Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN WIRTSCHAFTS-JOURNAILLE - Von der ökonomischen Moral
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Wirtschaftspresseschau
ÖKONOMISCHE MORAL
Anerkannte Volkswirtschaftslehrer füllen heutzutage Wirtschafts-
seiten renommierter Zeitungen zunehmend mit Grundsatzartikeln,
die eher wie moral- und staatsphilosophische Traktate anmuten,
denn wie ökonomische Analysen. Nicht nur die Profession der Auto-
ren und der Zeitungsteil, in dem sie zu Wort kommen, sondern die
Argumente selber qualifizieren die Auslassungen allerdings als
originäre und zeitgemäße Schöpfungen volkswirtschaftlichen Sach-
verstandes.
Zum Beweis eine Blütenlese aus der "Frankfurter Allgemeinen Zei-
tung". Vor vorschnellen Unterscheidungen dieses rechten Kampf-
blatts von der weltoffenen "Süddeutschen Zeitung" und anderen
wird gewarnt. Ökonomen, wenn sie sich zu Tagesproblemen des Wirt-
schaftsaufschwungs, der Krisenbewältigung, des Staatshaushalts
und anderem äußern, verzichten nie auf den Anspruch, praktische
Handreichungen, brauchbare Verbesserungsvorschläge, unumgängliche
Warnungen und auch noch die entsprechenden guten Begründungen für
das alles zu liefern. Die aktuellen Stellungnahmen zeichnen sich
dadurch aus, daß die guten Gründe in so allgemeinen philosophi-
schen Grundkategorien wie der "Menschennatur", in ausgewalzten
"anthropologischen" Theorien, in Grundsatzentscheidungen über die
"Definition des Sozialstaats", in breitgetretenen Prinzipien über
die "Notwendigkeiten einer sinnvollen Ordnung des Zusammenlebens"
überhaupt aufgespürt und vorgestellt werden. Auf der anderen
Seite kommen die daraus abgeleiteten Vorschläge auch gleich im
Gewand von Grundsatzmaximen daher, die bei allen und jenseits al-
ler konkreten tagespolitischen Entscheidungen von den Verantwort-
lichen zu beherzigen seien, wenn der Staat nicht sich, die Wirt-
schaft und eben die Ordnung überhaupt ruinieren wolle. Und dieses
"Ruinieren" kommt ganz volkswirtschaftlich, haushaltsmäßig daher.
Daß an den Finanzen (des Staates und des Kapitals) alles hängt,
dieser Ausgangs- und Endpunkt der Argumentation, ist das Grund-
dogma und -interesse der politischen Ökonomen - das sie zu ihren
Ausflügen ins Reich staatlicher Grundwerte und -tugenden beflü-
gelt. Daß sie aber ziemlich umstandslos bei Fragen der Ethik, bei
ganzen Tugendkatalogen rechten ökonomischen Verhaltens, von Herr-
schern und Beherrschten und überhaupt bei Diskursen über das Ver-
hältnis von Staat und Volk landen, wenn sie dem politischen Öko-
nomieverwalter zur Hand gehen wollen, beweist ein Doppeltes: Er-
stens fällt Erfolg und Mißerfolg der Mehrung des nationalen
Reichtums für sie mit der politschen Kunst der Beförderung des
Geschäfts zusammen, die sie nach Kräften problematisieren. Zwei-
tens besteht diese Kunst ihrer Auffassung nach im wesentlichen
und insbesondere heute in der für besonders schwierig angesehenen
und beständig beschworenen Aufgabe, das Volk an die notwendigen
Prinzipien von Sparsamkeit zu gewöhnen. Die Ethik politischer
Ökonomie, die sie zurechtdenken, löst sich deswegen auch regelmä-
ßig in den Zwang des Staates auf, dem Volk keine andere Wahl zu
lassen, als sich dem entsprechenden Tugendkatalog gemäß zu ver-
halten. Das ist ihr ganzer sachverständiger Ratschlag, den sie
gar nicht oft und direkt genug geben und begründen können.
