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Die Show im Fernsehen
TRUPPENBETREUUNG IN FRIEDENSZEITEN
Der Begriff des Entertainments, die moderne Show wurde von den
für die Moral der Truppe zuständigen Stellen der Alliierten des
2. Weltkriegs entwickelt: Der Politisierung des Volkes entspre-
chend hat sich die damalige Mischung aus Glenn Miller und Go-go-
girls, Marilyn Monroe und Bob Hope (im Korea- und Vietnamkrieg)
auch in der BRD zur Freizeitgestaltung des ganzen Volkes fortent-
wickelt.
Truppenbetreuung - das ist der Dank, den das Vaterland denen ab-
stattet, die sich für alles hergeben. Zum Landser, der nicht ein-
mal Lohn, sondern Sold und bisweilen eine Kugel empfängt, steigen
die Großen der (leichten) Muse herab und sorgen für
A b l e n k u n g. Der rein negative Sinn dieses Vergnügens -
"einmal an etwas anderes denken" - realisiert sich darin, daß es
schon gleichgültig ist, w a s geboten wird; Genuß zieht der
Soldat daraus, daß es i h m, dem Schützen Arsch höchstpersön-
lich geboten wird. Anerkennung ist denn auch der Inhalt solcher
Veranstaltungen, bei denen das Kanonenfutter gleich zu Tausenden
die ganz persönliche Würdigung einer Marilyn Monroe entgegen-
nimmt, die ihrerseits mit nichts anderem beschäftigt ist als der
Inszenierung der zugleich von allen durchschauten Illusion, sie
habe mit den Boys etwas gemein: Mit Stahlhelm auf dem Kopf und
einer Uniformbluse der jeweiligen Waffengattung wird sie zum Mas-
kottchen des Bataillons und sagt den Boys, wie wichtig der Job
sei, den sie gerade auch für Marilyn tun. Da Anerkennung das Ver-
gnügen selber ist, läßt sich der Soldat in den paar Stunden, die
ihn für das ausgefallene Leben entschädigen sollen, all das rein
vorführen, was er entbehrt - und zwar gänzlich ohne das Verspre-
chen, er solle die Gegenstände seiner Sehnsucht je anders denn
als Objekte der Anschauung genießen: Reichtum wird da zum Glamour
und der Sex braucht ein Symbol - ein anständiges zumal, welches
einerseits die matten Freuden der erreichbaren Huren idealisiert
und dabei zugleich von der Braut daheim zu träumen erlaubt.
Das deutsche Fernsehen, die Truppenbetreuung an den Friedensfron-
ten, gibt sich alle Mühe, auch heute noch von dem amerikanischen
Vorsprung im Show-Geschäft zu profitieren!
Unterhaltung - Was will das Volk?
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"Erstaunlich, mit welcher Perfektion Alleskönner Rosenthal sein
Metier beherrscht." Walburga Böhme als Hör-Zu Leser-Kritikerin
über Dalli-Dalli.
