Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TV - Was das Volk aufregt
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Münchner Hochschulzeitung, 25.10.1979
Obdachlosenfilm im TV
EIN SCHOCK DURCH "SCHOCKER"?
Dem Bemühen der Sozialarbeit um mehr Verständnis für ihre Klien-
ten ist möglicherweise ein entscheidender Durchbruch gelungen:
erstmals widmete das Fernsehen den Ausgestoßenen dieser Gesell-
schaft mehr als einen langweiligen Dokumentarfilm nachts um halb
12, es gab einen richtigen, dreiteiligen Asozialen-Thriller mit
allen Mitteln moderner Filmkunst gedreht), und der räumte denn
auch gnadenlos auf - mit allen ungerechtfertigten Vorurteilen
über die Obdachlosen:
- Ein arbeitsscheues Gesindel? Oh nein: selbst die härteste
"Stigmatisierung" durch bundesdeutsche Arbeitgeber vermag ihren
Arbeitswillen zunächst nicht zu brechen, unentwegt dokumentiert
der jugendliche Held des Films ("Schocker") seine Bereitschaft zu
jeder Drecksarbeit - und wird nicht belohnt. Das ist mehr als un-
gerecht, das ist kapitalistische Irrationalität, die brachlie-
gende Potenzen elend verkümmern läßt! Und das wirkt auf solch la-
bile Menschen, wie sie Obdachlose nun einmal sind, besonders
schlimm: eindrucksvoll gelang es dem Film, deren "mangelnde Fru-
strationstoleranz" in farbige Bilder zu übersetzen (schließlich
schrieb das Drehbuch eine Sozialarbeiterin, die sich in der
"Mentalität dieses Milieus" auskennt).
- Ein gewalttätiges Pack? Nein, niemand sehnt sich mehr nach ei-
nem geordneten Familienleben als unser Freund Schocker und selbst
sein brutaler Kumpel Ritchie, nicht Gut und Geld, nur ein bißchen
Wärme und Geborgenheit erstreben sie - doch niemand, niemand gibt
es ihnen! Und das frustriert sie wiederum so sehr, daß sie in die
Arme der Kriminalität getrieben werden: ein unglücklicher Zufall
ist das Ganze und dann war der Diebstahl mit - natürlich unbeab-
sichtigtem Totschlag) auch noch für einen guten Zweck (Schocker
will seiner Freundin ein teures Halsband als Pfand der Treue
überreichen). Nur ein bißchen Verständnis und schon würde unsere
kriminelle Jugend zu einem Haufen sanfter Lämmer.
Will man diesen Film einordnen, so kann man geradeaus behaupten,
daß die vertrackte Dialektik des Machwerkes - einerseits Arbeits-
losigkeit, Kriminalität und Alkokolismus als Wirkungen gesell-
schaftlicher Überheblichkeit gegen bestimmte Leute auszugeben,
andererseits diese Opfer (die man gerade vor V o r urteilen in
Schutz genommen hat) als eine b e s o n d e r e Sorte Mensch
vorzustellen, die sich dauernd ganz komisch und unmöglich auf-
führt (ohne daß man je wüßte, warum) - sich zu einem durchgängi-
gen Moment der T r a g i k mit konsequent sozialarbeiterischer
Aussage erhoben hat (Damit stand der Erbauung der Fernseh-
zuschauer nichts mehr im Wege). So ist es auch nicht verwunder-
lich, daß der einzig normale Mensch in diesem Film, der Sozialar-
beiter, nur sehr selten vorkommt und dann meist leidend (und
manchmal zuversichtlich) dreinschaut.
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