Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TV - Was das Volk aufregt
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TV-Skandale
EIN VOLK MACHT SEIN PROGRAMM
Deutsche Fernsehzuschauer regt nichts auf im wirklichen Leben,
nicht einmal ein Krieg anderswo oder der III. Weltkrieg, solange
er noch nicht angefangen hat. Entsetzt sind sie nur, wenn im
Fernsehen was passiert. Und dann engagieren sie sich, leisten
sich teure Ferngespräche ans ZDF und investieren ihre kostbare
Freizeit für Leserbriefe an die "Bildzeitung".
Grund zu solcher Aufregung gab's in letzter Zeit jede Menge. Daß
man den schwulen Carrington-Sohn durch einen anderen Schauspieler
ersetzte und per Gesichtsoperation zur ehelichen Vernunft
brachte, das hat man den Fernsehgewaltigen nicht nur durchgehen
lassen: Diesseits und jenseits des Atlantiks hatte das Fernseh-
volk resolut nach der Beendigung der gar nicht gezeigten Sauerei
verlangt. Das Hinsiechen Jock Ewings mußte man als Schicksals-
schlag verkraften, nachdem der Darsteller aufgrund seines plötz-
lichen Todes für die Rolle nicht mehr zur Verfügung stand.
Schlimmer wog da der Austausch Miss Ellies, da Donna Reed trotz
sichtlichen Bemühens der zahnlosen Mutterkuh Barbara Bel Geddes
einfach nicht das Wasser reichen konnte:
"Wie können Sie uns nur diesen Abklatsch von einer Miss Ellie
vorsetzen. Diese Donna Reed ist doch niemals Mutter gewesen. Die
alte Miss Ellie war so natürlich und herzlich. Wir wollen Barbara
Bel Geddes wiederhaben", verlangt Egon Müller aus Kassel im
"Gong". Aber von den Amis ist man ja einiges gewohnt. Jetzt je-
doch wird der deutsche Fernsehzuschauer gar von volkseigenen Pro-
duktionen zum Narren gehalten: Mußte Köster wirklich sterben?
Hätte der Mann nicht eine ordentliche Fernsehpension verdient? Wo
er doch so viele Sendungen seinen Dienst am deutschen Fernsehvolk
getan hatte! Und dann auch noch die Schwarzwaldklinik! Dr. Brink-
mann und Gabi Dohm gehören zusammen - nicht nur im Film, sondern
auch im wirklichen Leben! Steht Frau Wussow Brinkmanns Glück im
Wege? Wussow dementiert: Seine Frau (Frau Wussow!) ist sein
Glück, das sie ihm gönnt, und Gabi Dohm ist eine prima Kollegin,
die sie ihm erst recht gönnt. Liebesbriefe an Dr. Brinkmann liest
und beantwortet Familie Wussow in Teamarbeit. Auch die Zivis füh-
len sich auf den Schlips getreten, weil dem penetrant sympathi-
schen Schwarzwaldzivi ein Diebstahlsverdacht angehängt wird:
"Eine Verleumdung gegenüber allen Zivildienstleistenden, insbe-
sondere in den Krankenhäusern tätigen", mosert der Zivi Hans
Hengster aus Schwabach. Ärzte beanstanden Behandlungsmethoden,
und Arielfrauen monieren, daß Brinkmann zuerst den Hund und dann
die Alte abknutscht - und das als Arzt! Man sieht: Vor den Bild-
schirmen der Nation tut sich was.
Bloß keine Unterhaltung
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Was tut sich da eigentlich, wenn 200 empörte Zuschauer beim ZDF
anrufen, weil sie sich ganz ohne Zwang eine 30sekundige Vergewal-
tigung auf dem Bildschirm zu Gemüte geführt haben? Die bloße Dar-
stellung von Gewalt kann ihnen die Sonntagsabendunterhaltung kaum
verdorben haben. Bezeichnenderweise richtete sich der Volkszorn
ja nicht gegen das Gemetzel an den Eiern des liebeshungrigen Tä-
ters. Im Namen von Ordnung und Freiheit geht auch sonst allerhand
reales und fiktives Blutvergießen mit viel Beifall über die
Bühne. G e w a l t findet der fernsehende Staatsbürger sogar
ausgesprochen unterhaltsam, wenn sie als Recht daherkommt. Dabei
spielt es gar keine Rolle, ob sie nun irgendeine Uniform trägt
oder Zivil - für den Fall, daß den offiziellen Gewalttätern
"Versagen" attestiert werden muß. Es ist eben auch gar nicht das
Bedürfnis nach bloßer Unterhaltung, das hier angemeldet wird.
