Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN SPIEGEL - Nationaler Geist feiert Macht


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       Der "Friedhof Nordsee" im Spiegel
       

SCHON WIEDER MAL: SCHULD SIND WIR ALLE

Demokratischer Journalismus ist programmatische Anti-Kritik. Da- für lieferte letzte Woche wieder einmal der Spiegel mit seiner Titelgeschichte über den "Friedhof Nordsee" ein anschauliches Beispiel. Elf Hochglanzseiten lang widmet sich das Politmagazin mit viel Liebe zum Detail der Ausmalung der "Öko-Katastrophe". Und wie lautet schließlich am Ende der kritische Befund? "Am Südpol-Himmel ebenso wie im Kattegat, so lehrt mittlerweile die Erfahrung, lassen sich im Gewimmel der Gift- und Schadstoffe einzelne Hauptschuldige kaum mehr dingfest machen - ein Umstand, der nicht nur von ökologischer, sondern auch von politischer Be- deutung ist. Denn wo die Ursachen dunkel bleiben, kommen auch die Verursacher ungeschoren davon." Nichts genaues will der Spiegel also letztendlich nicht wissen können - nachdem er vorher feinsäuberlich und mit Mengenangaben die Gift-, Schad und Nährstoffe aufgelistet hat, die alljährlich als Abfallprodukt kapitalistischer Industrie und Landwirtschaft mit staatlicher Genehmigung in die Nordsee eingeleitet werden. Nachdem er Weg und Verbleib der Giftströme nachgezeichnet und die Folgen für Meeresflora und -fauna beschrieben hat. Daß in dem "Gewimmel" der Gift- und Schadstoffe namens Nordsee "einzelne Hauptschuldige" nicht ausgemacht werden können, ist eine interes- sierte falsche Problemstellung. Denn abgesehen davon, daß die Er- mittlung der Gründe für Robbentod und Algenpest etwas anderes ist als die Klärung einer "Hauptschuld"frage: Die Rede vom fehlen ei- nes "einzelnen Hauptschuldigen" zeugt noch allemal von der siche- ren Erkenntnis, daß und wie an der beweinten "Umweltkatastrophe" eben eine bunte Vielzahl von Schadstoffen mitgewirkt hat. Daraus eine Ahnungslosigkeit in Sachen Schadensursachen entnehmen zu wollen, erfüllt den Tatbestand der bewußten Verunklärung und taugt nur zu einem: Dem Staat einen Persilschein erster Klasse auszustellen. Ausgerechnet dem, der mit seinen Emissionsschutz-, Wasserhaushalts- und Abfallgesetzen das volkswirtschaftlich nütz- liche Maß an Vergiftung von Boden, Luft und Wasser festlegt. der die Ruinierung der natürlichen Lebensgrundlagen überwacht und der die eingetretenen Schäden an Mensch und Natur bilanziert und mit ihnen kalkuliert, ausgerechnet dem sollen wegen Unkenntnis die Hände gebunden sein!? Die (Un-)Logik dieser Entschuldigung - weil es mehrere Scha- densquellen gibt, deshalb soll die Verursachung im Dunkeln liegen - ist jedenfalls sattsam bekannt. Nämlich aus dem Munde von Poli- tikern, wenn sie ihren Unwillen, auch nur eine der längst bekann- ten Schadstoffbelastungen zu beseitigen, nur allzugern in die Forderung nach noch einem Forschungsprojekt einkleiden. Die ziel- strebige Vergeheimnissung der Gründe für das Tiersterben in der Nordsee hindert den Spiegel natürlich andererseits keineswegs daran, vier Absätze später doch noch Verantwortliche auszumachen. "Im Zweifel siegen ohnehin Wirtschaftsinteressen über den Natur- schutz - was die Bürger mit Stillschweigen hinnehmen: Schließlich schwanken sie selber unentschlossen zwischen ihrer Angst vor Öko- Schäden und dem Wunsch von einem möglichst ungestörten Leben im Wohlstand." Das ist also die Quintessenz jahrelangen Nachdenkens über "unser aller Überlebensprobleme": ein abgeklärtes Deuten auf "übermächtige Wirtschaftsinteressen", das sich sehr absichtsvoll weigert, deren Inhalt anzugeben. Die Anreicherung von Land und Leuten mit reichlich Giftstoffen verdankt sich jedenfalls nicht irgendwelchen ominösen "Wirtschaftsinteressen" oder gar dem "Wirtschaften" schlechthin, sondern dem banalen Prinzip kapitali- stischer Produktion. Für den