Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TAZ - Der Spiegel der Szene
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taz
DER SPIEGEL DER SZENE
Woher kennt man das bloß?
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Woher die Lüge, Politik scheitere mit ihren ehrenwerten Anliegen
laufend an ihren Machern, und die seien die Opfer ihrer eigenen
Gewalttaten:
"Heute hü - morgen hott. Bonner Katalysator-Chaos". "Gipfel-Di-
plomatie gebiert nur Mäuschen". "Golfkrieg: Verstärkte Angriffe
auf zivile Ziele. Irans gemäßigte Politiker geraten unter Druck"
- ?
Richtig! Aus der "Süddeutschen Zeitung" z.B.! Woher die demokra-
tische Ideologie, die gewählte Obrigkeit verstieße laufend gegen
gute rechtsstaatliche und soziale Grundsätze, würde durch Gewal-
tenteilung aber auch des öfteren glücklich gebremst:
"Die Dioxin-Funde reißen nicht ab". "Behörden-Schikane gegen
Rentner-AktivClub". "Hochrüstung in den USA. Erste Schlappe für
Reagan" - ?
Richtig! Aus der "Frankfurter Rundschau " z.B.! Woher die ge-
schmäcklerische Besserwisserei, Politik sei ein einziges Pannen-
unternehmen unfähiger Führungskräfte:
"Datenschutz löchriger als Emmentaler. Hamburger Daten-Mäuse
knabbern schweizerischen Datenkäse an". "Wohin rollt der Dollar?
Spekulanten ratlos". "Sowjet-Rakete auf Hamburg-Kurs? Ein Fall
für Dr. Seltsam" - ?
Natürlich! Z.B. aus dem "Spiegel"! Und die hämische Parteilich-
keit in Fragen freiheitlicher Gewalt gegen das System drüben:
"Dallas. Sowjetdelegation im Konsumrausch". "Die Militarisierung
Nicaraguas". "Der Tod Tschernenkos reißt keine Lücke. Der Apparat
schafft Kardinäle" - ?
Klar! Aus der "Frankfurter Allgemeinen"! Die Attitüde intellektu-
eller Tiefschürferei und Kultur:
"Nachdenken über RAF-Hungerstreik". "Nachtrag zu einem vielbe-
dachten Jahrestag. Von Jalta nach Mallorca - oder: Die Flucht aus
Mitteleuropa". "Tödliche Bisse. Das Drumherum um Marianne Enzens-
bergers Film 'Der Biß'" - ?
Aus der "ZEIT"! Geschrieben aber hat das alles - die tageszei-
tung.
Wir wollen nicht ungerecht sein. Sie können solche Botschaften
auch ein wenig unverwechselbarer unter ihr Publikum bringen. Zum
Beispiel lässig vertraut mit den Händeln der Flachköpfe vom
Schlage "Onkel" Reagans und Co.:
"Maggie mauert, Zimmermann droht. Katalysator: EG-Minister weiter
im Stau".
Zum Beispiel ein bißchen ironisch oder mit klammheimlicher Freude
über Diktatorendummheit:
"Bush im Busch". "Leider nur geographisch: Starkes Erdbeben in
Chile". "Oberst Monterrosa saß auf einer Bombe der Guerilla. Lie-
ber heimlich schlau als unheimlich dumm".
Aber auch betont empört und engagiert
"Zum Wahnsinn der Anschläge. Das ist doch purer Terror". "Die Ko-
alition der Geschmierten stoppt weitere Befragung".
Oder ganz szeneninformativ:
"Rechtzeitig... präsentiert: Zwischenbericht zur Bahro-Diskussion
um Grünen-Fundamentalismus und Sozialdemokratisierung".
Besonders betroffen und autoritativ:
"Die Privilegien des weißen Mannes sichern? Eine Diskussion zum
garantierten Mindesteinkommen mit Claudia Werlhof, Gastprofesso-
rin für Frauenforschung an der FU Berlin".