Hinter geballter Publikumsempörung steckt ein "höheres" Streben:
Die Unterhaltung soll in erster Linie den moralischen Ansprüchen
gerecht werden. Wo man sich selbst allen Zwängen unterordnet, da
dürfen Verstöße gegen sie nicht ungestraft über die Bühne gehen.
Die angeblich unmoralischen Serien aus den USA genügen diesen An-
sprüchen durchaus: J.R. und Alexis sind nun mal hauptseitig Ekel,
die keiner mag und die zu Recht in und durch ihren Reichtum nie
zufrieden = glücklich sind. An den beiden Bösewichten kann sich
das Gute nach altem Rezept erst so richtig abarbeiten und bewäh-
ren. Die Kritik an "Denver" und "Dallas" ist durchwegs - gerade
in den gebildeten Schichten - so beschränkt, daß sie sich vor
lauter Nationalismus ausgerechnet hier den reinsten, weil grund-
losen Antiamerikanismus leistet. Wo dann eine Serie schon im Ti-
tel zum Ausdruck bringt, daß sie dem Anspruch auf heimatliche Ge-
borgenheit des deutschen Fernsehpublikums Rechnung trägt, und an-
geblich nichts anderes will, als das "Karussell des Lebens" dar-
zustellen, da wird die moralische Meßlatte noch etwas höher ge-
setzt. Was moralisch nicht einwandfrei ist, hat in einer Sendung,
die als Spiegel des d e u t s c h e n Volkes goutiert wird,
nichts zu suchen. Da ist es schon ein Verbrechen gegen die Moral,
einen Verstoß gegen sie einfach so zu zeigen.
Von 16-24 Uhr flimmern die banalen Botschaften - "Was Hänschen
nicht...", "Unrecht Gut...", "Was du nicht willst...", "Lieber
arm ..." - in die Fernsehstube und bedienen die anspruchsvolle
Menschheit mit der verlangten Moral: Der Standpunkt der theoreti-
schen Unzufriedenheit dessen, der sich praktisch den beschissenen
Bedingungen unterworfen hat, kommt zu seinem Recht. Eine Unzu-
friedenheit, die darauf beruht, daß man zum eigenen Schaden den
moralischen und sonstigen Imperativen folgt, und darauf abzielt,
alle mit fürchterlichen Strafen zu verfolgen, die sich ihnen
nicht - oder auch nur angeblich nicht - fügen.
Ein Vorbild muß leben
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Trotz alledem soll der Abend vor der Glotze den Genuß, den das
Verlangen nach Volkserziehung verdirbt, bringen. Die Einlösung
dieses widersprüchlichen Ansinnens erfolgt zunächst mal nicht
über das Wie und Was dessen, was auf der Bühne dargestellt wird.
Vielmehr über die subjektive Stellung der Zuschauer dazu. Er will
die Fiktion für bare Münze nehmen können, sich also gerade den
Standpunkt des Erwachsenen, der zwischen Dichtung und Wahrheit zu
scheiden weiß, verbieten. Wohl wissend, daß Karin Hardt oder
Siegfried Lowitz leben, wenn Käthi oder Köster sterben, stimmt
"Käthis schneller Tod viele traurig" (tz, München). Und die
Schauspielerin beeilt sich zu sagen, wie gern sie das Kind von
Wussow (oder war es Dr. B.) noch erlebt hätte. Vehement ergreifen
sie Partei für eine gerechte Behandlung der Figuren, die sie sich
zur positiven Identifikation erwählten, wie auch derer, die das
Feindbild darstellen. Die hier stattfindende Verwechslung von
Film und Realität hat Methode: Wenn sie sich wie trotzige Kinder
in der Welt des bloßen Scheins aufführen, dann wissen sie sehr
wohl um die Differenz, die sie gerade nicht wahrhaben wollen. Sie
pochen auf die umstandslose Bestätigung ihres Weltbilds, weil sie
ihrer Unterhaltung eine enorme B e d e u t u n g für das wirk-
liche Leben beimessen. Das Publikum wird nicht einfach getäuscht,
es erhebt selbst den Anspruch auf glaubwürdige Illusion, w i l l
sich täuschen lassen. Mit der Betonung des V o r b i l d-
charakters der Figuren werden an diese Maßstäbe angelegt, die der
dichterischen Phantasie Schranken auferlegen - ein Idol darf
nicht einfach abnippeln! - und den sie darstellenden
Schauspielern Konsequenzen fürs Privatleben abverlangen, denen
diese willig nachgeben.