Das erste Menschenrecht auf Unterhaltung, auf das ein braver Ar-
beitsmann Anspruch erheben kann, scheint dies zu sein, daß man
ihm bei seiner abendlichen Unterhaltung keine Überraschungen mehr
zumutet. Wenn es Sendungen auf eine zehn- und zwanzigjährige Tra-
dition bringen, 175 mal und öfter gesendet werden, dann kann der
Zuschauer nur mehr die Garantie genießen, daß auch ganz sicher
nichts Neues mehr passiert. Die Sendung bietet dem Unterhaltungs-
bedürfnis der angeblich so genußsüchtigen Menschheit nichts als
eine Heimat - wie in der eigenen Familie kennt man alle Akteure,
alle Sprüche, die sie so drauf haben, weiß genau die Stelle, wo
der Idiot des großen Preises, Walter Sparbier, seinen Postillion-
Spruch sagen darf usw. G e n o s s e n w i r d d i e
B e m ü h u n g um die Unterhaltung des Bürgers, der diese An-
strengung denn auch m e t h o d i s c h würdigt: Mit
P e r f e k t i o n ist die Sendung über die Zeit gebracht wor-
den. Als Frank Elstner beim Wetten ein Sacco durchschwitzte, daß
es unsereinem schlecht werden konnte, da wurde das durchaus posi-
tiv als ein Bemühen ums Gelingen einer "unbeschwerten Unterhal-
tungssendung" gewürdigt:
"Den ungeheuren Streß einer solchen Mammut-Sendung merkte man
diesmal dem souveränen, aber nervösen Frank Elstner an..." -
Kritik, die Suche nach dem Schuldigen oder wenigstens eine fach-
kundige Beurteilung verlangen Pannen:
"Eine Live-Sendung bietet Überraschungen. Auch steht und fällt
eine solche Show mit dem Conferencier. Fuchsberger behielt die
Nerven und rettete die Sendung." (Leserbrief)
Die Zuschauer urteilen also fachkundig, methodisch, sie stellen
sich von vornherein auf den Standpunkt der Sendung und bewerten
ihr Gelingen. Was sie unterhält, kommt in ihren Urteilen gar
nicht vor, stattdessen, daß oder ob die beabsichtigte Unterhal-
tung gelungen ist.
Quiz als Unterhaltung
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Diese methodische Stellung zu einer Vergnügung, die Beurteilung
dessen, was man sieht oder tut, danach, ob und wie sehr es ge-
eignet ist, einen "abzulenken" und "auf andere Gedanken zu brin-
gen", diese Rücknahme des Interesses an jeder Beschäftigung für
sich, ist auch der Standpunkt, der die Modernisierung aller Un-
terabteilungen des Show-Wesens praktisch bestimmt.
Beim Quiz tut es die begrenzte, aber harmlose Freude am "Stadt,
Land, Fluß", wie sie - noch in Heinz Mägerleins "Hätten Sie's ge-
wußt?" Prinzip war, nicht mehr. Da ist die alte Kreuzworträtsel-
manier des Abfragens von Allgemeinwissen, über das der normale
Mensch in gewissen Grenzen verfügt, abgelöst worden durch das
Spezialisten-Quiz. Mitdenken ist von vornherein ausgeschlossen,
wenn der Mensch nicht einmal den Namen des Fachgebietes kennt,
aus dem die Fragen genommen sind. Der Zuschauer kann nur noch
seinen Ausschluß vom Wissen der Gesellschaft am Wissenschatz der
Kandidaten bewundern - und sich dieses matte Vergnügen nur durch
die hohen Geldbeträge würzen lassen, von denen dem Spieler entwe-
der "alles oder nichts" bleibt. Hier wird rein, d.h. ohne stö-
rende Aufmerksamkeit auf die Fragen (die der Zuschauer sowieso
nicht versteht), das Formelle der Konkurrenz, neben und nach der
wirklichen, als das Vergnügen des Menschen betrieben: Packt er's
oder packt er's nicht?, darf der TV-Kunde mit seinem aus dem An-
gebot frei gewählten Favoriten mitfiebern. Wird hier schon der
Übergang zur Begutachtung der Konkurrenztugenden der Kandidaten
gemacht, so um so mehr beim "Großen Preis", der auf die Einrich-
tung von Sonderkonkurrenzen bei seinem Wohltätigkeitsquiz nicht
verzichten mag. Wer "Risiko" zieht, muß richtig riskieren, um Wim
Toelkes und des Publikums Gunst nicht zu verlieren: Wer schon
viel hat und wenig riskiert, ist ein feiger Knauser, umgekehrt
ein Hasardeur.
"Ein bißchen Seelenstriptease; aber alles nur ein Spiel."
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(Horst Buchholz, Astro-Show)
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Quiz-Sendungen obiger Art bieten dem Vergleichen in Sachen mora-
lischer Qualitäten, der freizeitlichen Selbstrechtfertigung bun-
desdeutscher Arschlöcher nur formelles Material: Da ist ein Kan-
didat kein guter Verlierer, und ein anderer kann nicht mit Geld
umgehen; umgekehrt finden so manche die Sympathie des Publikums,
in denen die guten Menschen, die sich alle die Tugenden des guten
Verlierers und trotzdem-Gewinners zugelegt haben, sich wiederer-
kennen mögen.