Ganz kulturalternativ:
"Gestern nachmittag gabs den Goldenen Bären; wenige Stunden zuvor
sind die taz-Filmfestspieler zur Verleihung der Goldenen Tatze
geschritten."
Locker in den Sparten: "Musike" "Leibesübung" "Gelee Royale"; ga-
rantiert weltmännisch: "Mexiko Stadt (taz)", "Washington (taz)",
"Beirut (afp/taz)", "Montpellier (taz)"... oder schlicht herz-
lich: taz
Die Zeiten jedenfalls, wo taz-Redakteure mit ihrer Leserschaft
über das Wagnis einer alternativen Zeitung konferierten und mit
ihren eingebildeten Leiden und Aufrufen zur Beteiligung am ge-
meinsamen politischen Herzensanliegen Seiten füllten, sind längst
vorbei. Heute bieten sie 'Information', kennen den Unterschied
zwischen "Tagesthemen", "Aktuelles", "Hintergrund", "Kultur",
"Magazin", "Dokumentation", "Kommentar"; drucken ap/dpa-Meldungen
zuhauf; berichten exklusiv aus der Friedens-, Grünen-, Frauen-...
kurz: aus d e r Szene - und servieren ihr mund- und geist-
gerecht von Reagan bis Bundesliga, von Berlinale bis Schily lau-
ter S t a a t s a f f ä r e n.
Klassenkampf - eine Frage demokratischer Kultur
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"Der Streik - von vielen Linken in der BRD als anachronistisch
abgetan - war gar nicht so traditionalistisch, wie es den An-
schein hatte... Man muß nicht unbedingt ein Anhänger des tradi-
tionellen britischen Kompromisses gewesen sein, um diese Verro-
hung des politischen Lebens zu bedauern. Hinter ihr verbirgt sich
die Tatsache, daß sich Großbritannien von einer ganzen Reihe sei-
ner liberalen Traditionen verabschiedet hat und sich auf dem di-
rekten Durchmarsch in Orwells - oder sollte man vielleicht sagen
bundesdeutschen - Sicherheitsstaat befindet."
Aufgeklärte Linke sind sich längst einig, daß Lohn und Arbeits-
zeit untergeordnete Fragen, Arbeiterstreiks eine überholte Form
staatsbürgerlichen Protestes sind. Ein versierter Auslandskorre-
spondent kann deshalb seine Leserschaft einvernehmlich verblüf-
fen, indem er die britischen Kumpels in eine heimliche ökologi-
sche Bewegung für mehr Umwelt, Basisdemokratie und soziale Ge-
rechtigkeit uminterpretiert. Und man muß nur laut und deutlich
versichern, daß man keineswegs ein Anhänger der Lesebuchdummheit
vom britischen Fairplay ist, und schon kann man die harten Fort-
schritte der Demokratie hemmungslos am Ideal einer lebendigen,
rücksichtsvollen, gewaltfreieren demokratischen Kultur messen.
Der Trick, ständig zu suggerieren, man sei immer noch über die
gängigen Glaubenssätze der Normaldemokraten weit hinaus, wenn man
gerade ausschließlich nur noch sie im Munde führt, hat bei der
taz Methode. Und er hat den entsprechenden Inhalt; Betroffene der
Streikniederlage sind das politische Gemeinwesen und die besseren
Tendenzen in ihm. Von einer solch höheren Warte aus stellen sich
dem Begutachter hiesige Tarifauseinandersetzungen ganz spiegelge-
mäß als ein einziges Hornberger Schießen dar: Da haben "auch
diesmal beide Tarifparteien Federn lassen müssen" und können sich
nun in dem "Gemischtwarenladen" "nach Belieben für ihre organisa-
tionsinternen Erfolgsbilanzen bedienen". Die Fans alternativen
Wirtschaftens wollen die organisierte Interessenvertretung eben
gleich so gründlich als bloße taktische Funktionärsmanöver durch-
schaut haben, daß sie die Arbeiter-Interessen, auf deren Kosten
da taktiert wird, und die neuen Unternehmerfreiheiten im Umgang
mit Lohn und Arbeitszeit, die da durchgesetzt worden sind, gleich
ganz unter den Tisch fallen lassen. Alles, was sie der sozial-
paktmäßigen Einrichtung der Lohnarbeit entnehmen, ist kleinlicher
Verbandsegoismus, Parteiengezänk und das Fehlen der großen poli-
tischen Linien vernünftiger Wirtschaftspolitik.
