Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN TAZ - Der Spiegel der Szene
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Hofberichterstattung aus dem Reich des linken Angebers
DIE TAGESZEITUNG
Mit der Tageszeitung hat die linke, alternative, grüne und
Scenen-Gegenöffentlichkeit seit einem Jahr die Öffentlichkeit be-
kommen, die sie verdient. Nur gerecht, der Geburtstagsgruß von
Schreiberling zu Schreiberling:
"Herzerfrischend muß erfrischend bleiben dürfen, und Alternativen
soll man nicht einfach wegdiskutieren". (FAZ)
Braucht man auch nicht, wo sich der Taz-Leser die Entlarvung des
"gekauften Journalismus" als Beigabe zur täglichen Lektüre von
FR, SZ und Spiegel zu Gemüte führt. Daß dreckige Kaffeetassen in
Redaktionsräumen dem Zeitungsgeschäft abträglich wären, glaubt ja
auch niemand, stehen doch Chaos und Dilettantismus für den Be-
weis, daß trotzdem täglich die Taz erscheint, weil ihre Macher
nicht "kühl-distanziert", sondern mit Leib und Seele Zeitungs-
fritzen sind.
Ganz daneben auch die Kritik an der Taz, sie sei von allem, was
sich "links unten bewegt", "abgehoben" (nach rechts oben?) und es
würde "nichts rüberkommen". Schließlich schieben die solchermaßen
Betroffenen täglich ihre Mark rüber, um sich an der Diskussion:
'geht linker Journalismus?' zu erbauen, die der Inhalt der Zei-
tung ist. Das immer wieder formulierte Urteil der Redaktion, ihre
Leser seien rechte linke Arschlöcher, weil sie sich nur bedienen
ließen, stiftet da keinen Unfrieden, sondern ist feste Grundlage
eines harmonischen Einverständnisses. Diese Meinung über ihre Le-
ser dokumentieren die Redakteure nämlich glaubhaft an sich selbst
und so eint der gemeinsame Stolz, über den eigenen linken Vorur-
teilen zu stehen, Leser und Schreiber auf einer soliden geschäft-
lichen Grundlage. Von wegen die über die Frage nach ihrer Exi-
stenz zerstrittene Linke hätte nur noch Krisen: Sie hat ihre Zei-
tung.
Die Leser führen sich als Arschlöcher ein
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Der unschätzbare Vorteil der Taz, die mit dem Anspruch angetreten
ist, eine Gegenöffentlichkeit zu s c h a f f e n, liegt zwei-
fellos darin, daß ihr Publikum die Gegenöffentlichkeit i s t.
Das Abonnement gehört zum alternativen Leben wie Beziehungsge-
spräche und Kneipengang, ohne daß die Taz unbedingt gelesen wer-
den müßte.
"Sie ist eine wichtige Alternative zu Springer. In der letzten
Zeit bin ich kaum dazu gekommen, sie zu lesen".
Braucht Panik-Udo auch nicht: Das Bekenntnis, etwas gegen Sprin-
ger zu haben, ist das Abo der in den Papierkorb wandernden Taz
allemal wert. Noch dazu, wenn die
"Frau meiner Träume Mauern" (Fritz Teufel über das Projekt linke
Tageszeitung) "wegfegt wie nix und Springer enteignet, indem sie
ihm Leser klaut".
Zwar wird Lindenberg kaum vor Erscheinen der Taz die
"Bildzeitung" gelesen haben, aber für die Selbstdarstellung als
Revoluzzer, weil Bezieher einer alternativen Zeitung, die er
nicht lesen muß, um in ihr seine Wichtigkeit wiederzufinden -
ganz im Unterschied zu den durch "Bild" verblödeten Massen - ist
die Lüge doch recht geeignet.
