Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TAZ - Der Spiegel der Szene


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       Die guten Deutschen von der Taz
       

KRITIK AM STAATSTERROR ISRAELS = ANTISEMITISMUS

Palästiner in den von Israel seit 1967 besetzten Gebieten werfen Steine und streiken mit geschlossenen Geschäften. Israel geht da- gegen mit Knüppeln, Knochenbrechen und scharfer Munition vor. Das seit Monaten. Täglich wird die Zahl der hinzugekommenen Leichen addiert und der Öffentlichkeit vermeldet. Die Gebiete werden ab- geriebelt und nicht nur Verteidigungsminister Rabin bekennt sich offensiv zum Vorgehen Israels: "Die erste Priorität ist die Anwendung von Gewalt, Kraft und Prü- gel." Vor knapp einem Jahr hat die Marxistische Gruppe deutsch-israeli- schen Staatsfreundschaftsfeiern als verlogenes Versöhnungstheater kritisiert, weil sich weder die Gründung des Staates Israel und seine Politik, noch die Interessen der NATO-Staaten an ihrem nahöstlichen Vasallen darauf gründen, den Opfern der nationalso- zialistischen Herrschaft zukünftiges Leid zu ersparen. Damals wa- ren sich von "Arbeiterkampf" über TAZ bis RCDS alle einig, daß Kritik am staatlichen Terror Israels zu unterbleiben hat, es sei dem sie trägt sich mit deutschnationalem Verständnis für eben diese Politik vor. Gegen eine kritische Beurteilung, die sich nicht auf diesen Maßstab verpflichten wollte, machte umgehend der Vorwurf des Antisemitismus die Runde. Jetzt, wo Israel zu seiner 40jährigen Staatsgründung nicht das erste Mal vorführt, daß Friede für diesen Staat mit einem Kriegsprogramm gegen die Palä- stiner zusammenfällt, weiß die kritische bundesdeutsche Öffent- lichkeit wieder einmal, w a s sie zum Gegenstand ihres Ärgers erklärt: nicht etwa Pro und Zweck des israelischen Staatswesens samt seiner imperialistischen Unterstützerstaaten - nein, die Kritiker werden nach derselben Logik als Antisemiten verurteilt. Die Taz läßt sich nicht lumpen, wenn es um die selbstauferlegte Verantwortung geht, Meinungsbildner und -sortierer zu sein. Ihr letztes Glanzstück absolvierte sie im Kommentar zu Palästina- demonstrationen in Hamburg und Bremen. Die Teilnehmer einer Pro- testdemonstration gegen den Staatsterror Israels gehören laut Taz nicht mehr zur "scene". Ihr Vergehen: "Kommentar Unentschuldbar: 43 Jahre nach Ende des Faschismus skandieren etliche Demonstran- tInnen: "Jagt die Zionisten aus dem Land" - "Boykottiert israeli- sche Produkte". Unbedarft geben diese BremerInnen darüber hinweg, daß die Parolen in dieser Stadt vor 50 Jahren schon einmal ge- fährlich ähnlich klangen: "Juden raus" - "Kauft nicht bei Juden". Die "Gnade der späten Geburt" können diese DemonstrantInnen geanusowenig in Anspruch nehmen wie Helmut Kohl. Barbara Debus" Der Kommentar ist eine Sauerei. Hier wird der Verdacht ausge- streut, die Demonstranten hätten dem Antisemitismus das Wort ge- redet, eines der schlimmsten moralischen Vergehen, insofern sich ein Deutscher dessen in den Augen der Taz schuldig macht. Absurd und perfide, weil die Kritik an der Opferproduktion durch Israel wider besseres Wissen mit einer nachträglichen Gutheißung des fa- schistischen Holocaust gleichgesetzt wird. Oder kann sich die Taz selbst keine andere Kritik an den Juden-Verfolgungen durch die Nazis vorstellen, als daß damit diese ja wohl ein Recht auf Aus- übung von ganz viel Gewalt durch einen eigenen Staat sich ver- dient hätten? Dabei ist auch dieser Zeitung nicht entgangen, daß sich die zitierten Parolen gegen den israelischen S t a a t richten und nicht gegen den Gemüsehändler an der nächsten Ecke, der zufällig jüdischen Glaubens ist. Der Einspruch gegen das von Israel praktizierte Programm gegenüber den Palästinensern, ihre staatsoffizielle Erklärung zu N i c h t-Juden, die dem israeli- schen Staat und seinem grenzüberschreitenden "Sicherheitsbe- dürfnis" im Wege stehen und mit regelmäßigem Terror und KZs befriedet werden, ist der Sache nach ja nun wirklich nicht zu verwechseln mit einer Parteinahme für einen p o l i t i- s c h e n R a s s i s m u s à la Drittes Reich. Die Taz schafft diese Verwechslung locker. Für sie ist eine Kritik am Staat