Der demokratische Alltag - die gewohnten Skandale
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"Die Bundesrepublik im Katalysator-Strudel. Keine Woche vergeht,
ohne daß neue Drohgebärden von der Autoindustrie, von unseren EG-
Nachbarn, von Bonner Ministerien das ohnehin vorhandene herrliche
Chaos um Einführungsfristen, Steuerbefreiungen, Hubraumgrenzen
bei der Einführung des Abgas-Katalysators komplett machen wür-
den."
"Ermittlungsverfahren ALKEM. Staatsanwälte im Ministerium: Erneut
Akten beschlagnahmt... Die Aktivitäten der Staatsanwaltschaft
scheinen innerhalb des Ministeriums 'große Unruhe' ausgelöst zu
haben. Dies bestätigte der Atomexperte der Landtagsgruppe der
Grünen, Franz Jakob, gegenüber der taz."
Wer Tag für Tag die wachsenden Giftmüllhalden vermeldet, wer die
Giftsorten und -mengen auflistet, das ständige Zuschlagen des
Rechtsstaatsorgans bekannt macht, und den dunklen Machenschaften
zwischen Atomlobby und Genehmigungsbehörden nachspioniert, der
deckt keine politischen Skandale auf, sondern bedient das politi-
sche Vorurteil, Politik sei eine einzige Summe von Vergehen und
Skandalen, tagtäglich mit entsprechend ausgewähltem und kommen-
tiertem Anschauungsmaterial. Die demokratische Saubermannsmoral
ist zur journalistischen Methode geworden. Längst ist aus den
einschlägigen Berichten jedes Moment von Aufregung, staatsbürger-
licher Empörung oder gar Verlangen nach Abhilfe, Protest, Wider-
stand gewichen. Nachgerade amüsiert nimmt man als Kenner der po-
litischen Skandalszene an den hilflosen Bemühungen in Bonn teil,
Umweltpolitik zu treiben. Daß der gute Herr Zimmermann nichts zu-
standebringt, wenn er die Straßen immer bleifreier, die polizei-
liche Umwelt aber immer bleihaltiger macht, das hat die taz immer
schon längst gewußt. Und sie hat seriöse Quellen und gewichtige
Zeugen für ihre Vermutung, daß sich das Ministerium mit seiner
Atompolitik wieder einmal schwer in die Nesseln bei seinen Rich-
tern gesetzt hat. Die dümmliche journalistische Beweisführung:
'Politische Autoritäten haben glaubhaft versichert', der gebliche
Blick hinter die verschlossenen Türen der Macht mit ihren schmut-
zigen Geschäften, all das dokumentiert die Genugtuung, dem Skan-
dal der etablierten Politik immer schön auf die Schliche gekommen
zu sein. Jede routinemäßige neue 'Enthüllung' stiftet Zufrieden-
heit statt Ärger: Man läßt sich und anderen nichts vormachen von
den Herren in Bonn. Ganz im Gegenteil: Man kennt diese Typen ja.
Weltpolitik - dümmliche Gewalt, nationales Ungeschick
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und ein vergreistes System
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"In seinen Gesprächen mit Gromyko hat Genscher wenig anzubie-
ten... Genschers Handlungsspielraum ist aber durch die vorherigen
Stellungnahmen für das Programm und die Übernahme der amerikani-
schen Argumentation eingeschränkt."
"Danny Ortega" "tanzt wie ein altgedienter Profi auf dem seifigen
Parkett Washingtons herum und schert sich dabei einen Dreck um
den Heimvorteil des 'Onkels'... Das alles hat die Reagan-Admini-
stration wie ein Nilpferd zurückgelassen: unbeweglich und ohne
Phantasie... im Moment, und das ist die frohe Botschaft aus
Washington, würde der Kongreß nicht einmal den Kleinen Schwestern
Jesu 14 Millionen Dollar zum Sturz des Sandinismus bewilligen."
