Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TV - Was das Volk aufregt
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Karl-Eduard Schnitzler im West-Fernsehen
DIE TALK-SHOW ALS MORALISCHE LYNCH-ANSTALT
Demokratischer Pluralismus; freie Presse, freier Rundfunk und
freies Fernsehen; politische Streitkultur westlicher Prägung,
sachlich, ideologiefrei und undogmatisch, weder rassistisch noch
nationalistisch; Entertainment auf allen Kanälen, aber mit Ni-
veau; keine Bevormundung. Das alles hat den Zonis immer gefehlt.
Da ist was dran. Die Frage ist nur, was sie bisher verpaßt haben
und w o r a u f sie sich jetzt schon freuen dürfen.
SAT 1 hat es neulich vorgeführt und einen Vorgeschmack dessen ge-
liefert, was das deutsch-deutsche Jahr der Hoffnung verspricht.
Klarstellungen zur Demokratie nämlich, die sämtliche kommunisti-
schen Einwände gegen sie bestätigen, nur mit dem kleinen Unter-
schied, daß Demokraten von heute sich fröhlich und skrupellos
dazu bekennen: Pluralismus war noch nie anders gemeint als ein
gnadenlos totalitärer Standpunkt des Bekenntnisses zur einzig
menschengerechten Herrschaftsform; und wer da nicht mitmacht,
verdient weder Gehör noch irgendeine Rücksicht. Da braucht dann
niemand mehr gleichgeschaltet oder "bevormundet" zu werden, wo
alle Hirne gleichgeschaltet s i n d; und der Verdacht des
staatstreuen Dogmatismus erledigt sich von selbst, wenn alle Be-
teiligten, Publikum und Macher der Öffentlichkeit, ihre autonome
Stasi-Gesinnung stolz und selbstbewußt vor sich hertragen.
Sternstunden erlebt die hiesige Öffentlichkeit, wenn sie über
ihre erklärten F e i n d e herfallen und sich dabei nach Her-
zenslust austoben kann. Und verbunden mit einer unterhaltsamen
Talk-Show wird aus dem demokratischen Niedermachen ein intellek-
tueller Genuß. E d u a r d v o n S c h n i t z l e r ist ein-
geladen, der Mann vom "Schwarzen Kanal", dessen Sendung im DDR-
Fernsehen zwar kaum ein Westmensch je gesehen hat, von dem aber
noch die hinterletzte Schwarzwaldoma weiß, daß der nach Bautzen
gehört. Mindestens! Eine solche Show will gut vorbereitet und ge-
konnt durchgeführt sein. Wir im Westen kennen eben nur echtes
Profitum.
Die Teilnehmer
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1. Die Moderatoren:
* Florian Fischer-Fabian (SAT 1-Yuppie; unterscheidet zwischen
Ärschen, in die er bevorzugt hineinkriecht, und solchen, die er
verabscheut)
* Heidi Schüller (olympische Flamme, jetzt für den deutschen
Wahn; kontinuitätsbewußt)
2. Die Gäste:
* Töpfer (gesamtdeutscher Minister für Umwelt; zuständig für die
Reinhaltung der Republik, diesmal vom Schmutz des Kommunismus)
* Otto Schily (Wendehals der SPD und moralischer Staatsanwalt des
guten Deutschland; Korruptionspezialist)
* Reginald Rudolf (ehemals SED-Kommunist, dumm gewesen, aber
lange her; jetzt schlau geworden, "Bild"-Kolumnist)
* Lothar de Maiziere (Ost-CDU; stellvertr. Ministerpräsident der
DDR; Gelegenheits-Opportunist; nützlicher Idiot, Kronzeuge und
Mitangeklagter)
* Ben Herzberg (SPD-Ost, Null)
3. Der "Überraschungsgast":
* Eduard von Schnitzler (Schwarzer Kanal, Ost; keine Überra-
schung: Untermensch)
4. Die Zuschauer:
* "Das Volk" (Statist; bestellt und mit selbst erteiltem Auftrag)
Die Sendung
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1. Prolog zum "Dialog"
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Das gemeinsam getragene Vorurteil wird nicht etwa plump aufberei-
tet, sondern mediengerecht inszeniert, was aber sowieso dasselbe
ist: Heute ist ein Untermensch der "Überraschungsgast" bei "Talk
im Turm", Eduard von Schnitzler, das kommunistische Monstrum per-
