Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN SPIEGEL - Nationaler Geist feiert Macht
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Fachleute zur DDR-Sanierung
KAPITAL GEGEN MAODITIS!
In der Redaktion des "Spiegel" hat man sich darauf geeinigt, den
Anschluß der DDR bis auf weiteres für ein "atemberaubendes ökono-
misches Experiment" zu halten, bei dem
"ein hochentwickeltes Industrieland und eine verrottete Volks-
wirtschaft zusammengefügt werden".
Vergessen ist das Geschwätz aus der Zeit vor dem deutschen
Herbst. Da galt die DDR noch als bedeutendster Industriestaat des
Ostblocks und Schuldner von bester Bonität. Ihre Maschinenbau-In-
dustrie war als durchaus exporttüchtig bekannt und ihre elek-
trotechnischen Produkte füllten die Lager westdeutscher Kauf-
häuser, ohne daß die realsozialistischen Ökonomen die westlichen
Kreditlinien auch nur annähernd ausschöpften, wie Lambsdorff noch
Anfang November monierte.
Heute entdecken die Prospektoren des Kapitals einen einzigen Ab-
grund von wirtschaftlicher Verkommenheit in VEB und Kombinaten,
die all das - eben auch vom kapitalistischen Schacher geschätzte
- Zeug produziert und 40 Jahre lang vorgeführt haben, daß sich
eine Staatsmacht samt Arbeitsvolk auch anders als durch demokra-
tisch kontrollierten Verbrauch von Lohnarbeitern durch privates
Kapital ernähren kann.
Diagnose: Realer Sozialismus = Erfolgloser Kapitalismus
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Aus heutiger "westlicher Sicht" gleichen
"die Betriebe Industriemuseen. Die veralteten Maschinen sind
teilweise mehrmals abgeschrieben, die Betriebe hoch verschuldet
und nach bundesdeutschen Maßstäben längst pleite." (Spiegel,
26/90)
Komischerweise waren die aber - nach DDR-Maßstäben - eben
n i c h t pleite. Hat da vielleicht eine andere "Sicht" gegol-
ten?
"Die Produktivität erreicht oft nur ein Drittel des westlichen
Niveaus." (ebd.)
Viel zu viele Leute werden da beschäftigt: im Kombinat Techni-
sches Glas Ilmenau hat Unternehmensberater Roland Berger z.B.
"ein Beschäftigungsproblem von bis zu einem Drittel der Beleg-
schaft ausgemacht."
56 der 58 Pentacon-Fabriken sind zuviel und
"Kinderkrippen, Kliniken oder der Garten- und Gemüsebau bei den
Betrieben" erscheinen R. Berger als überflüssige Marotte: "...die
haben doch nichts mit Glasschmelzen zu tun."
In der DDR vielleicht doch?
Der Mann, der den DDR-Betrieben Vorschläge zur Schaffung von
"maximal 1,5 Millionen Arbeitslosen" macht, konstatiert als
"das Problem der DDR nicht einen Mangel an Arbeit, sondern einen
Mangel an organisierter produktiver Beschäftigung."
Daß die Eingeborenen in diesem neu entdeckten Stück Deutschland
sich bisher auch "organisiert" und "produktiv" beschäftigt haben,
ist nicht der Rede wert: sie waren jedenfalls nicht von Privatei-
gentümern organisiert und nicht für richtiges Kapital produktiv.
Offenkundig geht es bei solchen Expertisen darum, die alten Zu-
stände in der DDR zur Bebilderung des eigenen Standpunktes zu-
rechtzuinterpretieren. Natürlich hat auch kein Kapitalist
prinzipiell etwas gegen eine alte Maschine, wenn die Produktion
mit ihr - etwa gerade durch die Ersparnis, die der Verzicht auf
eine Neuanschaffung darstellt - gut fürs Geschäft ist. Und neue
Maschinen stellt er sich hin, egal wie brauchbar zur Herstellung
"nützlicher Güter" die alten noch wären, wenn die Konkurrenz mit
moderner Technik billiger produziert. Nicht das Interesse an der
Vermehrung feiner Gebrauchswerte sondern von Geld macht auch Ka-
pitalisten mal zu Freunden "mehrmals abgeschriebenen" Geräts, mal
zu Förderern des technischen Fortschritts in der Fabrik. Der
dient dann auch nicht zur Verschönerung und Verkürzung von Ar-
beitstagen sondern zur Einsparung von Lohn für Arbeiter. So stei-
gert man im Westen die Produktivität durch das Senken von Kosten
für Arbeiter-Einkommen. Denn die Produktivität, auf die es an-
kommt, ist diejenige des vorgeschossenen K a p i t a l s; die
der A r b e i t ist dabei nicht mehr und nicht weniger als
e i n M i t t e l. Und deshalb ist die DDR-Praxis, auch noch
Leuten über 55, Behinderten und überhaupt viel zu Vielen durch
Arbeit, die auch weniger Leute erledigen könnten, ein mickriges
Auskommen zu verschaffen, ein einziger ökonomischer Sündenfall,
"nach bundesdeutschen Maßstäben".
Das Prinzip der westlichen Begutachtung der Ost-Ökonomie ist
also, einfach die anderen - realsozialistischen - Zwecke der
Wirtschaft am einzig wahren kapitalistischen Zweck, konkurrenz-
tüchtiger Geldvermehrung, zu messen und die Tatsache, daß beides
nicht zusammenpaßt, als "Sanierungsbedürftigkeit" der Zonen-In-
dustrie zu nehmen. So kann man end- und mühelos den DDR-Betrieben
und der alten Wirtschaftspolitik die vernichtende Diagnose stel-
len, sie hätten "zuwenig gewinnorientiert" gearbeitet, wenn
"Gewinnorientierung" gar nicht der oberste und einzige Maßstab
ihres Wirkens war.
