Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TV - Was das Volk aufregt
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Kabelfernsehen
VOLKSEMPFÄNGER AUF ALLEN KANÄLEN
Die "Verkabelung der Republik", das war einerseits ein Wahlver-
sprechen der "Wende"-Parteien, andererseits ein sozialdemokrati-
sches Schimpfwort für das ehrgeizige medienpolitische Zu-
kunftsprojekt des Postministers Schwarz-Schilling (CDU). Es geht
also um mehr als um die Alternative Kupferdraht oder Glasfaser:
So hehre demokratische Güter wie Meinungsfreiheit und Pluralismus
sollen auf dem Spiel stehen.
Demokraten - und nicht nur sie - sind sich einig in dem Glauben,
daß die Medien eine Macht, ja die moderne Macht schlechthin
seien:
"Jedes Fernsehbild multipliziert sich in Millionen Augen, vermit-
telt gemeinsames Sehen, gemeinsames Wissen und gemeinsames Be-
wußtsein. Welch ungeheure Möglichkeiten der Informations- und
Meinungsvermittlung - praktisch alle Gegenstände der Natur und
der menschlichen Existenz umfassend -, der Unterhaltung, der Be-
lehrung und Unterrichtung... Diesen ans Wundersame grenzenden
Möglichkeiten entspricht auf der anderen Seite die Dimension der
Gefahr, welche dieses Medium, wenn es in verantwortungslose Hände
gerät, zu verbreiten in der Lage ist." (Schwarz-Schilling, 1976)
Daß das millionenfach verbreitete Bild auch gleich das Bewußtsein
von Millionen sein soll, ist allerdings schon wundersam.
Auch das Fernsehen ist kein Nürnberger Trichter, der es erlaubte,
die Köpfe ganz unmittelbar und ohne Bemühung des Verstandes mit
Inhalt zu füllen. Vielmehr handelt es sich hier wie bei anderen
Formen der Mitteilung darum, Gedanken zu präsentieren, die der
Zuschauer sich auf die einzige ihm mögliche Weise zu eigen macht
oder nicht, nämlich indem er selber denkt. Und manch einer der
"passiven Konsumenten" zieht dabei den vom Programmdirektor gar
nicht gemeinten Schluß, vor der Glotze einzuschlafen.
Macht und Medien
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Eine bodenlose Verharmlosung ist diese Vorstellung von der Macht
der Medien, weil sie die realen Mächte ignoriert, die das Tun und
Lassen der Bürger bestimmen. Als ob nicht erst die Gewalt des
Rechtsstaats für geordnete Verhältnisse sorgt, wird es hier für
die allergemütlichste Selbstverständlichkeit ausgegeben, daß die
Massen zu Nutz und Frommen fremden Eigentums arbeiten gehen, ein-
kaufen, Steuern zahlen, Wehrdienst leisten und sich als Wähler
noch darum kümmern, daß sie ordentlich beherrscht werden. Aber
wenn ihnen dann auf der Mattscheibe Waschmittel und Politikerper-
sönlichkeiten offeriert werden, dann fällt niemandem auf, was und
wie wenig einem modernen Menschen zur Entscheidung überlassen
bleibt, sondern ausgerechnet dafür gibt es den Verdacht, daß eine
ganz besonders heimtückische Gewaltanwendung vorläge.
Einen maßlosen Anspruch erhebt die Vorstellung von der Medien-
macht, weil sie auch noch das Bedürfnis nach feierabendlicher Un-
terhaltung und Information in Beschlag zu nehmen sucht, das zu
der praktizierten Dienstbarkeit der Massen dazugehört. Das Ideal,
demzuliebe noch jeder Medienforscher die Funkkanäle gleich bis in
die Hirne hineinreichen sieht, heißt unverhohlen Indoktrination.
Diesen Befund, wenn er denn einer wäre, kommentiert ein demokra-
tischer Politiker nicht mit Abscheu, sondern entnimmt ihm die
Aufgabe, die geistige Führung des Volkes in die eigenen verant-
wortungsvollen Hände zu legen.