Der Gedanke, daß Genscher weder um Vertrauen werben, noch irgen-
detwas anbieten will, kommt dem Kommentator erst gar nicht in den
Sinn, wenn er Genscher in Moskau scheitern sieht. Er kann sich
vor lauter Glauben an deutsche Entspannungsinteressen und den
Wert von Verhandlungen überhaupt nicht mehr vorstellen, daß bun-
desdeutsche Souveränität sich strikt im Gefolge der NATO-Linie
bewegt und deshalb in Moskau die amerikanische Feindschaftserklä-
rung noch einmal auf deutsch vorträgt. Mit allem Ernst läßt der
alternative Mann den Außenminister an einem Ideal von Außenpoli-
tik scheitern, das dieser nicht nur ganz und gar nicht hat, son-
dern das auch jeden alternativen Inhalts entbehrt: Es ist die
Programmatik der Ostpolitik aus den Brandt-Zeiten, an der ihr
späterer Mitvertreter Genscher sein Ungeschick beweisen darf.
Auf der anderen Seite kennt der Antiamerikanismus auch locker
eine Mannschaft von Polit-Spontis auf dem Gewaltparkett, die es
dem US-Goliath mit List besorgen: die aktuellen Opfer der US-
Feinddiplomatie nämlich. Wenn sich der amerikanische Präsident
mit seinen unverblümten Drohungen und Erpressungen nur vor den
aparten Geschmackskriterien der Möchtegern-Diplomaten von der taz
blamiert, dann hat angeblich auch schon die gute Sache halb ge-
siegt, und die taz läßt ihren Illusionen über die gewaltbremsende
Wirkung demokratischer Arbeitsteilung freien Lauf. Auf diese
Weise kann sie freilich dem Präsidenten genauso leicht Niederla-
gen beibringen lassen wie die Schreiber der Konkurrenzblätter. Da
man den Sandinisten soviel Lob gespendet hat, gebietet es die
kritische Solidarität und vor allem journalistische Sorgfalts-
pflicht auch, mit dem Beitrag eines Lateinamerikaexperten vor Ort
unter dem Titel "Die Militarisierung Nicaraguas" eine Diskussion
anzuzetteln, ob die Sandinisten überhaupt soviel Waffen brauchen:
"Gegen die vermutete nordamerikanische Invasion würde ein Gene-
ralstreik, der von einigen tausend professionellen Guerilleros
unterstützt würde, genügen",
meint der Mann und schließt auf "partikulare Herrschaftsinteres-
sen" und einen "Orgasmus der Macht" bei den Commandantes in Mana-
gua. Tags darauf kommt dann ein international anerkanntes For-
schungsinstitut mit der Gegenposition zu Wort, die umliegenden
Staaten würden verhältnismäßig viel mehr rüsten. So hat die taz
auf jeden Fall Stellung zu einer Debatte bezogen, die von den USA
aufgebracht wurde - und hat fleißig mitdiskutiert: Wer sich
wehrt, regiert eventuell verkehrt!
Beim Feindbild aber geht der taz endgültig die Alternative ab:
"Die Starre des Planungssystems, die ökonomische Schwäche und der
technologische Rückstand"; "hierarchischer Machtapparat"; "wie in
der Kirche"; "Personenkult".
Plumper Antikommunismus ist das natürlich allein deswegen schon
nicht, weil die taz an unseren Führungsfiguren kein gutes Haar
läßt.
Die Bonner Politiker - Birnen, Machos, Dunkelmänner
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"Man war gerade dabei, aus sich einen Narren zu machen. Vor lau-
ter blinder Gier, keine Party zu verpassen, hätte man beinahe die
eigene Niederlage mitgefeiert."
