Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TV - Was das Volk aufregt
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BERLIN ALEXANDERPLATZ
Ein WDR-Film in 13 Teilen und einem Epilog von Rainer Werner
Fassbinder nach dem Roman von Alfred Döblin im Deutschen Fernse-
hen / ARD
"Ich bin also einem Kunstwerk begegnet, das... hilft, Theoreti-
sches zu entwickeln, ohne theoretisch zu sein, zu moralischen
Haltungen zwingt, ohne moralisch zu sein, das hilft, das Gewöhn-
liche als das Eigentliche, als das Heilige, also zu akzeptieren,
ohne gewöhnlich zu sein oder gar heilig oder sich aufzuspielen
als ein Bericht vom Eigentlichen und all dem..." (Fassbinder)
Da hat er recht, der Fassbinder- und insofern ist sein TV-
Langweiler in 13 Folgen und einem Epilog (!) durchaus werkgetreu
und kongenial. Unrecht - das macht aber nichts - hat er freilich
darin, daß er sein vernichtendes Urteil über Kunstwerke Marke
Döblin nicht für eine Kritik, sondern für ein Lob hält. Denn 1.
spricht es gar nicht für einen Roman, wenn der etwas anderes
m e i n t, als er s a g t. Zunächst rein formell: Es ist
schließlich kein Zufall, daß Döblin im Roman nicht ohne ständige
Kommentierungen und Moralites zum eigenen Geschreibsel, und
Fassbinder im Film nicht ohne Epilog auskommt. Das gesteht doch
ein, daß das Zeug Interpretationskunststückchen b r a u c h t,
damit's verstanden wird; und umgekehrt heißt es natürlich, daß
man sich dann die k ü n s t l e r i s c h e Verundeutlichung
der Sache auch hätte sparen können, da die "Moral von der
Geschieht" ohnehin neben der Geschichte geliefert wird. Spart man
sich dennoch die Kunst nicht, so muß der angepeilte Inhalt ja von
besonderer Qualität sein: Offenbar k a n n uns der Dichter
nicht einfach sagen, was er so meint; offenbar m u ß er seine
Theorie und Moral erst verkleiden, damit sie (wie Fassbinder so
schön sagt) "zwingt" und "akzeptiert" wird; also sind die
Döblinschen Gedanken außerhalb der Kunst f o r m offenbar ziem-
lich unglaubwürdig. Anders, gesagt: Der Fassbinder würde sich lä-
cherlich machen, käme er einfach mit "moralischen Haltungen", dem
"Eigentlichen" und dem "Heiligen" daher; er macht sich aber nicht
lächerlich, wenn er aus so pfäffischem Gedankengut einen Film fa-
briziert. Ohne Konsequenzen bleibt diese Suggestionsbemühung al-
lerdings auch wieder nicht, denn 2. ruft sie gewisse Publikumsre-
aktionen hervor. Erst ein kolossales Trara (positiv wie negativ),
und dann stetig sinkende Einschaltquoten. Warum? Weil eben jeder
- auf seine Weise: Intellektuelle und Nicht-Intellektuelle rea-
gieren da anders - gleich die Absicht heraus m e r k t und ver-
stimmt ist bzw. nicht, jedenfalls keinen Grund sieht, den immer-
gleichen Senf 14mal hintereinander zu "rezipieren". Die Aufklä-
rungsleistung ist also enorm: Jeder wird in dem
b e s t ä t i g t was er sich auch so bereits gedacht hat, und
befindet diese Bestätigung als überaus unnütz, z.T. als Zumutung.
