Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TV - Was das Volk aufregt
zurück
Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 39, 17.04.1984
Zur Fernsehserie und dem ro-ro-ro-Buch "Daten-Schatten"
"DATEN-SCHATTEN" IM LICHT DER ÖFFENTLICHKEIT
Zum Beginn des Orwell-Jahres 1984 haben sich das ZDF und der Roh-
wolt-Verlag drangemacht, unser aller Schatten-Dasein, d.h. jeder-
manns Zweitexistenz in Form von computergespeicherten Daten, ins
kritische Licht der Öffentlichkeit zu bringen. "Daten-Schatten.
Wie die Computer dein Leben kontrollieren" lautet der programma-
tische Titel der Serie und des Buches. Richtig helle Durchblicker
melden sich da zu Wort ("...für den Laien außerordentlich schwer
durchschaubare Anwendungen... tosende Flut der Warnungen... drin-
gender Bedarf nach Orientierung... Verlautbarungen und Gegenver-
lautbarungen verwirren, viele Interessen sind im Spiel... wo sind
die Maßstäbe zu suchen?" (7) und setzen fachmännisch Maßstäbe, an
denen die Computer zu messen seien:
1) Computer können nicht...
---------------------------
Um vorzufahren, wie "indirekt und undurchsichtig" (Seite 20)
"Computer dein Leben kontrollieren", erfindet eine Reporterin ein
elektronisches "totales Auskunftssystem", das ihr den Zugriff an
allen tatsächlichen Zugriffslegitimationskontrollen vorbei auf
Dateien z.B. "beim Ordnungsamt, Finanzamt, bei der Krankenkasse
und bei einem Arbeitgeber" (29) ermöglicht, um damit einen voll-
ständigen Daten-Schatten zu erstellen, ein Bild eines Menschen,
den es s o in ihren und seiner Nachbarn Augen gar nicht gibt.
"Mit dem Gegenüberstellen des Bildes, das sich die beiden Repor-
ter an Hand der Daten von Gansert machen, mit dem Bild, das durch
die Auskünfte der Leute im Dorf entsteht und schließlich dem re-
alen Gansert, will ich zeigen, wie relativ Daten sind. Da sie
verdatete Fakten sind, wirken sie sehr objektiv... Denn in einer
Gemeinschaft ist immer ein lebendiges soziales Umfeld da, das es
erlaubt, Fakten ganz anders einzuordnen. Sicherlich gibt es in
einer solchen Gemeinschaft auch Probleme, Vorurteile oder Festle-
gungen; trotzdem bleibt immer der menschliche Bezug da... All das
fehlt bei der Datenverarbeitung: Daten werden gesammelt für Ver-
waltungszwecke, der Mensch verschwindet oft genug dahinter, er
wird ent-persönlicht. Wo der direkte menschliche Bezug fehlt,
werden menschliche Reaktionen-mit-leiden, helfen, verstehen - un-
wahrscheinlich.
Das Gegenargument lautet, daß die heutige Verwaltung nicht mehr
ohne EDV auskommt. Das ist sicher richtig. Nur sollten die Daten
wirklich nur für das verwendet werden, für was sie gedacht sind:
eine Hilfe zur Verwaltung und nichts anderes." (31 f.)
Mit den Zwecken der von ihr angesprochenen gesellschaftlichen In-
stitutionen und den daraus sich ergebenden Zwecken an Datensamm-
lung und -verarbeitung mit den neuesten technischen Mitteln will
sich die Autorin explizit nicht weiter befassen. Daß z.B. Finan-
zämter die Bürger dazu zwingen, Anteile ihres Einkommens dem
Staat zu überlassen, damit dieser die materiellen Mittel für die
Ausübung seiner Gewalt erhält; daß z.B. Krankenkassen Zwangsver-
sicherungen unter staatlicher Obhut sind, in denen sich die ar-
beitenden Menschen per Beitragszahlung auf die trostlose und si-
chere Aussicht einzustellen haben, daß ihnen aus ihrer Arbeit ge-
sundheitliche Schädigungen erwachsen, die ihnen finanzielle Pro-
bleme noch und nöcher aufhalsen; daß z.B. Arbeitgeber ein Beruf
ist, der sich dadurch auszeichnet, durch eine möglichst niedrige
Bezahlung seiner Arbeiter und eine möglichst hohe Leistung der-
selben die Differenz zwischen Kosten und Ertrag zu seinen Gunsten
zu vergrößern - solche Gedanken, die allemal Hinweise auf das In-
teresse an einer technischen Perfektionierung von dabei notwendi-
gen Datenbenutzungen gäben, fallen außerhalb diese Sorte von Kri-
tik. Der reelle Schaden für die Betroffenen, daß "ihre" Ämter und
Arbeitgeber ihre Interessen ihnen gegenüber effektiver (= kosten-
günstiger und mit gewachsenen Ansprüchen an die Leute) gestalten
wollen, ist so ungefähr das letzte, was die "Daten-Schatten"-Kri-
tiker bewegt - "Hilfe für Verwaltung", aber immer!