"Betrachtet man diese Gruppensolidarität der parlamentarischen
Männerriege im Zusammenhang mit dem vorher beschriebenen gleich-
zeitigen Auftreten von Vernichtungsängsten in den Phantasien ar-
chaischer Mutterbilder in den Debatten, so wird denkbar, daß hin-
ter der Beschwörung der Gruppensolidarität der Mächtigen ein psy-
chosozialer Mechanismus steht, der konstituierend für die Entste-
hung eines männlichen Herrschaftsbewußtseins sein kann: Die In-
stitution des homoerotischen Männerbundes."
"Oskar wirkt wie eine Droge. Oskar macht high.... Minutenlang
klatschen seine Anhänger, stundenlang haben sie auf ihn schon ge-
wartet."
Nein, die taz treibt keinen 'Personenkult'. Sie kann sich gera-
dezu schütteln über die Dummheit von Kohls Nationalismus und gibt
dabei umstandslos Dregger recht. Was machen sie doch für eine mi-
serable Figur, unsere christlichen Repräsentanten. Und man hat ja
auch längst seine Geheimtheorie dafür: Sie sind mit sich nicht im
reinen, Psycho-Fälle, die ihren Uncharakter politisch kompensie-
ren. Ausgerechnet an den Bundestagsdebatten über innere Sicher-
heit und Raketenstationierung haben die Seelenforscher das her-
ausgefunden, natürlich in zielstrebiger Abstraktion vom gewalttä-
tigen Inhalt, der da überhaupt nicht zur Debatte stand. Hauptsa-
che, man hat das demokratische Recht auf gute Führung extra ori-
ginell und intellektuell an den Bonner Charakteren zugrundegehen
lassen. Die taz-Menschen wissen, was politisches Niveau ist und
was blinde Heldenverehrung. Im Unterschied zur SPD-Wählerschaft,
die doch trotz eindringlicher Warnungen durch ihr Idol wahrhaftig
nur ein einziges Mal merkt, was die taz dem Mann und seinem Amt
an Einsicht und Bürde zugutehält:
"So einfach ist das nicht, die Probleme, die Arbeitslosigkeit und
Arbed-Saarstahl zu lösen."
Im Erfolg des 'ökologischen Sozialisten' feiert die taz heimlich
eben doch ein Stück (vermeintlichen) Sieg für Grundsätze, denen
ihre kritiklose Hochachtung gilt: die Ideale einer sauberen,
sachgerechten, problembewußten, garantiert gemeinschaftsdienli-
chen, umweltbewußten - kurz: besseren Politik.
Alternative Politik - die Heimat der Kritik
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"Der grüne Rotations-Reigen in Bonn ist eröffnet.... Wie fühlt
frau sich denn so als frischgebackenes Mitglied des Bundestages?
Heidemarie Dann: Ich freue mich, daß ich aus dem Schattendasein
des Nachrücker-Status heraustrete. ... Du bist also wer? Ja, ich
denke, es gibt mir die Möglichkeit, meine Arbeit besser an den
Mann oder an die Frau zu bringen... Ich habe übrigens kürzlich
einen Rhetorik-Kurs gemacht..."
"... zu Schilys Kritik am Vollmer-Nickels-Brief: Otto, der Di-
stanzierer... Mit ihrem Dialogversuch... befinden sich Antje
Vollmer und Christa Nickels in bester christlicher Tradition.
Oder redete Jesus nicht mit Barabbas, dem Raubmörder?"
"Vorbereitungstreffen soll über Großdemonstration entscheiden.
Gerangel um Aktionen zum Weltwirtschaftsgipfel".
"Österreichs Grüne sind sich noch nicht grün... Diese Kandidatur
1986 wäre der geeignete Probegalopp für die im Frühjahr 1987 an-
stehenden Nationalratswahlen."
Wenn es um die parlamentarische Alternative und ihren Erfolg und
ihre Basis geht, da kennt die taz keine Distanz mehr, so wenig
wie die "Süddeutsche" bei Schmidt, die FAZ bei Kohl. Das ist ihr
Feld in der großen Politik und dem widmet sie sich mit dem kri-
tiklosen Eifer journalistischer Hofberichterstattung. Da spricht
eine weibliche Nachrückerschaft ins Parlament einfach für sich
selbst und darf persönlich sprechen.