Der Bereich der Spiele im Fernsehen eröffnet nun aber die ganze
Breite des moralischen Charakters:
Auch hier hat der Schmierseifenhumor des "Spiel ohne Grenzen" ab-
gedankt - und mit ihm die wenigstens noch ehrliche Schadenfreude
über einen, der ausrutscht und ins Bassin plumpst. Bei Rosenthal
müssen sich erwachsene Menschen zwar auch noch zu vollkommenen
Idioten machen, das Publikum freut sich darüber aber nicht mehr
hämisch. Im Gegenteil - gerade darin beliebt man sich selber und
seine Lebensauffassung wiederzuentdecken: Wenn Roberto Blanco in
einem Laufrad, wie man es aus dem Goldhamsterkäfig kennt, um die
Wette läuft (der Neger des deutschen Fernsehens - ein Spaß hart
am Tiergarten!), Fuchsberger um die Wette Kerzen mit einer Hand-
presse bedruckt und andere möglichst viele Ballons gleichzeitig
in die Luft halten, dann soll man sich wohl denken, diese Leute
verstünden einen Spaß, könnten auch mal lustig sein und seien
sich - obwohl Prominente - dazu nicht zu schade.
Während Dalli-Dalli das Bekenntnis zur idiotischen Kinderei als
harmlose Volkseinheit und positive Einstellung aller Einschalter
organisiert, werden die Personality-Shows heikel. Rosenthal
i s t eine einzige Peinlichkeit - und eben deshalb allen Men-
schen wohlgetan -, die Spiele aber, in denen die Erfolgstugenden
des bürgerlichen Charakters abgetestet werden, müssen zwangsläu-
fig peinlich w e r d e n: Wenn Rudi Carell seinen Kandidaten
Gelegenheit gibt, sich als schlagfertig zu inszenieren, dann
stellt er sie vor knifflige Situationen, die sie meistern müssen
- "Sie liegen mit einer fremden Frau im Bett, die eigene platzt
herein; erklären Sie ihr die Situation." Und hier kann, ja soll
sich mancher Kandidat b l a m i e r e n.
Schlagfertigkeit ist die Ideologie der Eigenschaft, die hier be-
wiesen werden soll - das "Aus-sich-heraus-gehen", das "Den-Er-
folg-wollen" und "Geradewegs-angehen", das Schwindeln können etc.
... Dies alles sind nichts als zum Charakter verfestigte Tugenden
des Erfolgs in einer Welt, in der ihn der normale Mensch nicht
hat (und die ihn haben, brauchen dergleichen alberne Tugenden
nicht!). Der Zuschauer darf und soll sich als Durchblicker betä-
tigen, wenn die Kandidaten, die schon vorweg nach dem Prinzip
ausgesucht wurden, sich produzieren. Da quatscht dann einer doch
nicht pausenlos genug, um die Konkurrenz um Schlagfertigkeit zu
bestehen, beim anderen ist es Masche - und derjenige, dem diese
Selbstdarstellung als erfolgreicher Charakter am besten gelingt,
zieht den Neid der Zuschauer auf sich, welcher am ehesten durch
einen Tiefschlag des Allerschlagfertigsten, des holländischen
Rudi Befriedigung findet. Solche Konkurrenzen liefern dann das
Material für die positivste und echteste nationale Volksdiskus-
sion: Was gehört sich im Fernsehen? Was darf ein Showmaster noch,
und wo fängt die Geschmacklosigkeit an?