Gewinn lohnt sich der massenhafte Einsatz chemischer Stoffe in Industrie und Landwirtschaft mit schädlichen Nachwirkungen bei Mensch und Vieh. Und wegen des Ge- winns zählt die Beseitigung des ebenso massenhaft anfallenden Giftmülls zu den leidigen Unkosten. Die Nutzung, von Luft und Wasser als billige Mülldeponien mindert die Kosten, fördert den Gewinn und zählt daher zu den grundlegenden Menschenrechten des Kapitals, die der Staat garantiert. Von alledem will der Spiegel nichts wissen. Er führt die "übermächtigen Wirtschaftsinteressen" nur an, um Vorwürfe an ihre Adresse vorsorglich und stellvertretend an den Absender zurückzu- schicken. Letztlich soll nämlich "die Wirtschaft" so etwas ähnli- ches wie ein "Verein zur Förderung eines möglichst ungestörten Lebens aller im Wohlstand" sein und "der Bürger" als sein Nutz- nießer deshalb das eigentliche Subjekt der "Öko-Schäden". Ange- sichts dieser sehr zielstrebigen Weltfremdheit mag man schon fast gar nicht mehr daran erinnern, daß besagte "Bürger" in ihrer überwiegenden Mehrzahl im Erstberuf Lohnarbeiter und im Zweitbe- ruf Untertanen sind, die weder am Gang der Produktion noch an dem der Politik etwas mitzubestimmen haben. Die sich in den Fabriken und Büros für fremdes Eigentum verschleißen dürfen - so sie es dürfen, und die sich zu Hause mit ihrem knappen Lohn einteilen müssen - so sie einen verdienen. Und die zuguterletzt beim Essen und Schnaufen, beim Wandern und Baden bemerken können, daß die Ruinierung der Natur als Lebensmittel für sie ungefähr so flott vorangeht wie ihre eigene. Oder ganz anders ausgedrückt: Wenn Maßstab des Produzierens wäre, den Massen ein möglichst ungestör- tes Leben im Wohlstand zu sichern, dann wäre die Zerstörung der natürlichen Lebensbedingungen ja doch wohl wirklich das untaug- lichste Mittel. Wie gesagt: mit der Wirklichkeit von Lohnarbeit und Kapital hat die Diagnose des Spiegel, daß die Bürger vor lauter Materialismus die Zerstörung des hohen Gutes Natur "mit Stillschweigen hinneh- men", nichts zu tun. Sie ist noch nicht einmal als Aufruf mitzu- verstehen, sich im Namen der geschundenen Natur in den Lauf von Politik und Ökonomie einzumischen. Höchstpersönlich verantwort- lich erklären für die großen und kleinen "Öko-Katastrophen" - das soll man sich schon; sich ebenso höchstpersönlich zuständig er- klären für die Regelung dieser "Probleme" - das geht natürlich nicht. Die Zuständigen in Politik und Ökonomie machen lassen, die ungemütlichen Wirkungen ihrer Taten auf die eigenen Lebensbedin- gungen ihrer Ohnmacht zuschreiben und sich ansonsten selbst einer total eingebildeten und völlig folgenlosen Verantwortlichkeit be- zichtigen - so war's gemeint vom Spiegel und so macht das Ganze seinen guten demokratischen Sinn. So kann man ein Kritikverbot nämlich auch aussprechen. *** *** "Spiegel" und "Bild" mal wieder voll auf einer Linie Bei uns sind wir alle schuld, drüben das System ----------------------------------------------- "Bild" läßt die Elbe selbst erzählen: "Gestatten, mein Name ist Elbe. Ich werde im Riesengebirge in 1500 Meter Höhe als kristall- klarer Bach geboren. Nach 1144 Kilometern fließe ich bei Cuxhaven in die Nordsee." Na klar, im Riesengebirge (im Prinzip sowieso deutsch!?1 - "kristallklar" entsprungen. Aber dann geht's los. In der "Tschechoslowakei" und vor allem in der DDR bekommt sie dann ihr Fett ab. Jede Menge Betriebe, man weiß ja, alle fest in staatlicher Hand, leiten ihren Dreck in den Fluß. Anders in der BRD. Kaum diesseits der Zonengrenze angelangt, fällt der Elbe ein: "Ihr Bundesbürger gebt mir da den Rest." * Der "Spiegel" läßt für sein gebildetes Publikum Bilder sprechen: Bild ansehen Drüben kennt der "Spiegel" ganz genau die Ursachen, die Haupt- schuldigen und die richtigen Adressen. Bei uns kennt er letztlich nur den unentschlossenen, schwankenden Wohlstandsbürger. zurück