten" verlegt, wenn es um die Frage
"Was tun?", das Worum und Wozu ging. Die Versuche, sich doch ir-
gendwie wie ein Haufen zu Wort zu melden, der weiß, was er will,
waren zum Scheitern verurteilt. Der Gemeinsamkeiten gab es eben
keine mehr. Sehr wohl aber einen Haufen verschiedener Programme,
mit denen Studentenpolitiker die Fehler einer zerstrittenen und
für unwirksam befundenen Bewegung zu beheben suchten.
Die Auflösung der Bewegung
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Die eingangs erwähnte politische Lüge, der Studentenbewegung alle
möglichen Verdienste um die politische Zukunft der Republik anzu-
dichten, zehrt von einem Kunstgriff, der der bürgerlichen Be-
trachtungsweise eigen ist, die sich "historisch" nennt: Späteres
wird ohne vorher Geschehenes als "undenkbar" verbucht, das Zeug
von damals ist Bedingung und das Heute eine einzige Ansammlung
von deren Folgen. Dieser etwas liederliche Gebrauch des Gedan-
kens, etwas sei "Produkt" und "Wirkung" von..., geht ziemlich
grob an der Wahrheit über die Auflösung der Bewegung vorbei.
Diese vollzog sich als S e l b s t k r i t i k der Akteure, die
aus der Erfahrung des Mißerfolgs, der Schranken ihrer einmal so
ansehnlich anmutenden Bemühungen ganz verschiedene Schlüsse gezo-
gen und sich neuen Vorhaben gewidmet haben. Die Bewegung der spä-
ten 60er Jahre gehorchte keineswegs dem Prinzip, daß alles auch
einmal ein Ende hat; in ihr hatten sich genug Auffassungen über
ihre f ä l l i g e n F o r t s e t z u n g e n angesammelt -
und die fanden dann auch statt.
a) "Realismus" in Reformpartei und Reformhochschule
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Daß es nichts nützt, ewig demonstrierend gegen die an Demokratie-
mangel laborierende Republik anzurennen, war kaum zu übersehen.
Diese banale Bilanz gilt der eigenen Wirkungslosigkeit und verrät
noch keine Einsicht in den Grund des Scheiterns. Weder läßt sich
eine Feststellung dieser Art damit in Zusammenhang bringen, daß
da jemand seine Auffassung über die Herrschaftsform der Demokra-
tie geändert hat, noch verrät sie auch nur die begrenzte Erkennt-
nis über die Rolle des öffentlichen Beschwerdewesens in der be-
sten aller Staatsformen. Wie peinlich opportunistisch das Einge-
ständnis ausfallen kann, man hätte nichts erreicht, haben einige
Tausend rebellischer Jungakademiker von damals vorgeführt. Sie
sind zur SPD zurückgekehrt und engagiert in die reformierte Land-
schaft der bundesdeutschen Bildungsinstitutionen eingestiegen.
Der Grund für diesen Übergang lautet schlicht: Die schönen Ideen
von der Demokratisierung der Republik nützen nur etwas, wenn sie
sich mit dem Mittel zusammentun, das allein ihre Durchsetzung ga-
rantiert! Dieses Argument für den Versuch, beim Mitmischen im
Amt, beim Eingreifen in den Gebrauch der politischen Macht zum
Zuge zu kommen, war auf zwei Polen modern geworden. I n d e r
B e w e g u n g zusammengefaßt in der Losung vom "Marsch durch
die Institutionen", bei der die Urheber ein bißchen vergessen zu
haben scheinen, daß sie in den Institutionen und ihrem Personal
so gut wie alles vermißt hatten, was sie für gerecht und demokra-
tiegemäß erachteten. Als Angebot an die Bewegung von seiten der
SPD, die die Konkurrenz der Parteien um die Macht ihrerseits mit
den Idealen der Demokratie, als guten Grund für Wählerstimmen,
bestritt. Diese Partei, die in Sachen innere Ordnung, Notstand,
Rüstung und imperialistische Außenpolitik wahrlich keine Zweifel
über ihre Variante des Staatmachens aufkommen ließ, trat den re-
bellischen Studikern und ihren Sympathisanten mit dem Aufruf ent-
gegen: "Kritische Jugend, beteilige dich mit der SPD und deinen
Idealen an der Verbesserung der Politik! Auch die SPD ist der
Meinung, daß es viel zu tun gibt." Unter Hinzufügung der kleinen
Bedingung, daß die Mitwirkung den "realistischen" Respekt vor den
Sachzwängen des nationalen Interesses einschließt, erging diese
Einladung im Namen von (Chancen-) Gleichheit im Ausbildungswesen,
von "sozialen Rechten" aller Art usw.
