Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TV - Was das Volk aufregt
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Werner Höfers "Internationaler Frühschoppen"
EIN JOURNALIST AUS EINEM LAND
Zum 1500. Mal hat der "Internationale Frühschoppen" mittlerweile
stattgefunden. Aber nicht nur das. Außer Robert Lembkes "Was bin
ich?" hat nur dieses allsonntägliche Politspektakel seit Bestehen
des Fernsehens einen festen Platz im Programm der ARD. Während
jedoch der Erfolg des "heiteren Beruferatens " über die Trostlo-
sigkeit der geistigen Erholung und Unterhaltung von Leuten Aus-
kunft gibt, die sich am Feierabend entspannen müssen, damit sie
den Pflichten des Werktags ordentlich nachgehen können, sagt die
Institution Höfer als Paradejournalist der Nation darüber etwas
aus, wie es um den Geist derjenigen Individuen in unserer Gesell-
schaft bestellt ist, die ihren Lebensunterhalt durch den Einsatz
des für den Geist zuständigen Körperteils bestreiten können.
6 Journalisten aus 5 Ländern...
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sagen einander an einem eigens dafür konstruierten Nierentisch
wechselseitig ihre verschiedenen Standpunkte vor. Für Spannung
ist dadurch gesorgt, daß die anwesenden Figuren journalistische
Vertreter ihres Landes sind, die Parteilichkeit ihres Urteils
also eine ausgemachte Sache ist. Der Reiz der Sache freilich
liegt in den Bemühungen eines jeden, seine nationalistische Stel-
lungnahme als eine gänzlich überparteiliche Sicht der Dinge vor-
zuführen. Die Diskutantenrunde konkurriert darum, die jeweiligen
interessierten Urteile mit dem Schein zu versehen, sie seien ob-
jektiv und frei von jeglicher nationaler Voreingenommenheit zu-
stande gekommen. Es glänzt im Kreis der Diskutanten derjenige,
der die Pose der Kennerschaft durch irgendwelche Ausweise belegt,
die Macht belauscht zu haben und ihr besserwisserisch-besorgt
Ratschläge geben zu können. In der Tat ist damit ein Stich zu ma-
chen, daß "man gerade vom Brahmsee kommt", "schon 10 Jahre Korre-
spondent in diesem Land" ist, "von einer großen New Yorker, Pari-
ser etc. Zeitung" stammt, "erst letzte Woche am Schauplatz gewe-
sen" ist. Wenn all diese Dinge den Journalisten die respektvolle
Ankündigung "kompetente Gäste" eintragen, so verdienen sie diese
Bezeichnung offenbar dafür, daß sie zeitungsschreibende Liebhaber
der Macht sind, die die Taten des Imperialismus in erster Linie
hochinteressant finden.
...mit Werner Höfer als Gastgeber
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Der Garant dafür, daß diese intellektuelle Selbstbespiegelung im
Weltgeschehen dem richtigen Standpunkt folgt und immer zum kor-
rekten Ergebnis führt, ist jener deutsche Journalist, dem die At-
titüde des überparteilichen Moderators schon bis in die Physio-
gnomie und die Stimme hinein zur ersten Natur geworden ist. Sei-
nen "Kollegen" gegenüber denen er in aller Bescheidenheit ihre
Kompetenz bescheinigt, stellt er die Inkarnation unabhängigen und
überparteilichen Urteilens dar. Indem er seinen nationalen Stand-
punkt, als deutscher Moderator keinen nationalen Standpunkt zu
besitzen, ständig als den Maßstab für ein ernstzunehmendes Urteil
über die politischen Zustände demonstriert, sorgt er dafür, daß
die Vernunft letztendlich auch von denen repräsentiert wird,
denen sie schließlich zusteht, den Westlern.
- Beim Frühschoppen gibt es ein Besetzungsmuster: Es werden ein
bis zwei Vertreter der zur Debatte stehenden Weltgegend geladen,
ein Journalist, der auch aus dieser Ecke stammt, aber neutral ist
(und deshalb dafür da ist, den störenden Nationalismus der Be-
troffenen als Auch-Araber, Auch-Afrikaner etc. in die Schranken
zu weisen), und auf jeden Fall ein Ami und ein Deutscher. So sehr
dieses Auswahlprinzip von dem Gedanken lebt, daß es sich für eine
Diskussion gut macht, wenn Betroffene selbst ihre Einschätzung
der Lage unter einem allgemeinen weltpolitischen Gesichtspunkt
abliefern, so wenig verläßt sich Höfer darauf, daß sie ohne wei-
teres als Material taugen, die Überlegenheit einer supranationa-
len Sichtweise vom deutschen Standpunkt aus zur Schau stellen.
Bei der Vorstellung der Typen wird daher auch gleich immer klar-
gestellt, was man von ihren weiteren Auskünften zu halten hat: Da
langt der Hinweis, daß die einen mehr Vertreter ihres Staates
sind ("Sie sind Iraner etc. ...") und die anderen mehr journali-
stische Absichten haben, also eher richtig liegen ("Wenn man
weiß, daß Sie von Reader's Digest kommen, diesem Elefanten unter
den Magazinen, kann man sich die beträchtliche Erfahrung ausma-
len, die Sie haben." ). Und überhaupt scheint die Betroffenheit
der deutschen und amerikanischen Nation von prinzipiell allen Ge-
schehnissen auf dem Erdball eine vollkommen selbstverständliche
Angelegenheit zu sein, was ihnen den ganz linken und ganz rechten
Stuhl am Tisch auf Dauer eingebracht hat. Es wäre ja auch zu
blöd, einen Journalisten aus Surinam (sofern auffindbar) darüber
sich den Kopf zerbrechen zu lassen, was gerade in den USA, der
BRD oder Europa im Gange ist - da fehlt ja von Haus aus durch die
Tatsache, daß sein Staat nichts anderes ist als Objekt des Um-
gangs seitens der Supermächte mit ihm, jede Grundlage für die er-
wünschte Kompetenz.