sönlich, dem bundesdeutsche Freiheitshelden schon immer mal gerne
ins Gesicht springen wollten und noch manches mehr, wie sich zei-
gen wird. Das macht den Reiz der Sendung aus. Alle haben es ge-
wußt, Gäste und Publikum, deswegen sind sie ja gekommen. De Mai-
ziere hat sich etwas einfallen lassen und zwei Stunden vor der
Sendung mit den Moderatoren vereinbart, daß er mit Schnitzler
nicht reden will (tosender Beifall). Genauer gesagt, er "kann"
nicht, denn Schnitzler war, ist und bleibt "faschistoid", ein
"Verderber unseres Landes". Sonst redet de Maiziere mit jedem,
aber nicht mit einem der "nicht dialogfähig" ist (tosender Bei-
fall). Also wird er demonstrativ den Saal verlassen, sobald
Schnitzler diesen betritt. Er hat schon eine Menge gelernt, was
eine gut verhetzte demokratische Öffentlichkeit betrifft, aber
manches eben doch noch nicht kapiert. Die anderen bleiben da, um
Schnitzler das ins Gesicht zu sagen.
Frau Schüller hat "Verständnis für die emotionale Reaktion" und
hakt nach. Der Herr de Maiziere soll sich nämlich bloß nicht täu-
schen. So billig lassen sich westliche Meinungsmacher nicht von
Wendehälsen beeindrucken, die den Krenz weggespült haben, um Mo-
drow zu "dienen". Der hat als "Reformer" und Hoffnungsträger der
Opposition auf demokratische Erneuerung der DDR schon lange aus-
gedient. Wir wollen doch mehr: nicht die SED erpressen und zer-
setzen, das ist passiert, sondern den Kommunismus endgültig zer-
schlagen; nicht die DDR erneuern, sondern endlich übernehmen. Da-
her die Frage an de Maiziere: Wollen Sie wirklich nichts gewußt
haben seit 40 Jahren: Kennen Sie den Schnitzler nicht schon län-
ger: Und waren Sie etwa immer so schneidig gegen ihn: Ein wohlge-
zieltes Stichwort, das seine Wirkung nicht verfehlt, weil es die
anderen Fanaten auf den Plan ruft.
R e g i n a l d R u d o l f z.B., der 1946 ein "glühender
Anhänger des Marxismus war, weil dieser auf alle Fragen eine
perfekte Antwort wußte"; der alle drei Bände des 'Kapital' von
Marx mit "heißen Ohren" gelesen hat, später aber aus der SED
ausgetreten ist und 1957 vom Stasi "eingelocht" wurde; der dann
in den Westen rübergemacht und direkt bei der "Bild-Zeitung"
gelandet ist, wo er seine neue ideologische Heimat gefunden hat.
Sein abgrundtiefer Haß auf alles, was nach Kommunismus riecht,
ist dadurch nicht nur enorm glaubwürdig, sondern besitzt auch
noch die natürliche Sachkompetenz, die gebrannten Kindern und
reuigen Sündern, wie "wir" sie mögen, von Haus aus zukommt. So
ist dieser Haß nicht blind und fanatisch, sondern ein Beweis der
lautersten Absichten und menschlicher Reife. Mit 18 Kommunist
gewesen - das zeugt von einem s o z i a l e n H e r z e n; und
mit spätestens 30 am Ziel aller westdeutschen Träume: endlich
Antikommunist! - das zeugt von einem klaren Verstand. Denn es war
schon immer der Gipfel der Vernunft, als "Bild"-Zeitungsredakteur
gewisse Bildungselemente unters Volk zu bringen. Als intimer
Kenner und Feind der DDR weiß Rudolf natürlich, daß die Ost-CDU
mitsamt de Maiziere immerhin 40 Jahre auf der falschen Seite
gestanden hat und "weiterhin nur als Wurmfortsatz der SED
fungiert". So ein rechter Scharfmacher mißtraut nämlich jedem,
der noch taktisch mit dieser Partei umgeht, anstatt sie offen zu
bekämpfen. Der durchschaut die durchsichtige Berechnung de
Maizieres und seiner Blockpartei - wir wußten nichts und konnten
nicht anders -; aber er kann sie überhaupt nicht leiden, weil er
dabei die Kompromißlosigkeit der Feindschaft vermißt. Zwischen
Modrow und Schnitzler mag er nicht unterscheiden und findet
deshalb, daß Herr de Maiziere besser seinen Hut einrollt und
geht.