An keiner nationalen Angelegenheit ist das Volk so als Volk be-
teiligt, kein politischer Streit findet das Volk so entschieden
auf dem Standpunkt der Moral und so fern von dem des Interesses,
wie die Leserbriefschlachten in den Fernsehzeitschriften. Haben
alle anderen nationalen Vorhaben den Ruch des Politischen und da-
mit des Gegensatzes der Interessen, so ist dieser ideelle Streit
frei davon und deshalb offen für grenzenloses Engagement: Daß
Rudi Carell tatsächlich einmal einer Maus den Schwanz eingeklemmt
und ein andermal einen schwachen Witz auf unsere schwangere deut-
sche Königin Silvia gemacht hat, brachte ihm schlechte Noten; als
Fuchsberger ("Auf los geht's los") einen Tausender dafür bot, daß
sich einer im Saal das Haupt rasieren lassen würde, fand man das
geschlossen "geschmacklos" bis "ekelhaft", - und dem Frank Elst-
ner kreidet man die Blödigkeit seiner Wettsendung (Je ausgefalle-
ner, desto wett - und dann jedesmal das Gleiche!!) nicht an, wohl
aber, daß er Wetten vorbereitet hatte. Ja anschauen tut sich ein
Deutscher alles, aber bescheißen läßt sich das Publikum nicht!
Wie die Show von seiten der Veranstalter eine einzige Berufung
auf das und Bestätigung des gesunden Volksempfindens ist, so sind
umgekehrt die Akteure der Show für den Zuschauer nicht einfach
Idioten, die sich aufführen, sondern Repräsentanten ihres eigenen
moralischen Charakters. So wird gerade in der Freizeit und als
Vergnügen ein ziemlich ernstes Verhältnis aufgemacht - freilich
ohne für einen anderen Zweck als den der puren Unterhaltung miß-
braucht zu werden. Den Beweis, daß man so ein gelungener Charak-
ter ist, wie man halt ist, läßt sich das Volk durchaus als Ver-
gnügen bieten (anderes als den Beweis, daß sie richtig liegen,
würden Leute, die sich den Tag lang alles gefallen lassen und
dies doch als Betätigung ihres eigenen Interesses auffassen wol-
len, gar nicht genießen können!); und eben deswegen fühlt es
s i c h beleidigt, wenn sich ein Fernsehfritze daneben benimmt.
Die Lieblinge des Publikums
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Als Repräsentanten des Volksempfindens, als die sie sich immer
wieder beweisen müssen (zur Not mit der Untadeligkeit ihres Pri-
vatlebens, siehe Lou van Burg!), können Quizmaster aber auch Au-
torität beanspruchen. Und so sind sie selber immerzu die Mischung
aus Schulmeisterei und Anbiederung ans Publikum: Sie selber müs-
sen ihre Identität mit dem Anstand des Volkes beweisen, dann dür-
fen und müssen sie gegen Jugendliche und andere Gottlose als Re-
spektspersonen auftreten:
An Hans Rosenthal wird genossen, daß er gerade so blöd ist wie
sein Publikum - das Volk liebt es sowieso nicht, daß seine Show-
master gescheiter sind als es selbst. Als solcher darf er dann
aber auch von Miesepetern verlangen, daß sie sein: "Das ist
Spitze" und den dazugehörigen Luftsprung für echte menschliche
Reife achten; zumal er solche Reaktion ja nur auf vielfachen
Wunsch aus dem Publikum zeigt.
Wim Toelke wird als Master mit Schwächen respektiert: Witze dür-
fen bei ihm gequält und seine Gespräche mit Wum und Wendelin auf
Hilfschulniveau sein. Er schulmeistert nur, weil er die Fragen
halt nicht anders stellen kann - und wenn das alles trostlos ist,
so funktioniert seine Sendung mit den 15 Überwachungsinstanzen
doch prima. Bei ihm wird niemand fertiggemacht, und wenn doch,
dann nicht aus Übermut, sondern nur, weil Wim seine Show gegen
den Verdacht, sie klappe nicht, verteidigen will ( "Aber Frau...,
wir haben das Knopfdrücken doch vorher geübt!"). Wim verdient Re-
spekt als Mensch und sonst gar nichts - und das paßt zum guten
Zweck der Sendung auch nicht schlecht.
