Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TV - Was das Volk aufregt
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Professor Boehm im Fernsehen:
ROUSSEAU, DIE TECHNIK UND DIE PÄDAGOGEN
Was uns an den Pädagogen so ärgert: Dieses "Ick bün all hier",
und man weiß es nicht einnnal, wie sie hingekommen sind. Zum Bei-
spiel hat die Kulturabteilung von Bayern III ein heißes Zeitpro-
blem entdeckt und verhandelt WAA und AKWs unter dem Titel "Zurück
zur Natur: Gibt es ein Leben ohne Wissenschaft, Technik und Kün-
ste?" Da möchte man darauf hinweisen, daß staatliche Atom-, Raum-
fahrt- und Gentechnik-Programme kein Problem der Einstellung von
uns allen zu Natur und Technik sind, daß die Frage so nur aufge-
macht wird, um den Kritiker eine WAA oder ähnlichem mit dem Fort-
schritt totzuschlagen, den er uns allen vorenthalten will. Und
man möchte anmerken, daß die Frage "Wo bleibt da die Moral?"
vielleicht im Fernsehen, aber sonst nirgendwo ernst genommen
wird, weil der Fortschritt einer modernen Industrienation kein
moralischer ist.
Soweit gehört das ins Reich des öffentlich gepflegten falschen
Bewußtseins.
Ein Kulturmensch fängt hier erst an. Für ihn ist die Frage nach
dem sittlichen Charakter von Wissenschaft und Technik gleich die
Frage, wie wir es mit dem geistigen Erbe halten: "Was hat Rous-
seau uns heute noch zu sagen?" fragte Moderator Walter Flemmer,
und zu sagen hat er uns ungefähr den Titel seiner Akademie-
schrift: "Hat das Wiederaufleben der Wissenschaft und Künste zur
Besserung der Sitten beigetragen?" Schon 1750 hätte man die Aka-
demie von Dijon besser zurückgefragt: Wie kommen Sie darauf, daß
sie dazu hätte beitragen sollen? Aber das hat keiner getan, und
außerdem paßt der Zweifel am Fortschritt der Moral sehr gut in
unsere "technisch-wissenschaftliche Zivilisation". Denn zuerst
unterstellt er, daß dieser Fortschritt "uns alle" gleichmäßig
trifft, und dann fragt er, ob die Menschheit auch moralisch auf
Weltniveau ist, als gabe es ein Verhältnis zwischen einem Elek-
tronenmikroskop und dem kategorischen Imperativ.
Aber das ist die professionelle Deformation der Moralwächter im
Öffentlich-Rechtlichen. Für uns ist die Frage, ob man an einem
solchen Geschwätz teilnehmen soll. Jedoch, wir sehen ein, daß das
nur für uns eine Frage ist. Das Fernsehen fühlt sich durch die
anwesenden Professoren ebenso geehrt wie diese durch ihren Auf-
tritt vor der Kamera. Um die Respektlosigkeit der akademischen
Jugend zu fördern, einige Highlights der Debatte samt Kommentar:
Moderator Flemmer: "Braucht die Gesellschaft Rousseau, um dem Ma-
chbarkeitsdenken einen Riegel vorzuschieben?"
Es wäre um Längen schlauer gewesen, zu fragen, ob die Gesell-
schaft Dr. Oetker braucht, um Kuchen zu backen. Denn den Zweck,
dem Machbarkeitsdenken einen Riegel vorzuschieben, gibt es
höchstens im Feuilleton, weil sein Gegenstand schon gar nicht
existiert. Aber vermutlich ist sogar die Parole "Anarchie ist ma-
chbar, Herr Nachbar" eine Ausgeburt des Machbarkeitsdenkens.
Antwort Professor Böhm: "Rousseau ist ein Querdenker. Er hat sich
gegen das einlinige Denken, das Machbarkeitsdenken ausgespro-
chen... Rousseau sieht die gesellschaftliche Wirklichkeit, das
kulturelle und individuelle Leben als gegensätzlich gebaut. Und
die Gegensätze sind bekannt: Natur und Kultur, Herz und Verstand,
Person und Gesellschaft, Reden und Tun, Theorie und Praxis. Das
sind unlösbare Gegensätze, mit denen wir zu allen Zeiten leben
müssen."
Das sind natürlich nur Beispiele. Die Gegensätze von groß und
klein, viel und wenig, schwarz und weiß, kalt und heiß, mit denen
"wir" ebenfalls schon seit Generationen leben müssen, ohne daß
sie uns sonderlich bekümmern, hat Herr Böhm gar nicht erst ge-
nannt. Ein paar Stichworte aus seinem geistigen Zettelkasten ent-
werfen vor uns das Bild unserer Gegenwart: W a l d e s stille,
durch k u l t u r kritische Diskussionen jäh zerschnitten -
h e r z l i c h lächelnde und vor Menschheitsfreundschaft trie-
fende Professoren ohne einen einzigen v e r n ü n f t i g e n
Gedanken - von Verantwortungsbewußtsein gezeichnete P e r s o-
n e n in einer Diskussion, die auf unsere G e s e l l-
s c h a f t nichts kommen lassen will - G e q u a t s c h e
von Kulturleuten, welches das T u n von Staat und Kapital
begleitet - eine T h e o r i e, die p r a k t i s c h wird,
indem sie den Zuschauer ergreift, ergriffen macht angesichts der
Weihe der Worte, des ehrwürdigen Alters der Gedanken.