Dann O t t o S c h i l y, der Kritik schon immer für dasselbe
gehalten hat wie eine staatsanwaltschaftliche Ermittlung; dem als
ehemaligem GRÜNEN die Hetze der "Bild-Zeitung" gegen den Kommu-
nismus stets eingeleuchtet hat, weshalb es ihm persönlich
"wurscht" ist, ob man die Ost-CDU einen "Wurmfortsatz der SED"
nennt oder nicht - er meint ja sowieso dasselbe; der die Verant-
wortung der Macht kennt und deshalb unzufrieden mit der Ohnmacht
einer moralischen Opposition wird; der deshalb zur SPD wechselt,
dabei kein Wendehals ist, weil er sie für keine Schweinerei
"haftbar" macht. Dieser aufrechte, sein Leben lang mit Rück-
trittsgedanken befaßte Mann, die er aus Verantwortung immer den
anderen nahelegt, hat auch für de Maiziere den originellen
Ratschlag des ewigen Saubermanns:
"Sie repräsentieren hier heute die Ost-CDU, die für das Desaster
voll mitverantwortlich ist. Sie sind voll in der Haftung. Wer die
Verantwortung für einen Schlamassel trägt, der tritt zurück."
Und schließlich den M i n i s t e r T ö p f e r, der de Mai-
ziere nicht zum Hauptfeind erklären möchte. Er ist als der ei-
gentliche Vertreter der DDR-Opposition anwesend, die drüben
"keine Chancengleichheit" besitzt und unbedingt westdeutsche Mi-
nister als Wahlhelfer braucht. Daneben ist er eigentlich nur noch
gekommen, um mit dem Mann vom "Schwarzen Kanal" "ganz hart" ins
Gericht zu gehen. So hart, daß er die M e t h o d e n, die er
den "kommunistischen Propaganda-Anstalten" immerzu vorwirft, als
Gebot der Menschenwürde und in Form einer Beschwerde über einen
unglaublichen Mißbrauch bezüglich demokratischer Meinungsfreiheit
gerade für die hiesige Öffentlichkeit einfordert:
"Und ich will hier auch ganz deutlich sagen, daß ich es für eine
an die Grenze der Zumutbarkeit gehende Entscheidung halte, Herrn
von Schnitzler hierhin überhaupt einzuladen."
Damit hat der Mohr seine Schuldigkeit getan. Und es geschieht ihm
recht. Die Kampffront steht. Wenn schon de Maiziere seine Vergan-
genheit als Mitläufer der SED zum Vorwurf gemacht wird, dann ist
bei Schnitzler die Sache endgültig klar. Hier wird nicht einer zu
einer T a l k - S h o w e i n-, sondern zu einem T r i b u-
n a l v o r geladen. Ein Showdown aller Gehässigkeiten, die der
bürgerliche Verstand aufzubringen imstande ist, kann beginnen;
und das ganze Arsenal von Rachegedanken, die den Standpunkt des
Lynchens als unterhaltsames Spektakel einnehmen, darf und soll
abgerufen werden. Welch ein Vergnügen!
