Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TAZ - Der Spiegel der Szene
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Personenkult à la TAZ
HOFSCHRANZENTUM ALTERNATIV
Das hat gerade noch gefehlt. Klaus v. Dohnanyi tritt zurück - und
das Blatt der "Gegen"kultur, welches Kritik an den Charaktermas-
ken der Politik ohnehin schon immer mit durchblickerischer Di-
stanz zum Personenkult um diese verwechselt hat, gibt sich bass
fasziniert. Die Rede ist von der TAZ. Ihre Fasziniertheit gilt
einem Politiker, der "freiwillig" seinen "Sessel" räumt, durch
keinerlei Machenschaft gezwungen, mithin "ohne Not" abtritt. Für
das wohl barschelbadewannengeschädigte Blatt ist das offenbar ein
Novum, das quasi schlicht durch sein Stattfinden jegliche je da-
gewesene schlechte Meinung über die "Arroganz der Macht" und ihr
"verfallene" Politiker korrigiert. Personenkult ist auch und erst
recht in der TAZ angesagt. Daß dieser womöglich ehrlicher Bewun-
derung entspringt, macht dessen besondere Ärgerlichkeit aus.
1.
Der "freiwillige Rücktritt" veranlaßt die TAZ-Redaktion, ihre
kühl-kritische Skepsis gegenüber Machthabern, von ihr gerne
"Betonköpfe" genannt, gänzlich fahrenzulassen. Jahrelang hat sie
an den "Hamburger Verhältnissen" nicht ohne Häme auf das Stolpern
dieses "Taktikers" gewartet, nun rückt ausgerechnet diese Figur
samt ihrem edlen "Ausstiegsmotiv" die schlechte Meinung der TAZ
über die Politik(er) zurecht. Von ihrem Verdacht auf
"machtbesessene" Politik kann sich ein Dohnanyi, der nach zwan-
zigjähriger Machtausübung mit dem demonstrativen Selbstlob auf-
wartet, "auch ohne Macht leben zu können", glaubwürdig ausnehmen.
Und Praktiker, wie die Leute von der TAZ nun mal sind, setzen sie
diese neue "Einsicht" in gnadenlose Kumpanei mit dem Edelausstei-
ger um. Joviale Frage an den Ex-Chef von x-Räumungen, Hamburger
Kessel, und dergleichen T a t e n mehr:
"Schreiben Sie nun Kolumnen für die TAZ?"
Selbstverständlich weiß auch die TAZ darum, daß die
"Amtsmüdigkeit" des Herrn v. Dohnanyi zuallerletzt mit einer
(Selbst-)Kritik der politischen Taten zu verwechseln ist. Bloß,
das ist ohnehin nicht der Maßstab, an dem die TAZ diesen Herren
und dessen "Amtsmüdigkeit" mißt:
Interviewfrage der TAZ:
"Sie haben bei ihrer Rücktrittsankündigung gesagt, man solle auf-
hören, wenn die Politik einem weniger Spaß macht. Warum macht sie
überhaupt Spaß?" (TAZ, 13.5)
Jetzt, wo sich der Ex-Chef von Hamburg zu weniger Spaß bekennt,
da kann am Spaß "überhaupt" kein Fehl mehr sein. Absichtsvoll
vergessen ist in dieser Sponti-Schleimfrage, w o r a n hier ei-
ner, der Herr v. Dohnanyi nämlich, Spaß zu haben beansprucht. Ge-
rade der zweiflerische Tonfall, mit dem die TAZ-Redakteure dessen
Spaßkriterien hinterherkriechen, will schon gar keine Ahnung mehr
darüber aufkommen lassen, daß Amtsausübung immerhin einen Gegen-
satz zu den Regierten setzt, die sich mit den Entscheidungen der
Regierenden herumzuplagen haben - von Miete bis Getränkesteuer,
AKW bis Rationalisierungsmanagement wird diesen von der Politik
ja nun wirklich jeder Lebensumstand diktiert.
Dieser G e h a l t von Machtausübung - irrelevant. Relevant da-
gegen das V e r h ä l t n i s von Amtsinhaber und Macht - was
sich ja nie im ordinären Genuß, anderen vorzuschreiben wo's lang-
geht, erschöpfen kann.
"Am Schreibtisch sitzen und in einer wichtigen Sache - zack - den
Punkt gefunden zu haben." (so die Antwort des v. Dohnanyi)
Das leuchtet ja so ein. Nicht einmal die matte Erinnerung vom
"Schreibtischtäter" will ihr einfallen. Kritiklos nimmt die TAZ
dem Scheidenden ab, - sich hinter Politik eigentlich ein Kanon
von Ideen verberge, und die mit Rechtsgewalt ausgestatteten Be-
schlüsse eines Dohnanyi so etwas wie die geniale Lösung eines
hochkomplizerten Problems sind.