Die weniger "Gebildeten" mögen sich einfach das heilige nicht als
gewöhnlich vorstellen und kapieren nicht ganz, wo in Vergewalti-
gunsszenen das Eigentliche steckt; die passende moralische Hal-
tung dazu haben sie schon. Und die Dummheit der Intelligentsia,
jedes Volksvorurteil genau unter der Bedingung zu übernehmen, daß
es irgendwie exklusiv aussieht, hält nichttheoretische Theorien,
unmoralische Moralen und gewöhnliche Heiligkeiten zwar für immer
wieder interessant, eine 14fache Wiederholung aber ebendeswegen
(zumindest praktisch) für überflüssig. - Das "aut prodesse aut
delectare" der Alten gilt für diese moderne Kunst endgültig nicht
mehr: Weder belehrt noch vergnügt wird man durch den Schmarrn.
Die Frage, was Döblins und Fassbinders dann eigentlich bewegt,
muß daher noch beantwortet werden.
1. Eine deutsche Ideologie
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"Die Welt braucht andere Kerle als dir, hellere und welche, die
weniger frech sind, die sehen, wie alles ist, nicht aus Zucker,
aber aus Zucker und Dreck und alles durcheinander." (Berlin Ale-
xanderplatz)
"Diese Welt ist eine Welt zweier Götter. Es ist eine Welt des
Aufbaus und des Zerfalls zugleich. In der Zeiltlichkeit erfolgt
diese Auseinandersetzung, und wir sind daran beteiligt." (Döblin
1932)
Das kündigt ja was an. Also: Auftritt Franz Biberkopf, ehemaliger
Zement- und Transportarbeiter, beim Verlassen der Haftanstalt zu
Tegel, hinter sich vier Jahre Bau infolge Totschlags. Was daraus
wird, ist kein Krimi, weshalb der Insasse mit dem befremdlichen
Namen auch seiner neuen Freiheit nicht froh ist, sondern einer
sinnigen Karriere entgegengeht. "Die Strafe beginnt", heißt es
nämlich jetzt im Buch; Autor und Regisseur beschließen, Herrn Bi-
berkopf erneut in der Transportarbeiterbranche unterzubringen. Er
transportiert nun philosophische Theorien und kriegt immer eins
drauf, weil er nicht recht begreift, was seine Schöpfer mit ihm
vorhaben. Zunächst will er einmal mehr vom Leben "als das Butter-
brot", was dazu führt, daß ihm sein naives Urteil über Essen und
Trinken verlorengeht: "Die gossen sich Bier aus Seideln in den
Hals, ja was war dabei") (keine Ahnung) "sie tranken eben, sie
hatten Gabeln und stachen sich damit Fleischstücke in den Mund,
dann zogen sie die Gabeln wieder heraus und bluteten nicht." Lo-
gisch die Reaktion des einfachen Mannes- "Schreck fuhr in ihn."
Eigenartigerweise kommt er aber erst ganz am Ende von Roman und
Film ins Irrenhaus, woraus zu ersehen ist, daß Döblin/Fassbinder
einem tatsächlich einreden wollen "ein entlassener Sträfling
könnte sich wirklich so verhalten. So soll ja sogar, glaubt man
den Experten für diese Art Literatur, "das pralle Leben" selbst
aussehen; das glaubt zwar keiner, aber was ist dabei. Jeder Lieb-
haber von Sinnfragen registriert immerhin, daß es hier um diese
geht, und stellt sich mal mit viel Verständnis vor, es ginge auch
in der Realität darum. Dies einmal angenommen, läßt man sichs ge-
fallen, daß der besagte Biberkopf mitten in einer Knutschszene
pathetisch den Schwur ablegt, hinkünftig "anständig zu bleiben in
Berlin, mit Geld und ohne". Ja was liegt näher, nachdem ihm schon