2. Der "Unmensch" als Gast
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Diese Idee ist wirklich ein b e s o n d e r e r Spaß. De Mai-
ziere tritt ab, Schnitzler tritt auf und hat gleich Gelegenheit,
den brunzdummen Witz einer charmanten Olympiatante zu bewundern:
"Willkommen beim Klassenfeind! " Freude und Genugtuung darüber,
daß der ehemalige Propagandachef des SED-Staatsfernsehens so blöd
war, der Einladung zu folgen, schwingen mit, denn die Gelegenheit
ist endlich da dieses Scheusal höchstpersönlich zu besichtigen
und zum Abschuß freizugeben. Damit aber auch klar ist, daß da
nicht etwa ein Mensch sitzt, der einen anderen politischen Stand-
punkt hat, der die Lage in der DDR und in der Bundesrepublik an-
ders beurteilt als die hiesigen Betonköpfe; damit also gar nicht
erst das Mißverständnis aufkommt, hier wäre so etwas wie ein
Streit über die unterschiedlichen bzw. gegensätzlichen Auffassun-
gen und Interessen zu erwarten, muß Schnitzler als menschliches
Ungeheuer entlarvt werden. Als ein Mann, bei dem jeder noch so
gehässige Angriff wie ein Akt der Milde und Gnade erscheint, den
er im Grunde gar nicht verdient. Das wird cool erledigt, indem
man die eigenen Vorurteile a n i h m v o l l s t r e c k t,
und darin bestand schon die ganze Dramaturgie der Sendung.
Wie es sich gehört fürs westdeutsche Fernsehen, erhält der Gast,
den man einlädt, um ihn als Unhold bloßzustellen, zunächst ein
Begrüßungsgeld eigener Art. Er wird einfach mit dem geballten Haß
konfrontiert, den man für ihn übrig hat, natürlich wie immer in
Form einer interessanten Frage:
"Herr von Schnitzler, wie leben Sie damit, einer der meistgehaß-
ten Männer im Osten bzw. natürlich selbstverständlich auch im We-
sten zu sein?" (Florian Fischer-Fabian)
Ja, wie lebt er mit den Anfeindungen seiner "Klassenfeinde": Hält
er sie aus? Bevor Schnitzler antworten kann, kräht es schon aus
dem Publikum:
"Er hat immer gut damit gelebt, weil er kein Gefühl für Mensch-
lichkeit hat."
Fischer-Fabian befürchtet, daß dieser Zwischenruf nicht überall
angekommen ist, und verdreht ihn gleich in seinem Sinne:
"Ich darf noch mal wiederholen, weil es vielleicht nicht rüberge-
kommen ist. Ihnen wird vorgeworfen, daß Sie nicht das geringste
Gefühl für Menschen haben. Und daß Sie deshalb immer sehr gut ge-
lebt haben in den letzten Jahrzehnten. Antworten Sie darauf!"
Anders als Heidi Schüller, die mit dem Vorwurf von Frau Schnitz-
ler an die Moderation, ihren Mann nicht ausreden zu lassen, "sehr
gut leben kann", muß sich Eduard von Schnitzler den Gehässigkei-
ten seiner "Gastgeber" stellen. Er ist zweifellos nicht nur ein
böser Mensch, der gerechterweise alle Anfeindungen verdient, son-
dern auch ein abgrundtief perverser Charakter, bewiesen dadurch,
daß ihm seine Feinde hier ihr eigenes Vorurteil als materielle
Vorteilsrechnung anhängen: "Unmenschlichkeit" als Motiv und
Quelle der Bereicherung. Dieser Vorwurf braucht noch nicht einmal
den S c h e i n von Glaubwürdigkeit zu wahren. Aus welchen
Gründen und ob überhaupt sich da einer "bereichert" haben soll,
spielt nicht die mindeste Rolle. Deshalb nützt Schnitzler weder
der Hinweis, "ganz normal gelebt" zu haben, noch der Versuch, die
Maßstäbe gerechterweise ein wenig zurechtzurücken, Stichwort
"Seniorenparadies Wandlitz", wo er gar nicht gewohnt hat:
"Ja ich bin selber zweimal in Wandlitz gewesen und ich glaube
nicht, daß ein Minister der Bundesregierung in so'n Haus einzie-
hen würde."
Das läßt aufgeputschte Demokraten völlig kalt: "Wir leben hier in
einem anderen System". In einem System nämlich, in dem der Luxus
für die Repräsentanten wohlverdientes Recht ist und zum Beruf ge-
hört. Das gilt für die DDR grundsätzlich nicht. Dort beweist dies
zweifelsfrei Korruption und gilt als guter Grund fürs Volk, sich
seiner unwürdigen Führungselite zu entledigen.