Die
Moral (1)
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besteht darin, den Zusammenhang von (ökonomischer) Moral und
(politischer) Gewalt selber als ökonomisches Problem zu themati-
sieren. Unter dem Titel "Wirtschaft und Moral" erinnert sich da
ein zeitgenössischer Vulgärökonom an Adam Smith und entdeckt an
ihm zielsicher gar keinen ökonomischen Gedanken (geschweige denn
ökonomische Fehler), sondern eben diese Fragestellung, wieweit
die "menschliche Ordnung" auf den angeborenen Tugenden beruht und
wieweit diese staatlicher Gewalt bedürfen und sie legitimieren:
"Bereits Adam Smith, den man als Entdecker jener R e g e l n
bezeichnen kann, die kapitalistisches Wirtschaften so wirkungs-
voll gemacht haben, hat vor 200 Jahren darauf hingewiesen, daß es
einen unabdingbaren Zusammenhang von Wirtschaft und Moral geben
muß. Der Mensch, der aufgrund seiner a n g e b o r e n e n
E i g e n l i e b e egoistisch handelt, werde darin zunächst
durch sein M i t g e f ü h l u n d s e i n e
S y m p a t h i e f ü r a n d e r e im Zaum gehalten. Da-
durch... werde er abgehalten, dem anderen Unrecht zuzufügen. Eine
zweite Schranke bestehe in der freiwilligen Anerkennung von
R e g e l n der Ethik und der Gerechtigkeit, welche die Menschen
aus ihrer Erfahrung und Vernunft zu finden vermögen. Da diese
Sperre auch n i c h t a u s r e i c h e, müsse ein System po-
sitiver Gesetze die Regeln der Gerechtigkeit erzwingen. Smith
baut also sein System einer freien Wirtschaft, indem jeder seinem
eigenen Wunsche nach mehr Wohlstand folgen und damit den Wohl-
stand aller vermehren kann, auf ein System moralischer Regeln
auf." (Ernst Günter Vetter, Wirtschaft und Moral, Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 21.5.83)
In drei Schritten ist dieser Vulgarisierer Adam Smith's also von
der f r e i e n Wirtschaft, in der sich der "Egoismus" betä-
tigt, über die notwendigen Tugenden, die für den höheren Zweck
dieses Egoismus, das Allgemeinwohl, unbedingt k o r r i g i e-
r e n d h i n z u treten müssen, beim Staat, der die Allgemein-
wohlprinzipien g e g e n das Wohlstandsstreben durchsetzen muß.
Warum braucht und gibt es also einen Staat? Weil die Bürger ihn
zur Einhaltung ihrer Regeln, an die sie sich nicht halten, an die
sie sich aber halten müssen, wenn sie eigenen und allgemeinen
Wohlstand fördern wollen, als Zwangsinstanz brauchen. Er wiederum
weist sie immer wieder darauf hin, daß sie diesen Zwang zunächst
mal selber an sich zu erledigen haben, ganz im Auftrag ihrer
eigenen Natur.
Kaum formuliert jemand diese reaktionäre Dialektik von Menschen-
natur und Staatsnotwendigkeit, schon kommt das einem anderen
schon wie ein ungebührliches Zugeständnis an den freien Willen
der Untertanen vor. Monsieur Guy Kirsch, Betriebswirtschaftspro-
fessor aus Fribourg, räumt bei niemandem vorhandene Zweifel aus,
daß auf Freiwilligkeit kein Verlaß ist - also auch keinesfalls
sein darf.