identisch mit der der M e n s c h e n, die er beherrscht. Diese Schreiberlinge müssen sich also offenbar selbst schwer i d e n t i f i z i e r e n mit ihrem demokratisch-antifaschi- stischen Deutschland und eine Nation für den Gipfel der Mensch- lichkeit halten. Der Kommentar ist geständig. "Gefährlich ä h n l i c h" klingen in den Ohren der Taz-Journalisten die Parolen "Boykottiert is- raelische Produkte" und "Kauft nicht bei Juden" deshalb, weil dieser Gewissenswurm beim Stichwort Israel nicht an das denkt, was Israel i s t - ein Staat, der dank ökonomischer und militä- rischer Zuwendungen seitens der USA und nicht zuletzt der BRD als Ordnungsmacht im Nahen Osten existiert und den arabischen Staaten so manche bittere "Lektion" erteilt hat. Einer Taz-Journalistin fällt beim Thema Israel sofort was ganz anderes ein. Sie besinnt sich umgehend darauf, voll und ganz ein deutscher Zeitgenosse zu sein, dem die Geschichte auferlegt, jede Kritik am Staat der Ju- den unbedingt zu vermeiden. Diese in der BRD gepflegte öffentli- che M o r a l legt die Taz wie selbstverständlich als Maßstab an jedwede kritische Äußerung in Sachen Israel an. Mit dieser Sichtweise wird aus der angemeldeten Gegnerschaft gegen den von Israel praktizierten politischen Rassismus ein Rückfall in den "Geist des Faschismus", hat der Kritiker es doch unterlassen, dem jüdischen Staat einschließlich seiner Machthaber die jüdischen KZ- Opfer des 3. Reichs als Ehrentitel anzurechnen. so, aber auch nur so, spricht eine demonstrierte Gegnerschaft gegen den Terror Israels quasi automatisch gegen die Kritiker. Nicht etwa, weil sie falsche Argumente benutzen. Das "unglaubliche" Vergehen der Demonstranten besteht darin, daß sie es an der nötigen Sensibili- tät haben fehlen lassen, ihre Parolen daraufhin zu überprüfen, ob sich in ihnen auch der gute = antifaschistische Deutsche ankün- digt. So wird Kritik angedeutet, um sie mit der Berufung auf die moralische Generalamnestie für Israel gleich wieder zu erledigen. Mit dem guten Gewissen von Leuten, die ihr Kritikverbot auch noch als Antifaschismus ausgeben. Die hier von der Taz-"Antifaschismus" eingeklagte Einstellung zum Staate Israel zeichnet sich der Sache nach durch eine p a t r i o t i s c h e I d i o t i e aus: * Wieso sollen dem eigentlich die Pogrome der Nazis gegen die Ju- den einen fortdauernden Rechtsanspruch des zionistischen Staates auf eine gute Meinung deutscher Staatsbürger über ihn begründen? Israel ist doch nicht gegründet worden mit dem Zweck, den überle- benden Opfern des Holocaust eine Wiedergutmachung für den Nazi- Terror zuteil werden zu lassen. Weil 6 Millionen Juden von den Nazis umgebracht wurden, soll man Herrschaft und Untertanen nicht mehr unterscheiden, "Staatsgewalt" mit "Heimstatt" und "Wiedergutmachung" verwechseln? Die brutale Lüge, ausgerechnet die Opfer s t a a t l i c h e r Gewalt würden dafür sprechen, daß eine eigene Staatsmacht samt ihren wehrhaften Mitteln dem Schutz ihrer Menschenleben diene - was man ja wohl besonders ein- drucksvoll an Israel studieren kann, das seine Juden von Anfang an als Kriegsvolk durchorganisiert hat, vom Soldaten bis zu den Wehrsiedlern - muß der Taz schon ziemlich einleuchten. * Die von der Taz eingeklagte "Verantwortung für die deutsche Vergangenheit", die sich jeder auf seine neudeutschen Schultern laden soll, ist auch nicht ohne. Soll man denn wirklich, weil man einen deutschen Paß hat und dem Zwangsverband BRD unterworfen ist, auch gleich wie eine lebendige Nationalflagge denken und fühlen?! Die eingeklagte Idiotie, sich reuevoll zur eigenen Nazi- vergangenheit zu bekennen, tut glatt so, als wäre Deutsch-Sein eine quasi natürlich Qualität und die jeweilige Staatsgewalt de- ren historisch variierender Überbau. So bejaht man nicht nur die prinzipiell Güte der eigenen Herrschaft, man nimmt auch noch die deutsche Nation vor Hitler in Schutz - so, als wäre letztendlich die das eigentliche Opfer von Auschwitz. Als würde ausgerechnet Kohl Israel deswegen unterstützen, um den Opfern des Faschismus eine "Heimstatt" zu verschaffen, die ihnen weitere Opfer erspart; als würde dieser nicht, genau wie sämtliche seiner Vorgänger, das