Besonders reizvoll, einem Mann, der sein politisches Lebenspro-
gramm ganz dezidiert als Anti-Faschismus definiert und praktisch
daran ausrichtet, auch noch die "Nachfahren" des seligen Adolf,
die in Wahrheit Sumpfblüten vor allem des BRD-Nationalismus sind,
vor- bzw. anzurechnen. Schnitzler ist nicht nur selbst
"faschistoid", sondern letztendlich auch persönlich verant-
wortlich für alle faschistischen Gruppen und Tendenzen - in der
DDR natürlich:
"Sind Sie nicht vielleicht auch mitschuldig an den Neonazis und
Skinheads. Ich frage mich, wo kommen die eigentlich her?" (Heidi
Schüller)
Möchte die Dame sich wirklich fragen, wo Skinheads herkommen? Wo
Republikaner, Wehrsportgruppen und andere bekannte Politfraktio-
nen bis hin zur SPD und CSU so prächtig gedeihen? Möchte sie
"Talk im Turm", sich und ihren Fabian da für "mitschuldig" erklä-
ren ? Ach wo! Sie möchte bloß eine echt demokratische Manier der
V e r d ä c h t i g u n g in Anschlag bringen. Skinheads in Fuß-
ballstadien (ausgerechnet!), Schmiereien am sowjetischen Ehrenmal
usw. - könnte da nicht der Stasi, also die SED selber dahinter-
stecken? Und selbst wenn er/sie nicht direkt das Subjekt war: Mi-
nister Töpfer, der sich als CDU-Wahlkämpfer da sehr gut auskennt,
reicht allein der Umstand, daß die SED die Lage für sich aus-
nützt, für den Verdacht, daß sie letztlich doch der Urheber all
dieser "rechtsradikalen Tendenzen " ist. Rechtsradikale in der
BRD bringen selbstverständlich weder CDU/CSU/FDP/SPD noch Rund-
funk/Fernsehen/Verfassungsschutz in Mißkredit. Ein eindeutig
sachdienlicher Hinweis auch zur Akte Schnitzler, der im Unter-
schied zu Schüller, "die Sprache als Waffe und ideologisches
Kampfmittel benutzt". So fragt sie sich deshalb, warum er, der
Journalismus als Ersatz für Politikmachen betrachtet, nicht
gleich Politiker geworden ist. Reginald Rudolf- "Bild" springt
ihr zur Seite:
"Dann wäre er vielleicht Ceausescu geworden."
Das hätte zweifellos den Vorteil, daß man ihn ohne große Worte
gleich standrechtlich hätte erschießen können. Gerecht wäre es
allemal:
"Einen ganzen Staat, die DDR, zu den Insassen eines riesigen KZ's
zu machen, dies ist Faschismus. Und Sie haben dabei mitgeholfen."
Otto Schily ist dieser Rundschlag intellektuell gesehen zu primi-
tiv. Er bevorzugt ein differenzierteres Feindbild, das der Wahr-
heit die Ehre gibt, statt mit "historischen Lügen" die Propagan-
datrommel zu rühren. Die DDR mit Nazi-Deutschland gleichzusetzen,
das geht nur zum Teil in Ordnung, weil dort die "systematische
und großindustrielle Vernichtung" von Menschen einfach nicht
stattfindet. Er möchte lieber ein "neutraleres Wort", sagen wir
"Gefängnis", für die DDR reservieren; Mauer und Stacheldraht
sprechen ja schon für sich. Herr Rudolf von "Bild" läßt sich
nicht lumpen. "Gefängnis" - das gefällt ihm ausnehmend gut, zumal
ja sein Blatt seit Jahrzehnten nichts anderes erzählt. Dennoch,
ganz einig will Schily sich mit seinem Gegenüber nicht werden,
denn als SPD-Politiker beansprucht er für seine Partei das
Monopol auf den bundesdeutschen Antikommunismus, den er in der
Sache, nicht aber in der Masche mit den Revolverblättern des
Hauses Springer teilt:
"Und Sie Herr Rudolf mit Ihrem Blatt. Das ist eben auch, was Sie
trifft als "Bild"-Zeitungsredakteur, daß Sie diese falschen Ver-
gleiche unters Volk zu bringen versuchen. Und da gucken Sie auch
manchmal in den Spiegel, was Ihr Medium angeht. Also ich weiß
nicht, ob Sie so sehr zum Ankläger heute taugen."