Mit der gleichen Wichtigtuerei kann man die Tageszeitung natür-
lich auch abbestellen und die eigene Person als Verwirklichung
dessen vorführen, was in der Zeitung bloßer Anspruch geblieben
sei, - was die Taz als Werbung für sich versteht und stolz ab-
druckt. Man/frau verfügt über einen größeren "Reallismus":
"...der Anspruch, eine bundesweite linke Zeitung in Konkurrenz zu
den übrigen Zeitungsgaunern zu machen, erscheint irgendwie un-
realistisch" - wendet "Betroffenheit" an: "...ich habe verdammt
andere Probleme, als euren Diskussionen zu folgen. Im Ernst!"
- wünscht der Zeitung, so weiterzumachen wie bisher - oder auch
nicht -, weil man ja auch der alte Hänger bleibt:
"...abbestellen. Macht trotzdem so weiter, oder vielleicht auch
etwas anders?!"
- ist ein noch lustigerer Kerl als die "Säzzer":
"Ich habe mich nun doch entschlossen, die tägliche DM-Mark lieber
in Gummibärchen zu investieren"
- und macht aus der gemeinsamen Lüge, etwas verändern zu wollen,
einen Vorwurf an die Taz: "Viel Kritik und nix kommt - bei raus,
oder?" Das regelmäßig nachfolgende "trotzdem Rotfront!" und
"Dennoch macht weiter so!" hat seine Richtigkeit. Das aufgebla-
sene Gehabe, nichts ernst nehmen zu wollen und darin die Größe
der eigenen Person zu betonen, ist getreues Spiegelbild der Be-
troffenheit, die die Taz Nummer für Nummer und Anlaß für Anlaß
empfunden haben will.
Die Schreiber: allein gelassen
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Bei so viel Übereinstimmung, die ihren festen Platz in der tägli-
chen Leserbriefseite der Taz unter dem Motto: "Ist das noch un-
sere Zeitung?" hat, muß der Vorwurf der journalistischen Profis
reichlich albern erscheinen:
"Wir können doch nicht einen anderen Journalismus entwickeln,
wenn die Menschen dazu fehlen".
Als Könner ihres Metiers wollen sie auch nur auf die im Vergleich
zur bürgerlichen Journaille besondere Ernsthaftigkeit beim Zei-
tungsschreiben hingewiesen haben. Auf die Ideale seines Ge-
schäfts: kritisch, unabhängig und objektiv - nur ganz anders -
kommt es dem Taz-Schreiber sehr wohl an. Im Reich der alternati-
ven Basis ist die Tageszeitung ihren Lesern damit immer einen
Schritt politisch voraus. Jede Aktivität der Szene, die sie auf-
greift - wichtig, weil gegenöffentlich - stellt sie in einen Zu-
sammenhang, in dem s i e sich als die politische Instanz der
Linken aufspielt, die das gewaltlose Wendland mit dem vorgebli-
chen Wunsch nach Gewalt konfrontiert und die italienischen Terro-
risten mit dem hämischen Hinweis auf ihre Erfolglosigkeit glei-
chermaßen bescheuert dastehen läßt. Was immer auch da an Betrof-
fenheit zu Wort kommt, gilt dabei völlig gleich - es sei denn,
eine Aktion von Gören aus einer Indianerkommune, die für freie
Sexualität auch mit Kindern in den Hungerstreik tritt, bekommt
den Bonus eines besonders originellen Einfalls -, denn alles
dient dem Nachweis eines höheren politischen Standpunkts, den die
Zeitung vertritt und vor dem sich jedes alternative Anliegen
darin blamiert, daß es bloß ein einzelnes aus der Vielfalt der
linken Betroffenheiten ist. Kein Wunder, daß die Journalisten der
Taz ihr Interesse, eben eine Zeitung mit allen dazugehörigen
Ideologien dieses Geschäfts machen zu wollen, zur wichtigsten Be-
troffenheit erklären. Ebenfalls nicht verwunderlich, daß dabei
ein neidischer Blick auf die sonst so verachtete bürgerliche Kon-
kurrenz herauskommt. Vor Erscheinen der Taz soll linker Journa-
lismus das reine Vergnügen gewesen sein: Man saß einfach in einer
normalen bürgerlichen Zeitungsredaktion, und diese Idylle er-
laubte es, schon laufend die Gegenöffentlichkeit zu praktizieren,
derentwegen die Taz erfunden sein soll.