Gerade die dümmlichste Selbstdarstellung von Aufstiegsgeist,
Sachverstand und kleinen menschlichen Schwächen sollen den guten
Repräsentanten verbürgen. In die grünen Parteistreitigkeiten um
moralische Glaubwürdigkeit und Wahlchancen mischt sich die taz-
Mannschaft im Stile einer Heigert-Predigt über politischen An-
stand und den Bestand der Republik ein. Da macht sie sich - ganz
Einheitsanwalt aller kritischen Geister - Sorgen um die geschlos-
sene Demonstration des besseren Deutschland gegen seine unwürdi-
gen und unfähigen Vertreter und ihre Freunde. Und da wägt sie
Pflichten und Chancen des kleinen grünen Nachbar ab, der es
schleunigst so weit zu bringen hätte wie die hiesige Szene: zur
Politikfähigkeit und parlamentarischen Vertretung nämlich. Als
Sprachrohr der respektabel und seriös gewordenen schlechten Mei-
nung über Politik dokumentiert sie das bessere politische Leben,
wie es bei Mann/Frau, auf Grünen-Versammlungen, in Länderparla-
menten stattfindet - und weist ihm/ihr die Perspektive: lebendige
Demokratie.
Die Gewaltfrage - demokratischer Staatssinn
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gegen terroristischen Wahnsinn
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"Das ist die Stunde des Parlaments... Es werden sehr wenige Pro-
zente darüber entscheiden, ob die derzeitigen Machtverhältnisse
bei allen drei Wahlen stabilisiert werden oder ob tatsächlich
eine andere Kultur des Regierens entsteht. Darin drückt sich eine
gewisse Reife des politischen Wahlvolkes aus, das sich nicht mehr
abschrecken läßt von wechselnden Mehrheiten."
"Zum Wahnsinn der Anschläge: Das ist doch purer Terror".
"Christian Klar ist in der Lage zu erklären, ob ein solches At-
tentat mit seinem Namen verbunden werden kann oder nicht. Er kann
nicht nur antworten, er muß antworten. Er ist in die öffentliche
Pflicht genommen."
Die alternativen Wahlauguren sind in Fragen "Arroganz der Macht"
also äußerst bescheiden. Dem Wahlvolk attestieren sie - versiert
wie jeder Vertreter der Öffentlichkeit, der dem mündigen Volk
sein eigenes Anliegen in den Mund legt - den Sachverstand, ein
bißchen mehr Gewaltenteilung und Sachverstand in die hohen Häuser
tragen zu wollen - und schon entdecken sie gleich eine Kultur in
der 'Männergesellschaft', die auch den tiefschürfendsten Polit-
psychologen und radikalsten Kohl-Verächter zufriedenstellen kann.
Die wollen sie dann aber auch gepflegt und erfolgreich auf die
Parlamentssessel gebracht wissen. Deshalb lamentieren sie post
festum über verpaßte Chancen, falsche Wähleragitation, mangelnden
politischen Sachverstand beim Wahlvolk - und befestigen so die
blöde Ideologie von der Macht des mündigen Wählers noch da, wo
die Politik mit grüner Beteiligung längst ihren gewohnten Gang
geht.
Umso unbescheidener aber führen sich die Sittenwächter demokrati-
scher Kultur dann auf, wenn das Gewaltmonopol des Staates einmal
bloß demonstrativ in Frage gestellt wird. Da wird die RAF geistig
in die Pflicht genommen, und zwar ausgerechnet in die Pflicht,
sich vor einer Instanz zu rechfertigen, die es gerade eben zur
Forderung nach humanerem Strafvollzug für Terroristen gebracht
hat. Aber die Verantwortung des demokratischen Kritikers verlangt
die öffentliche Reinigung vom unwiderleglichen Verdacht, Nährbo-
den von irgendetwas zu sein. Die Fassungslosigkeit über so einen
Anschlag auf den guten Geist der taz und die politischen Ambitio-
nen ihrer Klientel ist daher genauso echt wie die stilistische
Anleihe bei den etablierten Konkurrenten.