Funk und FdGO
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Die demokratische Rundfunkfreiheit ist die Anwendung dieses Pro-
pagandaministerstandpunktes. Mit dem einschlägigen Grundrecht aus
Artikel 5 GG wird nicht ein munterer Umgang der Bürger mit Sende-
masten und Ätherwellen zugelassen (solche Dinge sind ohnehin
Staatsmonopol und Gegenstand anderer Gesetze), sondern ganz im
Gegenteil festgelegt, was das Volk wie zu hören und zu sehen
kriegt, nämlich etwas Demokratisches. Den Anfang mit dieser
v o r g e f ü h r t e n F r e i h e i t machten hierzulande die
Besatzungsmächte, indem sie die vorhandenen Volksempfänger für
das neue Thema umfunktionierten, nämlich ein Rundfunkwesen ent-
warfen,
"das als wirksames Hilfsmittel eingesetzt werden kann, um bei der
Bevölkerung Verständnis für den Wert der Kritik, der freien Rede
und des Aufeinanderprallens verschiedener Meinungen in einer De-
mokratiegesellschaft hervorzurufen." (Britische Militärregierung,
1948)
Diese Umerziehungsabsicht bescherte der jungen Demokratie nicht
nur "öffentlichrechtliche Anstalten", die ganz im Sinne der Ideo-
logie von der vierten Gewalt erfunden waren, und damit die dau-
ernde Auseinandersetzung der Parteien um Ausgewogenheit und Pro-
porz, Stellenbesetzungen und Sendeminuten. Sondern auch den von
Adenauer bereits vor 1948 ins Leben gesetzten Vorwurf, daß der
als Rundfunk institutionalisierte Meinungsstreit per se eine ein-
zige Einseitigkeit sei. Denn in dem Umstand, daß das kommentie-
rende Hin- und Herwenden politischer Maßnahmen die Harmonie von
Staat und Bürgern auch immer zum Problem macht, statt sie als
selbstverständlich gegeben darzustellen, sahen und sehen die C-
Parteien eine Förderung sozialdemokratischer Ideologie. Rundfunk-
freiheit bedeutete für sie deshalb die Erlaubnis privater Pro-
grammgestaltung, eine Freiheit, zu deren Realisierung sie sich
insbesondere ein Gemeinschaftsunternehmen von CDU-Regierung und
einschlägig interessiertem Kapital (Adenauers "Deutschland-
fernsehen GmbH") einfallen ließen. Umgekehrt beharrte die SPD
darauf, daß Rundfunkfreiheit als Privileg des Staates zu
interpretieren sei, denn diese Partei weiß, welche Vorteile ihr
aus ständiger, öffentlich-rechtlicher Willensbildung erwachsen.
Zumindest weiß sie aber eines: daß sich kommerzielle Gesichts-
punkte mit diesen Vorteilen kaum vertragen. Es ist nämlich etwas
anderes, mit Unterhaltung auf Werbeeinnahmen und banalen Nationa-
lismus zu spekulieren, als mit ständigen Appellen an den
"mündigen Bürger" die politische Parteinahme zu beeinflussen.
Funk und Kommerz
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Mit dem jetzt in ersten Versuchen anlaufenden Privatfernsehen de-
finiert der Staat die Rundfunkfreiheit neu: als eine weitere
Freiheit des Eigentums. Bei diesem Fortschritt der Demokratie
geht es darum, dem Kapital eine Betätigungssphäre zu erschlies-
sen, für die es bislang nur als Zulieferer in Frage kam. Und weil
diese Zurücknahme des staatlichen Monopols den Geschäftserfolg
der Interessenten will, beschränkt sich das Erschließungswerk
nicht auf den Abbau der vorhandenen gesetzlichen Hemmnisse, son-
dern sucht vor allem in einschlägigen öffentlichen Investitionen
dem neuen Wirtschaftszweig den Weg zu ebnen.
Aber bei diesem Beispiel staatlicher Wirtschaftsförderung sind
sich die Politiker zu gleich sicher, daß ihr angeborenes Recht
auf die Betreuung des Bürgerverstandes nicht zu kurz kommt,
sondern auf angemessene und zeitgemäße Weise exekutiert wird. Sie
sind sich dessen sicher, offenbar obwohl oder richtiger weil von
vom herein feststeht, was das kommerziell Fernsehen seinen
Zuschauern bieten wird. Es wird sie nämlich weniger mit Politik
und Kulturmagazinen langweilen als mit XY-Zimmermann und
richtigen Krimiserien, Talkshows und Rätselstunden unterhalten.