Diejenigen, die das Angebot angenommen haben, sind in den Genuß
einer Karriere gekommen, was nicht weiter wichtig ist. Was sie
jedoch in ihrem Beruf zu ihrer Sache machen, weil sie die letzten
wären, etwas derart Ehrenvolles wie ein Staatsamt "zynisch" zu
betreiben, ist ärgerlich:
- an der reformierten Hochschul- und Bildungsszene widmen sie
sich mancher wundersamen Neuinterpretation der bürgerlichen Wis-
senschaft; des hohen Antrags, dem sie folgt, ebenso wie der guten
Werke, die von ihr ausgehen. Noch die verrücktesten und einiger-
maßen weltfremden Ideologien verkaufen sie als praktisch enorm
sozialrelevant und als Beitrag zur fortschrittlichen Orientierung
der Gesellschaft auf ihre Zukunft;
- in der SPD und im DGB wirken sie enorm "bewußtseinsbildend",
indem sie ihre Ideale von einst - mit denen sie sich zum Gegner
der sozialreformerischen Macher aufmandelten - heute als die
Wahrheit über die Praxis ihrer Ämter ausgeben. Lauter alternative
Wirtschafts- und Sozialpolitiker, Entwicklungshelfer und Welt-
schuldenmanager, Friedensplaner und Nationalisten sind da am Werk
- und färben die Programme ihrer Vereine um so schöner ein, je
häßlicher die Resultate ihres Wirkens geraten.
So sind aus streitbaren Idealisten der Demokratie professionelle
Befürworter des Systems geworden, dem sie trauen, weil es ihnen
und ihren Ideen eine "Chance" und den passenden Platz zuwies. Den
Glauben in die Demokratie, den Respekt vor jeder Lüge über die
eigentlich guten Zwecke von SPD, parteilicher Wissenschaft und
gewerkschaftlicher Mitwirkung fordern sie jetzt jedermann ab und
was sich "links" davon tummelt, verwerfen sie mit dem billigsten
aller Argumente, das "Realisten" beherrschen; sie mögen "Sekten"
nicht und meinen, solche gehörten kräftig isoliert und nicht bzw.
um so aufmerksamer beachtet. Als Glaubwürdigkeitsbeschaffer für
eine reale Abteilung der Macht, ohne die bekanntlich nichts zu
ändern geht, steht ihnen der leicht umfunktionierte Fanatismus
der Demokratie gut zu Gesicht.
b) Revisionistische Parteigründungen
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Die schlechten Erfahrungen der Revolte sind einigen anderen nicht
so locker aus dem Gedächtnis entschwunden. Der Staat, der ihnen
mit Gewalt begegnete, so lange sie Demonstrationen als Kampf um
seine Verbesserung veranstalteten, war für sie kein Bündnispart-
ner, sondern Gegner. Die Selbstkritik des zweiten Typs hatte in
dieser Hinsicht wenigstens einen Inhalt: Die radikaldemokratische
Fehleinschätzung des freiheitlichen Ladens ward korrigiert; an
ihre Stelle trat die Anklage gegen die K l a s s e n-
g e s e l l s c h a f t u n d d e n K l a s s e n s t a a t.
Damit war ein neues Kampfprogramm aufgelegt, das sich vom alten
erheblich unterschied. Erstens waren die gegnerischen Parteien
nicht mehr als echte und falsche Demokraten bestimmt, sondern als
Klassen, deren eine zudem in der Staatsgewalt ihr Instrument
besitzt. Zweitens gehörte man selbst nicht zu denen, die in
eigenem Interesse und gemäß den eigenen Mitteln die Sache
auszutragen hatten. Obgleich man schwer was für den Klassenkampf
gegen das Kapital und seinen Staat übrig hatte, war dem bißchen
Marx-Lektüre und dem Stöbern in der marxistischen Literatur
eindeutig zu entnehmen, daß das "revolutionäre Subjekt" nun
einmal das Proletariat war. Drittens stand deshalb die Frage ins
Haus, wie man sich zu diesem neuentdeckten Subjekt der fälligen
Umwälzung ins Verhältnis setzen sollte.