Kultur? - Kultur!
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Sichtlich ganz bei sich und mit sich rundum zufrieden ist der
kritische Geist in der Kulturszene. Von der Berlinale ("Formida-
bler Kintopp") bis zur Popmusik aus Fernost ("Komponieren in
Möglichkeitsform") feiert sich seitenweise ein garantiert
ausgefallener Geschmack, mit ambitioniertem Hintersinn, sozial-
radikal bis zur letzten Stilblüte:
"... ein Film, wie Emile Zola ihn gedreht hätte, wäre er nicht
Fortsetzungsromanschreiber des 19.Jahrhunderts geworden... Da
sind die schmutzigen, arbeitenden Menschen aus Adolf Menzels
'Eisenwerken', die Landarbeiterinnen vor dem hochgezogenen Hori-
zont eines Millet, die soziale Anklage der Kolonnen ausgemergel-
ten Industrieproletariats einer Käthe Kollwitz..."
Wenn man sich die alternativen Liebesgrüße und Lebensäußerungen
von der kunterbunten "Wiese" und das rege Leserbrieftreiben von
Ex-Links bis Neu-Knaki zu Gemüte geführt hat, dann ist man end-
gültig vertraut mit einem lebendigen Journalismus, der in allem
eine vollwertige Alternative zur gehobenen staatsbürgerlichen
Bildung und Erbauung jeder Couleur bietet. Sein besonderes Flair
gewinnt er dadurch, daß ihm Kulturkritik, demokratischer Geist
und alternative Politik alles einerlei ist, wenn nur die journa-
listische Präsentation stimmt. Die Bedeutsamkeit und Originalität
des eigenen Urteils vorzuführen, ist das Herzensanliegen der taz.
Vor der gelungenen 'Schreibe' wird alles gleich - Material der
Selbstdarstellung. Vom Erlebnisbericht über große historische Er-
eignisse bis zum Feuilleton über brennende nationale Fragen: die
taz hat's, das gewisse intellektuelle Etwas, das die nationali-
stischen Feiern erst so richtig hintergründig und die Zerschla-
gung eines Streiks zu einem nachdenkenswerten Beispiel kulturel-
len Niedergangs macht:
"Von Jalta nach Mallorca... Nichts konnte in jenen Tagen... lä-
cherlicher erscheinen als der Gedanke an Tourismus. Völkerwande-
rungen ganz anderer Art waren im Gange: Millionen von Soldaten,
die an den Fronten zur Mitte vorrückten... Die Geschichte des
Tourismus in Deutschland nach 1941 ist zugleich die Geschichte
des Eisernen Vorhangs, des kalten Krieges und der Entspannung.
Der Drang in die Ferne ist eine Art Fluchtbewegung aus der eige-
nen Geschichte... Der Reisende im vierzigsten Jahr nach Jalta hat
die größte Entdeckung noch vor sich: die europäische Mitte."
"Man konnte es ihnen ansehen: die japanischen Touristen, die am
Sonntagmorgen in strömendem Regen vorbei am 'Verein christlicher
junger Männer' in Richtung britisches Museum promenierten, wußten
nicht, was sie von jener lärmenden Menge halten sollten... Hätten
die ausländischen Beobachter gewußt, daß sie hier auf ein histo-
risches Ereignis gestoßen waren, sie hätten mit Sicherheit ihre
sprichwörtlichen Kameras gezückt... Die britische Presse hatte
ihre erste Garnitur aufgeboten, um sich den Skalp Arthur Scar-
gills zu holen. Bergarbeiterstreik letzter Akt..."
Die taz ist eben kein dummer Polittourist oder reaktionärer bri-
tischer Pressefritze sondern einfach die beste deutsche Tageszei-
tung, Spiegel und Spiegelbild der alternativen Szene.
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