Und daß zwischen Unterhaltung und Politisierung kein Gegensatz
besteht, dafür gibt es nicht nur massenhaft Beispiele von der
heimischen Bildzeitung bis zur amerikanischen live-Übertragung
der Hinrichtungen von Bösewichten, sondern auch das Zeugnis des
weltweit am meisten geschätzten Medienexperten:
"Es geht nicht so sehr darum, ein schweres und ernstes Programm,
das am Ende nur ein Bruchteil des Volkes erfassen kann, zu sen-
den, sondern vielmehr darum, den breiten Millionenmassen unseres
Volkes in ihrem schweren Daseinskampf so viel wie möglich Ent-
spannung, Unterhaltung, Erhebung und Erbauung zu vermitteln."
(Goebbels)
Wenn der Staat also jetzt das seiner Einschätzung nach wichtigste
Instrument der Volkserziehung an das freie Unternehmertum ab-
tritt, damit ein Geschäft daraus wird, dann ist er anders als die
damaligen Besatzungsmächte der Ansicht, daß seine Massen schon
ziemlich richtig liegen in dem, was sie ohnehin tagtäglich tun
und denken, und deshalb die zugehörige Moral auch als Vergnügen
genießen dürfen. Und speziell dazu, daß sein eigener demokrati-
scher Zirkus auch einen hervorragenden Programmpunkt in der Kon-
kurrenz um Einschaltquoten abgibt, hat er es, nicht zuletzt dank
seiner bisherigen Medienpolitik, längst gebracht: nichts ist in-
teressanter als die Frage, ob Strauß nach Bonn kommt, Wörner ge-
hen muß oder Willi Brandt den Helmut Schmidt eigentlich mag. Für
alle Fälle ist mit einer Reihe von BVG-Urteilen dafür vorgesorgt,
daß im neuen Fernsehen keine staatstragende Kraft zu kurz kommt -
man darf also eine muntere Fortsetzung des alten Streits um Aus-
gewogenheit auch hier erwarten.
So furchtbar weh scheint diese Wende in der Medienpolitik den So-
zialdemokraten nicht zu tun; sie warten mit dem einer Opposition
gut anstehenden Argument auf, daß die Sache ohnehin kommt. Obwohl
sie gerade in diesem Fall die Regierungspläne stören könnten,
weil die Rundfunkhoheit bei den Ländern liegt, rechnen sie es
sich als Verdienst um die Nation (und die vergnügungssüchtigen
Wähler) an, dieses eben nicht zu tun, sondern sich aus vollem
Herzen den "Problemen" zu widmen, die die "Entwicklung" zum Pri-
vatfernsehen mit sich bringt. Das geht z.B. so: War bisher der
öffentliche Rundfunk das letzte Bollwerk des Verstaatlichungsge-
dankens in der SPD, so lautet der Beschluß jetzt, daß das kommer-
zielle Fernsehen als garantiert nationale Veranstaltung her muß.
"Wir müssen verhindern, daß in den nächsten Jahren unsere großen
Medienkonzerne gemeinsam mit internationalen Medienmultis über
einen österreichischen oder luxemburgischen Satelliten unser
Rundfunkwesen fremdkommerzialisieren." (Glotz)
Also schnell verkabeln, bevor die lieben Mitbürger Antennen an-
schaffen, mit denen sie sich ihr Dallas bei fremdländischen Sa-
telliten abholen können. Politiker können es nämlich nicht las-
sen: daß die Massen wenigstens beim Fernsehen ganz einfach ihren
eigenen Zwecken nachgehen, ist mit der neuen Rundfunkfreiheit
eben nicht gemeint.
Kleine Ökonomie des Fernsehkommerz
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Privates Fernsehen ist ein Geschäft. Besonderheit dieses Ge-
schäfts ist, daß es überhaupt erst läuft, wenn es schon sehr gut
läuft. Denn die Einnahmen werden mit Werbung gemacht, und Wer-
bung, die wenig Verbreitung fände, ist keine gute Werbung. Es
müssen also, und zwar von vornherein, Sendungen produziert wer-
den, die inhaltlich attraktiv und technisch vielen Leuten zugäng-
lich sind. Klotzen statt Kleckern ist das Gesetz der Branche, das
zwei Konsequenzen hat.