"Anklagen" - d a s möchte man in dieser Talk-Show am liebsten so
recht im juristischen Sinne. Die Voraussetzungen dafür wären im
Prinzip gegeben, nur Schnitzler in seinem Starrsinn will nicht
begreifen, daß seine Einladung tatsächlich als Vorladung gemeint
war ("Ich bin hier nicht auf der Anklagebank!"), die Unterhaltung
mit ihm folglich als Verhandlung über seinen "Fall" geführt wer-
den muß, bei der die Teilnehmer der "Diskussion" sich als mehr
oder minder kompetente Staatsanwälte exponieren. So geht nämlich
demokratische Kritik. Der fanatische Haß von reaktionären Kommu-
nistenfressern wird von den "besonnenen Kräften" dadurch
"gemäßigt", daß sie die K o n k u r r e n z a u f d i e s e m
F e l d e eröffnen: Wer ist der glaubwürdigste Verfechter und
Vollstrecker des gemeinsamen Kampfprogramms. Logisch, daß der Mi-
nister für Umwelt noch einmal eigens betonen muß, daß er den Kon-
sens in Sachen " Gefängnis" irgendwie doch als faulen Kompromiß
ansieht:
"Damit ist aber auch kein Stück davon zurückzunehmen, daß der Be-
griff von Faschismus hier an dieser Stelle im Zusammenhang auch
mit Ihrer Arbeit richtig ist. Möchte ich deutlich und klar noch-
mal unterstreichen."
Nachdem Schnitzler als "faschistoider" Schmutzjournalist ent-
larvt, als verkappter Ceausescu an den Pranger gestellt und für
einen Göbbels-Vergleich für zu mickrig befunden worden ist
("Dafür sind Sie zu klein", Reginald Rudolf), weil Demokraten ge-
rade da noch ihre eigenen "Charts" haben, ist es an der Zeit,
einen Zahn zuzulegen, indem man den Vorwurf an ihn, sich faschi-
stischer Argumentationsmuster zu bedienen, endgültig durch deren
Anwendung ersetzt. Schnitzler ist ein Hygieneproblem, und
"Schmutz" muß weg:
"Der Talk im Turm ist doch kein Platz für ideologische Umweltver-
schmutzung. Wir haben hier einen Minister für ökologische Umwelt-
verschmutzung und für ideologische ist hier kein Platz. Wenn Herr
von Schnitzler die Dreckschleuder von Herrn Honecker war und der
gelernte Bauchredner von Herrn Ulbricht... Wir sind doch keine
Wiederaufarbeitungsanlage für einen abgebrannten Herrn von
Schnitzler."
Kritik als "Entsorgungsfrage" von Gedanken und Auffassungen zu
betrachten - da kennen sich Demokraten aus. Beseitigen lautet der
Standpunkt, der einen ideologisch keimfreien Volkskörper fordert,
in dem jede abweichende Meinung mitsamt ihrem Träger als "Müll"
behandelt und ausgemerzt gehört. Man fragt sich, was diese Leute
eigentlich gegen "Stalinismus" haben, der doch nach ihrer Auffas-
sung alles vernichtet, was nicht ins System paßt. Sollte es der
Unterschied sein, geladene Talk-Gäste, die man leider nur ideell
"einlochen" kann, höchst demokratisch aufzufordern, sich dann zu-
mindest "freiwillig" davonzutrollen:
"Man muß sich fragen, ob Sie überhaupt etwas von politischer Hy-
giene mitbekommen haben, daß Sie diese unglaubliche Situation
nicht anders einschätzen müßten und Sie derjenige wären; der hier
rausgehen müßte, statt de Maiziere." (Töpfer)
Zur Bekräftigung dessen darf das Publikum, gewöhnlich Statist,
aktiv werden. In seiner Eigenschaft als mündiges Accessoire hat
es immerhin so viel zu bieten, daß die Hetze der Sendungsmacher
sich auf ein aufgehetztes Echo berufen kann. Das eine oder andere
Echo ist dafür extra einbestellt worden: Herbert K. zum Beispiel,
ein ehemaliger DDR-Häftling, vom Stasi verfolgt, eingeknastet,
den eigenen Onkel hingehängt, weil erpreßt; von Schnitzler öf-
fentlich fertig gemacht, "teilweise durch Schauspieler ersetzt"
usw. Wenn Schnitzler erwidert -
"Ich mußte damals aufgrund des mir vorliegenden Materials so han-
deln."
