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Peter Scholl-Latour: schon wieder unterwegs
WEISSER MANN AUF ROTEN-SAFARI IM SCHWARZEN KONTINENT
"Peter Scholl-Latour ist ein großartige Erzähler", urteilt die
"Süddeutsche Zeitung" in ihrer Besprechung von PSL's (so kürzelt
er sich selbst) neuem Buch "Mord am großen Fluß", in dem er auf
ca. 500 Seiten seine zum größten Teil 20-30 Jahre alten Reporta-
gen über Afrika (natürlich als Bestseller) herausgibt.
Weit entfernt davon, obiges Urteil anzuzweifeln, halten wir es
für der Mühe wert, den von der "Süddeutschen Zeitung" trotz aller
Richtigkeit schuldig gebliebenen Beweis zu liefern und den Autor
gegen kleinliche Mäkeleien des "Spiegels" und auch der "SZ" in
Schutz zu nehmen und zu verteidigen.
Schon der Titel ist eine absichtsvoll-bescheidene Untertreibung.
Natürlich kommt in dem Buch ein Mord vor und auch ein Fluß, auch
sind die charakteristischen Merkmale eines Kriminalromans gege-
ben: Der Mord wird aufgeklärt, und auch so etwas wie Spannung
wird - vielleicht etwas mühsam - erzeugt und aufrecht erhalten.
Der Autor vermag trotz der langen und oft unterbrochenen Zeit-
spanne und der wechselnden Schauplätze in e i n e m großen Wurf
die ganze afrikanische Politik als großes Durcheinander, als exo-
tisches Chaos aus Brutalität, mühsam gedämpfter Sinn- und immer
wieder zurückerlangter Besinnlichkeit darzustellen.
Über das Trivial-Handwerkliche des gewöhnlichen Kriminalromans
geht das Werk aber schon von vornherein deutlich hinaus durch die
ursprünglich vitale, durch keine falsch verstandene Intellektua-
lität verwässerte erzählerische Potenz seines Verfassers, die in
geradezu großartiger Naivität sich in die antediluvianischen, von
der Zivilisation nur notdürftig verdeckten Tiefen der Negerseele
hineinzuversetzen vermag.
"An dieser Stelle, auf dem Asphalt der Straße, rissen die Lulua-
Weiber am hellen Mittag ihre Kleider vom Leib und stampften
splitternackt im Kriegstanz. Der Tanz der Frauen, der gellende
Rhythmus der heiseren Stimmen, das Grollen der Tam-Tam steigerten
sich zum Blutrausch. Die Männer griffen zum Buschmesser..."
Zwar könnte man an dieser Stelle PSL als dem Auslandskorrespon-
denten, der er ja auch noch ist, entgegenhalten, er habe diese
Szene (nach eigenem Eingeständnis) nicht wirklich beobachtet.
Schließlich gehört es doch auch zum Ethos dieses Berufs, immer
alles - egal was - mit eigenen Augen gesehen zu haben. Aber der
Vorwurf der Lüge wäre so kindisch, wie es abgeschmackt wäre, im
puren Erfinden die ganze Kunst des Dichtens zu sehen.
Das eigentlich Dichterische, das unbestreitbare Erzähltalent, ist
die
Unverfälschte Bildlichkeit der Sprache
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Scholls Fähigkeit besteht darin, jede kleine Einzelheit aus der
Ebene der Zufälligkeit herauszuheben, der Sphäre der Bedeutungs-
losigkeit zu entreißen und zu einem aussagekräftigen Bild zu for-
men. Zwar weiß PSL auch von bedeutenden afrikanischen Politikern
zu berichten, wie z.B. von Zaires Staatschef Mobutu Sese Seko,
der ihn schon mal gelegentlich zu einer vertraulichen Unterhal-
tung beiseite zieht, aber in solch verzeihlichen Eitelkeiten be-
steht nicht die Größe des Buches. Da ist vielmehr die minutiöse
Beschreibung der Kongokrise, der Zustände in Äthiopien, Nigeria
oder sonstwo, die nur scheinbar aus lauter zufälligen und mögli-
cherweise uninteressanten Beobachtungen besteht. In Wahrheit fügt
sich hier alles für sich und alles gemeinsam zu einem sinnigsinn-
vollen Mosaik. von dezidierter Aussagekraft zusammen.