Kuli dagegen darf arrogant sein: Er tut dem Publikum die Ehre an,
es sei auch weltläufig und verstehe intellektuelle Touren - so-
lange er nicht zu weit geht. Dann allerdings muß er sich in der
nächsten Sendung entschuldigen.
Volkstümlich muß ein Showmaster auf jeden Fall sein, aber
zugleich vornehm: Ohne Anzug und Binder geht die Feierabendge-
staltung kaum ab - schließlich will äußerlich der Repräsentant
des Volksgeschmacks von Volk und Alltag auch abgehoben sein. Ist
ein Volkstümler zu bieder und kumpelhaft wie Otto Höpfner ("Der
blaue Bock"), dann wird er von einem Heinz Schenk abgelöst, der
das Äppelwoi-Saufen auf das Niveau eines "Landhotels" hebt.
Selbst die unmittelbar proletarischen Vergnügen (Fußball) dürfen
nicht als Sensationen präsentiert werden, sondern als Probleme
(Menschenhandel in der Bundesliga?; die "Problematik der Fernseh-
urteile" usw.), denen sich die moderne Menschheit, in der es ja
keine Proleten mehr gibt, stellen muß.
Die kleinen Leute und die großen
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Wenn sich die Deutschen auch im TV als ein einig Volk von mora-
lisch Gebildeten spiegeln, welche jenseits der Interessen alle
Untertaneneigenschaften als Anstand schätzen, der die Leute aller
Klassen miteinander verbindet, so heißt das nicht, daß das Fern-
sehen k e i n Bewußtsein von den Klassen pflegte - nur was für
eines!
Alle Quiz- und Spiel-Sendungen haben die hohe Unterhaltungswir-
kung davon entdeckt, daß man Normalos gegen Prominente antreten
läßt. Wie bei jeder anderen Fernsehmasche gibt es auch hier eine
Sendung, die sich diesem Prinzip pur widmet: Gottschalks Tele-
Spiele bieten als Spiele nicht mehr als jeder Flipper-Salon, so
daß man sich voll auf die Konkurrenz des kleinen Niemand mit dem
Erfolgreichen konzentrieren muß: Da kann man sich dann beweisen
lassen: 1. daß der Unterschied in der Stellung kein Hindernis da-
für ist, daß man sich a l s M e n s c h auf ein Spielchen ein-
läßt; daß 2. der wirtschaftliche Erfolg gegenüber dem spielenden
Menschen ein Zufall ist - man hat ihn eben oder man hat ihn
nicht, der Erfolg sagt nichts über den Spieler aus. Verliert er,
dann wird das faschistische Gleichwertigkeitsbewußtsein bestä-
tigt, gewinnt der Prominente, dann geht der Beweis in die umge-
kehrte Richtung: sein Erfolg ist offenbar verdient. So wird der
Klassenunterschied im TV vorgeführt und als selbstverständliche
Voraussetzung der jenseits davon angesiedelten Gemeinsamkeit der
Rätsel- oder Spielfreunde dem kalkulierenden Individuum entzogen:
Erfolg wird nicht als etwas zu Erreichendes präsentiert, die Kon-
kurrenz nicht als Mittel der Bürger, sondern gleich ihr Resultat
als fait accompli: Der Vergleich mit der eigenen Erfolglosigkeit
wäre in den Telespielen ebenso fehl am Platze wie Neid.
In der gesonderten Repräsentation von arm und reich pflegt das
Fernsehen ein sehr affirmatives Bewußtsein von der Klassengesell-
schaft: Wie in allen Bereichen wird hier die Kritik der Studen-
tenbewegung an den Idealen der Konkurrenz aufgegriffen - und ohne
ihren kritischen Stachel zum Volksgut: Schluß ist mit den Teller-
wäscher-Geschichten.