2.
Die TAZ kann nichts auseinanderhalten. Will es auch nicht. Den
freigeistigen Esprit, den sie für sich in Anschlag bringt, will
sie in einer Charaktermaske der Politik als womöglich verkannten
Politikcharakter wiederfinden. TAZ-Interviewerfrage:
"Haben die Abnutzungserscheinungen mit der Provinzialität und dem
Mangel an Souveränität der Hamburger zu tun? Daß man sich darüber
aufregt, daß zu einem von Ihnen genehmigten Fest zum 1. Mai ge-
klaute Bühnenbretter verwendet wurden, was auf jedem Dorffest
passiert."
Kaum klagt ein Politiker von "Abnutzungserscheinungen, dann fühlt
sich die TAZ tief in sie hinein. Ein Mann, der deswegen das Hand-
tuch wirft, der muß ja zwangsläufig gute Absichten gehabt haben,
so die ganze Politpsychologie. Der muß ja an Hindernissen ge-
scheitert sein - die die TAZ kongenial mit "Provinzlertum" und
"Mangel an Souveränität" benamst. Mitten in diesem Politkult,
ausgerechnet, kommt die TAZ, selbsternannter Anwalt der Betroffe-
nen, auf die Hafenstraße zu sprechen. An deren politischer Be-
handlung vermag sie keine Gewaltfrage mehr zu entdecken, weil sie
letztere längst schon in die herrschaftsinnige Frage von kleinka-
riertem oder weltmännischem Gebrauch von Law und Order übersetzt
hat.
Gemein ist der M a ß s t a b, mittels dem sich die TAZ weltmän-
nisch mit dem verehrten v. Dohnanyi im Reich der Politik zusam-
menfindet. Die tagtägliche Hetze, welche die Hafenstraße von
rechtsfanatischen Bürgern bis hin zu realen Vertretern der
Staatsmacht erfährt, trifft, recht eigentlich besehen, sowieso
nicht die, sondern den Bürgermeister, der ihre Befriedung zur
"Chefsache" gemacht hat - und dazu die Gnade besitzt, ihnen ein
Fest zu "genehmigen". Die eigentlichen Betroffenen der Hafenstra-
ßepolitik sind nicht jene, die sich mit Räumungsandrohungen und
Vertragskündigungen laufend erpressen lassen müssen - sondern je-
ner Visonär, der eben diese Erpressungsmittel als Befriedungs-
technik gebraucht. Und da weiß sich die TAZ in Solidargemein-
schaft mit v. Dohnanyi: nur hoffnungslose Spießer versagen diesem
gelungenen Umgang mit Störelementen, wie die TAZ sie nun selber
sieht, den Applaus. Daß ein Machthaber für dergleichen Befrie-
dungsstrategien zurecht Ehrfurcht beanspruchen darf und an deren
Fehlen sich "verschleißt", leuchtet der TAZ als der ideale Polit-
charakter komplett ein. Da ist kein "Betonkopf" am Werk.
3.
Ihre Nicht-Provinzialität beweist die TAZ auf ihre Art. Das Argu-
ment der "Provinzler", demzufolge sich alles Umspringen mit
"Randgruppen" allemal ganz "souverän" als H e r r s c h a f t s-
technik zu bewähren hat - das beherrscht sie, intimer Kenner der
Szene, allemal. In Kumpanei mit dem Machthaber, dem Unver-
standenen. Vertraulich stellt sie die Frage:
"Welcher Teufel hat Sie geritten, eine zugesagte Übergabe der
Pinnasberg-Häuser an ein Wohnprojekt zu stoppen, wohl wissend,
daß das in der Szene einen Vertrauensbruch bedeutet?"
Sie, die den "scheidenden Ersten Bürgermeister" gerade an und mit
der Hafenstraße als Inkorporation von neuen Ideen und guter Poli-
tik eingeführt hat, nichts ist ihr umgekehrt geläufiger, als daß
Politik letztlich doch was anderes ist als ein wohlkomponiertes
vertrauensvolles Gesamtkunstwerk. Zwar ist auch die Frage nach
dem "Risiko" eines "Vertrauensbruches" sachlich weltfremd - die
Emanzipation der Macht von der Zustimmung zu ihr wird ja durch
nichts schlagender klargestellt als durch die polizeiliche Räu-
mung der Pinnasberghäuser. Daß allerdings diese Harmonieidee
selbst nichts anderes als Mittel gelungener E i n s e i-
f e r e i ist, das gesteht sie aufgeklärt dem Macher v. Dohnanyi
zu. Eigentlich schade, daß v. Dohnanyi nicht TAZ-Kolumnist werden
will.
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