Stattdessen basteln sie sich ein wohlfeiles Bild von
"menschlichen" politischen und ökonomischen Ambitionen in der Ge-
sellschaft, die allesamt durch den Gebrauch neuester und aufwen-
digerer Mittel der elektronischen Datenverarbeitung jene offenbar
für sehr heil gehaltene alte Welt zur "schönen neuen" degenerie-
ren sollen. Und das geht so:
Da wird erst einmal durch den flotten Dreier (Menschen = mensch-
lich = gut) den existierenden, EDV-anwendenden Einrichtungen eine
ganz heimliche Qualität verschafft; um dann diese Abstraktion
"menschlicher Bezug" dem ebenso inhaltlosen "menschlichen Kon-
trollmechanismus" gegenüberzustellen. Ein Begriff, der ebenso
billig konstruiert ist: weil hier mit allermodernster Technologie
Leistungen vollbracht werden (so als ob das bei irgendeiner Sorte
Technik anders wäre in der kapitalistischen Welt, daß diejenigen,
die an "hochmodernen" Arbeitsplätzen fungieren, als kalkulierte
Anhängsel der Maschinerie etwas anderes zu tun hätten als den ih-
nen gegebenen Anweisungen in puncto Arbeitstempo nachzukommen),
deswegen soll sich ein Widerspruch, eine Bedrohung "menschlicher
Bezüge" durch Computerisierung eben derselben ergeben. Die
schrecklichen Vorstellungen, die man sich unter diesen Abstrakti-
onspaar machen soll, lauten ja bekanntlich: 'Computer schreibt
Entlassungsbriefe'; 'EDV-Apparat verkauft an Stelle des freundli-
chen Sachbearbeiters Beitragserhöhungen zur Krankenkasse' etc.
pp. Wobei es den Verfassern, die sich an der Form und dem Mittel
reiben, wie den Leuten Rechnungen durch die politischen und öko-
nomischen Verwalter ihrer Lebensinteressen aufgemacht werden, in
ihrer Anklage widerum nicht darum geht, was das für die Beteilig-
ten tatsächlich heißt: "Es geht um die Tendenz, Menschen und de-
ren Verhaltensweisen zu rationalisieren und zu verobjektivieren,
Menschen lediglich als merkmalstragende Objekte zu betrachten.
Die Ganzheit des Subjekts ist dabei völlig uninteressant" (196
f.)
Die an die Wand gemalte Tücke des Objekts besteht in einer voll-
kommenen unbestimmten Absicht, die ebenso hohle Phrase vom
"ganzen Subjekt" nicht berücksichtigen zu wollen. Der Computer
wird dargestellt als das Werkzeug eines nicht umsonst sehr anony-
men charakterisierten Willens, sich über andere Willen um dieses
Prozesses selbst willen, also ganz selbstzweckhaft hinwegzuset-
zen. Daß solche Kritik, deren Befürchtungen das Ideal eines demo-
kratischen Untertanen zugrundeliegt, der dann - aber nur dann -
allen Vorschriften seiner Herrschaften nachkommt, wenn er ihnen
aus eigenen Stücken nachkommen darf, lauter parteiliche Betrach-
tungen der jeweiligen real existierenden Zustände hervorbringt,
dafür sind die Kapitel über die Arbeitswelt der traurige Beleg.
