Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TV - Was das Volk aufregt


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       Der Fernsehkommentar
       

AN DER GRENZE ZUM LANDESVERRAT

Ein Kommentar zu: "Physiker zur Atomrüstung - Ein Streitge- spräch", ZDF, Sonntag, 3. Juli, 23.30-24.00 Eine erquickliche Anzahl von Naturwissenschaftlern nicht schlecht gespickt mit Nobelpreisträgern, haben am vorletzten Wochenende auf einem Kongreß ihre "Verantwortung für den Frieden" demon- striert. Entsprechend hart fiel ihre Kritik an der Aufrüstung aus: Das Wettrüsten müsse endlich beendet werden. In einem "Mainzer Appell" haben die Naturwissenschaftler die Bundesregie- rung aufgefordert, auf die längst entschiedene Raketenaufstellung "zu verzichten", haben den Westen insgesamt zu einer tiefgreifen- den "Umkehr in der Sicherheitspolitik" aufgerufen. Der NATO haben sie hierzu die aktive Mitarbeit angeboten; sie wollen sich an der Entwicklung von neuem, westlichen Kriegspotential beteiligen, um durch die Strategie: "Von der Umrüstung zur Abrüstung" eine west- liche Verteidigung aufzubauen, die "Schutz ohne Bedrohung" garan- tiere. Das wäre in der Tat das Ei des Columbus, das menschliche Kriegswesen betreffend! An edlen Motiven hat es auf dieser Versammlung also wahrlich nicht gefehlt. Da rede noch jemand der Legende vom Elfenbeinturm, in den sich Naturwissenschaftler in ihrer Fachborniertheit zu- rückziehen, das Wort. Hier haben sich nicht beliebige ehrbare Bürger, sondern Mitglieder einer Elite der Nation aus demokrati- schem Pflicht- und Verantwortungsgefühl heraus auf vorbildliche Weise engagiert. Und wer könnte in dem Kongreß etwas anderes erblicken als die Intaktheit der Verantwortungsethik unserer Na- turwissenschaftler und die Bereitschaft, ihre Wissenschaft in den Dienst der Sorge um das Wohlergehen des Gemeinwesens, der NATO und der Werte der westlichen Zivilisation zu stellen? Weitaus in- teressanter als der Kongreß gestaltete sich allerdings die öf- fentliche Reaktion auf den "Mainzer Appell": Nicht den geringsten Dank haben die aufrechten deutschen Nobelpreisträger diesmal geerntet. Die "BILD" vom vorletzten Montag sah erst gar keine Veranlassung, die Massen überhaupt darüber zu informieren, daß sich in Mainz verdiente deutsche Wissenschaftler um die Erhaltung des Friedens Gedanken gemacht haben. Die "Süddeutsche Zeitung" z.B. schlug noch am Dienstag mit dem trotzigen Artikel: "Die Pershing ist keine Erstschlagswaffe" zurück. Wer sich am späten Sonntagabend im ZDF den Genuß der unglaublichen Sondersendung: "Physiker zur neuen Atomrüstung - ein Streitgespräch" antat, konnte den Höhe- punkt der öffentlichen Behandlung des naturwissenschaftlichen Friedensengagements erleben. Denn diese Sendung war ein erstklas- siger Beleg für die gültigen Maßstäbe der bundesdeutschen Demo- kratie '83. Wo es nur um die innere Mobilisierung des Volkes für die Auseinandersetzung mit dem Feind im Osten geht, da gilt jede noch so kleine kritische Distanz zur offiziellen Politik, jede noch so harmlose Kritik an der Aufrüstung, wie sie Nobelpreisträ- ger zustande bringen ("Atomwaffen sind fürchterlich"; "die Gefahr des Atomkriegs ist überwältigend"; "Krieg aus Versehen wird immer wahrscheinlicher" etc.) als unzulässige Bestreitung der Kompetenz der Politik und die penetrante Geschwister-Scholl-Mentalität deutschen Geistes wird schon wieder als potentieller Landesverrat begutachtet und gerät unter