Quelle: Archiv MG - BRD MEDIEN SPIEGEL - Nationaler Geist feiert Macht
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Augstein im "Spiegel"
TROMMLER FÜR (GROSS-)DEUTSCHLAND
Seit sein Chefredakteur Erich Böhme in einem Kommentar Anfang No-
vember '89 "nicht wiedervereinigt werden" wollte, ließ "Spiegel"-
Chef Rudolf Augstein keine Ausgabe seines Magazins aus, um seine
gegenteilige Meinung zu propagieren. Für seinen innigsten Wunsch
- "Ich will wiedervereinigt werden" - stellt Augstein einen
"Spiegel" nach dem anderen seinen Lesern Gründe und Argumente für
die deutsche (Wieder)Vereinigung vor.
Argument Nr. 1: Unsere gesamtdeutschen Vorfahren
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sind die erste Berufungsinstanz Rudolf Augsteins. Sie sind zwar
schon lange tot, aber das macht die Berufung auf sie gerade so
zündend:
"Mindestens 250 Jahre waren seine (Böhmes) und meine Vorfahren
mit den Vorfahren der auf dem Staatsgebiet der DDR Lebenden ver-
bunden, seit 1871 sogar in einem Bundesstaat." (45/89)
Einmal Affe, immer Affe - das ist die Logik dieses Arguments, das
sich ausgerechnet für ein politisches Programm auf die Abstammung
der Leute beruft. Da bleibt für die Überlegung, welches Glück
oder Pech diese Zwangsgemeinschaft für die heutigen Zeitgenossen
bedeutet, ebensowenig Platz wie für die Erkenntnis, daß die Na-
tion gerade für "unsere" Vorfahren so manches gewaltsame
"Schicksal" auf Lager hatte. Ebensowenig bedenkenswert ist für
einen Nationalisten, daß ihre "Verbundenheit" als Deutsche für
die Vorfahren in nichts anderem als dem Dienst am und im gleichen
Staat bestand, egal welche materiellen oder persönlichen Verbin-
dungen, Gegensätze oder einfach Indifferenzen zwischen ihnen exi-
stierten. Und wenn Augstein sich schon auf die Tradition beruft,
warum dann nicht auf die auch nicht gerade zu verachtende Tradi-
tion von 45 Jahren staatlicher Getrenntheit, die den Nachfahren
der besagten Vorfahren doch viel näher sind? Augstein kommt es
auf die Propaganda der Natürlichkeit und damit Unwidersprechlich-
keit der deutschen Einheit an - und dafür greift er sehr willkür-
lich in die gar nicht natürliche Geschichte.
Argument Nr. 2: Das "Volk" von heute will die deutsche Einheit
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Ebenso wie auf die Vergangenheit beruft sich der Propagandist der
nationalen Einheit auf den derzeitigen Volkswillen. Nämlich dann
und insofern, als der ihm in den Kram paßt. Im Prinzip hält es
Rudolf Augstein wie alle politischen Sachverständigen: Sie kriti-
sieren das Volk in seinen verantwortungslosen Absichten und Be-
dürfnissen, die vernünftiger Politik nichts als Schwierigkeiten
bereitet.
Doch momentan ist alles in Butter, denn "dank Gorbatschow hat das
'Volk' zu seiner Sprache zurückgefunden." (1/90) Die einen reden
armenisch, die anderen estnisch, und wenn das deutsche Volk ganz
deutsch redet, dann hört der "Spiegel"-Herausgeber auch bloß
"Deutschland!" heraus. Damit liegt er auch nicht falsch. Denn für
jede andere Äußerung müßten sich Herr und Frau Volk ja glatt auf
ihren Verstand, ihre Interessen oder sonst irgendeine andere als
ihre schwarz-rot-goldene Eigenschaft besinnen.
Das Volk als Volk will also ein Volk sein. Ist das deshalb schon
vernünftig? War, was nach dieser Logik unwidersprechlich ist,
auch das Hitler-Regime richtig, weil es sich auf die Mehrheit der
Deutschen berufen konnte?
Danach fragt Augstein erst gar nicht. Als politischer Kommentator
weiß er das "Volk" in Anführungszeichen zu setzen. Denn nur,
wenn, wie in diesem Fall, das Volk sich der langjährigen Agita-
tion der Politik und ihrer Leitartikler anschließt, dann wird es
zur Berufungsinstanz. So, wie es in der praktischen Politik als
Manövriermasse taugt. Dabei kommt es auf die Feinheiten dessen,
was die Leute wollen, gar nicht mehr an. Sauber können Volksver-
hetzer vom Schlage eines Augstein unterscheiden zwischen dem
Schrei nach Wiedervereinigung und Konsumhoffnungen, die die
Volksseele damit identifiziert. Gegen den Konsumillusionismus
wird nach Kräften gehetzt - "Die werden sich noch anschauen" -,
der Wille zur Wiedervereinigung wird hofiert und sich darauf be-
rufen, weil und soweit er Augsteins e i g e n e r Wille ist.