Und dabei machten die Gründer der Parteien des Klassenkampfes ei-
niges verkehrt. Das kam daher, daß sie von einer schlechten Ange-
wohnheit aus ihren studentenbewegten Tagen nicht lassen wollten.
Die bestand in der Verwechslung von Interessen, die in der Ver-
fassung der Gesellschaft auf Gründe stoßen, die ein bißchen Um-
sturz notwendig machen, mit der moralischen Berechtigung zum
Kampf. So entdeckten sie bei ihren marxistischen Studien wenig
mehr als die eben genannten Durchblicke, am allerwenigsten ge-
wahrten sie die Erklärung, die der Marxismus dem Funktionieren
der kapitalistischen Produktionsweise zuteil werden läßt. Die Ar-
beiterklasse war für sie erkennbar als Opfer der bösen herrschen-
den Klassen, ziemlich gut, weil zum Revoltieren befugt - und
schon insgesamt ziemlich Klasse, weil die w a n d e l n d e
M i s s i o n, die sich die studierenden Radikalbürger fälschli-
cherweise selbst zugeschrieben hatten. Das hatte Folgen.
Zunächst einmal kontrastierte die freudige Entdeckung, daß zwar
nicht Studenten und "Kleinbürger", wohl aber Arbeiter revolutio-
när sind, ein wenig mit den Erfahrungen, die man bei den kämpfe-
rischen Auftritten der 60er Jahre hatte machen können. Dem war
mit der Auskunft beizukommen, man hätte sich ja auch gar nicht
auf die berechtigte Arbeitersache gestürzt, sondern eine klein-
bürgerliche Revolte veranstaltet, die jeden echten Proletarier zu
Recht abstößt. Der Proletkult war geboren und die Parole "Dem
Volke dienen!" erfunden. Die langen Haare, einst Zeugnis des de-
mokratischen Nonkonformismus, fielen der Schere anheim, obgleich
sich die Arbeiter langsam aber sicher auch origineller frisier-
ten. Den ihnen zugedachten Kampf unterließen sie indes konse-
quent, obgleich ihre Mission mit Sicherheit feststand. Die Sep-
temberstreiks 1969 waren zwar eine Zeitlang für die optimistische
Deutung gut, den Anfang vom Ende der Klassengesellschaft einge-
läutet zu haben, doch allzuviel kam nicht nach. Die Antwort auf
diesen selbstfabrizierten Widerspruch, der nicht gelten gelassen
werden durfte, war schnell gefunden: Zum Kampf fehlt der Klasse
die Organisation - und die gehört ihr gestellt. Zumal die Organi-
sation des Klassenkampfes vom Faschismus und von der Demokratie
(mit KPD-Verbot) "zerschlagen" worden war. Also mußte eine Partei
her, ohne welches Instrument Arbeiter einfach ihren Kampf nicht
führen können. Auf den Gedanken, daß sich der Wille zum Klassen-
kampf allemal seine Organisationen "aufbaut", falls es ihn gibt,
sind die Proselyten der Studentenbewegung nicht verfallen. Eben-
sowenig darauf, daß Marx das Trachten der Arbeiter als eine an-
sehnliche Anstrengung des Inhalts dargelegt hat, mit der Abhän-
gigkeit vom Kapital zurechtzukommen. Statt aus den Erfahrungen
mit Lohn und Leistung, mit den Ansprüchen des Staates den Arbei-
tern die Notwendigkeit revolutionärer Umtriebe zu begründen;
statt aus den fälligen und unumgänglichen Opfern des Arbeitens
und Wählens die Argumente für den Klassenkampf zu beweisen, sind
die revolutionären Parteien mit dem G l a u b e n a n d a s
P r o l e t a r i a t zu Werke gegangen. Den haben sie in ihre
Flugblätter geschrieben, ohne zu merken, daß ihre Adressaten sich
andere Sorgen machen.