wohlfeile Bekenntnis zur deutschen Schuld ablegen, weil sich da- mit so prächtig deutsch-imperialistische Einmischung in aller Welt mit dem Mantel einer zweifelsfreien Unschuld abwickeln läßt; als würde er nicht deswegen daneben bei Bedarf auf die "Gnade der späten Geburt" pochen, um damit diplomatisch das Recht der BRD auf Einmischung in Nah-Ost nicht nur über die Unterstützung Is- raels durchzuführen, sondern auch durch Leo-Lieferungen an Saudi- Arabien erweitern. Ignorant gegen diesen BRD-Imperialismus will man so tun, als wäre die Politik der BRD-Führer Ausfluß nationa- ler Reue So setzt man sich ihnen gegenüber ins moralische Recht. Gemessen an Kohl ist die Taz allemal der bessere Deutsche, wel- cher unverbrüchlich zur Schuld des Vorgängerstaates steht. Wo da noch Kritik aufkommt und zugelassen wird, gerät sie zur Apologie des israelischen Terrors: Für die Taz ist es sehr die Frage, "ob Israel es sich langfristig leisten kann, ausschließlich mit militärischen Mitteln für Ruhe und Ordnung zu sorgen." Es ist nämlich Apologie, den israelischen Umgang mit den Palästi- nensern - der von Existenzbestreitung bis Lagerhaltung und Exeku- tion recht -, so umzudrehen, - als fände Israel die von ihm ge- schaffene Lage als Problem von "Ruhe und Ordnung" vor. Damit wird Israel mit seiner brutalen Militär zum eigentlichen Betroffenen erklärt. Abgefeimt ist es, das "militärische" Vorgehen mit einem "bloß" zu versehen und daran die Effizienz zu vermissen. Als wenn ausgerechnet die auch von der Taz vemißte "politische Lösung" den Einsatz militärischer Mittel verabscheuen würde; als wenn ausge- rechnet die Stiftung von "Ruhe und Ordnung" durch die Staatsmacht eine friedliche Aktion ohne Gewalt wäre! Noch muß Israel fürch- ten, sich sein Vorgehen wegen der öffentlichen Moral nicht "leisten" zu können - wie wenig es sich um dieses Ansehen schert, haben die offensiven Bekenntnisse zur Auslöschung der PLO-Führer einmal mehr bewiesen -: wer wie die Taz noch jede Brutalität im Vorgehen Israels in anteilnehmende Sorge um Israel übersetzt, in dessen Augen kann Israel sich ja wohl durch nichts sein Ansehen verscherzen! Jede gewalttätige Aktion israelischer Staatsorgane ruft sofort lauter Warner auf den Plan - vor einer falschen Empörung. Und der Fehler besteht allemal darin, überhaupt Israel zu kritisieren ohne zugleich zu betonen, daß Israel irgendwo berechtigter- oder verständlicherweise auch darf, was es tut. So wird nahtlos jede Kritik des militanten Vorgehens auf Anteilnahme an Israel ver- pflichtet. *** Kritik an Israel - ja, aber... ------------------------------ "Wir treten nicht für die konkrete Politik Israels ein, sondern für das Selbstbestimmungsrecht einer jüdischen Nation... Unabhän- gig von Gründung und konkreter Politik des Staates Israel..." (Arbeiterkampf 3/88) Aus der isarelischen 40jahrigen Praxis bezieht diese Überzeugung vom eigentlich besseren Israel Belege nun wahrlich nicht - viel- mehr aus dem unverwüstlichen Standpunkt, daß man Israel wider alle Erfahrung wegen der deutschen Vergangenheit eine gute Ab- sicht zubilligen muß. Nicht, daß die Leute nicht wüßten, daß Israel n i c h t ihrer besseren Idee zuliebe gegründet worden ist - gegen den Vorwurf, sie ergriffen "für einen imperialistischen Staat Israel" Partei, verwahren sie sich entschieden - kennen also irgendwo die ganz anders geartete wirkliche Gründungs"idee" -, was sie nicht hin- dert, im Namen ihres erfundenen Grundes, "Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes" einzufordern, daß der ganz real existie- rende Staat Israel vor Kritik an seiner "konkreten" Politik vor allem von Linken geschützt zu werden hat. Sinn macht diese Gleichsetzung von Kritik am S t a a t Israel mit einer Infrage- stellung der Existenz seiner Untertanen nur, wenn die ehemaligen Bundkommunisten sich selbst Kritik am Zionistenstaat bloß als rassistische vorstellen können. Wie sonst kommt man auf die Idee, Zweck und Politik des Staates Israel irgendwie mit einer angebli- chen Identität von Juden begründet zu halten, so daß nur noch eine Alternative als zulässig gilt: Parteinahme für Israel oder Kritik = Absprechen der Existenz für seine Untertanen. zurück