zwei Juden attestiert haben, er hätte "Augen und Füße"! Nach sol-
chen Präliminarien kann man getrost davon ausgehen, daß Biber-
kopfs "Anständigkeit" wohl auch nichts mit dem zu tun hat, was
man sich gemeinhin darunter vorstellt - und in der Tat, die Ro-
mangestalt handhabt ihre Moralität nicht als das gute Gewissen,
das zu jeder Beschränkung gehört, sondern als Z w e c k, den
sie sich vornimmt, o h n e überhaupt zu wissen, worum es sich
dabei handelt. Franz B. beginnt also weder eine bürgerlich-prole-
tarische Laufbahn, noch betätigt er sich in der Stadtmission;
vielmehr entschlägt er sich aller praktischen oder moralischen
Kriterien und wird Vertreter für Döblins Ideen einer "Welt zweier
Götter", d.h. ein ziemlicher Chaot. Zuerst gefällt ihm die An-
ständigkeit eines Redners vom Verband der fliegenden Händler so,
daß er sogleich einer wird; als solcher verkauft er den Völ-
kischen Beobachter mit derselben Treuherzigkeit wie vorher
Schlipse und (beinahe) Aufklärungsheftchen; und wenn ein Reinhold
so schöne blaue Augen hat, nimmt Franz sich bereitwillig der von
jenem "abgelegten" Frauen an, verliebt sich -- anständig wie er
ist - ohne viel Gezerr in sie, liebt sie dann - immer aus An-
stand, immer naiv - mit einigem Gezerr, und schlußendlich - wie
bei jeder anständigen Liebe - meistert er wieder ohne Gezerr den
Übergang zur nächsten. Was soll man zu derlei realistischen
Schilderungen bloß sagen? Entweder man macht einen auf doof, wie
Heinz Werner Hühner, WDR-Programmdirektor: "Frage: Ist das für
Sie nun ein politischer oder auch (!) ein künstlerischer Film? -
Hübner: Schon der Roman gehört nach meiner Auffassung zur Weltli-
teratur. Daraus ergibt sich, daß er für mich Kunst ist." Na dann!
Oder man nimmt die Übersetzung von Döblin in Biberkopf als Über-
setzung und übersetzt sie zurück: Dann stellt sich halt heraus,
daß der Autor sein Berlin für sehr unanständig, die Nachkriegs-
deutschen der Zwanziger für e i g e n t l i c h gute Kerle,
leider aber wenig realitätstüchtig hält, einen Grund für seine
Auffassungen und den Zweck, den er gerne sähe, nicht angeben
will, über Urteile die Welt betreffend nicht verfügt und diese
mangelnde Urteilsfähigkeit durch eine angestrengte
B e b i l d e r u n g dessen, was er sich ebensowenig wie der
Leser d e n k e n kann, ersetzt - weshalb alles davon abhängt,
daß der Leser die gewünschten Schlüsse auf Verständnis und Bedau-
ern der Sinnlosigkeit der Zeitläufe sich auch d a z u denkt.
Sonst versteht er nämlich rein gar nichts; die Mehrzahl der Zu-
schauer des Films versteht auch nichts, weil ihr die entspre-
chende Schulung eben fehlt. Kein Wunder, der Sympathie für den
"kleinen Mann" folgt konsequent dessen Verachtung.
2. Vom Volk und seiner (Un)Tugend
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"Der einfache Berliner Transportarbeiter Franz Biberkopf, er re-
dete als Berliner, war ein Mensch und hatte die Art, die Tugenden
und die Laster eines Menschen." (Döblin 1955)
"Und wie er in die Welt geht, siehe da, er will anständig sein,
er will die Gesetze dieser Welt wie er sie sich denkt, ehrlich
und treu ausführen, - und - es - geht nicht! Es geht nicht.