Erstens braucht es hier kapitalkräftige U n t e r n e h m e n s-
z u s a m m e n s c h l ü s s e, so daß die berühmte private
Vielfalt ökonomisch das Werk weniger ist und bleiben wird. (Auch
in den USA reduziert sich das bunte Bild auf ganze drei
Gesellschaften mit zahlreichen lokalen Töchtern.) Bei den
Elefantenhochzeiten, die jetzt in deutschen Landen stattfinden,
spielen die Verleger die Hauptrolle, also die Kreise, aus denen
schon immer die Klage kam, daß die Elektronik dem "gedruckten
Wort" den Garaus mache. Jetzt finden all diese Kulturträger, daß
sie nicht nur genügend Kapital akkumuliert haben, sondern auch
mit ihrem know-how, ihren Mitarbeiterstäben, Lizenzrechten etc.
pp. genau die richtigen Voraussetzungen mitbringen, um das
Fernsehen in eigener Regie zu übernehmen. Übrigens wird auch
umgekehrt ein Profitchen daraus. Denn ein Lieblingsthema des ge-
druckten Worts ist heute die Mattscheibe, vom Wegweiser durchs
Programm bis zum Privatleben seiner Helden.
Zweitens wird das Geschäft mit dem Fernsehen erst eines, wenn die
nötigen technischen Voraussetzungen, insbesondere die die Knapp-
heit an Sendefrequenzen überwindenden Kabel, nicht aus entspre-
chend gigantischen Vorschüssen der Mediengewinnler in spe be-
stritten werden, sondern als "G e m e i n s c h a f t s w e r k"
auf die Welt bzw. unter die Erde kommen. "Eine Jahrhundertaufgabe
wie der Eisenbahnbau" - mit dem kleinen Zusatz, daß sie möglichst
Ruck-Zuck in einem Umfang zu lösen ist, der rentablen Gebrauch
erlaubt. Wenn der Staat sich also seine Postuniform anzieht, um
die fälligen Vorleistungen zu erbringen, so ist von vornherein
klar, daß diese kein Geschäft sind, wenn sie auch ihrerseits wie-
der andere Geschäfte, diesmal für Elektrofirmen und Bauunterneh-
mer, nach sich ziehen. Etwaige Gebühreneinnahmen stehen in den
Sternen, und wenn die Post versucht, sich für einen Bruchteil ih-
rer Unkosten bei Hausbesitzern und Mietern zu entschädigen, so
handelt es sich um einen politischen, d.h. willkürlich festge-
setzten Preis: Wegen der gebotenen Eile ergibt sich hier das
schöne, Volkswirte aufgepaßt!, Optimierungsproblem, den Kunden
möglichst wenig zu belasten (damit er schnell zugreift) und mög-
lichst hoch zu belasten (um den Postetat zu stützen).
Die Debatte um den ökonomischen Aspekt des Privatfernsehens sub-
sumiert die Geschäfte, für die der Staat hier den Geburtshelfer
spielt, unter wahrhaft w e l t h i s t o r i s c h e P e r-
s p e k t i v e n d e s G e s c h ä f t s s c h l e c h t-
h i n. Werden die Weichen für den Weg in die I n f o r m a-
t i o n s g e s e l l s c h a f t richtig gestellt?, lautet die
heiße Frage, auf die man mit Kupfer oder mit Glasfaser antworten
muß. Wir machen den Anfang, sagt die Regierung, die für jährlich
eine Milliarde erst mal Kupfer verlegen will. Ihr blockiert die
Zukunft, sagt die Opposition, die für ungefähr die halbe Summe
dasselbe tat, als sie noch Regierung war. Natürlich geht es in
der öffentlichen Diskussion nicht um die technischen Meriten
verschiedener Sorten Draht, sondern um ihre Brauchbarkeit für
eine Ideologie. Diese besteht aus zwei Abteilungen. In der einen
kriegt auch noch die letzte Oma ein Terminal ans Bett gestellt,
von dem aus sie dann an den Börsen der Welt Monopoly spielen
kann. In der anderen besorgt der Wust aus Draht und Chips,
Satelliten und Computern einen mordsmäßigen Wirtschaftsaufschwung
(trotz der Oma). Wie man sich das zu denken hat, wird von obigem
Bild genauestens vorgeführt: die Wirtschaft ist eine Kurve, die
vom technischen Fortschritt regelmäßig nach oben gebogen wird.