Das lautstarke und bewußte Verlangen nach Täuschung ist nicht zu
verwechseln mit dem Bedürfnis nach Ablenkung, schon gar nicht mit
dem Blödsinn "Realitätsflucht" (so etwas entdeckt nur der
"Spiegel", dem die komplizierte Veranstaltung wie immer zu primi-
tiv ist.); selbst da nicht, wo die Leserbriefmeute gern so tut,
wenn sie von Intellektuellen extra fürs einfache Volk erdachte
und aus dessen Leben überspielte Sendungen (von der "Linden-
straße" bis zu Kroetz) als "langweilige Fortsetzung des Alltags"
ablehnt. Ist es doch gerade das permanente Geltendmachen der
gültigen Maßstäbe der Alltagsmoral, das hier in das TV-Geschehen
eingreift, als gelte es die Wett aus den Angeln zu heben.
Selbstzensur
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Das Publikum, das sich willig zum Statisten der Wirtschaft und
zum Zuschauer der Staatsgeschäfte machen läßt, erfährt hier etwas
sehr Eigenartiges: seine Macht. Die Fernsehgewaltigen beugen sich
dem Druck der Straße, dem Politiker sonst tapfer und wehrhaft wi-
derstehen. Eilfertig versprechen sie Besserung, setzen Sendungen
ab und die Schere der Zensur an - und das alles im Namen des Vol-
kes. Im Nachbarland Österreich erhebt gar der Gesundheitsminister
die Fernsehklinik zum Vorbild seiner Gesundheitspolitik und avan-
ciert so geschickt zum vorbildlichen Gesundheitsminister. Ein
wahrhaft demokratischer Traum: die Oberen werden in ihren Äuße-
rungen durch des Volkes Änderungen am Drehbuch beschnitten.
Der offizielle Standpunkt, daß Fernsehen insgesamt und Unterhal-
tung im Fernsehen im besonderen mehr als "bloße" Unterhaltung zu
sein habe, hat sich eben nicht nur in einem Apparat institutiona-
lisiert, der sofort tätig wird, wenn er den öffentlichen Anstand
gefährdet sieht, sondern auch noch in einer Zuschauergemeinde,
die ebenso kritisch über die Sauberkeit des Volksempfängers
wacht. Natürlich greift da nicht das ganze Volk zu Hörer und
Bleistift. Das sind schon immer dieselben beschränkten Typen, die
nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich da aufzublasen. Politi-
kern wie Medien kommen solche Figuren gerade recht. Ihre eigene
Volksbelehrungssucht können sie da als Volkes Stimme präsentie-
ren, indem sie das gelehrige Echo ihrer Indoktrination mit Namen
und Wohnort besiegeln.
Die Propagandaamateure tun dabei den Profis nicht nur inhaltlich
den Gefallen, das zu schreiben, was die Presse zu Gehör bringen
will. Sie führen sich auch noch auf wie gelernte Fernsehkritiker,
indem sie ihre Beschwerden gar nicht vorbringen als welche, die
sie selbst betreffen. Ihnen würde das ja gar nicht schaden, aber
moralisch weniger gefestigten Naturen! Daß jemand sich seine se-
xuelle Lust mit Gewalt befriedigt, weil ihn das Vorbild des Fern-
sehens draufgebracht habe, glaubt keiner von sich selbst - am we-
nigsten der Moralapostel, der auf die Erfüllung der ehelichen
P f l i c h t e n nicht selten mit mehr oder weniger Nachdruck
dringt. Die heuchlerische Frage, ob eine Szene nicht als
schlechtes Vorbild wirken könne, ob Gewalt im Fernsehen zur wirk-
lichen Gewalt verführe, ist nichts anderes als die Sorge um die
Nation, vor allem um deren Zukunft. Deshalb muß auch die
"gefährdete Jugend" immer als Begründung herhalten, weil man da
das Ideal der Bevormundung sowieso für selbstverständlich hält.
Die mit der inszenierten Erbauung Beglückten fragen sich ganz me-
thodisch, ob sie ihnen auch bekäme, indem sie sich für den Zweck,
dem Unterhaltung eh bloß Vehikel sein sollte, stark machen. So
bringen "Gong" und "Bild" unters Volk, was von Aristoteles über
Lessing bis Brecht die idiotische Manie der Gebildeten gewesen
ist. Alle wollten sie die moralische Indoktrination des Zuschau-
ers und nahmen zur Kunst keine andere Stellung ein als die Haupt-
schullehrerin zum Wandertag, auf dem nicht geraucht und auch
sonst nichts gemacht werden darf und dessen Beschreibung den Kin-
dern noch nachträglich den Spaß daran verdirbt. D
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