"Solidarität" ist ja nichts anderes als "Ein Deckmantel kollekti-
ven Zwangs" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.3.83). Öha! -
sollte der Professor den Kern der Kohl- und Vogel-Reden aufge-
deckt haben, wenn sie unter Beschwörung der Solidarität die wi-
derspuchslosen Opfer des Volkes einfordern für einen Staat, der
mit "schweren Zeiten" zu kämpfen hat?! Er weist sogar darauf hin,
daß heutzutage Solidarität nicht das banale "Tun wir uns zweckmä-
ßigerweise zusammen, um was durchzusetzen" ist, sondern ein Cha-
rakteristikum der Untergebutterten, die sich n i c h t wehren:
"Es ist nämlich nicht von vornherein ausgeschlossen, daß die Be-
schwörung der Solidarität (durch die Politiker) im wesentlichen
dazu führt, daß jene, die ein Opfer im Dienste anderer erbringen
sollen, auf diese Weise lediglich um die Kraft ihres Protestes
und ihres Widerstandes gebracht werden sollen."
Na, na, Herr Professor, sind Sie denn etwa für Protest und Wider-
stand? Doch, Gott sei Dank, es geht weiter:
"Dies mag kurzfristig angehen; es ist aber zu erwarten, daß auf
die Dauer die Rückbesinnung auf die unmittelbar eigenen Interes-
sen wieder einsetzt und die schenkende Hingabe, den Verzicht zu-
gunsten anderer als vielleicht schöne, doch irgendwie doch wirk-
lichkeits- und weltfremde Geste erscheint und beendet wird. ...
Auf Dauer" müssen die "wirklichkeits- und weltfremden Gesten"
also e r z w u n g e n werden, denn "Solidarität als Prinzip
der Gesellschaftspolitik erweist sich als Ausdruck einer uner-
füllbaren Hoffnung".
Nachdem Prof. Kirsch einfach mal unterschlagen hat, daß die Soli-
daritätsreden der Politiker noch allemal B e g l e i t m u s i k
zum stattfindenden Zwang sind; nachdem er dieser Halbwahrheit
noch besondere Brisanz durch eine Lüge verliehen hat, nämlich daß
sich der "Verteilungskampf verstärkt" und die "sozialen Spannun-
gen zugenommen" hätten; nachdem er also eine extra-scharfe Dis-
krepanz zwischen gutmütigen Appellen der Politiker an die Mensch-
lichkeit und dem bedrohlichen Zustand der Gesellschaft
k o n s t r u i e r t hat - liegt die Umkehrung von
"Solidarität" auf der Hand. Z w a n g p u r muß her. Ein Pro-
fessor, zuständig - so denkt man - für Kosten-Nutzenrechnung des
kapitalistischen Betriebes, traktiert also über die Beschränkt-
heit menschlicher Gefühle, um solidaritätsduseligen Staatsmännern
Weltfremdheit (= Menschenvertraulichkeit) vorwerfen zu können.
- Erstens können sie nicht alle anderen lieben, weil sie dumm
sind:
"Als erstes ist darauf hinzuweisen, daß der Mensch ein intellek-
tuell borniertes Wesen ist; er ist schlicht unfähig, mehr als
eine beschränkte Menge (zündende Logik!) von Informationen aufzu-
nehmen, zu verarbeiten und zu berücksichtigen; selbst wenn er es
wollte, wäre er nicht in der Lage, die Lebens- und Wohlfahrtsla-
gen aller jener in sein Kalkül aufzunehmen, die in einem Verband
gegenseitiger solidarischer Verpflichtung untereinander verbunden
sein müßten, wenn die Solidarität gesellschaftsweit als Ordnungs-
prinzip Geltung haben soll."
- Zweitens können sie nicht alle l i e b e n, weil sie gemein
sind:
"Weiter ist anzumerken, daß nicht nur der menschliche Verstand
begrenzt ist, sondern auch das Herz des Menschen eng ist."
Nur wenn sich der Staat offen dazu bekennt, daß er ein
"Kollektiv" ist - und das wiederum ist ein "gefühlloses Wesen";
nur wenn er sich ganz nach den "Gesetzen von Macht und Gehorsam,
von Herrschaft und Zustimmung, von Widerstand und Kontrolle,
nicht aber nach den Normen des Mitleids und der Menschlichkeit"
richtet; nur wenn er einsieht, daß "eine auf die Solidarität re-
kurrierende Politik kaum Erfolgsaussichten hat"; nur dann ist er
ein wirklich l i b e r a l e r Staat:
"... kann nicht übersehen werden, daß sich die Rede von der Soli-
darität in hohem Maße antiliberal auswirkt."