Warum sie nicht einfach da oben bleibt, wo doch z.B. die
Elektrizität immer dieselbe ist, ist eine Frage, die genauso
unbeantwortet bleibt wie die politisch noch viel brennendere,
woran man eine echte Basisinnovation erkennt. Wir empfehlen
deshalb Regierung und Opposition, sich gar nicht erst die
diversen Kabel um die Ohren zu hauen, sondern der Graphik zu
entnehmen, daß es die Zeit sowieso alle fünfzig Jahre bringt, und
die kommt gratis und ganz von allein.
Fernsehkritik als Publikumsbeschimpfung
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Die größte und wichtigste Problemgruppe ist das Volk selber, was
es sinnigerweise auch noch weiß. Ungefähr so, wie im Kinderlied
die Wilden, wenn Kolumbus bei ihnen aufkreuzt, in den Ruf "Hurra,
wir sind entdeckt" ausbrechen, also sich vom Standpunkt der Welt-
geschichte aus beurteilen, so ist jedem Fernsehzuschauer der sei-
ner Praxis zuwiderlaufende Gedanke geläufig, daß Fernsehen schäd-
lich sei. Diesen Gedanken bringen die Politiker gerade jetzt zu
seiner größten Popularität, wo sie mit der Einführung des Privat-
fernsehens das praktische Urteil fällen, daß das Volk allerhand
vertragen kann.
Fernsehen - Opium fürs Volk?
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Bei dieser kritischen Begleitmusik geht es eben nicht um die
längst von oben entschiedene Frage, wie das Fernsehen aussehen
soll, sondern um die Proklamation des ganz prinzipiellen Verhält-
nisses, daß das Volk unmündig und die Politik zuständig sei. Und
deshalb macht es auch überhaupt nichts, daß all die kabelum-
strickten Laokoon-Gruppen und Menschlein mit viereckigem Fernseh-
gesicht, die heutzutage nicht nur im Rosenmontagszug, sondern in
jeder seriösen Zeitung mitmarschieren, auf ein Argument zurückzu-
führen sind, das einmal typisch für die linke Ecke der Nation
war. Das Argument nämlich, daß das Geschäft die guten Sitten ver-
dirbt.
"Man kann sich keinen Rasierapparat denken, der durch Konkurrenz-
druck so ausfiele, daß er dem Käufer mehr Schaden als Nutzen
brächte. Bei der Zeitung und beim Fernsehprogramm ist das denk-
bar. Und der Schaden vieler einzelner wäre ein gesellschaftli-
cher, also ein politischer Schaden." (Martin Walser)
Solchen Einlassungen zur Ökonomie ist eigentümlich, daß sie das
Geschäft nur nennen, um das Publikum zu beschimpfen: Die Konkur-
renz ist angeblich ein Mechanismus, dem Bedürfnis der Kunden Gel-
tung zu verschaffen, und da muß man dann unterscheiden. Der
Wunsch, anständig rasiert herumzulaufen, wird genehmigt, während
die kulturellen Neigungen der Massen die Intelligenz als freibe-
rufliche Staatschutzabteilung auf den Plan rufen.
Als erstes wird dem Fernsehen V o l k s v e r d u m m u n g
vorgeworfen. Bei dieser fiktiven Leistung der Mattscheibe ist das
Ärgernis natürlich nicht, daß die Massen wenig gelernt haben,
aber um so mehr malochen und entsprechend "niveaulosen" Vergnü-
gungen nachgehen, sondern daß der Unterschied zwischen studierten
und einfachen Menschen nicht zu einem totalen Sender-Empfänger-
Verhältnis ausgebaut ist. Zwar wird auch die "Bild-Zeitung" von
Intellektuellen gemacht, aber deren Erfolg beweist leider nur,
daß die Massen für den höheren Blödsinn kein Verständnis haben,
sondern auf die einfache Frage, wie es der Mensch mit seinem
Staat hält, ebenso einfache Antworten wünschen. Insbesondere die
Herren Künstler, die es zum Kriterium ihrer Leistung gemacht ha-
ben, vom herrschenden Geschmack und vom gesunden Menschenverstand
möglichst weit abzuweichen, haben das Problem, daß sie bei diesem
Geschmack und diesem Verstand auch nicht so recht ankommen.