"Die Artikel waren dann so, wie die Gruppen sie brauchten und er-
warteten: Ungeheuerlichkeit, der Staat gibt kein Geld oder
schmeißt Leute raus, wo sie doch so gute Arbeit geleistet haben".
Jetzt hingegen spielt der Taz-Redakteur den von der Unmenschlich-
keit seines von ihm entworfenen Zeitungsideals unendlich Gestreß-
ten, der es sich heroisch versagt, zur "Frankfurter Rundschau"
zurückzukehren, sondern stattdessen als Taz-Redakteur sich tag-
täglich einen persönlichen Beitrag zum alternativen Leben ab-
ringt, für den er gewürdigt sein will:
"Die Taz ist ein fordernder Arbeitgeber. Sie hat unser eigenes
Pflichtgefühl, unsere eigenen Ansprüche zum Kontrolleur über un-
ser Engagement und unsere Arbeitsleistung gemacht. Wir sind uns
selbst ausgeliefert, und wenn wir uns dagegen nicht wehren, ist
es schlimmer als unter einem konventionellen Arbeitgeber. Denn
der Ausweg, die Flucht in die Job-Mentalität ist bei uns nicht
drin."
Skandalös! Knechtet sich der Mensch doch mit einer Zeitung, die
er selber macht und zwar deswegen, weil er in sie reinschreibt,
was er will. Das muß ein unausweichlicher Leidensdruck sein. Denn
einfach morgens vor dem Fabriktor anzutreten, um einen billigen
Ausweg in die Job-Mentalität zu finden, ist bei diesem gestan-
denen Intellektuellen natürlich nicht drin.
Schuld an der Vergewaltigung durch die eigenen Ansprüche will er
dennoch nicht selbst sein, sondern die sog. linke sog. Basis übt
mit ihrer sog. Betroffenheit eine unerträgliche Zensur auf ihn
aus. Während von ihm P a r t e i l i c h k e i t gefordert
wird, hält der Tazler als a l t e r n a t i v e Presse das alte
bürgerliche Ideal "unabhängig - überparteilich" (steht auch im
Kopf von "Bild") hoch und unverschämten Ansprüchen aus der Szene
an "ihre" Zeitung entgegen:
"In diesem Jahr hat sich mein Verhältnis zu den Aktivitäten der
'Linken' entscheidend verändert, während ich inzwischen auf An-
rufe, Presseerklärungen oder persönliche, oft drohende Anrufe von
Gruppen eher ablehnend reagiere, fordern die Gruppen von der Taz
als 'ihrer' Zeitung (und das sollte sie unseren eigenen vagen
Versprechungen nach ja sein" (unverschämt, jemanden auf vage Ver-
sprechungen festlegen zu wollen!) "noch mehr Unterstützung als
vorher... Tja und genau da kommt die neue Zensur, nicht die von
oben, sondern die von links - und die ist viel schlimmer als die
andere, weil man sich gegen sie so schwer wehren kann."
Da sich kein undogmatischer alternativer Leser der Taz den Schuh
anziehen wird, ein "Linker" zu sein, wird diese Beschimpfung
schon richtig verstanden. In der Lüge einig, sich eigentlich im-
merzu gegen "die oben" zu wehren, ist diese Attitüde doch bestens
geeignet, allein schon den Verdacht linken Sektierertums bekämp-
fenswert zu finden. Im Unterschied zu diesem bemüht man sich bei
der Taz um Authentizität und leiht als Linker den Sorgen des ein-
fachen (= nicht alternativen) Volkes sein Ohr. Die Arbeiterklasse
taucht im Taz-Journalismus zwar gelegentlich vermittelt über die
Spalte "Betriebe und Gewerkschaften" auf, deren vorübergehende
Einstellung schon davon kündet, daß ein Alternativer sie eigent-
lich viel lieber so besprechen möchte, wie er sie als Intellektu-
eller sieht: ein Haufen Spießer, dessen eigene "Alternativen" zur
Maloche ihm leider "verschlossen" sind, so daß die eigentlich
"Betroffenen" auf der Welt letzten Endes immer wieder die Taz-
Schreiber sind:
"Diese 'Betroffenen' sind zu linken Institutionen geworden... da
möchte ich viel lieber über die Betroffenen berichten, deren Le-
ben wir nicht kennen... die... eher im Sportverein, Kegelclub
oder Hundezüchterverein organisiert sind. Das sind die Bereiche,
die uns verschlossen sind."