Bleibt die Frage nach einem G r u n d dafür, so zu wollen.
Argument Nr. 3: Deutschland braucht neue Größe
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Augstein betrachtet die Welt der Nationen mit einem politisch ge-
schulten Blick. Für ihn bemißt sich der Wert von Staat, Nation
und Einheit daran, was die deutsche Politik sich international
herausnehmen kann und darf. Und da stört ihn ganz prinzipiell die
aktuelle Machtverteilung. Er findet die nationale Macht einfach
zu gering.
Wie sonst kommt er darauf, die Bundesrepublik ein "amputiertes
Deutschland" zu nennen, das "ohne eigenes Bestimmungsrecht be-
reits neutralisiert" wäre? Aus dem, was die BRD anrichtet auf der
Welt, geht das jedenfalls nicht hervor. Das macht aber nichts. Es
ist nur so - "Wir merken das nur nicht" (45/89). Beziehungsweise:
E r merkt es schon - im Unterschied zu seinen allzu bescheiden
gewordenen Volksgenossen. Ihn, dem deutschen Weltgeist aus Ham-
burg, kränkt schon lange die "ostentative underdog-Behandlung 45
Jahre nach dem Ende des Krieges" (47/89). Nicht, daß Augstein die
internationale Spitzenposition der BRD nicht kennen würde. Er hat
nur allerhand im Auge, was die BRD denn noch alles dürfen soll.
Offensichtlich stört es ihn, daß die Deutschen - "nichtsouveräne
Bundesgenossen" (50/89) - zur Erreichung ihrer politischen Ziele
und Zwecke überhaupt noch eines Bündnisses bedürfen, daß sie im-
mer noch hinter den Weltmächten USA und UdSSR stehen. Daß
Deutschland nicht absolut frei und selbständig, ohne Rücksicht
auf den Rest der Welt, in der ganzen Welt handeln kann. Das ist
es, was er unter dem "Selbstbestimmungsrecht der Deutschen" ver-
steht - ein an Macht und Einfluß bisher noch nicht dagewesenes
Großdeutschland.
"Die beiden deutschen Staaten, wie auch immer vereinigt, werden
die stärkste Wirtschaftsmacht der EG sein...Mit geballter Kraft
werden sie dann den demokratischen Staaten des Ostens helfen. Und
Wirtschaftsmacht bedeutet immer auch politische Macht. Das ist
unsere Aufgabe jetzt."
Augstein kann also die alte Lüge jeder Kolonialmacht aufsagen,
die Unterordnung und Ausnutzung fremder Länder wäre "Hilfe". Er
beherrscht die einfältig Ideologie, eigene Vorhaben als Aufgabe
zu bezeichnen, zu deren Erfüllung man einfach verpflichtet sei.
Seine Parteilichkeit für eine Weltmacht Deutschland steht also
außer Frage. Nur: Wo bleibt, bei aller liebevollen Ausmalung sei-
nes ersehnten Projekts, der überzeugende Grund dafür?
Augstein spielt ein wenig mit der grotesken Vorstellung, Deutsch-
lands Machtgewinn wäre eine Wohltat für genau die Nachbarn, die
am meisten Angst davor haben. Aber im Ernst täuscht er nicht ein-
mal sich selbst:
"Die Polen fürchten zu Recht, daß jene Milliarden, auf die sie
erpicht sind, in die DDR fließen. Aber umgekehrt wird der Schuh
genäht: Nur eine gesamtdeutsche Wirtschaftsgemeinschaft wird jene
Milliarden aufbringen, die Polen braucht.
Polen ist am meisten Unrecht getan worden, aber schließlich sitzt
es unbedroht in ehemals deutschen Gebieten. Die Rechnung, daß
alle, außer den Deutschen, ihre Interessen wahrnehmen dürfen,
wird nicht aufgehen." (47/89)
Das milliardenschwere Hilfeversprechen an die Polen ist ein un-
verhohlenes "Schnauzehalten"! Der Hinweis auf "unbedrohtes" Woh-
nen "in ehemals deutschen Gebieten" ist eine sehr zukunft-
strächtige deutsche Drohung. Den arroganten, über alle alten
Skrupel erhabenen Standpunkt des kommenden großen Deutschland
kann und mag Augstein also schon sehr. Aber spricht ausgerechnet
das ausgerechnet für Wiedervereinigung?