- Die Bewunderung der "psychischen und geistigen Integrität"
(Westdeutsche Allgemeine Zeitung) des Herrn Höfer verdankt sich
der Kunst, die verschiedenen Standpunkte der Diskussion so ins
Spiel zu bringen, daß ihre Vereinnahmung für die eigene
(supra-)nationale = vernünftige Sichtweise der Dinge klappt. Da
sind zum einen die Fragestellungen, mit denen er die Journalisten
aufruft und die schon klarstellen, was man von ihnen gern für
Auskünfte erteilt bekommen möchte. Fragen und Aufforderungen an
Russen ("Was will der russische Bär in Afghanistan?"), zu Olympia
("Jetzt kommen Sie mir bloß nicht mit dem Bla-Bla vom Frieden!")
und an 3.-Welt-Hänger (zu zwei Türken: "Ihr Land ist ein Faß ohne
Boden. Sollen wir uns das auf die Dauer leisten?") stellen an die
so Angesprochenen das Verlangen, entweder so zu antworten, daß
sie aufhören für ihre Nation zu argumentieren, oder sich zu bla-
mieren. Ein Iraner und ein Iraker, die sich über der Frage inein-
ander verbeißen, wer denn nun den Golfkrieg letztlich angefangen
hätte, müssen sich von Höfer, nachdem sie eine Weile zur belusti-
genden Vorführung getaugt haben, Nachhilfeunterricht in Sachen
Diskussionsfähigkeit erteilen lassen: "Sie können das hier nicht
monopolisieren, dafür müssen Sie schon Verständnis haben." Und
wenn sich ein Ausländer partout nicht an die Regel halten will,
sich zum Beleg für die eigene Borniertheit und die vernünftige
Weitsicht des Herrn Höfer zu machen, wird er auch mal - ganz im
Sinne der "Fairneß", die im "Frühschoppen" herrscht - als noch
nicht ganz trocken hinter den Ohren beschimpft: "Sie können mir
nur leid tun, wenn Sie das nicht anders sehen können!"
Gegenüber diesen Unverschämtheiten, die denjenigen 'Kollegen'
gelten, die man als journalistische Vertreter eines bloß nationa-
len Standpunkts der Unvernunft, Nichtinformiertheit, Kurzsichtig-
keit und ähnlichen Tugenden bezichtigen will, nimmt sich Höfers
Auftreten seinen westlichen Mitdiskutanten gegenüber sehr lie-
benswürdig aus. Undenkbar, daß sich ein Ami, Deutscher oder Fran-
zose solche Ungehobeltheiten anhören müßte. Die Fragen an sie
präsentiert der Moderator gleich im Stile desjenigen, der sich
der prinzipiellen Übereinstimmung in den Ansichten gewiß sein
kann, wenn es gegen den Ostblock, Entwicklungsländer u.a. geht.
Einem als "Vertreter einer alten Kolonialmacht" vorgestellten
Engländer wird sein "Bla-Bla über den Frieden" wohlwollend abge-
nommen. Die permanente Anrufung westlicher Figuren als Ober-
Schiedsrichter von Auseinandersetzungen ("Sie wollten den ausge-
brochenen Streit gerade schlichten?!") ist nicht das peinliche
Eingeständnis, daß man außer einer festgefügten (Über-)Partei-
lichkeit nichts zu bieten hat, sondern ein Indiz für das
schwierige Bemühen um Sachlichkeit. Die platte Kumpanei mit Amis
und Deutschen gegen die übrigen - falls diese einen störenden
Gesichtspunkt in die Debatte werfen sollten - ("Lassen Sie uns
mit mitteleuropäischer und amerikanischer Gelassenheit mal sehen,
was von dem, was die anderen Kollegen gerade gesagt haben,
stimmt.") ist nicht als unverschämte und selbstgerechte Zensur
aufzufassen, sondern als das souveräne Urteil über ihre Staaten
vom Standpunkt der Meinung, die ihre Gelassenheit aus der realen
Macht in der Welt bezieht, die sie als herrschende Meinung reprä-
sentiert.
- So ein Frühschoppen wäre nicht komplett, wenn Höfer persönlich
nicht regelmäßig in seinem Schlußwort zum Ausdruck bringen würde,
für wie bewunderungswürdig er sich als spiritus rector seiner
Sendung hält. Schließlich beweist sie von Woche zu Woche neu, wie
schwer es sich sein Berufsstand macht, in der Pose des um den
Gang der Weltenläufte besorgten, problembewußten Intellekts Ver-
ständnis für die politischen Untaten der eigenen Macher und Un-
verständnis für feindliche Führer aufzubringen. Die Geschmacklo-
sigkeit und der Zynismus, nach einer solchen "nüchternen" Begut-
achtung imperialistischer Politik und ihrer Hintergründe ein-
schließlich der Opfer mit einem Gläschen Wein auf sich und die
Politiker anzustoßen, zeigt nur, auf welch geistige Souveränität
ein Journalist - und ein deutscher zumal - stolz zu sein in der
Lage ist: "Ein Prosit auf die Vernunft!"
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