Ratlos mag der unbedarfte Leser zunächst vor "Meldungen" wie den
folgenden stehen:
"Auf dem Flugplatz von Ndjili ist die Rollbahn heute morgen durch
Drahtverhaue gesperrt."
"Wer in Leopoldville Wert auf eine gepflegte Tafel legt, geht
weiterhin im Zoo-Restaurant essen."
"Zwei Ghana-Soldaten stritten sich auf dem Boulevard Albert mit
einem athletischen Einheimischen"
"In Diredaw ist eine Kalaschnikow für zwei Flaschen Whisky zu ha-
ben."
Es geht hier gar nicht - wie man zunächst vermuten konnte - um
Verbraucherratschläge für sparsame Schnellfeuergewehrkäufer, qua-
litätsbewußte Restaurantkunden oder Body-Building-Interessenten,
sondern um einen in seiner Einfachheit genialen Kunstgriff in der
Wahl der Erzählperspektive: Durch diesen nur scheinbar harmlos
biederen Blickwinkel läßt der Künstler den Leser so am Geschehen
teilnehmen, daß sich ihm die weltpolitische Bedeutung der Zusam-
menhänge, in die er so versetzt (um nicht zu sagen: verwoben)
wird, gleichsam wie von selbst erschließt. Um eines der o.g. Bei-
spiele wieder aufzunehmen: Im Zoo-Restaurant von L-ville sitzt
nämlich ein neuer Gast - und verdirbt einem die Freude an der
Mahlzeit:
"An einem abgesonderten Tisch mit ein paar robusten Herren in
hellen Anzügen und weiten Hosenbeinen tafelt" (nicht etwa ein Ma-
fia-Boß + Gorillas, sondern) "der Repräsentant der Sowjetunion.
Botschafter Jakowlew ist weißhaarig; (= tarnt sich als harmloser
Greis) "hat buschige Augenbrauen" (die seinen wahren Charakter
verraten) "und sieht wie ein Mechaniker aus. Sein Chauffeur ist"
(nicht etwa ein Chauffeur:) "kein Afrikaner, sondern ein hünen-
hafter Russe."
Ein schönes Beispiel dichterischer Intuition. Nicht etwa kommt in
dürren Worten die simple Botschaft daher: Russen haben in Afrika
nichts verloren - nein, statt einer schmalspurig-eindimensionalen
politischen Parteinahme für eine der beiden Großmächte stellt uns
der Dichter einen Charakter vor Augen und läßt den Leser selbst
entscheiden: Eine zwielichtige Gestalt mischt sich unter die gute
Gesellschaft, sondert sich zwar selbst schon ab, aber nicht weit
genug (ab nach... Moskau!), und führt nicht einmal anstandshalber
einen Alibi-Neger in Chauffeurs-Uniform mit sich!
Daß Afrika dem Westen gehört, diese schlichte Wahrheit könnte
leicht mit politischer Propaganda verwechselt werden. Aber PSL
hat es nicht nötig, sich in die wenig glaubwürdige Pose des poli-
tischen Agitators zu begeben. Statt dessen eignet dem Autor
Ein feines Gespür für passende Proportionen
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"In ihrer olivbraunen Uniform mit den steifen tschechischen Müt-
zen wirken sie wie politische Kommissare. Erstaunlich, wie
'volksdemokratisch' diese Abgesandten Sekou Toures schon sind.
Die Guineer geben sich unnahbar und puritanisch, als hätte die
marxistische Ideologie bei ihnen bereits einen neuen Menschenty-
pus geprägt."
Wenn Neger aus der Art schlagen...
Auch das Zwiespältige und Gefährliche der irregeleiteten Negerna-
tur veranschaulicht die Schilderung Patrice Lumumbas, gerade in
dem Augenblick, wo er sich auf der Flucht vor seinen Verfolgern
befindet:
"Wie ein Rachegeist stand der lange, hagere Mann unbeweglich in
der Nacht. Sein Hemdkragen war offen. In seinem Gesicht stand der
Ausdruck verzweifelter Entschlossenheit. Die Augen hinter den
Brillengläsern rollten in wilder Erregung."