Musik als show
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Die Desillusionierung ist auch das Prinzip der neueren Schlager-
produktion. Das Besingen der Sehnsucht nach Glück, Ausdruck des
schäbigen Rests von Anspruchsdenken in der bürgerlichen Seele,
ist passe - im Kampf gegen die Schnulze wurde die größere Breite
der besungenen Themen und das Problemlied durchgesetzt.
Hatte Elvis Presley noch die Erwartungen an Liebe und Leben, die
jeder hatte, zum Ausgangspunkt und in schmachtende Töne gesetzt,
so ist heute methodisch der Wille zum Schlager der Anfang, dem
sich beliebige Themen anmessen lassen, um die es dann nie geht:
Da besingt Boney M. der Reihe nach die Chicagoer Unterwelt (Ma
Baker), einen Bürgerkrieg (Belfast), Weihnachten sowie alttesta-
mentarische Begebenheiten (By the rivers of Babylon), ohne daß
die Zuhörer auch nur einem der Texte eine Message entnehmen wür-
den.
Der methodische Standpunkt der Unterhaltung hat einen Gegensatz
aufgemacht: Was da besungen wird, hat nichts und soll nichts da-
mit zu tun haben, was die Leute so bewegt. Das pure Interesse,
unterhalten zu werden, hat ein Interesse an der besungenen Sache
überflüssig werden lassen.
Nebenher gibt es einen Oldie-Boom wie nie zuvor. Es ist nicht
mehr so, daß jede Generation ihre Schlager pflegt, heute sammeln
16-jährige Elvis und Beatles-Platten. Thomas Gottschalk ist der
Repräsentant dieser Nostalgie: Er schwärmt von damals - "als man
sich die Texte noch merkte" - und rückt die Begeisterung fürs ge-
stern zugleich zeitgemäß zurecht: Ja damals hatte unsere Genera-
tion noch ein Lebensgefühl; das waren vielleicht schöne Ideale.
Das Anspruchsdenken der bürgerlichen Subjektivität (I can't get
no satisfaction) führt man sich heute als Lüge von der schönen,
aber leider veralteten eigenen Vergangenheit vor! Die Träume der
Nachkriegsgeneration führt sich die Vorkriegsgeneration selbstbe-
wußt als Träume vor: D e s i l l u s i o n i e r u n g, o h n e
k r i t i s c h z u w e r d e n, kann kaum weiter gehen. Das
ruinierte Privatleben gibt sich realistisch und leistet sich Il-
lusionen nur noch zum Spaß!
Wer so weit ist, kann auch direkt positiv werden und sich von Udo
Jürgens und Peter Alexander jede Minute des proletarischen All-
tags faschistisch idealisieren lassen: Vom Aufstehen (Am schön-
sten ist es doch im Bett), über das Verlassen der Familie (Und
manchmal weinst du...) bis zum bescheidenen Feierabend (Kleine
Kneipe) und den Bergmannstod (Schwarzes Gold) ist für alles ge-
sorgt.
Das wieder ist manchem Zeitgenossen zu positiv. Für ihn hat die
Schlagerindustrie das Problemlied geschaffen; den Schlager mit
Anspruch und Sängerinnen wie Gitte (neu), Katja Ebstein, Milva
u.a. In dieser Sparte ist wieder die Psychologie des bürgerlichen
Subjekts Thema, aber nicht mehr als Fordernde, sondern als
selbstkritische: Da muß man einiges mit sich anstellen, damit
Ehe, Treue, Liebe usw. klappen; oder man muß sich diese Ziele
einfach abschminken, damit sonst irgendwas klappt. Das sind dann
keine Schnulzen. Ebensowenig wie die Werke, in denen Liedermacher
gleich ihre "Schwierigkeiten" beim Liedermachen und Akklamiert-
werden durchs Publikum zum Thema küren: Die Problematik, daß nur
ein Liedchen geträllert wird, verfängt da genauso wie die umge-
kehrte, daß Tiefgang und Botschaften, größeren Gewichts nicht be-
absichtigt seien ("Wer hat mein Lied so zerstört" oder "Ich und
meine mißverstandene Guitarre!").
