Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN SPIEGEL - Nationaler Geist feiert Macht
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Ideologie der Woche
DIE ROTE PLEITE
"Ein morsches System am Rande des wirtschaftlichen Zusammen-
bruchs." Na und? Soll sich doch der "Spiegel" der Lebensfähigkeit
des Westens freuen und in Ruhe abwarten, bis die drüben endgültig
Konkurs anmelden; wenn er es schon für das Gütesiegel von Herr-
schaft hält, daß sie was herzumachen weiß und sich ordentlich
durchsetzt.
Früher, wo von gestandenen Revisionisten noch zu hören war, der
Kapitalismus sei zur Fäulnis verdammt, wußten Augstein und Kon-
sorten natürlich sofort: Das ist östliche Propagandahetze und
blamiert sich an der puren Existenz unseres quicklebendigen Sy-
stems. Kaum stiehlt man dem Osten hämisch die Tour, die drüben
längst nicht mehr gepflegt wird, schon sprechen siebzig Jahre
sehr realer Sozialismus einzig gegen ihn: längst überfällig. Wes-
wegen eigentlich? Zu wenig K o n s u m und F r e i z e i t
für die Massen herrschen angeblich drüben. Interessant zu hören
von Leuten, die hierzulande vor den Gefahren der Freizeitgesell-
schaft und des Konsumdenkens für alle Werte des Abendlandes gar
nicht genug warnen können. Zugleich will drüben angeblich niemand
so recht a r b e i t e n wegen der A r b e i t s p l a t z-
g a r a n t i e. Was denn nun eigentlich? Ohne die feinen
Leistungsnormen eines kapitalistischen Arbeitsplatzes und ohne
die Drohung mit seinem Verlust sind ordentliche Verhältnisse wohl
nicht vorstellbar. Außerdem gibt es drüben angeblich doch eine
Menge Arbeitslose; und Schulden - beim Staat natürlich. Genau wie
hier? Von wegen! Drüben beherrschen sie nämlich außer den Zwängen
der Lohnarbeit auch den "technischen Fortschritt" nicht. An
Weltraumfahrt, Raketenrüstung usw., vor der doch sonst nicht
genug gewarnt werden kann, darf man dabei natürlich nicht denken.
Und schließlich haben die Russen schon 1917 eine "Diktatur" und
die "unkontrollierte Gewalt der Zentrale" eingerichtet. Also
ausgerechnet daran soll die Herrschaft kranken, daß sie machen
kann, was sie will - und das schon immer. "Bloß noch mit Gewalt"
hält sie sich? Was heißt da eigentlich 'bloß'? Alle vier Jahre
ein Kreuz auf dem Stimmzettel, geht so 'Kontrolle'? Daß man
zwischen systemkonformen Saubermännern wie Barschel und Engholm
wählen darf, macht aus der Staatsgewalt wohl einen Hort
gelungener Überzeugungsarbeit und aus einem Arbeitsplatz mit
seinen Vorgaben ein Reich der Freiheit. Ausgerechnet die
notstandsgesicherte Demokratie, die gegen jede abweichende
Meinung das schlagende Argument 'Gewalt' und 'Druck der Straße'
auf Lager hat und sonst keines, soll es an zentraler Staatsgewalt
fehlen lassen. Und im realen Sozialismus soll es ausgerechnet am
ganz gewöhnlichen Arbeiten und Gehorchen des Volkes fehlen, das
Demokraten so gerne mit rückhaltloser Zustimmung verwechseln?
Doch was macht's? Neuerdings gibt es ja einen, der selber zugibt,
was der "Spiegel" schon 1000 Mal beklagen mußte, Herrn Gor-
batschow persönlich mit seiner Umgestaltung. Der sagt zwar auf
die rhetorische Frage: "Die ganzen siebzig Jahre... ein einziger
Irrtum?" "Nein!" Aber das demokratische Magazin sagt in seinem
Namen radikal "Ja"! Also ist der Kremlreformer als Systemumstürz-
ler ganz schön inkonsequent, kann gar nicht, was er auch nicht
will - also noch ein Opfer seines Systems: Den Kommunismus refor-
mieren, aber Kommunist bleiben wollen - so ein System ist einfach
lebensuntüchtig und verdient den Untergang. Klar?!
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