Aber, aber! Das muß doch nicht so bleiben - wer sagt denn, daß
Dackelzucht nicht auch ein Beitrag zur alternativen Lebensgestal-
tung sein kann, von der sonst doch nur feststeht, daß jede prak-
tische Zumutung eine Vergewaltigung linken Fühlens ist.
Die sinnvolle Einheit beider
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So hat sich die Taz zur einenden Institution der alternativen
Scene gemacht, bei der man sich täglich die Bebilderung linken
feelings abholt, ironisch über den linken Vorurteilen, die man zu
haben sich einbilden will, zu stehen. Die eigene Blödheit als lu-
stiges Argument, das Vorführen der gerne zugegebenen Lächerlich-
keit als bedeutungsvolle Verheißung für die Welt, das ist die
Philosophie, mit der ein alternativer Journalismus sich zur poli-
tischen Alternative aufplustert und bei seinen Lesern gut an-
kommt, weil sie die kommentierende Begutachtung, wie blöd man al-
les finden kann, als die ihnen angemessene Betätigung von Gegen-
gewalt verstehen.
"Wenn wir Terrorismus und Kommunisnius als legitime Erben beer-
ben, die heiße und die kühle Leidenschaft für uns gewinnen" (wer
sollte dich daran hindern?), "dann haben wir eine Chance. Zugege-
ben, daß es nicht geht." (Macht doch nichts!) "Die Maschine" (na
nu!) "zu stark und die Menschen zu schwach. Oder nicht wollen"
('oder' ist gut!) "oder können. Noch nicht, weil die historische
Zeit es nicht zuläßt" (das wird die Vertreter des welthistori-
schen Fortschritts freuen!). "Überhaupt nicht. Was weiß ich."
In diesem peinlichen Gestammel hat sich der Gestus einer Pseudo-
Betroffenheit Sprache verliehen und zugleich die Grundlage für
einen endlosen Disput der Selbstbespiegelung und gegenseitigen
Bestätigung in der bornierten Ausmalung eigenen Leidens an der
Welt geschaffen. Das ganz protzige Programm einer linken Tages-
zeitung als "Gegenöffentlichkeit" erweist sich hier als täglich
gedruckte und unter die (gleichgesinnten) Leser gebrachte metho-
dische Selbstreflexion. Die große Leistung der Taz-Macher und
ihre ständige "Herausforderung" besteht darin, daß sie die Taz
machen, genauso wie die Taz-Leser sich politisch vor allem da-
durch bestimmen, daß sie die Taz lesen und die Aktivisten unter
ihnen sie sogar abonniert haben. Das große Thema der Taz ist die
Taz und drumherum ranken sich ein paar Meldungen der Nachrichten-
agenturen
"Und wenn du mich bis hierher gelesen hast, willst du, daß ich
KONKRET werde. Mach ich aber nicht. Hast du nicht auch manchmal
beim Lesen der Taz das Gefühl, daß zwar viel in ihr drinstand,
aber konkret nichts rübergekommen ist? Deshalb denke ich, sollten
wir jetzt endlich anfangen zu diskutieren. Los, sitz nicht rum!"
Die gute "Säzzerin" macht sich ein Problem, das sie nicht hat -
wer hindert sie denn, konkrete Sätze, was immer das sein mag, zu
schreiben? - zum Angriff auf den lesenden Schlappmann. Weil die-
ser weiß, wie die Heuchelei gemeint ist, genießt der Taz-Leser
die tägliche Vorführung seiner Person als eines zufriedenen Blöd-
manns - der er ist, nur anders als er selbst und seine Zeitung es
meinen.