Freilich ist ihr Optimismus, die Sicherheit, mit den Arbeitern
einer Sache gemeinsam zum Durchbruch zu verhelfen, immerzu auch
Zweifeln ausgesetzt gewesen. Es hat sich ja wirklich wenig ge-
rührt, so daß die Frage "Wieso nicht?" sehr die Parteigemüter be-
schäftigte. Das i d e a l e P r o l e t a r i a t, an dessen
Erfolg im Klassenkampf die Parteien von DKP, KPD mit AO und ML
etc. hilfreich mitwirken wollten, erwies sich als extrem abwei-
send. Daß es gar nicht existierte, das Ideal, wurde erst einmal
so ausgedrückt: "O b j e k t i v" - was für
"e i g e n t l i c h" stand - ist die Klasse der Lohnarbeiter
revolutionär! Bloß s u b j e k t i v und j e t z t nicht. "Da
kam die raubgedruckte Geschichte der Arbeiterbewegung zu Hilfe,
gewissermaßen als zweiter ideeller Bündnisgenosse. Ohne sie auch
nur eines einzigen Urteils würdigen zu müssen, lieferte diese Ge-
schichte immerhin den unwiderlegbaren Beweis dafür, daß Arbeiter
sich auch einmal dem Klassenkampf verschreiben.
Der Proletkult war gerettet, die Moral war durch solch seichte
Blicke in die wahrlich nicht korrekten, geschweige denn erfolg-
reichen Kämpfe der Vergangenheit i n t a k t geblieben. Der
w i s s e n s c h a f t l i c h e S o z i a l i s m u s, die Er-
klärung der Ausbeutung und der Zwecke des Klassenstaats,
u n n ö t i g. Dafür konnten die "K-Gruppen" ausgiebig ihr Pro-
blem weiterverfolgen - die Frage, was die Arbeiter vom Klassen-
kampf abhält. Die Antworten auf diese bescheuerte Frage von Leu-
ten, die Kommunisten sein wollen und nicht einmal selbst die
Gründe für ihr Projekt halbwegs anständig kennen, haben ihnen ei-
nige Mühe bereitet. Ganz viel Mühe wurde auf die "Theorie" des
Verhältnisses von Intelligenz und Proletariat verschwendet. Damit
war nicht das wirkliche Verhältnis im kapitalistischen System, in
der Hierarchie und Funktion der Berufe gemeint, sondern die in
den Rang einer Theorie erhobene Gewissensprüfung der Studiker, ob
sie nicht doch heimlich selbst, und konterrevolutionär dazu, re-
volutionäres Subjekt spielen wollten! Dieselben, die sich zur
Avantgarde berufen wußten und Parteien aufgebaut haben, die kein
Arbeiter bestellt hatte, riefen sich selbst zur Ordnung: gerade
als A v a n t g a r d e mahnten sie sich zu disziplinierter
B e s c h e i d e n h e i t. Die sah so aus, daß gerade das Ar-
gumentieren mit Gründen für die Revolution als ein einziger Akt
der Bevormundung galt. Nein, vorschreiben wollte man der verehr-
ten Masse nichts, ihre Erfahrungen sollte sie - auch wenn es
schlechte am laufenden Band sind - selber machen. Diese noble
Entscheidung wurde freilich wieder ausführlich dem Volke zugetra-
gen, allein schon wegen der Konkurrenz unter den Avantgarden. Die
anderen waren immer diejenige, die der revolutionären Klasse et-
was einreden wollten, was ihr gar nicht entsprach und ihre
E i n h e i t s p a l t e n mußte. So tat der Manipulationsge-
danke auch für diese Bewegung manchen Dienst - er "erklärte" eben
auch ihre Mißerfolge verkehrt. Gegen SPD und DGB ging er auch gut
anzuwenden, wie die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigte. Und
er ersparte die Beschäftigung mit den Gründen, die im real exi-
stenten Bewußtsein der Klasse für gut genug befunden wurden, auf
lauter "Verräter" hereinzufallen.
Alle Enttäuschungen in der Welt unter 1% - das Wahlkämpfen wurde
ja auch ein wenig ausprobiert - wurden moralisch überstanden. Die
Arbeiter waren in den Startlöchern zum Klassenkampf, aber der
Hindernisse gab es genug, so daß sie nicht losmachten. Für den
Beweis, daß es nur eine Frage der Erfahrung, also der Zeit ist,
standen auch noch andere ideelle Bündnisgenossen zur Verfügung.