2) Computer dürfen nicht, was sie können...
-------------------------------------------
Die Vorwürfe, die sich PEDATIS, das Personalinformationssystem
bei VW, vom Betriebsrat einhandelt, lassen erkennen, welcher Art
Kritik am Einsatz von Computern heute bei den Betroffenen wie ih-
ren mediengerechten Vorsprechern leider üblich ist.
"Es gab mal Versuche, ein Arbeitsplatzprofil zu erstellen, also
bestimmte Angaben über Anforderungen am Arbeitsplatz zu speichern
und dagegen Fähigkeitsprofile der Mitarbeiter zu setzen, in der
Art des menschlichen Schattens, um dann auf Knopfdruck festzu-
stellen, ob die beiden zusammenpassen. Der Computer sollte die
Arbeitsplatzbesetzung vornehmen. Das wäre beispielsweise eine ge-
fährliche Kiste, aber nach diesem Versuch hat man eingesehen, daß
man Menschen eben nicht wie Schablonen behandeln kann, denn das
individuelle Gespräch beim Arbeitseinsatz ist nicht zu ersetzen."
(52/53)
Man ist so sehr einverstanden damit, daß es im Betrieb darauf an-
kommt, daß jeder die "Anforderungen am Arbeitsplatz" erfüllt (so
als wären die Anforderungen mit den Arbeitsgeräten auf die Welt
gekommen), d.h. also die Leistung für den Betrieb liefert, auf
die es dem ankommt, daß man die Fiktion aufbaut, es ginge dabei
darum, Ü b e r e i n s t i m m u n g von Arbeitsplatz und Ar-
beiter-Subjekt zu erzielen. Die Ideologie glaubhaft zu machen,
wenn der Gegensatz zwischen denen, die mit ihrem Arbeitsvermögen
zur Verfügung zu stehen haben, und ihren Anwendern praktisch neu
geregelt wird, das traut diese Kritik dem Computer, der Menschen
behandelt "wie Schablonen", nicht zu. Eine verantwortungsbewußte
menschliche Personalführung erfordert bei Umsetzung im Betrieb
eben ein "persönliches Gespräch" und aufmunternde Worte des Mei-
sters. Man hat die Mitarbeiter als "Menschen" zu betrachten,
nicht als "Schablonen"! lautet die abstrakte Mahnung. Da jedoch
die Computer-Kritiker den Inhalt des Interesses derer, deren Ar-
beitsbedingungen dem Betriebsinteresse gemäß eingerichtet werden,
nicht einmal für erwähnenswert halten, ist auch klar, wie wenig
es ihnen um diese Interessen tatsächlich geht und wie wenig sie
eine Kritik am Gewinninteresse der Computer-Anwender im Sinn ha-
ben, das ja schließlich im Betrieb der Grund für den ökonomischen
Umgang mit Lohn und Leistung der Arbeiter ist.
3) Computer können nicht wissen, ob sie dürfen...
-------------------------------------------------
Zu richtigen Computergegnern können die Kritiker werden, sobald
sie daran denken, daß diese Geräte m i ß braucht werden könnten.
Nochmal der VW-Betriebsrat:
"Als Betriebsräte haben wir bewußt keine Schreckgespenster an die
Wand gemalt, wir sind offen. Selbst die IG Metall nutzt diese Sy-
steme... Ich würde sofort eine andere Position beziehen, wenn wir
keine Demokratie hätten, sondern diktatorische Verhältnisse, da
mag man ja wirklich nicht dran denken, was dann möglich wäre."
(50)
So richtig radikal wird die Computer-Kritik eben erst im Ir-
realis: Wenn es nicht so schön wäre, wie es ist, dann müßte man
ganz fürchterlich dagegen sein...
Die Ausmalung dessen, was mit Computern alles m ö g l i c h
ist, verabschiedet sich endgültig von einer kritischen Bestands-
aufnahme dessen, was heute mit der Datentechnik gemacht wird, und
wirft den Geräten vor, daß kein Widerstand gegen die Phantaste-
reien ihrer Kritiker in ihnen eingebaut ist.