Die betont lockere Schreibe, die sich aus dem: "Du willst nix,
ich will nix, ganz wichtig, daß wir uns verstehen" ergibt, ist
das Erkennungszeichen der Taz-Gemeinde, die ihrem Leibblatt täg-
lich entnimmt, daß man die Ereignisse der Welt ganz anders als
die bürgerliche Presse zu sehen hat, ohne auf eines der dort an
den Mann gebrachten Vorurteile verzichten zu müssen. Ganz entge-
gen der sonstigen Berichterstattung über den knüppelnden Polizei-
einsatz am Bohrloch 1004, die mit ihrer Stellungnahme für Recht
und Ordnung gelinde Zweifel äußert, ob hier angesichts der bewun-
dernswert friedlichen Haltung der Demonstranten die Verhältnismä-
ßigkeit von der Polizei nicht übertrieben worden sei, trägt sich
die Parteinahme der Taz für die Besetzer wesentlich gelassener
vor. "Hurra, wir haben verloren!" überschreibt der Kommentator
seinen Situationsbericht nach der Räumung - mit feiner Ironie,
die aus der Wut im Bauch kommt.
"Viele Leute gehn am Abend vom Platz wie nach einem Fußballspiel:
Gut, ihr habt gewonnen, aber es hat ja nicht weh getan. Als ob
man uns nichts getan hätte. Als ob nichts kaputt gemacht worden
wäre, als ob der Platz jetzt nicht frei wäre für den Baubeginn.
'Na, Ihr habt jetzt wohl Feierabend', ruft ein sich sonnender
BGS-ler einigen nach Hause ziehenden Besetzern zu. 'Na, und Ihr,
Ihr müßt noch bleiben was?' kommt die Antwort freundlich zurück.
Fehlt nur noch das 'Tschüß, bis zum nächsten Mal!'. Räumung 1980,
perfekt, hygienisch, umweltfreundlich und erdrückend sozialpart-
nerschaftlich. Herr Baum, wir gratulieren!"
Da haben ihm doch diese AKW-Freizeitsportler, feige Drückeberger,
direkt um eine anständige Kriegsberichterstattung gebracht. Was
aber auch nichts macht: Daß er's mit der heißen Leidenschaft:
s i c h w e h r e n! hält, ist er ja losgeworden - und darauf
ist es ihm angekommen. Deshalb will er auch nicht gegen die De-
monstranten gesagt haben, die ihre gewaltsame Entfernung vom
Bohrloch als einen Sieg ihrer friedlichen Gesinnung über die ei-
genen unfriedlichen Ängste und vorgeblich schlummernden Aggres-
sionen und als moralische Beschämung der Staatsgewalt geplant ha-
ben und jetzt als Erfolg feiern (wofür doch AKWs alles gut sind!)
Zur Ohnmacht sind sie und mit ihnen die Reporter gezwungen wor-
den, da sie nicht mit Polizeiknüppeln und Wasserwerfern verjagt,
sondern mit ihrem eigenen moralischen Mittel der Gewaltlosigkeit
vom Staat geschlagen worden sind. Gemerkt hat dies der Reporter
an den "sich sonnenden BGS-lern" und den "Wasserwerfern, die in
der Landschaft stehn, als ob sie dort hin gehörten" - umweltbe-
wußt sind diese Dinger also auch noch!
Einfach schade: Da nur Gewalt Gegengewalt erzeugt, der staatliche
Polizeieinsatz jedoch gerade die raffiniertere Friedfertigkeit
der anderen Seite beweist und ausgerechnet in Gorleben meilenweit
keine Gewalt zu sehen gewesen sein soll, bleibt die tiefe Sehn-
sucht nach möglichem Widerstand ausgetrickst zurück. Daß die mi-
litärische Generalstabsplanung keine Toten und Schwerverletzten
auf dem Bauplatz zurückgelassen hat, macht einen heutigen Linken
glatt wehrlos vor der Bosheit eines Staats, der, wo er seine
Pläne mit Gewalt durchsetzt, die eignen Ideale von Umweltfreund-
lichkeit, Bürgernähe und Sozialpartnerschaft gepachtet haben und
keinen Anlaß mehr für irgendeine Kritik mehr hergeben soll. Des-
halb alle Hochachtung, Herr Baum! Umso größer allerdings die
Hochachtung vor der eigenen Wichtigkeit: Hat man selbst nicht den
Staat dazu gezwungen, sich bei der Räumung als ökologischer Sau-
bermann und Friedensapostel aufzuführen, weil er sonst niemals
mit der Kampfansage, die ihm mit Spiel und Tanz auf dem wendi-
schen Dorfplatz geboten wurde, fertig geworden wäre?
