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Sensationelle Enthüllung in "Buten und Binnen":
DIE MG: ABGRUNDTIEF BÖSE!
26.11.1990, 19.20 Uhr: Nach jahrelanger strikter Nichtbeachtung
der "letzten Dinosaurier" bricht Buten und Binnen sein Schweigen.
Jetzt will es das Team des Bremer Regionalfernsehens endlich wis-
sen.
"Was ist die MG?"
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So eröffnet ein gewisser Dirk Blumental den siebenundzwanzigsten
Aufguß zum Thema "Wir entlarven die MG." Knapp zehn Minuten dau-
ert seine Reportage über die Marxistische Gruppe, in der der Zu-
schauer alles erfährt. Nur eines nicht: Was dieser Haufen will.
Soll der Mann doch die Leute von der MG fragen, wenn er es nicht
weiß. Halt! Nicht die B e-, sondern V e r urteilung der
Marxistischen Gruppe ist das Ziel dieses Berichts. Entsprechend
fällt die Auswahl und Behandlung des Materials aus. D i e
Auskunft, auf die es ein mündiger öffentlich-rechtlicher Journa-
list abgesehen hat, holt er sich lieber bei der dafür kompetenten
Stelle ab: beim Verfassungsschutz.
"Die MG ist verfassungsfeindlich und wird beobachtet."
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sagt der Bremer Verfassungsschützer Walter in die Kamera. Das
spricht nicht gegen die Verfassung und ihren Schutz, sondern ge-
gen die MG. Erinnert das nicht ein wenig an Stasi-Methoden? Nein.
Was linken Gruppen d r ü b e n als Zivilcourage gutgeschrieben
wurde, muß hier ein Vorwurf sein: Wer zum Objekt staatlicher
Observation wird, ist böse.
Die Antwort stimmt den Reporter sichtlich gut gelaunt. Sie beflü-
gelt ihn, sein neues Wissen einmal vor Ort zu überprüfen. Und als
er mit laufender Kamera in eine öffentliche Diskussionsveran-
staltung der MG zum Thema Golfkrise hineinplatzt, ist das zweite
Urteil über diesen Verein fertig:
"Die MG ist konspirativ"
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Etwa 450 Zuhörer haben sich in einem öffentlichen Saal eingefun-
den. Damit nicht genug. Plakate auf allen öffentlichen Straßen
und Plätzen haben zu dieser Diskussion im Konsul-Hackfeld-Haus
eingeladen. Ein Ausbund von Konspiration also. Aber der Clou
kommt erst jetzt: Der Veranstalter wünscht keine Porträtfotos der
Gäste, weil er den Nachteil fürchtet, den der Verfassungsschutz
androht. Das ist böse. Von der MG.
Man beachte die abgefeimte Beweistechnik des kritischen Senders
im Norden. Erst holt sich der Redakteur vom Verfassungsschutz die
Auskunft ab, daß die Marxistische Gruppe unter Beobachtung steht.
Er weiß natürlich, daß so etwas jedem Menschen nur zum Nachteil
gereichen kann, der sich auf die eine oder andere Weise für die
MG interessiert. Dann hält er seine Kamera voll auf die Besucher
und zeigt sich auf verlogene Weise überrascht, daß die so etwas
nicht mögen. Fertig ist das Urteil, das schon vorher feststand:
Wer die Observation durch staatliche und andere Organe fürchten
muß und sich deswegen der Kamera entzieht, ist konspirativ -
v e r d i e n t also die Behandlung durch den Verfassungsschutz.
"Die MG ist gegen alles!"
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So resümiert Buten und Binnen dann den Vortrag zum Fall Irak. Für
diese frohe Botschaft hat der Steuerzahler den Einsatz von zwei
Stunden Zelluloid berappen müssen, die dann einfach dem Schneide-
tisch geopfert wurden. Sonst wäre sie nicht zustande gekommen.