Dem Inhalt nach wollte Professor Böhm vermutlich sagen, daß wir
Atomkraftwerke als Bestandteil des menschlichen Lebens schätzen
müssen. Oder etwa nicht?
Hat die Pädagogik versagt?
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Solche Diskussionen haben einen eigenartigen Verlaut. Da sich von
Anfang an alle einig sind über den Unsinn, den das Thema stellt,
unterscheiden sie sich zuerst nur in Schattierungen. Der Modera-
tor fragt sich langsam, wie er Pfeffer in die Diskussion hinein-
kriegt. Da aber alle meinen, das Thema wäre gerade in ihren Hän-
den optimal betreut, entwickeln sich Nuancen zu Grundsatzstrei-
tigkeiten. Man muß sich voneinander absetzen, und so bleibt es
nicht aus, daß man anderen geradezu Versagen vorwirft, am besten
- es geht ja darum, was Rousseau uns heute zu sagen hat - anhand
eines praktischen Beispiels:
Moderator (um die These zu unterstützen, daß die Gefahren der
Technik einer verantwortungsbewußten Betreuung bedürfen): "Ein
Beispiel: Das Gift im Olivenöl ist ja nur deshalb drin, weil die
Menschen nicht durch Erziehung fähig gemacht wurden, dies als
Schweinerei zu erkennen."
Das ist der blanke Unsinn. Als hätten es nicht die Olivenöl-Pro-
duzenten hineingetan, sondern die Menschen, weil sie nicht dage-
gen protestierten. Und als hätten es die Pädogogen hineingeschüt-
tet, indem sie versäumten, den Menschen mit Maßstäben zu versor-
gen, wann er protestieren muß. Aber eben - ein Moderator hält das
Verantwortungsbewußtsein für den Nabel der Welt. Das hört ein
Pädagoge auch ganz gerne. Schließlich sind ja auch Kriege das
Produkt fehlender Friedenserziehung. Nur...
Professor Böhm: "Jetzt werfen sie der Erziehung auch noch die
Giftstoffe in den Nahrungsmitteln vor. Das geht zu weit." Faselt
dann etwas von Voraussetzungen der Erziehung, Einsicht und Wille,
Distanz des Menschen von sich und anderen, was ihn zum gebildeten
macht, um dann zu enden: "Und so kommen wir dann auch zu den
Giftstoffen: Ein gebildeter Mensch würde dies auch ganz anders
sehen als ein sozialisierter oder ein nur naturwüchsig entfalte-
tes Individuum."
Und wie? Herr Böhm, der, wenn es überhaupt einen gibt, ein gebil-
deter Mensch ist, hat es uns schon vorgemacht: Das Gift ist ein
Problem der Distanz zu uns selbst und zu anderen. Was vermutlich
heißt, daß man sich nicht borniert ("naturwüchsig") auf den
Standpunkt stellen soll, daß es sich hier um eine Vergiftung und
eine Schweinerei handelt. Aber auch nicht auf den, daß die Ge-
sellschaft alles tun darf mit den Menschen. Vermutlich gilt es
also sorgsam abzuwägen zwischen den Interessen der Vergifter und
der Vergifteten. Das ist wieder etwas einfach gesehen. Aber sol-
che Diskussionen haben das Fatale, daß das Grundsätzliche über
den Menschen doch immer mal wieder an einem Beispiel festgemacht
wird. Und ob es dann das Beispiel ist, das sich blamiert?
Der Moderator macht einen Rückzieher. Es sei ja gar nicht Herr
Böhm, der für die Erzieher verantwortlich sei, er sei ja nur Pro-
fessor. Doch das hört Herr Böhm auch wieder nicht gerne. Soll er
sich sagen lassen, daß an ihm nichts hängt? Alles hängt an ihm,
alles! Das gibt Gelegenheit zu einem Vorwurf gegen sich selbst,
der seine Bedeutung höchstens steigert:
Böhm: "Beispielsweise steht in der Bayerischen Verfassung, daß
man die Schüler zur Liebe zur Heimat erziehen soll. Die Pädagogik
hat dafür Mittel zu entwickeln. Wenn ich mir diese Aufgabe über-
lege und unsere Wissenschaft betrachte, schäme ich mich, Pädagoge
zu sein!"
Das täten wir auch. In Grund und Boden täten wir uns schämen. So
ein Bayerisches Fernsehen, solche bayerischen Professoren, solche
bayerischen Moderatoren, solche bayerischen Diskussionen - und
dann soll man zur Liebe zu Bayern erziehen. Schämen müßte man
sich eigentlich. Wenn nur nacht die Scham immer enttäuschte Liebe
wäre.
(Zitate aus der Sendung des Bayerischen Rundfunks, III. Programm,
vom 1. Juni 1988)
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