Kommunismusverdacht. Bereits bei dem kurzen Vorbericht über den abgelaufenen Kongreß kam man sich vor, als sitze man vor einem Bildschirm-Ost. Da nahm sich der kämpferische Fernsehschnösel gleich die Freiheit heraus, einen Interview-Partner mit dem Vorwurf zu konfrontieren, die Mainzer Veranstaltung sei doch wohl recht einseitig gewesen, da keine offiziellen Parteigänger der NATO zu Wort kommen durften. Man beachte die in aller Selbstverständlichkeit gemachte gebiete- rische Unterstellung, daß dieser Mangel den Maßstab für die Ob- jektivität der Veranstaltung abzugeben habe! Wie dem auch sei, mit dem anschließend ausgestrahlten "Streitgespräch" zwischen den Professoren Steinbuch und Dürr verfolgte das ZDF die Absicht, diesem erkannten Mangel der Mainzer Veranstaltung gründlich abzu- helfen und die "Objektivität" wieder herzustellen. Mit dem alten Informatiker Steinbuch wurde ein deutscher Naturwissenschaftler aufgeboten, der für den Beweis gut genug war, daß die Republik auch über nationale Geistesgrößen verfügt, die vorbehaltlos hin- ter dem Vaterland stehen. Und der Physiker Dürr, einer der Draht- zieher des "Mainzer Appells", mußte vor dem als Ankläger einge- setzten Steinbuch Rechenschaft darüber ablegen, inwieweit er trotz seines pathetischen Bekenntnisses "Ich bin leidenschaftlich konstruktiv" nicht doch den Russen in die Hände spiele. Dieses "Streitgespräch", das makaber an einen stalinistischen Gerichts- hof erinnerte, obwohl sich hier nur zwei westliche Naturwissen- schaftsdeppen für die Öffentlichkeitsarbeit unseres Staatsfernse- hens hergaben, brachte dann folgende Argumente zur Sache. Stein- buch stellte lakonisch fest, daß ein "Verzicht auf die Nachrü- stung" die "Kapitulation deutscher Politik" bedeute. Er beschul- digte Dürr der Vernachlässigung des "massenpsychologischen Fak- tors", worunter er verstand, daß Leute wie Dürr, die Zweifel an der Weisheit der NATO säen, nur die "Bevölkerung aufhetzen". Wei- tere Punkte der Anklage: "Sie sind gar nicht kompetent!"; "Sie glauben nur den Fachleuten im Kreml!"; "Sie üben nur Kritik an den Amerikanern!"; "Warum sind Sie nicht zum Verteidigungsmini- ster gegangen mit ihrer Kritik, wenn Sie es ernst meinen?". Sein Kontrahent Dürr funktionierte wie vorgesehen. Er rechtfertigte sich, was ihm nichts nützte; sein Geständnis "Ich will die Russen nicht in Schutz nehmen" mußte dubios bleiben, weil er auf ein "aber" nicht verzichten wollte. Man müsse sich doch aber die Kon- sequenzen Gedanken machen, wenn heute ein Ende des Wettrüstens nicht in Sicht sei und man hätte doch gerade als Naturwissen- schaftler, der die Wirkungen von Waffen im Gegensatz zu den Poli- tikern genauestens kenne, die Pflicht an Modellen für mögliche "Auswege aus der Gefahr" zu arbeiten. Selbst derartige Sorgen wa- ren dem Staatsanwalt zuviel an Einmischung in Angelegenheiten, für die allein der Verteidigungsminister zuständig ist: "Weder Sie noch ich wissen einen Weg!" "Wir sind Amateure!" Fazit: Mit dieser unglaublichen Sendung hat sich das ZDF natür- lich keinen Skandal geleistet. Sie war lediglich ein Dokument des "geistigen Klimas" in einer Demokratie, die, weil sie für einen äußeren Krieg rüstet, auch für ihre Mitglieder im Innern totale Maßstäbe vorschreibt. Jeder Stand im Staat hat die Arbeit zu ma- chen, die ihm zukommt, und sonst nichts zu melden, außer den Ver- antwortlichen der staatlichen Macht ein guter Diener gerade darin zu sein, daß er sich raushält und die Schnauze hält. zurück