So eifrig drüben das Betriebsergebnis auch in Geld
b e r e c h n e t wurde, so normal war auch die Verpflichtung
der Betriebe auf den gar n i c h t "gewinnorientierten" Unter-
halt von Kindergärten, Krankenhäusern, Urlaubs-Hotels und anderem
Kram, der tatsächlich mit Geldverdienen durch Glasschmelzen oder
Maschinenbauen nichts zu tun hatte. Und so kleinlich der Staat
von den Betrieben die Abgaben für sich einzog, so beharrlich gab
er das, was übrigblieb, wenn die Bonzen zu Ende gepraßt hatten,
für die Subventionierung völlig "unrealistischer Preise" für
Grundnahrungsmittel und Wohnungen aus.
Therapie: Gegen Erfolglosigkeit hilft nichts so gut wie Erfolg
Daß die "Diagnose", die DDR sei an einer Aufgabe gescheitert, die
sie gar nicht vorhatte, ziemlich saudumm ist, ist ihre harmlose
Seite. Ihre Gemeinheit wird offenbar, wenn R. Berger, "Spiegel"
und sonstige Berater des deutschen Erfolges die Rezepte präsen-
tieren, die mit der Diagnose schon feststehen:
"...nur eines kann ihr (der DDR-Industrie) helfen: wettbewerbs-
fähige Produkte",
weiß der "Spiegel". Und wie kriegt man die zustande?
Erstens durch die Schließung all der unrentablen Betriebe, die
früher immer einfach nicht pleite gingen, als es noch nicht so
auf die Rentabilität ankam:
"Es wird ganze Branchen geben, die nicht saniert werden können,
... in der Chemie oder der Energieerzeugung Schließung von Be-
trieben schon aus ökologischen Gründen unerläßlich ... gefährdet
sind auch Teile der Schwerindustrie und der Konsumgüterindu-
strie." (Edzard Reuter, Daimler-Chef)
Dann bleiben also nur mehr rentable Betriebe übrig, in denen den
verbliebenen Arbeitern dann zumindest westliche Löhne gezahlt
werden können?
Nein, denn zweitens ist klar, daß "auf absehbare Zeit weit weni-
ger als im Westen bezahlt werden kann." (Spiegel) Könnte man dann
nicht, wenn schon die Löhne so billig sind, weniger Firmen
schließen? Wieder falsch:
Es wird
"sich in der DDR zeigen, welche Firmen weiter existieren können
und welche so heruntergewirtschaftet sind, daß eine Wiederbele-
bung schiere G e l d v e r s c h w e n d u n g wäre." (Spiegel)
Für die Erklärung, daß es Arbeitslose u n d Billig-löhner
braucht, sind die journalistischen Dolmetscher des Geschäfts-
standpunktes zuständig. Wichtig ist dabei an ihrer Botschaft vor
allem, daß die "knochenharten" nächsten Jahre, der "brutale
Strukturwandel" als brüderliche Hilfs- und Rettungsaktion ver-
standen werden müssen, und daß die neuen Sozialfälle eine unver-
meidliche "Erblast" des alten Systems sind und deshalb auch eine
Quelle gerechten Hasses gegen den Kommunismus. Der "Spiegel"
wirbt um Verständnis dafür, daß man dem DDR-Menschen "ordentlich
Druck machen" muß, "da sonst gleich der alte Schlendrian zurück-
kehrt" und daß man ihm vorsorglich das Steuer auf "dem Crash-Kurs
zur Marktwirtschaft" aus der Hand nehmen muß:
"Die DDR-Manager wissen auf all die Fragen schon gar keine Ant-
wort."
Die wissen die erfahrenen Lenker von Hoesch und Allianz, Daimler
und Tchibo um so besser, die sich nun als Chefs im Treuhandfonds
und anderswo eingefunden haben und die neue Provinz in die Mangel
nehmen. In ihrer Eigenschaft als Chefs westdeutscher Unternehmen
sind sie entschlossen und verfügen sie über die nötige Macht des
Geldes, DDR-Betriebe niederzukonkurrieren. S o führen sie unter
beifälligem Gemurmel der Öffentlichkeit den
p r a k t i s c h e n "Beweis" dafür, daß die DDR-Wirtschaft
nichts taugt und mit Recht zugrunde geht, wenn sie einen
"Sachzwang" namens Konkurrenz nicht aushält. Als Treuhänder erle-
digen sie die dazugehörige andere Seite: Sie liquidieren alles,
wofür sich kein konkurrenzfähiges Geschäftsinteresse findet. Und
alles andere machen sie zum lohnenden Objekt kapitalistischer Be-
gierde zurecht. Denn: Steckt man genügend Kapital als Heil- und
Lebensmittel in eine DDR-Klitsche oder in einen frisch lackierten
Zwickauer VW-Arbeitsplatz und stellt billige Eingeborene dazu,
dann verwandelt sich der "marode" VEB vom Opfer zum Mitmacher,
und die Erfolgsaussichten fürs Geschäft häufen sich.
So kann ein "zweites deutsches Wirtschaftswunder" gar nicht aus-
bleiben. Deutsche Unternehmen profitieren allemal. So oder so.
Von neuen Absatzmärkten oder von neuen Anlagesphären. Und sie be-
weisen damit dem marktwirtschaftlichen Sachverstand des "Spiegel"
und seiner Leser, was die schon immer wußten: An die Wirtschaft
müssen Kapitalisten ran, sonst klappt kein Kapitalismus nicht!
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