So meint auch die ZDF-Serie nicht ohne einen Blick in das Jahr
2008 auszukommen, um so richtige Datenverweigerer in Szene setzen
zu können. Schrecklich, nicht mal mehr mit Bargeld einkaufen ist
möglich:
"... und selbstverständlich nicht über Bildschirm bestellen. Da
die ganze Geschäftswelt auf diese Art der Bestellung eingerichtet
ist, ist Einkaufen für uns mühsam, wir müssen oft ziemlich weit
bis zu einem Direkt-Kaufhaus fahren, und natürlich sind die Waren
auch teurer." (121)
Leuten, die bisher das Kaufhauspublikum als verführte Masse
("Kaufrausch im Kaufhaus") beschimpften, gelten, um ihrer Horror-
Zukunfts-Vision von der allumfassenden Kontrolle und Fernsteue-
rung den richtigen Kitzel zu geben, die "Konsum-Tempel" von heute
plötzlich als das Reich der Freiheit; Motto: Selbstverwirklichung
per Bargeld! So billige Kritik findet und sucht auch keinen Ein-
wand mehr gegen irgendein reelles Interesse, das sich der Compu-
ter-Technik bedient, hält aber "Gegenkontrolle" ganz generell für
unerläßlich, damit es niemals soweit kommt, wie die eigene spin-
nerte, weil an keinem existenten Zweck interessierte Phantasie
gerade reicht. Daß dieser gegen die wirklichen Verhältnisse abso-
lut kritiklosen "Daten-Schatten"-Utopie deswegen als die Anwälte
ihres Problems unter Berufung auf das BVerfG-Urteil ganz kon-
struktiv die Politiker einfällt, ist da nur konsequent. Schließ-
lich ist die geistige Vision vom Horror der "totalen Auskunft" in
der Zukunft in ihrem Kern nichts anderes als der Beweis, wie wohl
sich diese Kritiker beim Gedanken an jetzige Zustände fühlen und
wie sehr sie sich deren Erhaltung wünschen.
"Ein Zwang zur Angabe personenbezogener Daten setzt voraus, daß
der Gesetzgeber den Verwendungszweck bereichsspezifisch und prä-
zise bestimmt und daß die Angaben für diesen Zweck geeignet und
erforderlich sind." (210; aus dem Urteil zum Volkszählungsgesetz)
D.h. der Staat braucht die Daten, die er braucht, und wenn er es
vorher sagt, dann hat er sie auch zu kriegen, ansonsten darf man
sie für sich behalten. Das ist der Inhalt des Rechts auf
"informationelle Selbstbestimmung", auf dessen verantwortungs-
volle Beachtung die Politik mit dem Volkszählungsurteil ver-
pflichtet ist. Die Ferseh-Serie ist die bebilderte Propaganda
dieser demokratischen Binsenweisheit, daß ebenso wie die Gesund-
heit, der Straßenverkehr, "unsere" Sicherheit und der Umwelt-
schutz nun auch der Datenschutz ein Problem für die Politiker
ist, dem sie sich stellen müssen, also kiloweise Verantwortung
dafür zu übernehmen haben. Wer mag, der philosophiert angesichts
der kleinen Chips, in denen die bits so schnell hin- und herflit-
zen, daß man sie nicht mehr kontrollieren kann, darüber, ob auch
er schon "am Draht" von solchen Winzlingen kontrolliert wird, so
daß sich seine Sprache schon wie FORTRAN anhört
(Sprechprobe: "IF (Sprache = FORTRAN) Zukunft = keine" ???)
(135),
oder ob er sich besser selber kontrollieren möchte. Wem die in-
tellektuellen Selbstbespiegelungen zu hoch sind, dem mögen die
Beteuerungen der Politiker, beim Datenschutz "praktikable Lösun-
gen" gefunden zu haben (was man ja auch nicht anzweifeln sollte),
genügen und:
"Wer sich näher informieren will, dem sei ein Besuch bei den Lan-
des-Datenschutzbeauftragten empfohlen, die im übrigen auch bei
konkreten Datenschutzproblemen Auskunft geben."
Anruf genügt: 0211/370559 (S. 221).
zurück