Jugendschutz vor "Reizüberflutung"
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Die mangelnden ästhetischen Qualitäten des Fernsehens bestehen
denn auch vor allem darin, daß es welche hat. Die Medienkritiker
haben nichts gegen die Evergreens der Moral, also z.B. daß sich
der Anstand lohnt oder der Staat zur Zähmung von Unmenschen von-
nöten ist, sehr wohl aber sind sie mit deren erfolgreicher Bebil-
derung in der Massenkultur unzufrieden. Sie kritisieren hier das
"Erlebnis aus zweiter Hand" und die "Scheinwelt", gerade so, als
ob sich wegen der Filmschönheit Realitätsverluste in das Verhält-
nis von Pappi und Mutti einschlichen. Das Argument mit der
Scheinwelt wird aber sofort fallengelassen, sobald es in dieser
eher häßlich als schön zugeht. Angesichts diverser laufender
Kriege entdeckt man ausgerechnet in den Zombies auf der Matt-
scheibe die Realität der Gewalt, die es zu bekämpfen gilt. Die
Lust am Bösen, die ohne Moral nicht zu haben ist, bietet Gelegen-
heit für den allerschönsten Aufschwung der Moral, in dem insbe-
sondere der Staat, der seinen Nachwuchs beispielsweise im Nah-
kampf ausbildet, sich als die reine Antithese zum Bäucheauf-
schlitzen profiliert.
Die J u g e n d gilt bei all dem als besonders gefährdet. Die
an und für sich von jedem plärrenden Kind widerlegte Vorstellung,
daß es den lieben Kleinen noch an charakterlicher Festigkeit
fehle, speist sich aus dem Umstand, daß sie noch keine gebrauchs-
fähigen Staatsbürger sind, es aber werden sollen: Die staatliche
Bildungsabsicht übersetzt man sich in Bildsamkeit und ergo Offen-
heit auch für Einflüsse, die nicht gemeint waren. Die Klagen, die
etwa professionelle Pädagogen über das fernsehgetrübte kindliche
Weltbild führen, lösen sich allerdings in schöner Regelmäßigkeit
dahin auf, daß der junge Mensch ganz einfach mehr mitkriegt, als
es der geordneten Verblödung in der Schule lieb ist.
R e i z ü b e r f l u t u n g heißt es dann, wenn im Unterricht
auf einmal einer wissen will, ob der Martin Luther nun auch im
Wilden Westen oder bloß auf den Ritterburgen rumgesaust ist.
Der letzte Vorwurf an das Privatfernsehen lautet, daß sich die
Menschheit hinfort noch viel mehr von dem schlechten Zeug zu Ge-
müte führen wird. Dieser Vorwurf ist stark übertrieben, insofern
die Gelegenheit dazu sowieso in die engen Schranken eines Feier-
abends gebannt ist. Gemeint ist, daß auch die Freizeit ihre
Pflichten hat. Z.B. muß man ein Familienleben führen, was einiges
an Liebesmühe erfordert. Der Einfall, ein "Frühstücksfernsehen"
zu verbieten, malt sich gleich einen Termin für diese Veranstal-
tung aus: Da horcht der Vater beim ersten Toast auf die Sorgen
von Mutter und Kind und gibt beim zweiten seinen Tagesbefehl her-
aus. - Immerhin wird mit diesem letzten Vorwurf anerkannt, daß
das Fernsehen ein V e r g n ü g e n sein muß im Vergleich zu
allem anderen, was der Mensch sonst noch zu bewältigen hat. Des-
halb gibt es dann auch noch die Mahnung, den Kasten ganz einfach
mal so auszuschalten: Die moderne Moral fastet nicht mit Fisch am
Freitag, sondern mit toter Glotze an einem beliebigen Wochentag.
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