Schlag um Schlag fällt auf ihn nieder und erledigt den Mann; ich
könnte auch sagen, erledigt diese Gedankenposition." (Döblin
1932)
Der vielbesprochene Gegensatz zum "klassischen psychologischen
Roman" liegt also wirklich auf der Hand - weniger, was man daran
finden soll. Wo einem früher vielleicht eine denkbare Lebensge-
schichte unter gewissen Bedingungen vorgeführt wurde, macht der
moderne Autor eine "Gedankenposition" vorstellig, die - in eine
Erzählung verwandelt - ganz und gar undenkbar gerät. Döblins Ein-
lassung: "Denn der Mann, von dem ich berichte, ist zwar kein ge-
wöhnlicher Mann, aber doch insofern ein gewöhnlicher Mann, als
wir ihn genau verstehen und manchmal sagen: wir könnten Schritt
um Schritt dasselbe getan haben wie er und dasselbe erlebt haben
wie er." ist eine schlichte Lüge. So wie Biberkopf denkt sich
niemand die Gesetze "der" Welt; seine ehrliche Treue ist nicht
die, die es in gewöhnlichen Anstandsbegriffen gibt; und was ihm
so passieren soll, passiert niemandem. Die existente Verrücktheit
der "kleinen Leute" unterscheidet sich durchaus erheblich von der
Verrücktheit, die dem Döblinschen vulgus ex machina zugeschrieben
wird: "ein gutmütiger, weicher, zärtlicher Mensch, ein harter,
jähzorniger, brutaler Mensch - am Leben gehalten nur von dem
großen Vertrauen, daß die Welt vielleicht schlecht sein möge,
aber die Menschen doch gut." Als Einbildung mag es diesen Dialek-
tinger schon geben, aber wer wird so blöd sein, seine moralischen
Vorstellungen für seine wirklichen Zwecke zu halten? Jeder
w e i ß sehr genau, wann Gutmütigkeit und wann Härte am Platz
ist; jeder weiß ebenso genau, daß das große "Vertrauen" in die
Dialektik von Welt und Mensch n i c h t dazu da ist, ernstge-
nommen zu werden; jeder weiß mit einem Wort, wie er sein Zurecht-
kommen anzustellen h a t, und braucht dazu wahrhaftig keinen
"Bildungsprozeß" wie der heilige Franz, dem die Welt als Rätsel
entgegengestellt wird, damit Döblin sie ihm in der Folge wieder
enträtseln kann! "Ist es nicht komisch, räsonniert er, daß man
gleichzeitig für und gegen die gleiche Sache denken kann?" Wer
ist denn s o prinzipienlos? Die scheinbare Willkür der wirkli-
chen Moral hat doch ihre Maßstäbe; vom eigenen Interesse wird im-
mer ausgegangen, dessen Durchsetzung gegen den Willen anderer
einmal per Zärtlichkeit - und wenn die Alte nicht will, das an-
dere Mal per Brutalität in Angriff genommen wird. Beim Anblick
eines Dackels wird man weich, weil man blöde Viecher liebhaben
m u ß; und einem Kommunisten gegenüber wird man hart, weil man
Miesmacher nicht dulden d a r f; und beide Male geht es einem
nur um sich selbst (obwohl es sich um a l l g e m e i n e Ge-
und Verbote handelt), weil der Dackel ist der beste Freund, und
Kommunisten machen uns die Arbeitsplätze kaputt. Aber die soge-
nannte Naivität eines Biberhirns, das Kriminelle nicht von ande-
ren Bürgern, Faschisten nicht von Schlipsverkäufern, Vergewalti-
gungen nicht vom sonstigen Sexualverkehr, Männer am Ende nicht
von Frauen und einen Überfall nicht von einem Freundschaftsbeweis
unterscheiden kann, weshalb es all das erst 400 Seiten bzw. 14
TV-Stunden lang lernen muß, hat ja die Welt noch nicht gesehen!
Das Allerschönste an diesem Vorstellungsverhau, den Döblin und
Fassbinder da präsentieren, ist freilich die "Kunst" Die besteht
nämlich darin, daß diese mit Kopfschütteln gepaarte Liebe zum
Volk, das ja derartig menschlich und zugleich derartig saudämlich
ist, in normaler Rede keine Lizenz hat - es muß schon poetisch
sein. In entsprechender Verfremdung sind solche Volksbeschimpfun-
gen schon erlaubt; aber Fassbinder wird schon wissen, warum er
nicht direkt behaupten will, jeder Bürger unseres schönen Staates
"könnte Schritt für Schritt dasselbe getan haben" wie Biberkopf -
nicht deswegen, weil er dafür keine Sendezeit bekäme, sondern
deswegen, weil e r im Gegensatz zu der Story, die er verkauft,
genau wie jeder andere im Hirnkastl die Abteilungen Realität und
moralische Spinnerei auch nicht durcheinanderwirft!