Alternativ journalistischer Journalismus
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Wenn sich schon Wendland als der bessere Staat vorführt und seine
Bewohner die Verhinderung der AKWS damit vorantreiben, ihre Eig-
nung als Paßbeamte unter Beweis zu stellen, darf die Taz-Redak-
teurin nicht fehlen, die als "Verteidigungsministerin in spe" ih-
ren Wunschtraum vom Wunschtraum deutscher Politiker zu Papier
bringt:
"'Diese blöden Linken', sagte ein anderer. 'Anstatt mal einige
ihrer berühmten Aktionen zu machen, anstatt mehr Republiken
Freies Wendland und meinetwegen auch den Freistaat Bayern auszu-
rufen", (Strauß ein geheimer Wendländer?) "... anstatt mal, einen
Spruch zu lancieren wie beispielsweise den: 'Die Supermächte tun
uns am meisten nützen, wenn sie uns überhaupt nicht beschützen' -
verstehen sie einen Dreck über den wirklichen Ernst der Lage. ...
'Weißt du', sagt wieder ein anderer, 'die Linken haben resi-
gniert. Die wissen nicht mehr, ob es wirklich was nützt, was sie
machen.'... Ja, Kollege, müssen denn ausgerechnet wir bürgerli-
chen Scheißer sie darauf hinweisen, daß sich der 'Vietnamkrieg
allein deswegen nicht zu einem Atomkrieg ausgeweitet hat, weil
die innenpolitischen Proteste gegen den Krieg davon abgehalten
haben.'"
So sieht der Tazler die große Politik: Ratlos sitzen die Minister
im Atomschutzbunker und hoffen auf die Linken, daß sie "Onkel
Herbert" und "Onkel Helmut" davor bewahren, aus "Nibelungentreue"
zu den USA in den III. Weltkrieg zu ziehen. Die Persiflage auf
die Staatsgewalt und die eigenen Aktivitäten ist nichts weiter
als gediegene Anerkennung für beide - ein "alternativer " Natio-
nalismus, der sich auch noch dazu bekennt und Vorbilder benennt:
"Die Franzosen beispielsweise, die Sicherheit mit nationalem
Stolz verbinden und konkret mit den Interessen ihres Landes, die
sie keine Scheu haben, zu benennen."
Den Genuß an der Vorstellung, das tägliche Wirken der Politiker
auf der ganzen Welt für reinen Schwachsinn und die blutige Hin-
terlassenschaft dieses Wirkens für das Zeugnis harmloser Ineffek-
tivität zu nehmen, bebildert sich der Taz-Leser ganz kosmopoli-
tisch. Sein Antiimperialismus ist die hämische Freude über die
Erfolglosigkeit des weltweiten Zuschlagens der Amis, weshalb ihm
am gescheiterten Kommandounternehmen im Iran nur der Dilettantis-
mus aufgefallen sein will und nicht der durchgesetzte Erfolg, von
dem aus Carter sich solche Unternehmungen leisten kann. An Afgha-
nistan führt er sich vor, daß er jedenfalls wüßte, was ein Poli-
tiker seines Schlages, zu machen hätte - jedenfalls nicht das,
was nur Schlappmänner im Weißen Haus zustandebringen:
"Die Stärke der sowjetischen Truppen ist aufgrund der wachsenden
Schwierigkeiten auf 110.000 Mann erhöht worden, erklärte am Wo-
chenende der US-Außenminister Christopher. Ob der CIA richtig ge-
zählt hat?"