Die Kritik der Redner richtete sich nämlich gar nicht gegen
a l l e s. Sie galt dem Irak, dem US-Aufmarsch und insbesondere
dem bundesdeutschen Waffenexport. Das ist wohl zu konkret und zu
wenig "alles". Also wird es weggeschnitten. Es bleibt ein einzi-
ger Satz stehen, von dem die Redakteure hoffen, daß er in ihrem
Sinne mißverstanden wird: "I n diesem Konflikt wollen wir nicht
Partei ergreifen." Aha, die MG will einfach nicht Partei nehmen,
ist g e g e n alles, f ü r nichts Bestimmtes - der Cutter
sieht schon genüßlich das Kopfnicken des Zuschauers vor sich. Was
ist schlimm daran, wenn wir b e i d e Streithähne kritisieren,
die USA und den Irak? Hält denn Buten und Binnen zu einer der
beiden Seiten? Ist es unzutreffend, daß der Genscherismus mit der
Dislozierung von Giftgasfabriken und Willy Brandt auf irakischem
Boden die speziell deutsche Technik der Einflußnahme darstellt?
Das i s t eine Parteinahme der MG, gegen die Politik der impe-
rialistischen Staaten. So etwas paßt aber nicht zum Knigge auf-
geklärter Realisten bei Buten und Binnen: Parteinahmen müssen
sich i n n e r h a l b des Spektrums bürgerlicher Institutionen
bewegen. Sonst sind sie "für nichts Bestimmtes", also keine.
"Die MG ist hierarchisch"
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Auch das noch! "Wie sieht das die MG selbst?", will der Intervie-
wer von einem MGler wissen. Die Antwort im Original ist ein Drei-
satz. Erstens: Seit wann ist Hierarchie in der bürgerlichen Welt
ein Vorwurf? Die katholische Kirche wird dafür nie geschimpft,
obwohl sich ihr Chef auch noch ein göttliches Unfehlbarkeitsdogma
dazu spendiert. Zweitens: Kohl und Lafontaine kassieren von ihrer
Basis auf Parteitagen 99%-Wahlerfolge. Ein Ostblock-Traumergeb-
nis, das aber weder für Hierarchie, noch Personenkult stehen
soll. Es beweist vielmehr gelungene Führungsqualität. Drittens:
Diesen Wahn gibt es bei der MG nicht. Stattdessen eine schlichte
Arbeitsteilung. Aber ausgerechnet d i e zieht sich den Vorwurf
Hierarchie zu, der dem bürgerlichen Oben und Unten nie gemacht
wird.
Bemerkung zwei und drei fielen wieder einmal dem Schneidetisch
zum Opfer. Nicht aus Zeitgründen, sondern aus Berechnung. Bemer-
kung eins für sich allein läßt beim Zuschauer, so hofft der Jour-
nalist, den Verdacht keimen, der Vergleich mit der Kirche sei ein
B e k e n n t n i s der MG zur Hierarchie. Mit diesem nahegeleg-
ten Fehlschluß hätte dann der Betrachter genau die Antwort in der
Tasche, die Buten und Binnen der Frage am liebsten gleich selbst
hinterher geschickt hätte: MG = Hierarchie = Ersatzreligion! Das
sitzt bei aufgeklärten Intellektuellen, die nicht gegen
R e l i g i o n, sehr wohl aber gegen ihren E r s a t z sind.
Und für so etwas wollen sie ausgerechnet Kritiker der Religion
halten.
"Die MG ist unmarxistisch"
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Diesen alten Hut verdankt der Zuschauer Professor Sandkühler von
der Uni Bremen. Wahnsinn! Kann man sich eine größere Verfehlung
vorstellen? Heutzutage, wo der Marxismus in aller Munde ist und
so hoch im Kurs steht wie nie? Radio Bremen und Universität ver-
breiten ihr marxistisches Volksbildungsprogramm in der 51. Auf-
lage - und ein Häuflein von MGlern wagt es, u n marxistisch zu
sein? Mein lieber Scholli! Ist das böse!
Und vor allem: idiotisch! Aber das kommt davon, wenn der Wille
zur üblen Nachrede sich den Verstand unterordnet. Dann ist kein
Argument zu dumm, um die Botschaft zu verbreiten, daß dieser Ver-
ein eine p o l i t i s c h e Auseinandersetzung ohnehin nicht
verdient.
