Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TAZ - Der Spiegel der Szene
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 48, 12.01.1982
Westdeutsche Linke als Scharfmacher der NATO:
HÄNDE RAN AN POLEN!
ist das gemeinsame Dach, unter dem sich die Linken guten Gewis-
sens mit dem Rest der Nation verumrnelt haben. N i c h t ge-
meint sind natürlich die Hände, die in und aus Polen gemacht ha-
ben, was die NATO zu ihrem abrufbereiten Weltkrisenherd erklärt:
die Hände deutscher Banker, der Bundesregierung und der NATO-Ge-
neralstäbler. Diese Wahrheit gilt heute auch unter Linken als
Weltfremdheit, so daß sich fragt, für welche Unverbesserlichen
die GIM auch noch den Slogan nachsattelt "SU - Hände weg von Po-
len!"
Dies ist in der Tat das identische Resultat, zu dem NATO und
Linke von unterschiedlichen Standpunkten so nahtlos zusammenfin-
den Während der freie Westen mit der Zersetzung des Ostblocks
sein Programm "Nieder mit dem Hauptfeind " durch Sanktionen und
Ultimaten gegen die SU voranbringt, gilt den Linken d a s s e l-
b e als unabdingbare Solidarität Europas mit der Freiheit im
Lager der Unfreiheit. Nur zu l a s c h ist sie ihnen. Auf ihre
Weise machen die Linken und Freunde der Freiheit für drüben ernst
mit der weltpolitischen Bedingung, unter die der Westen dank
seiner (Welt-)Macht den Frieden auf dem Globus gesetzt hat: um
jeden Preis will er ihn gar nicht halten. So die Freiheit
untragbar verletzt wird, steht die Aufkündigung des Friedens an.
Und seitdem Genscher, Schmidt, Weinberger, und andere die
Freiheit für unteilbar erklärt haben, steht verbindlich fest, daß
mit der Unfreiheit des Ostblocks eine dauerhafte und untragbare
Verletzung der westlichen Freiheit vorliegt. Seitdem ist
V o r kriegszeit, die spätestens mit Afghanistan angebrochen ist.
Den Imperialismus dieser Definition kraft Gewalt haben Linke noch
nie zur Kenntnis genommen. Stattdessen wenden sie sie auf Polen
an, als kennten ihre eigenen Kriterien verletzter Freiheit auch
nicht den Hauch einer Differenz zu den Gründen der Nation für
ihre selbstzugeschriebene Polizeifunktion in Sachen Freiheit. Und
dies seit der polnischen Militärregierung so bruchlos, daß sich
linke Spitzenleistungen verärgert fragen, warum die BRD und die
NATO nicht viel härter gegen den Osten durchgreifen, wo die
Russen doch offensichtlich die Freiheit mit Militärstiefeln
treten. Seit dem 13.12.81 gehört zurückgetreten:
"Wir Linken, Friedensbewegten neigen in der BRD dazu, jeden poli-
tisch Protest gegen den Militärputsch als 'revanchistisch',
'antikommunistisch' umzuinterpretieren. Eine historische Wahrheit
bleibt. Als die deutsche Reichswehr Polen überfiel, waren es
Frankreich und England, die Deutschland den Krieg erklärten. In
Frankreich gibt es eben ein historisch ungebrochenes, nicht teil-
bares Selbstverständnis von Freiheitsrechten in der Geschichte
und heute. in Deutschland waren und sind offenbar auch noch
heute, Freiheitsrechte teilbar." (TAZ 16.12.1981)
Historische Wahrheit ist es sicher nicht, daß ausgerechnet die
Kolonialmächte England und Frankreich den Krieg "gegen den deut-
schen Faschismus erklärten, weil ihnen dessen Schädigung auswär-
tigen Menschenmaterials so unerträglich war. Aber linke Ge-
schichtsklitterung ist unerläßlich, wenn man seinen eigenen
W u n s c h nach einem B e f r e i u n g s krieg gegen den
Osten mit dem Gewicht einer Realpolitik unterstreicht, die man
den Kriegszielen, der europäischen Nationen entnommen haben will:
ach, wurde Deutschland doch nicht so memmenhaft die Freiheits-
rechte als teilbar betrachten, hätte es Rußland den Krieg er-
klärt, weil es sich in Polen einmischt! F.J. Strauß läßt grüßen!
Was der deutsche Verteidigungsminister einmal als Einwand
g e g e n die Friedensbewegung in die Welt gesetzt hat, daß näm-
lich die NATO die größte, daher zuständige Friedensbewegung
i s t, wird nun umgekehrt von Friedensbewegten e i n g e-
k l a g t: nähmen NATO und Apel den Idealismus der Freiheit so
ernst wie diese Friedensbewegten, hätten sie gegen die SU
'intervenieren' müssen!
Daß sich hier ein l i n k e r Autor als Vordenker der NATO-
Kriegsstrategie betätigt, merkt man nur noch an einem: ihm fällt
sein "Antikommunismus" und "Revanchismus" ein. Allerdings nur, um
beides guten Gewissens wieder von sich zu weisen. Denn unter dem
Titel der Freiheit, dem Ziel echt nationaler Souveränität von Po-
len bis Wladiwostok - als wären garantiert e i n h e i-
m i s c h e Herrschaften ein Segen für die Beherrschten! -
verliert der Imperialismus den Charakter des Schimpfwortes: jetzt
ist er nämlich a l t e r n a t i v!
Fragt sich nur noch, warum sich der Kanzler nicht angesichts der
Lage in Polen an das historische französische Vorbild von 1939
hält:
"Wenn Schmidt vor den Kameras der Weltpresse angesichts der dro-
henden indischen Zerschlagung einer sozialemanzipatorischen Bewe-
gung dieses Ausmaßes nichts anderes als geistlosen Kommunique-Ton
sagen darf, drückt sich darin nicht der Zynismus der Macht aus,
sondern die Subalternität deutsch-deutscher Politik. (...) Es hat
eine fatale Redimensionierung stattgefunden: als Staatsmänner
sind Schmidt/Honecker in der Mark Brandenburg angetreten, als
gartenzwerghafte Entspannungstechnokraten blicken sie jetzt
ernst, aber locker in die Linsen der Weltöffentlichkeit." (TAZ
14.12.1981)
Tja, wenn der Kanzler so könnte, wie er wollte! Aber als Vorste-
her einer Nation, deren eine Hälfte von den Russen und deren an-
derer Teil von den Amis konzessioniert ist, tut er sich mit dem
Export nationaler Souveränität in den Osten eben schwer - wo er
sie selbst nicht einmal hat. Für die Idiotie eines Linken steht
die Welt für einen Moment Kopf: als betätigten sich ausgerechnet
Reagan und seine Mannschaft als Bremer bundesdeutscher Kriegsvor-
bereitung zur Befreiung Polens von außen! Das muß aber so sein,
weil das gute Gewissen eines a l t e r n a t i v e n Imperia-
lismus auf dieser einen, und nur dieser Krücke geht - die Amis
dürfen bei der leichenträchtigen "Solidarität" mit Polen zumin-
dest in der Theorie nicht mitmachen, weil sich ihre
B e s c h r ä n k u n g des Nationalismus von Deutschland-West
an dem Ziel versündigt, das erst den Krieg eines Großdeutschland
gegen die Unfreiheit im Osten heiligt. Echter Souveränität eben.
NATO minus USA - und die Linken könnten in den Generalstab auf-
rücken!
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