Umgekehrt: Wenn sich der Staat daran erst einmal hält, dann,
plötzlich, feiert die Solidarität Triumphe, daß es nur so kracht,
dann nämlich ist der scheinheilige und zynische Gebrauch der So-
lidarität aus der Welt und sie kann ganz waldursprünglich wirken:
"Wo unter dem Druck der öffentlichen Meinung von Solidarität ge-
redet werden muß... darf man sich nicht wundern, wenn der Zynis-
mus zur Regel wird; er ist die private Seite öffentlicher Schein-
heiligkeit. Weil die Solidarität dort, wo sie nicht möglich ist,
erzwungen werden soll, verludert sie als Wert...
Man kann es auch so sagen: Die mißbräuchliche Beschwörung der So-
lidarität verstärkt einen Mißstand, an dem unsere Gesellschaft
ebenso leidet wie unter den auswuchernden Formen kollektiven
Zwangs, nämlich die Schwierigkeit zu schenken und sich beschenken
zu lassen."
Die Vulgärökonomie, Abteilung politische Propaganda, Hauptdienst-
stelle Moralphilosophie, besteht also darin, die harmonische Er-
gänzung von (egoistischem) Interesse und (solidarischem) Gefühl
zu problematisieren und Widersprüche daran zu entdecken, um dann
den Staat als Versöhner der widersprüchlichen Natur auftreten zu
lassen. Der Witz ist aber, ihn an dieser menschenfreundlichen
Aufgabe erst mal scheitern zu lassen, weil er zuviel dieser
Freundlichkeit im Leibe habe, um dann messerscharf zu folgern,
daß nur das ganz und gar "gefühllose Wesen", das sich auf den
Zwang und sonst nichts verläßt, diese Aufgabe meistern kann. Ge-
walt, die so tut, als sei sie moralischen Prinzipien verpflich-
tet, schadet der Macht, damit den Menschen - ist also
u n m o r a l i s c h. Auch so kann man den Uralt-Kalauer, daß
der Mensch sich mit seinem Interesse nur schade, weswegen man es
ihm in seinem eigenen Interesse verbieten müsse, aktuell darbie-
ten.
Moral (2)
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heißt: Der Staat hat s i c h auf Leistungen und unerfüllbare
Versprechungen verpflichtet, statt die Menschheit auf Anspruchs-
losigkeit festzulegen. Jahrelang haben die Traktatverfasser glatt
übersehen - andererseits haben sie natürlich schon immer gemahnt
-, daß Staat, Gesellschaft und schließlich jeder einzelne schon
ewig auf der schiefen Bahn sind: S t a a t s v e r s c h u l-
d u n g. Warum der Staat sie sich leistet, was eigentlich ihr
M a ß ist, warum sie plötzlich so unerträglich sein soll - wen
interessiert's. D a ß der Staat seine Verschuldung zu einem
Problem e r k l ä r t hat, d a ß er nichts von seinen
Einnahmen - seien es Steuern oder Kredite - ans gemeine Volk
herausrücken will, genügt einem Staatsfanatiker vollauf als
Grund. Ein Grund, der aber bebildert und verdolmetscht sein will
- wofür beziehen denn Professoren und Journalisten ihre Kröten?
Sie entdecken seltsame Charakteristika an ihm. Ein Wohltäter der
Massen war er, und ohne Rücksicht auf sich, die Gesellschaft, die
Wirtschaft und die Moral hat er seine "Leistungen" ausgedehnt:
"Das Polizeirecht anerkennt die begrenzte Hilfskapazität der öf-
fentlichen Hand... Das staatliche Leistungsrecht hingegen durch-
bricht diesen Vorbehalt und billigt dem einzelnen vielfach indi-
viduelle Leistungsansprüche zu. Die Sozialhilfe, das Wohngeld,
die Ausbildungsförderung oder Investitionsprogramme verpflichten
den Staat grundsätzlich, das private Leistungsbegehren gegen den
Staat zu erfüllen. Der Finanzstaat scheint unbegrenzt leistungs-
fähig." (Paul Kirchhof, Prof. Dr., Spendabel auf Kosten der Zu-
kunft, FAZ, 2.4.)