Hat er natürlich nicht, darin ist man sich sicher - und damit ist
das Interesse daran, warum irgendwelche Bergstämme dafür herhal-
ten müssen, als Leichen einem unbändigen Willen nach Freiheit und
Demokratie Ausdruck geben zu dürfen, auch schon erledigt. Der
Bierernst der Revisionisten aller Schattierungen, die bei jedem
Schlachtfest des Imperialismus die auf der Strecke gebliebenen
Opfer als Beweis für den unausweichlichen Niedergang ihrer
Schlächter aufzählen, wird sich doch auch lustig nehmen lassen!
Noch heiterer als das Bild des CIA, der Bürgerkriege überall nur
deswegen anzettelt, weil er sich beständig verschätzt, ist die
weltweite Solidarität der Opfer, zu denen der Taz-Leser sich
schon deswegen zählt, weil er als fröhlicher Mensch hinterm Tre-
sen hängt und dabei den goldigen Humor von Negern, die in Miami
nicht zusammengeschossen und totgeprügelt werden, sondern der Ge-
sellschaft ein Schnippchen schlagen, ausnehmend menschlich sympa-
thisch findet:
"Auch beim Plündern bleibt noch Zeit zum Fiedeln."
Da er in der gleichermaßen gelassenen Registrierung von Gewalt
und ihren Opfern immer nur seine heitere Schafsnatur bestätigen
lassen will, genießt er an der Tageszeitung die Intellektuellen-
manier des "Spiegel", das Bekenntnis zur Politik ironisch auszu-
gestalten, aber als Ergänzung zum "Spiegel".
"In einer taktisch brilliant geführten Schlacht errang die ELPF,
die Eritreische Befreiungsfront, kürzlich einen durchschlagenden
Erfolg gegen die Äthiopier und ihre sowjetischen Berater, die die
Kräfteverhältnisse am Horn von Afrika, die innere Machtabstützung
des Mititärregimes in Addis Abeba sowie die Aspirationen und
Machtspiele der Mächtigen ins Fließen brachte. Fleißige General-
stabsarbeit in den westlichen, östlichen und arabischen Geheim-
diensten, ein verwirrendes diplomatisches Spiel zwischen Addis
Abeba, Karthum und Moskau und schlecht zu verbergende Machtkämpfe
in Addis Abeba haben eine wilde Gerüchteküche in Sudan genährt,
deren Geruch seit Mitte März einen Strom von westlichen Journali-
sten in den Sudan lockte, die Informationsabfälle zu verwerten
und das saturierte Publikum mit kriegerischen Nachrichten, span-
nenden Machtkämpfen und dem Elend der Bevölkerung dieser Region
Afrikas zu verwöhnen."
Das ist ein Angriff auf die bürgerlichen Zeitungsschmierer!
Schreiben diese doch ihre Lügen einem saturierten Publikum nach
dem Mund, während die gleichen "kriegerischen Nachrichten" von
"spannenden Machtkämpfen" hier über eine gehobene Zufriedenheit
mit der Welt von seiten des alternativen Spießbürgers informie-
ren. Wie der "Spiegel"-Leser, der als Kenner politischer Interna
(Geheimdienst und so), weiß, was die Welt bewegt und als Durch-
blicker das imperialistische Treiben genüßlich b e o b a c h-
t e t, genießt auch der Taz-Leser seine background (Pseudo)
Informationen mit dem kleinen Unterschied, daß in der Taz nicht
die raffiniertesten Politiker, sondern die listigen Massen die
Sache in Bewegung und zum richtigen Ende bringen. Im zitierten
Falle ist es eine eritreische Befreiungsbewegung, die das
Ränkespiel der Weltmächte "taktisch brilliant" stört und die sich
zugleich für den eigenen Antikommunismus hernehmen läßt. Dieser
und die Parteinahme für die kämpfenden Massen da hinten ergänzt
das distanzierte Bekenntnis des "Spiegel"-Leser zum Imperialis-
mus. Deshalb liest der Alternative nicht nur den "Spiegel", son-
dern auch die alternative "Tageszeitung".
Und auf diese feinen Unterschiede kommt es dem Arschloch auch
noch an!
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