Argument Nr. 4: Großdeutschland hat ein Recht auf sich
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Augstein sieht momentan eine Bewegung am Werk, "die auch Deutsch-
land über kurz oder lang wieder in das gleichgewichtige Recht ei-
ner eigenständigen Nation einsetzen wird;..." (1/90)
Was ist das für ein Recht? Wer vergibt es? Wer achtet aufs
"Gleichgewicht"? Und wer macht überhaupt die "Bewegung"? Für Aug-
stein ist die Sache klar: Deutschland hat ein unveräußerliches
Menschenrecht darauf, daß keiner ihm hineinredet in das, was
Deutschland will. Schon gar nicht, wenn Deutschland auf Kosten
von allen anderen seine Stellung stärken will. Da haben alle an-
deren, alle konkurrierenden Nationen schon allein deswegen die
Klappe zu halten, weil sie selbst noch längst nicht (genug) nach
der deutschen Pfeife tanzen. Deutschlands Recht ist unbestreit-
bar, weil jeder Staat, der es zu bestreiten versucht, eben damit
jedes Recht verwirkt, es zu bestreiten.
"Frankreichs 'unanständige Hast' (FAZ), eine europäische Wirt-
schafts- und Währungsunion zu schaffen, hat lediglich das Ziel,
einer deutschen Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft zuvorzukom-
men." (52/89) "Die Bundesrepublik hat es mit lauter Egoismen zu
tun, darf aber selbst nicht egoistisch sein." (2/90)
Wofür oder wogegen spricht das? Wenn Deutschlands Wiedervereini-
gung in Ordnung geht, warum dann nicht auch Frankreichs
"unanständiger" Versuch, das zu verhindern? Und wenn Frankreichs
"Hast", die ein Augstein übrigens bis vor kurzem noch teilte,
"unanständig" ist, warum dann nicht erst recht Deutschlands
Wiedervereinigungsbestrebung? Der häßliche "Egoismus" der anderen
setzt den unseren nicht nur ins Recht, der unsere ist auch noch
bei weitem anständiger. Nationalisten, also unberechtigte
Egoisten, sind immer die anderen, nie "wir":
"So nationalistisch wie die vier Alliierten und Japan und sogar
Italien sind wir immer noch nicht und werden es auch als Euro-
Wirtschaftsmacht nicht sein. Uns hat man den Chauvinismus gründ-
lich ausgetrieben." (47/89)
Das ist zwar "gründlich" gelogen, schließlich will Augstein die
Landkarte zugunsten seiner Nation verändern. Und wenn das das Re-
sultat von ausgetriebenem Chauvinismus ist, was fordert dann erst
ein wirklicher deutscher Chauvinist? Und was ist eigentlich Chau-
vinismus anderes als die hemmungslose Hetze auf konkurrierende
Nationalismen im Namen des eigenen? Was ist das denn für ein
Standpunkt, der Augstein jetzt auf einmal entdecken läßt, daß es
sich bei unseren jüdischen Freunden um "...die Knochenbrecher in
Israel" handelt? Und aus welcher Regung heraus stört Augstein
ausgerechnet jetzt "...'die Pangermanismus-Masche' des italieni-
schen Ministerpräsidenten Andreotti, dessen Land seit 1911 fünf
Eroberungs- und Beutekriege angefangen hat" (51/89)? Es handelt
sich wohl um ganz "neutralistische" Abwägungen, die Augstein der
britischen Premierministerin Thatcher zukommen läßt:
"Was Maggy Thatcher verlauten ließ, kann nur noch, Verzeihung,
als dreist und anmaßend bezeichnet werden; sie scheint wohl
tatsächlich 'out of her mind' zu sein. Frühestens in 10 oder 15
Jahren will sie über eine deutsche Einheit mit sich reden las-
sen..." (50/89)
Verrückt, wer sich nicht vom deutschen Wahn anstecken läßt!? Aug-
stein sieht es jedenfalls so - ohne allen Chauvinismus.
Mit seinem Plädoyer für deutsches Recht auf Weltmacht
b e g r ü n d e t Augstein nichts. Er spricht den deutschen Na-
tionalegoismus h e i l i g, und das ist das Gegenteil einer Be-
gründung.