Ganz "ökonomisch" verwandelt der Professor den 'Staat in einen
Dienstleistungsbetrieb, der sich z.B. bei der Polizei sehr wohl
seiner knappen Mittel bewußt ist, aber ausgerechnet bei den An-
sprüchen seiner Bürger jedes ökonomische Maß aus den Augen verlo-
ren und geradezu s i t t e n w i d r i g den Leuten
"Leistungen" nachgeworfen hat. Daß die Bürger diese "Leistungen"
immer noch selbst bezahlt haben, braucht einen Professor der
Volkswirtschaftslehre nicht zu bekümmern. Er denkt sich das ja
nur aus, um - auch er ein Dialektiker von Gottes Gnaden - den an-
geblich menschenfreundlichen Staat quasi automatisch zu einer mo-
ralischen Ungeheuerlichkeit werden lassen zu können:
"Der Anspruch, stets vollständige Hilfe leisten zu wollen, läßt
die Macht des Finanzstaates tendenziell bis ins Grenzenlose wach-
sen... Ein total hilfsfähiger Staat wäre aber ein totalitärer
Staat, der den Bürger in seiner Bereitschaft zur Selbsthilfe er-
müdet, ihn der eigenen finanziellen Planung und Risikobereit-
schaft entwöhnt."
Dem "verwöhnten Bürger" entspricht der "totalitäre Finanzstaat".
Es liegt auf der Hand, daß es dem Bürger ja scheißegal sein
könnte, welche Form sein Staat annimmt, sollte er tatsächlich so
verwöhnt sein. Dagegen hat der Professor das schlagende Argument
auf Lager:
"Finanzier der Staatsschuld ist die Allgemeinheit der Steuerzah-
ler, insbesondere auch der Schuldner von indirekten Steuern. Der
Staatskredit erreicht deshalb langfristig einen sozialstaats-
feindlichen (Der Sozialstaat wird also auch gleich mitgerettet!)
Verteilungseffekt."
Jetzt plötzlich besteht die ganze "Verwöhntheit" darin, daß der
anspruchsvolle Bürger nur umso mehr zur Kasse gebeten wird. Je
mehr er den Staat behelligt, umso mehr wird er von dem behelligt
- also soll er es doch gleich sein lassen. Das kann man auch ohne
jeden Schein ökonomischer Begründung ausdrücken. Freiheit und
Wohlstand sind u n v e r t r ä g l i c h, auch wenn sich die
Leute früher mal eingebildet haben, beides sei gleichberechtigt
und Wohlstand ein "Wert":
"Wohlstand breitete sich aus, und die Menschen waren geneigt,
diese Explosion ökonomischer Fruchtbarkeit als ein Ergebnis der
Freiheit und damit zugleich als einen moralischen Wert an sich zu
sehen.... Aber: Wenn also den Bürgern wieder Entbehrungen und
Einschränkungen abverlangt werden, taucht auch der Gedanke daran
auf, daß andere Werte als die Maximierung des materiellen Genus-
ses wesentlich für den Menschen sind."
Das sagt ausgerechnet ein Ökonom, dem in Sachen Profit, Investi-
tion und Wirtschaftswachstum nie etwas anderes als materielle
Notwendigkeiten einfallen. Die allergrößten "Entbehrungen und
Einschränkungen" lösen schließlich sogar das zentrale Problem
"unseres Wirtschaftens":
"Der erste Weltkrieg mit seinem unvorstellbaren Einsatz aller
Ressourcen reduzierte die Arbeitslosigkeit zum ersten Mal so gut
wie vollständig... Erst der zweite Weltkrieg hat überall die Ar-
beitslosigkeit beseitigt..." (Wolfram Fischer, Prof. Dr., 'Den
Armen nicht das Brot nehmen', FAZ, 30.4.)