Außer denen von früher kamen auch die anderswo zu Ehren. Die
einen nahmen mit der russischen Revolution das trostreiche Vor-
bild in ihre Bekenntnisse zum Proletariat auf, dem sie die Mög-
lichkeiten und Errungenschaften eines gelungenen Klassenkampfes
vor Augen führen wollten. Das war den anderen gar nicht recht,
weil sie das Vorbild als reichlich schlecht einstuften und für
ein allzu berechtigtes abschreckendes Beispiel erachteten. Sie
überboten jeden bürgerlichen Antikommunismus und schimpften vor
deutschen Fabriken über die roten Zaren noch dümmer als die
"Bild"-Zeitung. Dafür gratulierten sie vor der Morgenschicht Mao-
Tse-tung zum 80. Geburtstag, denn daß sich deutsche Arbeiter am
langen Marsch eine Scheibe abschneiden wollen, war klar. Engli-
sche, französische und italienische Streiks ergaben wunderschöne
Berichte von den Kämpfen, die man hier nie erlebte. Gestimmt ha-
ben sie nie, die Berichte, aber als wohlmeinender Aufruf zur
Nachahmung waren sie unverzichtbar. Auch ihnen blieb die beab-
sichtige Wirkung erspart - wie dem ganzen Theater, das auf dem
G l a u b e n a n d a s P r o l e t a r i a t beruhte statt
auf dem W i s s e n u m d i e N o t w e n d i g k e i t
d e s K l a s s e n k a m p f e s. Am Schluß wollten viele der
Gläubigen einfach das nicht mehr sein, was sie während ihrer ak-
tiven Missionarstätigkelt den jeweils anderen zum Vorwurf gemacht
haben: eine "Sekte", die auf dem "Misthaufen der Geschichte" lan-
det.
c) Die Grünen
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sind genaugenommen ein abgeleitetes Produkt der Selbstkritik, mit
der Studentenbewegte den Weg zu neuen Ufern beschritten. Es ist
der gemeine Vorwurf, eine S e k t e zu sein - also über nicht
soviel Anhang wie die Mächtigen und ihre Ideologen zu verfügen;
die Sache wird ja durch die Anzahl ihrer Mitläufer nicht richtig
oder falsch -, den einige aus der K-Gruppen-Ära s i c h zu Her-
zen genommen haben. Ihre letzte Läuterung bestand in dem Ent-
schluß, daß, wenn schon ein glaubhaftes Massenvertretungsprogramm
aufgelegt gehört, eines hermuß, das e i n e n Eindruck endgül-
tig vermeidet: daß da welche irgend etwas anderes vorhaben als
die umsorgten Adressaten, wie sie gehen und stehen. Ganz locker
wird da eine Sache, nur weil sie keine Anhänger findet,- dem
O p p o r t u n i s m u s d e s E r f o l g s geopfert. Das
Programm sieht dann freilich etwas anders aus, Kritik verschreibt
sich dem Ziel "einer" Bewegung überhaupt - und die
E i n w ä n d e s i n d keine mehr, sondern T h e m e n, die
jeden Menschen b e t r o f f e n machen. Die abstrakte Sorge
ums (Über-)Leben gibt sich als konkretes Programm, wenn
U m w e l t u n d F r i e d e n d i e M e n s c h e n bewe-
gen. Daß auch dieser bodenlose Opportunismus noch fortschrittsfä-
hig ist, zeigt die Entwicklung der aus der menschelnden Bewegung
entstandenen Partei. Weil das "Thema" nach seiner Aufnahme in den
Kanon aller politischen Parteien mit einem aparten Einwand nicht
mehr verwechselt werden kann; weil die Nichtberücksichtigung der
Schlager Frieden und Umwelt also nicht mehr zur Profilierung
taugt, haben die Grünen heute neue Sorgen: Wie realpolitisch oder
wie fundamentalistisch müssen sie s i c h geben, um glaubwür-
dig, also wählbar zu sein? In diesem Streit zeigt sich also
schlagend, daß man selbst die M e t h o d e d e s
O p p o r t u n i s m u s für eine Frage der anstehenden Politik
halten kann.
d) Der Terrorismus
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Auch bei dieser Bewegung ist Vorsicht mit der lockeren Tour gebo-
ten, in der sie in die "Folgen" der 68er-Revolte eingereiht wird.
Was die RAF und ihre Ausläufer von der Studentenrevolte erhalten
haben, ist der Moralismus von Leuten, die sich im Besitz aner-
kannter Rechtstitel zur Störung und Behinderung der Macht befin-
den bzw. wähnen. Alles andere besorgte der verkehrte Schluß aus
einer Beobachtung, der kaum ihre Richtigkeit bestritten werden
kann. Die Beobachtung betrifft die Allgegenwart der Gewalt, die
als Mittel überall dort anzutreffen ist, wo jemandem Leid zuge-
fügt wird, so daß gute Menschen ein bißchen auf Abhilfe sinnen.