3. Seinem (un)verdienten Schicksal
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"Wach sein, Augen auf, aufgepaßt, tausend gehören zusammen, wer
nicht aufwacht, wird ausgelacht oder zur Strecke gebracht,... Bi-
berkopf ist ein kleiner Arbeiter. Wir wissen, was wir wissen, wie
habens teuer bezahlen müssen. ... Und Schritt gefaßt und rechts
und links und rechts und links, maschieren, maschieren, wir zie-
hen in den Krieg, es ziehen mit uns hundert Spielleute mit, sie
trommeln und pfeifen, widebum widebum, dem einem gehts grade, dem
anderen gehts krumm, der eine bleibt stehen, der andere fällt um,
der eine rennt weiter, der andere liegt stumm, widebumm, wide-
bumm." (Berlin Alexanderplatz, Schluß)
Was kommt jetzt heraus? Nun, wie in jedem schlechten Roman fügt
sich ein haarsträubender Lebensweg an die undurchsichtigen Motive
der dramatis personae: ein Kollege läßt den Franz bei einer sei-
ner Liebschaften als Mistkerl dastehen, indem er sie mit einem
Wissen, das er nur von Biberkopf haben kann, erpreßt - soviel
Schlechtigkeit kann sich der (nach vier Jahren Knasterfahrung!)
gar nicht vorstellen und säuft sich gleich halb zu Tode. Dann
wird er von dem Freund Reinhold in einen Einbruch hineingezogen,
ohne daß er es merkt - im Unterschied zu den dümmsten Zuschauern
und Lesern-, und daraufhin, weiß Gott warum, fast umgebracht.
Pardautz! zieht er den nächstliegenden Schluß, nämlich nicht mehr
anständig sein zu wollen (vermutlich, weil man da doch nur krimi-
nell wird und einen Arm verliert?), hält sich infolgedessen (?)
an eine gewisse Mieze, die für ihn auf den Strich geht; aber
(obwohl er jetzt gar nicht mehr anständig sein will) er liebt sie
furchtbar, weswegen sie - von Reinhold umgebracht wird (der Au-
tor:" das Schicksal führt den Hammerschlag"). Endlich (S. 378
Buch, 13. Folge Fassbinder!!) wünscht Biberkopf sich den Tod, be-
kommt ihn auch, allerdings als Märchenonkel im Irrenhaus, der ihn
etwa so bequatscht: "Bewahren, bewahren, so ist das furchtsame
Verlangen der Menschen, und so steht es auf einem Fleck, und so
geht das nicht weiter." Da kapiert Franz, was die Stunde geschla-
gen hat, wird wieder gesund, Hilfsportier und denkt sich fortan -
wovon es allerdings nicht mehr zu erzählen gibt -: "Dem Mensch
ist gegeben die Vernunft, die Ochsen bilden statt dessen eine
Zunft."
Das Ganze ist also ü b e r h a u p t k e i n e G e-
s c h i c h t e; es ist ein von Döblin statuiertes und von
Fassbinder nachempfundenes Exempel über das Volk, wie beide es
sich denken. In literarischer Form wird eine Theorie vom Stapel
gelassen: "Die Verhältnisse" sind irgendwie nicht so, wie sie
wohl sein sollen; insbesondere zu den "kleinen Arbeiter" stehen
sie wohl auch in einem Gegensatz; dessen Natur hat allerdings mit
keiner der beiden Seiten etwas zu tun, sondern ergibt sich ledig-
lich aus der Kontrastierung mit der Moralphilosophie Döblins.