- entlarvt ihn das als sturen journalistischen Befehlsempfänger
einer verabscheuungswürdigen Macht. Für ihn gelten selbstver-
ständlich, die Karriere- und Befehlsnotstände ehrenwerter west-
deutscher Minister- und Bundespräsidenten nicht. Dem Mann
Schnitzler fehlt einfach der menschliche Zug, dem westdeutschen
Publikum einzugestehen, daß er einer der größten Verbrecher der
Nachkriegsgeschichte gewesen sei. Da muß dann wieder so ein Fos-
sil auftreten, ein Parlamentarier aus der Trümmerzeit, und sagen,
was alle guten Menschen, das sind "wir", e m p f i n d e n:
"Sie sind unerträglich! Einfach unerträglich."
Ehrlich in dem Sinn, daß sie ihre Urteile als schlichte Feind-
schaftserklärung, die sie nun einmal sind, kenntlich machen, sind
aufrechte Demokraten nie. Sie bringen es tatsächlich fertig, den
eigenen Haß als B e t r o f f e n s e i n durch den abgrundtief
bösen Charakter ihres Opfers hinzustellen und so zu tun, als wäre
der Ekel, den sie kräftig zur Schau stellen, die höchste Form der
Menschlichkeit, also auch ein Zeichen, daß sie hier und heute die
eigentlichen Opfer und damit die besten Zeugen der Anklage gegen
den verruchten Täter sind.
Epilog: "Es hat sich ausgeschnitzlert."
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Jemanden in eine Talk-Show zu holen, um ihn dort grundsätzlich
für "nicht dialogfähig" zu erklären, ist alles andere als ein Wi-
derspruch. Es ist der erklärte Zweck der Veranstaltung, dies mög-
lichst effektvoll in Szene zu setzen; ganz einfach dadurch, daß
man ihn mit unaufhörlicher Penetranz für "diskussionsunwürdig"
befindet. Den ersten Beweis, wie richtig man liegt, liefert der
illustre Gast, noch bevor er Piep sagen kann, indem er tatsäch-
lich kommt:
"Wir haben hier heute abend eine merkwürdige Situation. Herr de
Maiziere setzt sich mit Ihnen nicht an einen Tisch. Jetzt würde
mich interessieren: Warum wollten Sie eigentlich hierhin? Sie
könnten doch zu der Einsicht kommen, der späten, ich habe furcht-
bar viel Mist gebaut. Und jetzt sagen Sie mal, statt 30 Jahre
Mist reden, gehen Sie mal für 10 Jahre in ein Trappisten-Kloster.
Wie wär' denn das?" (Otto Schily)
Sind Schily, Töpfer, Rudolf und all die anderen vielleicht nicht
gekommen: Ganz zu schweigen von dem "Mist", den sie seit mehr als
30 Jahren "bauen". Wie "merkwürdig", also entlarvend, daß das
auch Schnitzler getan hat! Nun sitzen sie da in einer Runde, auf-
gefordert zum Talk. Und schon wieder beweist der Mann vom
"Schwarzen Kanal", wie ignorant, instinkt- und taktlos seine
ebenso schwarze Seele ist. Er redet:
"Die Frage an Herrn von Schnitzler ist doch: Warum hat er das Be-
dürfnis zu reden, anstatt zu schweigen?" (Otto Schily)
"Sie haben 30 Jahre genug gesagt. " (Heidi Schüller)
"Wie wär's denn, daß Sie jetzt mal sagen: ich schweige lieber."
(Otto Schily)
Hätte es Schily und Schüller gefallen, wenn Schnitzler wie wei-
land der "Prinz von Homburg" im Sportstudio einfach und stur auf
Funkstille geschaltet hätte, kein Ton, kein Pieps, nur geguckt?