Vor dem billigen Vorwurf des Rassismus sollte man sich hüten: Die
Furcht vor dem Bösen im Fremden ist nämlich keineswegs der dun-
klen Haut geschuldet, sondern dem, daß hier ein widernatürlicher
Geist in die sonst ganz handsame Negernatur gefahren ist. Natür-
lich versäumt es ein weltläufiger Autor wie PSL nicht, aktuelle
und relevante Zeitbezüge zur Gegenwart herzustellen. Als Beispiel
folgender Ausschnitt, den wir nahezu ungekürzt und nur mit den
nötigsten Hinweisen zu Struktur und Komposition des Textes wie-
dergeben. In wenigen Strichen wird meisterhaft eine düster-trost-
lose Szenerie skizziert:
"Diredawa, im März 1985
Vor dem Drahtverhau, der den Flugplatz von Diredawa gegen Parti-
sanen abschirmen soll, liegt die Bahnlinie Dschibuti - Addis-
Abeba. Eine Lokomotive zerrt ein halbes Dutzend klappriger Wag-
gons nach Westen, in den staubverhangenen Sonnenuntergang."
Plötzlich hellt sich die Szene wohltuend auf:
"Hinter dem Drahtverhau trinken deutsche Luftwaffensoldaten am
Rande der Rollbahn Dortmunder Bier zum Barbecue..."
Trostlosigkeit schlägt um zur Idylle:
"Die deutschen Bundeswehrsoldaten füllen die schläfrige Stadt
Diredawa mit ungewohnter Zwanglosigkeit. Sie haben die meisten
Zimmer in den beiden akzeptablen Hotels reserviert, sitzen nach
dem Dienst in den Bars, wo sie Gefallen an den braunhäutigen Mäd-
chen finden."
(Wo es - man erinnert sich - Herr Jakowlew nicht einmal mit einem
schwarzen Chauffeur treiben wollte.)
"Deutsche und Briten arbeiten aufs engste zusammen und rätseln
gemeinsam über die seltsame Inaktivität jener (!!) acht russi-
schen Transportmaschinen..., die seit sechs Wochen keinen Einsatz
geflogen haben."
Eingeführt über das gemeinsame Rätselraten der sympathischen
neuen Hauptfiguren klingt hier leicht variiert, aber unüberhör-
bar und unverkennbar das Leitmotiv des Buches wieder an:
"Die sowjetischen Flugzeuge sind mit Kennzeichen der zivilen
Aeroflot überpinselt, aber die Heckkanzel für den Bordschützen
ist klar erkennbar."
Mit bewundernswerter Sicherheit und Schärfe gelingt es hier dem
Autor, mittels der Dialektik von zivil-militärisch und militä-
risch-zivil die Trennungslinie zwischen Gut und Böse so zu zie-
hen, daß man am Ende genau weiß, daß die einen zivil in Afrika
nichts verloren haben, weil militärisch auch nicht und umgekehrt,
während die anderen militärisch so zivil auftreten, daß...
Daß sich der Autor an dieser entscheidenden Stelle persönlich zu
Wort meldet, mag man ihm um so weniger verwehren, als er sich -
fern von politischen Visionen oder gar deutsch-imperialistischen
Sehnsüchten - ganz auf den Bereich des Beobacht- und Erfahrbaren
beschränkt:
"Für mich war es nach so vielen militärischen Lufteinsätzen in
der Dritten Welt, die ich an Bord französischer, amerikanischer,
britischer, portugiesischer iranischer, südafrikanischer Flug-
zeuge oder Hubschrauber absolviert hatte, ein durchaus positives
Erlebnis, dieses Mal an einem Unternehmen der Bundeswehr teil-
zunehmen. Es handelte sich gewiß um eine ausschließlich humani-
täre Aktion, aber die Technik des Dropping im Hochland von
Äthiopien erinnerte mich an ähnliche Aktionen über den Dschungeln
von Tonking und Laos."
Unser Vorschlag: Als Literaturpreis für Peter Scholl-Latour schon
heute eine Platzreservierung in der Pilotenkanzel des ersten Bom-
bers der Bundesluftwaffe, der zu einem echten Einsatz über...
oder anderswo startet.
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