Dieser hat eine idealistische Vorstellung davon im Kopf, daß Op-
fer sich eigentlich lohnen sollten, malt sich insofern die arbei-
tende Menschheit von vornherein nur als leidende aus - weswegen
ihm auch kein normaler Prolet genügt, es muß schon ein arg gebeu-
telter, dabei halb schuldloser Krimineller sein -, äußert seine
E n t t ä u s c h u n g darüber, daß ihm hiermit kein rechtes
Subjekt der Weltgeschichte erwächst, und läßt diese seine ent-
täuschten Hoffnungen dann den Protagonisten seiner Handlung ent-
gelten. Da diese somit nur G e g e n p o r t r ä t s des Bilds
sind, das der unter noch hoffnungsfrohen Revisionisten beliebte
Proletkult von ihnen zeichnet, sind sie nichts als gewollt kon-
struierte Marionetten. Zum Demonstrationszweck dessen, daß sie
auch nicht "besser" sind als die inkriminierten Verhältnisse, die
ihnen zusetzen, wird ihnen ein phantastischer Untergang bereitet
- "wach" und hellhörig sind sie geworden und trotzdem kommt der
Krieg! - mit dem das Schicksal namens Döblin die Akten schließt.
Kurz und miserabel: Ein Pamphlet eines pessimistischen Volks-
freundes, der seine kritische Attitüde wahren und dennoch nichts
kritisiert haben will. N u r philosophisch sollte es nicht sein
- da hätte wohl der Effekt gefehlt -, nur literarisch aber genau-
sowenig - da hätte der gute Mann seine Botschaft nicht unterge-
bracht. Also ist's ein m o d e r n e r Roman geworden, der
ganze idealistische Kram trabt nun höchst realistisch daher
(wenngleich nur der A b s i c h t nach) und in der Tat: in
d e r Form wird die Moral des Eigentlichen, das leider so wenig
Existenz hat, wenigstens von gewissen Leuten wieder gern zur
Brust gehoben!
4. Und was daraus folgt
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"Jede Demokratie ist in Gefahr, nach rechts abzurutschen. ...
Eine eindeutige Parallele zwischen heute und der Weimarer Repu-
blik zu ziehen, ist viel zu simpel. Ich will den Zuschauern auch
nichts einreden. Ich vertraue darauf, daß die Zuschauer sich den
Film selbst übersetzen, mit ihrer eigenen Phantasie."
(Fassbinder) - "Alter Schweinehund!" (Leserbrief)
Einerseits nämlich gar nichts. Das Gerede vom Faschismus, der
vielleicht von Döblin vorausgeahnt wurde (ausgerechnet deshalb,,
weil die Proleten den Anstand gesteckt haben?), von Fassbinder
vielleicht auch heute gedacht werden könnte, ist eben nur
e i n e Möglichkeit. Stattdessen könnte vielleicht auch das Ge-
fühl gemeint sein, das immer zu kurz kommt, oder wer weiß was.
Die n e g a t i v e Idealisierung von Welt und Biberkopf ent-
hält ja keinen positiven Inhalt; außer grundlosem Abscheu vor al-
lem möglichen, im Film trefflich durch dauerndes Dämmerlicht il-
lustriert, ist nichts zu entnehmen. - Andererseits folgt viel,
eben je nachdem, wie der Leser/Zuschauer zur T h e o r i e des
Machwerks steht. Die einfachen Leute merken nur, daß sie irgend-
wie gemeint sind und zwar negativ: Also fahren sie sich so radi-
kal auf, wie sie es bei sie wirklich p r a k t i s c h betref-
fenden Zumutungen nie tun würden. Und die Intellektuellen merken
gerade, daß hier was für s i e geboten wird, fühlen sich ge-
schmeichelt und ergreifen die Gelegenheit, die eigenen moralisch-
philosophischen Sehnsüchte zu artikulieren: Also statten sie jede
unglaubhaften Mist mit einigem Glauben an den Sinn, den alles ha-
ben muß, aus und führen theologische Diskussionen über Genesis
und Apokalypse der Moderne. Der Film endet Weihnachten.
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