Gegen den heiligen Egoismus einer Nation gibt es überhaupt nur
ein "Gegenargument". Das ist die Macht der anderen. Und dagegen,
gegen die Schranken, die der deutsche Imperialismus noch respek-
tiert, richtet Augstein
Sein letztes und entscheidendes Argument:
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Deutschland kann, was es will
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Was Deutschland w i l l, läßt sich auch d u r c h s e t z e n
- das ist Augsteins stärkstes Argument dafür, das auch zu
w o l l e n, was g e h t: "Das Erreichbare ist wichtig."
(45/89) - und das soll heißen: Die deutsche Wiedervereinigung
läßt sich gegen alle Anfeindungen durchsetzen.
Seine Beschwerde über die "ostentative underdog-Behandlung" der
BRD gänzlich vergessend, bringt Augstein voller Stolz die ge-
schaffenen Machtpositionen der BRD ins Spiel. Da hält er vor al-
lem den westdeutschen Wirtschaftsimperialismus für ein Mittel,
das die anderen nicht umgehen können:
"Die Grenze zwischen zulässiger und unzulässiger Einmischung ist
immer schwierig zu ziehen... 'Einmischung' ist ja erwünscht, wenn
es um harte Devisen geht. ... Aber es reicht doch nicht, eine
'sozialistische Alternative' im anderen deutschen Staat dauerhaft
zu alimentieren..." (51/89)
Augstein rechnet fest mit der Abhängigkeit der DDR von westdeut-
schem Geld und mit den entschiedenen Wirkungen, die die BRD mit
ihrem Geld hervorrufen kann. Er will dies allerdings nicht als
Wirtschaftsimperialismus bezeichnen, sondern nur als "unser"
selbstverständliches Recht, fremde Souveräne zum Wohlverhalten zu
zwingen:
"Aber es ist schon allerhand, wenn der sowjetische Außenminister
uns vorwirft, wir wollten ein 'Diktat' ausüben. Wir wollen nur
unser Geld nicht im sozialistischen Sumpf versickern lassen."
(50/89)
Gegnerschaft gegen die von der BRD bezweckten Wirkungen kennt
Augstein, hält sie aber schlichtweg für - auf Dauer gesehen - zu
schwach. Die westlichen Konkurrenten sind ohnehin von der BRD
schon überrundet. Die USA, die noch am meisten Macht haben, haben
mit dieser Macht "andere Sorgen". Und der Hauptfeind UdSSR kann
sich laut Augstein selbst kaum mehr die nötigen U-Boote leisten:
Wie schon so manche Weltmacht seit Karthago "wird die Macht der
Sowjetunion schneller sinken als die ihrer Konkurrenten" (46/89),
und damit wird der Weg fürs große Deutschland frei.
"Mag sein, daß der Schlüssel im Kreml liegt und daß die Gor-
batschows ihn noch lange weder drehen können und wollen. Mag
sein, aber das wird irgendwann anders. Dann wird niemand die
Deutschen in Ost und West hindern, ihre Interessen wahrzunehmen."
(47/89)
Augstein sieht durch den Zerfall der SU - so wie er ihn versteht
- ein Machtvakuum in Mitteleuropa entstehen und hat nichts eili-
geres zu tun, als für Deutschland die den bisherigen Weltmächten
verlorengegangene Macht zu reklamieren. Er sieht in der bereits
existenten Macht der BRD die historische Grundlage für eine viel
weitergehende internationale Machtverschiebung zugunsten Deutsch-
lands:
"...der Grund, warum die Achse Europas sich in Richtung Osten
verschiebt... Die Sowjetunion kann ihr Glacis nicht mehr organi-
sieren. Sie findet irgendwann, sicher noch vor dem Jahr 2000,
hinter den Bug zurück... Wir wissen ja, daß wir ohne die real
existierende Vernunft der Sowjets nicht vom Fleck kommen. Sie
können in der DDR und in Berlin bleiben, so lange ihr Vorrat
reicht.
Die UdSSR selbst, mit ihrer stalinistischen Vergangenheit, steht
mit dem Rücken zur Wand." (52/89)
Dagegen steht Deutschland erst am Anfang, jedenfalls vor einem
gigantischen Neubeginn. Augstein will unbedingt der erste sein,
der es so richtig bemerkt und gesagt hat. Deutschland kann, was
es will; es darf, was es kann; es will alles, was es darf - und
Augstein gratuliert.
Der Glückwunsch ist in der Tat das einzige "Argument", das sich
für eine Nation und ihren Erfolg zutage fördern läßt. Für
Deutschland spricht nichts als die nationalistische Parteilich-
keit selbst. Wo die sich noch unbedingt den Anschein einer theo-
retischen Begründung geben will, greift ein gewisser Wahnsinn um
sich. 10 "Spiegel"-Nummern liefern den Beweis und lügen aus-
nahmsweise nicht.
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