Moral (3)
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für die Massen ist einfach: Sie haben sich der T u g e n d
d e s A u s h a l t e n s zu befleißigen. Niemand beweist das
schöner als die Polen:
"Gewiß wird sich auch in kommunistischen Systemen die Moral ent-
falten, vielleicht gerade dort. Doch es ist die Moral der Ge-
knechteten, der Ausgebeuteten, eine Moral der Verzweiflung und
des Aufstands. Die Polen geben ein leuchtendes Beispiel" (Vetter)
Einem deutschen Demokraten, freier Ausbeuter seines Staates,
steht also die totale Unterwürfigkeit zu - darin beweist sich
h i e r z u l a n d e das Menschengeschlecht. Auf daß die Polen
es auch einmal so gut haben... Die Richtigkeit dieses Zusammen-
hangs von "Wirtschaft und Moral" beweist Frau Professor Noelle-
Neumann s t a t i s t i s c h. Unter der Überschrift "F r e u-
d e, F r e i h e i t s g e f ü h l u n d P r o d u k t i v i-
t ä t" gibt sie eine streng mathematische Ableitung der not-
wendigen Zusammengehörigkeit von Knechtsnatur und Staatserfolg:
"Die Ansprüche an die Arbeit haben sich verändert, die Arbeits-
freude ist geringer geworden, die Arbeitsmoral gesunken, in
Deutschland sogar in einem unfaßbaren Ausmaß." (FAZ, 14.5.)
Auf einem Symposium in den USA hat sie nämlich gelernt, daß an-
dere N a t i o n e n die "unsere" zu überflügeln drohen, weil
deren Knechtsnaturen noch knechtischer seien:
"Die nächste Aussage umschreibt wohl das, was man eine gute Ar-
beitsmoral nennt: 'Ich möchte immer mein Bestes geben, unabhängig
davon, wieviel ich verdiene'. Die Deutschen stimmten dem zu 25
Prozent zu, die Amerikaner zu 52 Prozent."
Am V e r g l e i c h d e r S t a a t e n zeigt sich, daß ein
Mensch ganz unabhängig vom Verdienst F r e u d e a n d e r
A r b e i t zu haben hat. Nur so stellt sich nämlich die
"Produktivität" ein, auf die der Staat als Nationalerfolg scharf
ist; für den Bürger ist auch eine Belohnung vorgesehen, nämlich
das "Freiheitsgefühl"... Natürlich handelt es sich um soziologi-
schen Wissenschaftsunsinn, denn seit wann macht sich die Ausbeu-
tung an einem modernen Arbeitsplatz von der Arbeitsmoral abhän-
gig, oder läßt sich gar ihre Produktivität davon vorschreiben.
Aber ihre Botschaft hat die Elisabeth glasklar an den Mann ge-
bracht: Das altmodische "Kraft durch Freude" übersetzt die Demo-
kratie mit "Freude durch Arbeit". Und hieß es früher "Arbeit
macht frei", so heißt es heute: "Freiheitsgefühl".
Fazit: Menschenwürde durch Staat
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Die allgemeine Fassung der trinitarischen Formel von Staat, Kapi-
tal und Ausbeutung lautet also: Des Menschen Glück ist dann fer-
tig, wenn der Staat seine Bürger darin frei und gleich gemacht
hat, daß er ihnen jeden Materialismus v e r b i e t e t. Glück
ist es, weil man in den Genuß des erst dadurch wirklich morali-
schen Staates kommt, der sich ganz der Natur seiner Untertanen
verpflichtet weiß. Auf diese letzte und entscheidende Charakteri-
sierung des demokratischen Staates will keiner seiner bezahlten
Sorgenhuber verzichten: Durfte man in früheren Zeiten für Gott,
Ehre, König und Vaterland seine Rübe hinhalten, so tut man es
heutzutage ausschließlich und letztendlich für sich - als Mensch.
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