Der verkehrte Schluß lautet: Allen Veränderungsversuchen, insbe-
sondere den in der Studentenbewegung unternommenen, ist ihr
Scheitern sicher, solange sie sich nicht auf die Gewaltmittel
verlassen können, die die andere Seite einsetzt. Deshalb ist das
Abschleppen von Leuten, die den Beruf der Charaktermaske des
Geldes gewählt haben und ihn auf Kosten zahlreicher anderer Zeit-
genossen ausüben, in Ordnung. Deshalb ist es moralisch geboten,
Personifizierungen des staatlichen Gewaltapparats auch einmal mit
den ihnen so vertrauten Mitteln auf umgekehrte Art und Weise be-
kannt zu machen.
Daran ist nichts, worüber zu erschrecken wäre; dergleichen ist
als fester Bestandteil der politischen Kultur einzuschätzen, eben
so, wie es die maßgeblichen Instanzen in diesem unseren Lande und
anderswo auch tun. Wenn sie nicht gerade mit der Lüge über ihr
eigenes Handwerk aufwarten, die "Gewalt ist kein Mittel der Poli-
tik" lautet. Worin der Fehler des Terrorismus und die Vergeblich-
keit seiner und der von ihm geschaffenen Opfer besteht, ist
leicht nachzulesen in: MSZ Nr. 9/85, 'Terrorismus - Die Gegenge-
walt der Ohnmacht'.
e) Der einzig echte Erfolg der Studentenbewegung ist dadurch zu-
standegekommen, daß die psychologischen Techniken, die i n ihr
als Bedingung für antiautoritäres Aufbegehren, auch als Ausweis
für die eigene Unbefangenheit galten, auch sonst ganz brauchbar
sind. Sich an den eingebildeten seelischen Deformationen abzuar-
beiten, ist zur Mode geworden. Und zwar völlig zu Recht auch
a u ß e r h a l b von Vereinen, die dergleichen schätzen, weil
ihnen die seelenhaushaltliche Intaktheit wie die Befähigung zur
Kritik des Staatshaushaltes vorkam - und verklemmte Persönlich-
keiten der Fähigkeit zum Aufmucken gegen Krieg und Ausbeutung be-
raubt schienen. Logisch gesehen ist es nämlich überhaupt nicht
einzusehen, daß die Verkümmerung des Ich nur den oppositionellen
Willen lähmt - warum sollte mit der Pflege des Selbstbewußtseins
nicht auch die Voraussetzung für die Verfolgung anderer, auch gar
nicht so leichter Anliegen herzustellen sein?
Das Peinliche an dem Quatsch, soweit er aus der Studentenbewegung
und ihrem geistigen Umfeld kommt, ist nur dies: Die Staats- und
Gesellschaftskritiker, die sich auf die Psychoschiene verlegt ha-
ben, vollziehen die radikalste politische Selbstkritik, die ge-
genüber den einmal geäußerten Einwänden - an Politik, Militär,
Profit etc. - überhaupt zu üben geht. Sie geben rundheraus zu
Protokoll, daß sie sich auf der ganzen Linie getäuscht hätten.
Nicht objektive Instanzen der bürgerlichen Welt, fremde und mit
Machtmitteln ausgestattete Interessen wären ihnen in die Quere
gekommen, sondern ausschließlich sie selbst. Insofern war das
Psycho-Geschwafel von der Emanzipation, die man an sich selbst
vorzunehmen und dann vorzuzeigen hat, der Vorläufer zu der Volks-
seuche der modernen Klassengesellschaft, die von einer akademi-
schen Disziplin, vielen Briefonkels und massenhaften Publikatio-
nen von Bestsellerstatus betreut wird: Männlein und Weiblein füh-
len sich von nichts mehr beschränkt, außer von sich; so daß sie
sich suchen, selbst verwirklichen und sich verändern, bis sie
perfekter als jeder demütige Christenmensch ihren Frieden mit
sich gemacht haben. Und brauchbar sind für jede Bewegung, die Ge-
schäft und Gewalt verlangen.
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Veranstaltung Datum: 30.09.1988, Ort: Erlangen
Dozent: Dr. Karl Held, Dauer: 2:39:44
Veranstalter: unbekannt
Thema: Die Studentenbewegung
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