Glamour
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Vor zehn Jahren hat man eine Band auf eine Bühne gestellt und ihr
Spiel abgefilmt. Heute geht das nicht mehr ab ohne höchst phanta-
sievolle Kostüme, ein besonders einstudiertes Gehopse, Lightshow
und einen künstlichen Qualm, in dem die Interpreten bis zum Bauch
eingehüllt sind. Das Prinzip, ohne bestimmte inhaltliche Absicht
die Aufmerksamkeit aller Sinne erregen zu wollen, baut ein Lied
zum totalen Geflimmer aus. Der Zuschauer darf sich raussuchen,
was er genießen will, und bekommt jedenfalls eine voll ausgebaute
Scheinwelt vorgestellt, die er a l s Scheinwelt schätzen soll.
Die schöne Ironie, daß durch die Vollendung des Standpunkts von
Orginalität und Sensation in der Unterhaltung nicht nur die Texte
der Schlager gleichgültig, die Melodien eintönig, das Drum-herum
immer ähnlicher wird, sondern auch die Sänger vollkommen aus-
tauschbar, ist längst praktisch durchgesetzt, ohne daß das jemand
merkwürdig fände: Retortengruppen führen die Hitlisten an! Um zu
wissen, was man daran hat, muß man sich einmal von Dschingis-Khan
Kostüme, Lichtspiel und Tanz wegdenken: übrigbleibt eine Musik
und ein paar Sänger, gegen die noch jede Pfadfindergruppe mit
"Wir lieben die Stürme..." alle Ehre einlegt.
Sag'mir, worüber du lachen kannst -
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und ich sage dir, wieweit sie es mit dir schon gebracht haben!
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Volksunterhaltung hat also durchaus etwas mit dem zu tun, was ein
Staat mit seinem Volk vorhat und wozu es sich von diesem benutzen
läßt: Ohne Volksidiotie geht kein Krieg. Wer sich samstagabends
eine Scheinwelt vorsetzen läßt und sie als solche genießt; wer
seinen Grips darauf verwendet, sich die Maßstäbe anzueignen, die
in dieser Scheinwelt für Anstand und Erfolg gelten; wer sich
schließlich noch die Geistesfreiheit nimmt, sich in den Streit um
die Befolgung dieser Maßstäbe per Leserbrief einzuschalten und
sich bei Verletzung ausgerechnet hier ehrlich zu empören - der
hat eben nicht mehr alle Tassen im Schrank.
Wer es spannend findet, ob das ORF-Team in Wien einen Hund von
der Rasse des Hundes von Karlheinz Böhms Tochter auftreiben wird,
der ist nicht nur kindisch, er ist um ein Vielfaches kindischer
als Kinder - er ist es eben auf Kommando! Sein Entschluß zum Ver-
gnügen ist der freie Verzicht auf alle Maßstäbe des Geistes, über
die Kinder n o c h nicht verfügen. In einem Volk, das sich vom
Staat hernehmen läßt, werden nicht erst die Alten kindisch, son-
dern schon die Erwachsenen.
Das Recht auf Unterhaltung, das ihnen die Sendeanstalten der Re-
publik eröffnen und das sich jedermann durch seine Arbeit auch
verdient haben will, wird wie jedes Verdienst als bitteremste
Pflicht wahrgenommen. Beim Spaß ist man sehr kleinlich. Das Gebot
der Unterhaltung, der Welt lauter fröhliche Seiten abzugewinnen,
die sie gar nicht aufweist, läßt den Verstand nur noch als Mittel
einer zielstrebigen Borniertheit gelten, die dann "Phantasie",
"Spontaneität" und "Kreativität" heißt. Die "Massen" geben sich
also alle Mühe, dem Ideal naserümpfender Kulturkritiker, mit der
Unterhaltung ernst zu machen und in ihr eine pflichtbewußte
Pflege der freien Individualität abzuwickeln, gerecht zu werden.
Die Geistes-Freiheit ist bei ihnen mindestens genauso lebendig
wie bei Joseph Beuys.
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