Nein, auch da sind Demokraten wieder sehr verlogen. Das war ja
der Knüller der Sendung, daß er k a m und auch noch naiv
glaubte, er wäre gefragt:
"Wollen wir uns nicht lieber darüber unterhalten, was ich sage?"
(von Schnitzler)
D i e s e Unsitte hat die westliche Öffentlichkeit in der Tat
längst abgelegt: Einen Streit um irgendeine Sache zu führen; ein
Argument inhaltlich zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn zu
widerlegen; überhaupt ein Interesse daran zu haben, Positionen
und Auffassungen nach ihren Gründen zu befragen usw. - das hat
sie schlicht nicht nötig. Insofern trennen Schnitzler und das
Fernsehgericht, dem er sich gegenüber sieht, wirklich Welten. Was
die Verrohung des Geistes betrifft, hat der angebliche Unhold
einfach nichts Gleichwertiges zu bieten. Bei aller Kritik, die
wir an ihm hätten, ein sympathischer Zug.
Den dritten und praktisch eindrucksvollsten Beweis, daß Schnitz-
ler jedes Recht auf Gehör verwirkt hat, liefern die Talkies von
SAT 1 und ihre ehrenwerten Gäste lieber selber ab: Sie lassen ihn
einfach n i c h t zu Wort kommen:
"Lassen Sie mich doch mal ausreden, verdammt noch mal. Ich bin
kein Krenz und Sie nicht Pleitgen. Wenn Herr Krenz sich das ge-
fallen läßt, sich von Pleitgen dauernd unterbrechen zu lassen,
ich lasse es mir nicht gefallen." (von Schnitzler)
Der formelle Widerstand nützt Schnitzler gar nichts. In einer
Runde, die den Geist dieser Republik exakt "widerspiegelt"; die
sich an demokratischen Idealen der Meinungsfreiheit etc. nicht
mehr blamieren läßt, weil sie die auf ihren harten Begriff
bringt; in dieser Runde hat der Kommunist von drüben keine
Chance:
"Da müssen Sie sich bei mir mal an anderes gewöhnen. Wir konnten
Sie 30 Jahre nicht unterbrechen. Und Sie werden sich daran gewöh-
nen müssen, daß, wenn Sie Lügen und Unverschämtheiten sagen, Sie
sofort unterbrochen werden." (Reginald Rudolf)
Ums Unterbrechen in dem Sinne geht es natürlich nicht. Da hätte
die "Bild"-Zeitung Schwierigkeiten mit ihrem Umbruch, wie
Schnitzler zurecht bemerkt. Stellvertretend für alle anderen
wollte Reginald R. aber bemerken, daß der finstere Gast l ü g t,
w a n n i m m e r er den Mund aufmacht, weil er es grundsätz-
lich für eine "Unverschämtheit" hält, wenn Kommunisten was sagen.
Was liegt näher als die Konsequenz, endlich die Randale im Fern-
sehen zu provozieren. Alle Gesichtspunkte des bürgerlichen An-
stands und der gängigen demokratischen Heuchelei haben ausge-
dient; Tumulte im Maritim SAT 1-Studio. Das Publikum wird
f r e i g e l a s s e n zum unverhüllten Haß gegen den
"Überraschungsgast", so daß sich am Ende das Resümee von Fabian -
"es hat sich ausgeschnitzlert" - fast wie ein Akt friedlicher
Versöhnung ausnimmt: Immerhin durfte er das Studio als freier
Mann verlassen.
P.S. Die"Süddeutsche Zeitung" gibt am Tag darauf einen Kommentar
zur Sendung heraus. Tenor: Eine Gelegenheit verpaßt, Schnitzler
gekonnt = mit Niveau zu erledigen. Feine Kritik! Die gleiche Ab-
sicht und Tour, nur raffinierter. Etwa so, wie ein liberales
Weltblatt in seinem "Streiflicht" dagegen polemisiert, daß das
Satiremagazin "Titanic" Schnitzler als Gastschreiber zu Wort kom-
men läßt.
Das "Neue Deutschland" nimmt ebenfalls Stellung, im Geiste der
"Erneuerung": Wer Schnitzler zu Wort kommen läßt, schadet der
DDR!
Deutschland kommt sich offenbar immer näher.
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