Damit das Verbrechen in seiner ganzen Tragweite begreiflich wird,
vollzieht der Herr Professor das, was seines Amtes ist. Er
d e f i n i e r t kurzerhand den Marxismus, damit jeder sieht,
daß die MG mit dieser noblen Sache nichts zu tun hat:
"Die MG ist keine marxistische Organisation, wenn marxistisch be-
deuten würde, in einem kritischen Bewußtsein gegenüber bestehen-
den gesellschaftlichen Verhältnissen aufzuklären und neue gesell-
schaftliche Ziele anzustreben."
Diese Definition können wir als einen wahrhaft großen Wurf be-
zeichnen: Ihrzufolge ist vom Bremer Professor über Kurt Bieden-
kopf bis zu Franz Schönhuber endgültig j e d e r ein Marxist -
nur die MG mit ihren Einwänden befleißigt sich dieser neudeut-
schen Pfefferkuchen-Einstellung nicht.
"MGler wohnen in Wohngemeinschaften zusammen"
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berichtet abschließend Verfassungsschützer Walter. Ja wo sonst?
Und mit wem sonst? Teilt sich der Spitzel-Chef seine bescheidene
Hütte mit REPs oder Anonymen Alkoholikern? Wo ist der Skandal?
Eine Wohngemeinschaft hält der Mann für G e w a l t der MG
gegen ihre Mitglieder; und diese belegt er damit, daß die Leute
zusammen w o h n e n. Eine brilliante Argumentation, die die
Frage nahelegt, ob der gute Mann mit seiner Frau zusammen wohnt,
um sie unter Kontrolle zu haben.
Den kritischen Intellektuellen von Buten und Binnen gefällt das
sehr. Sie haben ein Bild von der MG unter die Leute gebracht, das
deren dümmste Feinde - ein deutscher Professor und eine deutsche
Behörde - pflegen. Und dieses Bild wäre nicht fertig ohne den
Vorwurf "Sekte". Da weiß man doch, woran man ist. Wahre Ori-
entierung bieten nur die großen Parteien und Religionen mit ihren
Bekenntnissen zu Anstand, Kapital und Deutschland. Erkenntnisse
über diese Instanzen sind "Desorientierung" der ahnungslosen Ju-
gend, blamieren sich aber am Erfolg und Zulauf, den große
Orientierungshelfer wie Kohl und der Lehrkörper der Bremer Uni
verzeichnen.
Ein Nachtrag zur Vorgeschichte
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Der Bericht von Buten und Binnen erfüllt den Tatbestand einer
H e t z e. Was die MG w i l l, ist ohne Belang. Daß sie sich
n i c h t g e h ö r t, steht ja längst fest. Der hausinterne
Beschluß, über die Marxistische Gruppe nicht zu berichten, wurde
nur zu einem Zweck durchbrochen: Zur Ablieferung eines Verfas-
sungsschutz-Dossiers gegen die MG, mit dem uns das Leben schwer
gemacht wird. Eine k r i t i s c h e Redaktion wie die von Bu-
ten und Binnen weiß eben, was sich gehört. Zwischen Kritik und
k o n s t r u k t i v e r Kritik liegen Welten.
Es dient also einer guten Sache, wenn der Reporter Dirk Blumental
vom kritischen Image seines Stalls Gebrauch macht, um sich Bild-
und Tonmaterial bei der Marxistischen Gruppe zu beschaffen. So
stellt er sich als Alt-Linker bei einem MG-Mitglied vor, das auf
schlechte Erfahrungen in Sachen MG-Reportagen hinweist. Als
freier Journalist distanziert Blumental sich heftig von Berichten
im Stile eines Verfassungsschutz-Dossiers. Aufklärung, nicht De-
nunziation sei seine Absicht - und mit dieser Lüge beginnt er
dann sein Interview, dessen inquisitorischer Fragebogen exakt dem
des Spitzeljournalismus einschlägiger Verfassungsschutz-Beiträge
gleicht.
Liberal im liberalen Sinne heißt eben nicht nur liberal.
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